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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 140
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Keilschrift

Die Sumerer sind die Erfinder der Keilschrift, die von den Akkadern, später auch von den östlichen und nördlichen Nachbarn, den Elamiten und den Assyrern, und schließlich von den meisten Völkern Vorderasiens übernommen wurde, so daß sie seit etwa 2000 überall als offizielle Schrift in Gebrauch stand. 275 Sie unterscheidet sich von der ägyptischen vor allem dadurch, daß sie auch die Vokale schreibt, so daß die grammatische Form sich meist unzweideutig entziffern läßt und auch die Aussprache kein so vollkommenes Rätselraten bietet wie bei den Hieroglyphen, obgleich sie sich natürlich ebensowenig zum Leben erwecken läßt, denn ein Wort ist unwiderruflich tot, wenn der letzte Mund verstummt ist, der es zu formen vermochte. Andererseits darf man sich nicht vorstellen, daß die Keilschrift bereits eine ausgebildete Buchstabenschrift war; zu dieser genialen Entdeckung sind bloß die Ägypter vorgedrungen. Sie vermag im Gegenteil immer nur zwei Buchstaben auf einmal, also bloß Silben zu schreiben: entweder Konsonant + Vokal oder Vokal + Konsonant (oder auch Konsonant + Vokal + Konsonant). Auch sie war ursprünglich eine Hieroglyphenschrift: So war zum Beispiel anfänglich das Zeichen für Himmel ein Stern, für Wasser eine doppelte Wellenlinie, für Holzblock ein Rechteck, für Dolch, Fisch, Getreideähre deren schematisches Bild; aber vergleicht man sumerische Hieroglyphen mit ägyptischen, so erkennt man schon an diesem Detail den Unterschied und Abstand der beiden Kulturen: gewiß nicht ohne Bedeutung und Eigenart, wenn man sie für sich betrachtet, wirkt die sumerische doch, gegen die ägyptische gehalten, roh, nüchtern, formlos, stoffverhaftet. Auch haben die Ägypter, wie bereits dargelegt wurde, neben der Kursivschrift, zu der sich bei ihnen, ganz ebenso wie bei den Sumerern, die Bilderschrift allmählich abgeschliffen hatte, bis in die spätesten Zeiten die Hieroglyphen beibehalten, die als gemeißelte Monumentalschrift vollendete plastische und farbige Kunstwerke und als sorgfältig ausgeführte Buchschrift noch immer eine reizende Spielerei waren; und auch hierin äußerte sich ihr viel stärkeres künstlerisches Empfinden. Zu der Darstellung der Abstrakta waren die Sumerer auf ähnliche Weise gelangt wie die Ägypter. So bedeutete zum Beispiel die Hieroglyphe des 276 männlichen Geschlechtsteils auch »männlich«, die des weiblichen »weiblich«, ein Stern auch »Gott«, ein plumper Fuß »Gehen«, ein Waagebalken »sich im Gleichgewicht befinden«; zum Teil befolgten sie aber auch ein System, das dem chinesischen verwandt war, indem zum Beispiel Mensch + groß »König«, Mensch + tot »Leichnam«, Mund + Brot »essen«, Mund + Wasser »trinken«, Auge + Wasser »weinen«, Himmel + Wasser »regnen« bezeichnete. Ganz rebusmäßig war ihre Gepflogenheit, bisweilen durch Anstreichen den Bildsinn anzudeuten: Ein Kopf mit Strichen am Kinn bedeutete »Mund«, ein Unterkörper mit Strichen an der Rückseite »Hinterteil«. Zu den Phonogrammen kamen sie natürlich auf dieselbe Weise wie alle anderen Völker: wenn zum Beispiel sil Straße bedeutete, so konnte dieser Lautwert auch in jeden anderen Wortzusammenhang eingesetzt werden. Aber weiter als zu Silbenzeichen kamen sie, wie gesagt, nicht, denn wenn zum Beispiel das Zeichen für »a, Wasser« dem Buchstaben a entsprach, so war das reiner Zufall. Es gibt für alle Konsonanten mit vorhergehendem oder folgendem Vokal besondere Schriftzeichen, zum Beispiel für ar, ra, ir, ri, ur, ru, mu, ba, li, isch, ut und so weiter; aber auch für die meisten Kombinationen aus zwei Konsonanten und einem dazwischenliegenden Vokal wie ram, bar, bul, pir, lut, kin. Auch Deutzeichen finden sich, aber, im Gegensatz zur ägyptischen Gepflogenheit, fast immer vorangestellt, und viel seltener. Wo reine Ideogramme in Verwendung blieben, boten sie den Vorteil, daß sie von allen vorderasiatischen Völkern gebraucht und verstanden werden konnten. Nur sprachen sie sie ganz verschieden aus, wie ja schon die Akkader den sumerischen Keilzeichen ihre Vokabeln substituiert hatten; dasselbe taten dann wieder andere, zum Beispiel die Hethiter, mit akkadischen Texten. Es war dies ein ähnlicher Vorgang wie ein von den alten Griechen gebrauchtes Wortbild, das bei ihnen basileus bedeutete, von den Italienern re, von den Franzosen roi, 277 von den Engländern king und von den Russen korólj gelesen werden würde. So wurde die Keilschrift zu einer Art Universalschrift, die den internationalen Verkehr sehr förderte. Auch die späteren Ägypter beherrschten sie. Ein sehr nützliches Zeichen, das nur der Keilschrift eigentümlich ist, erleichterte deren Verständnis: der Worttrenner, in Form unseres mathematischen Zeichens für »größer« oder auch eines einfachen schrägliegenden Keils; allgemein verwendet findet er sich allerdings erst in der persischen Keilschrift. Auch eine Art Notenschrift besaßen die Sumerer, und es scheint, daß überhaupt die Kunst, Töne durch Zeichen auszudrücken, von ihnen erfunden worden ist.

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