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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 136
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Zweistromland

Die Völker Vorderasiens hielten ihre Welt für die ganze Welt. Wenn einer ihrer großen Eroberer vom »untern« bis zum »obern« Meer herrschte, so nannte er sich »Herr der vier Weltquadranten«. Aber diese äußerste Ausdehnung ist nur selten erreicht worden. Das Herz Vorderasiens und der entscheidende Schauplatz seiner Geschichte war immer nur Mesopotamien, und zwar gerade jener Teil, der gewöhnlich gar nicht so heißt. Von Rechts wegen nämlich müßte man unter Mesopotamien das gesamte »Land zwischen den Flüssen« begreifen. Man belegt aber mit diesem Namen im allgemeinen nur das Gebiet vom Taurus bis zu jener Stelle, wo Euphrat und Tigris sich zum erstenmal einander nähern, während man die Niederung, die, etwa so groß wie Holland, von den mächtigen Unterläufen der beiden Ströme umgrenzt wird, also: Untermesopotamien, als Babylonien bezeichnet. Dort lag am Euphrat der »Nabel der Erde«, die Stadt, die, gleich Rom und Byzanz, einer Welt den Namen gegeben hat: Babilu, »Tor Gottes«, hebräisch Babel, schon vor 3000 dicht besiedelt, seit Hammurapis Thronbesteigung (um 2000) Reichshauptstadt. Die ältesten Ruinen der Stadt, die bisher für uns zugänglich sind, gehören dieser Zeit an. Aber allerlei Steingeräte beweisen, daß sie schon in prähistorischer Zeit, spätestens im fünften Jahrtausend bestanden hat. Die Straßenzüge und Häuserkarrees sind mehrere tausend Jahre lang, durch alle Zerstörungen hindurch, nach demselben 269 Stadtplan immer wieder neu angelegt worden. Aber im Altertum war nicht nur das Siedlungsbild, sondern auch das Naturbild Babyloniens ein wesentlich anderes als heute. Euphrat und Tigris mündeten nicht gemeinsam, sondern durch einen erheblichen Zwischenraum getrennt ins Meer, und dieses schnitt viel tiefer ins Land, in der Frühzeit um nicht weniger als 400 Kilometer. Wie »Ägypten« und »Nil« fast identische Begriffe sind, weswegen Homer noch beide als Aigyptos bezeichnet, das Land mit dem weiblichen, den Fluß mit dem männlichen Artikel, so beherrscht auch das Zwillingsgewässer des Euphrat und Tigris das gesamte Zweistromland von der See bis zum Hochgebirge. Der Tigris gehört in seiner ganzen Ausdehnung zu Mesopotamien, vom Euphrat fließt, ehe er eintritt, etwa ein Drittel durch die Wildnis Armeniens. Die alljährliche Überschwemmung spielt dieselbe Rolle wie in Ägypten, und ebenso wie dort kann sie nur durch die sorgsamste und fleißigste Anlage zahlreicher Gräben und Kanäle zu einer wohltätigen Macht gezähmt werden. Ihre Ursache ist die Frühlingsschneeschmelze in den armenischen Bergen; die Schwelle beginnt beim Tigris im März, beim Euphrat im April. Wenn sie, im Juni und Juli, ihren Höhepunkt erreicht, verwandelt sie das Land in eine riesige Wasserfläche, auf der die Guffa, ein korbähnliches Fahrzeug, aus den Stielen der Palmblätter geflochten und mit Erdpech gedichtet, heute wie vor fünftausend Jahren das Hauptverkehrsmittel bildet; daneben bedient man sich höchstens noch des schwimmenden Rückens der Pferde und, ebenfalls von alters her, aufgeblasener Schläuche aus Hammelhäuten: ein Alabasterrelief aus der Mitte des neunten vorchristlichen Jahrhunderts zeigt einen Truppenübergang, der diese Transportform für Mannschaft und Ausrüstung zur Anwendung bringt, während die Kriegswagen auf Booten verfrachtet werden. Waren aber alle Gefahren der Hochflut vermieden und die düngenden Gewässer richtig verteilt, so prangte das Land in einer 270 Fruchtbarkeit, die den Völkern des Altertums zu allen Zeiten als ein Wunder erschienen ist. Heute sind die Kanäle verfallen und weite Strecken zum Ödland geworden, das, dem doppelten Angriff der Versumpfung und Versandung preisgegeben, nur noch armseligen Beduinenhorden kärgliche Nahrung bietet. Am freigebigsten entfalteten die beiden Ströme ihre lebenspendende Kraft an ihrem Unterlauf, wo sie, nah aneinandergerückt, fast parallel fließen: eben in Babylonien, dem biblischen Sinear; hingegen haben im Oberland sich immer nur schmälere oder breitere Rinnen von Fruchtland durch die Wüste gefressen: In dieser Hinsicht verhielt sich Babylonien zu Mesopotamien ganz ähnlich wie das Delta zu Oberägypten und Nubien: je mehr man sich vom Mündungsgebiet entfernte, desto dünner wurde der grüne Streifen der Kultur. »Von allen Ländern«, sagt Herodot, »ist meines Wissens keines so geeignet zum Getreidebau. Die Gaben der Demeter bringt es in solcher Fülle hervor, daß es in der Regel zweihundertfältige Frucht trägt und mitunter sogar dreihundertfältige Frucht. Wie hoch die Hirse und die Sesamstaude wächst, weiß ich auch recht gut, will es aber lieber gar nicht sagen, denn wer nicht in Babylonien gewesen ist, wird mir schon das nicht glauben, was ich über die Feldfrüchte gesagt habe.« Unter der persischen Herrschaft wurde der Ertrag Babyloniens doppelt so hoch veranschlagt wie der ägyptische. Der Sommer dauert in diesem paradiesischen Lande acht Monate: von Mitte März bis Mitte November, der eigentliche Winter kaum zwei: schon im Februar sprießen allenthalben saftige Futterkräuter.

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