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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 134
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zweites Kapitel

Der Turm von Babel

Ja: wie große Wasser brausen, so werden
die Völker wüten; um den Abend, siehe, ist
Schrecken da. Und ehe es Morgen wird,
sind sie nimmer da.
Jesaja    

Gut und Böse

Ägypten und Babylonien sind nicht reiner Geist, sondern »Naturgeist«, gebundener Geist, der erst Geist werden will: Ägypten der des Kindes, Babel der des Tieres: dämonischer Geist. »Tiere«, sagt Hegel in seiner »Philosophie der Geschichte«, »sind weder böse noch gut, ebensowenig der bloß natürliche Mensch . . . Der Zustand der Unschuld, dieser paradiesische Zustand, ist der tierische. Das Paradies ist ein Park, wo nur die Tiere und nicht die Menschen bleiben können.« Ja, es scheint sogar, daß die Babylonier eine solche tiefe Erkenntnis ihres eigenen Zustands einmal selber besessen haben: in ihrer großen, der »sumerischen« Zeit, die vor dem Tagesgrauen der Geschichte liegt. Denn von damals stammt höchstwahrscheinlich die Erzählung vom Baum der Erkenntnis. Die einzige Sünde, die die ersten Menschen begingen, war der Genuß jener Frucht, die ihnen die Gabe verlieh, zu erkennen, Gut und Böse zu unterscheiden. Aber erst durch diese Gabe wurden sie zu wahren Menschen, und erst durch diese Schuld wurden ihre Nachkommen erlösungsfähig. Denn was unterscheidet den Christen vom Heiden, den Geistmenschen vom Naturwesen? Daß er um Gut und Böse weiß, daß er zu sündigen und zu bereuen vermag. Der antike Mensch frevelt, aber sündigt nicht, verwünscht 267 sein Tun, aber bereut es nicht, kennt den Unterschied zwischen recht und unrecht, edel und gemein, steht aber tatsächlich jenseits von Gut und Böse, in welchen beiden Grundzuständen Nietzsche mit bewundernswert treffsicherem Instinkt das Entscheidende der christlichen Seelenhaltung erkannt hat. Wer etwas Feingefühl für sprachliche Ausdrucksform besitzt, wird davor zurückschrecken, von der Sünde des Prometheus und der Reue des Ödipus zu reden, ja selbst zögern, Sokrates gut und Nero böse zu nennen. Und man könnte fast die paradoxe Behauptung wagen – aber auf diesem Gebiet gibt es nur Paradoxien – daß Adam und Eva die ersten Christen waren und zugleich die letzten bis zum Erscheinen des Heilands. Denn die Historie vom Sündenfall, dieser »ewige Mythus des Menschen«, wie Hegel sie nennt, hat sich zwar im Gedächtnis der Menschheit erhalten, aber ihr Sinn hat sich verflüchtigt, und gänzlich unverstanden steht sie im Alten Testament. Was wußten die Juden vom Sündenfall? Und was wußten Babel und Assur vom Bösen? Nein: sie waren nicht böse, noch nicht einmal böse!

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