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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 131
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Utilitarismus

Der Ägypter kannte nur Zweckkunst und Zweckwissenschaft, auch sein Verhältnis zur Natur war ein utilitaristisches: er liebte sie sehr, aber nicht als Kunstwerk, sondern als Gemüse, als Erfrischung und als Spenderin vorzüglicher Gerüche. Auch seine Religion ist ein Produkt des Opportunismus und der Pedanterie. Infolge seines Mangels an rein theoretischem Interesse hat er auch eine so überaus kümmerliche Mythologie, denn alle Theorie, bis hinauf zu unseren Ionen und Alphastrahlen, ist Mythologie. Schließlich sind ja auch die höchsten ägyptischen Vorstellungen, der Ka und der Ba, nicht viel mehr als ein robuster Spiritismus. Ihre Nüchternheit ließ die Ägypter auch vor den Abenteuern einer maritimen Expansion zurückschrecken, obgleich sich sowohl im Norden wie im Süden sehr verlockende Möglichkeiten geboten hätten. Wenn sie die Arbeitskraft und Zähigkeit, mit der sie ihre Kolosse und Kanäle zustande brachten, darauf verwendet hätten, Häfen und Flotten zu bauen, so hätten sie vom Delta aus Kreta und die Ägäis erobern, vom Roten Meer aus Arabien umschiffen und, 262 im Besitz des Persischen Meerbusens, ganz Vorderasien beherrschen können. Aber solche heroischen Konzeptionen haben sich niemals in dem Kopf eines Ägypters befunden. Denn sie waren ein ausgesprochen unromantisches Volk. Ihre Sagenhelden sind gerechte Fürsten, staatskluge Wesire, Architekten, Schriftgelehrte, Wasserbauer, ihre Spukgebilde sind so prosaisch, daß sie fast komisch wirken, zum Beispiel der Sag, eine Löwin mit einem Sperberkopf und einem Lotusstengel als Schwanz, oder die Unterweltsgeister, die, wie sie in den Totenrollen abgebildet sind, an die Schreckfiguren erinnern, die in unseren unzerreißbaren Bilderbüchern die bösen Kinder holen. Auch die Erscheinung der Götter hat nichts, was uns Schauer einflößen könnte; es sind Menschen mit Tierköpfen, wie man sie bei Volksfesten oder Maskenbällen trägt. Gott Sobk hat sich als Krokodil verkleidet, Anubis als Hund, Bastet als Katze, Hathor als Kuh. In all dem liegt aber auch wiederum eine wundervolle kindliche Sachlichkeit, und kein Volk hat es so verstanden, seinen Fabelwesen die Selbstverständlichkeit organischer Gestalten zu verleihen, auch die Griechen nicht.

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