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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 129
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die objektive Kunst

Die Ägypter malten nicht subjektiv, sondern objektiv. Daher war der Begriff der »Künstlerindividualität« ihnen unbekannt, obgleich sie großartige Meister besessen haben. Daher hat der Erzeuger sein Werk nie signiert. Aber das ist nicht ganz richtig: wir wissen von zwei Fällen, wo er es doch getan hat, und gerade die sind sehr charakteristisch. Das eine Mal hat sich der Maler dargestellt, wie er, in einem Kahn sitzend, mit großem Appetit speist, das andre Mal, wie er vor der Staffelei die Bilder der Jahreszeiten entwirft. Im ersteren Falle hat er sich als puren Professional aufgefaßt, der nach getaner Arbeit seine Mahlzeit hält, im zweiten als bloßen Teil des Genregemäldes, denn in einer allseitigen Abschilderung des ägyptischen Lebens durfte die Tätigkeit des Malers nicht fehlen. Aber mit modernem »Schöpferbewußtsein« hat das nichts zu tun. Der Ägypter schuf wie das Kind, das zu seinem eigenen Vergnügen 259 zeichnet, bosselt und baut und zum Schluß, weil es so artig gespielt hat, mit einem großen Kuchen belohnt wird.

Ein Kind wird, solange es nicht mit dem künstlichen System unserer abstrakten Malerei bekannt gemacht wird, die Wirklichkeit genauso wiedergeben wie der Ägypter. Indes bedient sich auch die infantile Zeichenkunst gewisser Abstraktionen: Sie macht zum Beispiel den Vater oder den Lehrer größer als die anderen Menschen. Ganz dasselbe tat der Ägypter: Der König und jede andere Hauptperson, zum Beispiel Ti, sind immer überlebensgroß. Wir tun übrigens das gleiche, nur erschleichen wir es durch einen Trick: Wir setzen unwichtige Personen in den Hintergrund, wo sie ebenfalls viel kleiner erscheinen als die Protagonisten. Und auf Denkmälern scheuen wir uns gar nicht, auch die Gesetze der Perspektive zu ignorieren: Der Pharao ist ein Koloß und seine Feldherrn und Minister sind, je nach Rang und Bedeutung, kleiner und kleiner. Es würde auch ein Erwachsener, ganz sich selbst überlassen, noch heute »vorapollodorisch« konzipieren. Und der Mensch der Zukunft wird es wieder tun. Aber dieses veränderte Kunstgefühl wird nur durch ein völlig neues Verhältnis zu Gott und Welt ins Leben gerufen werden können, nicht durch Kaffeehausdekrete wie der Expressionismus.

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