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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 125
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Obernachtigallbringer

Der gesellschaftliche Verkehr war überaus förmlich, was aber natürlich nicht hinderte, daß er gelegentlich, ganz wie in der Barockzeit, in die hemmungsloseste Ausgelassenheit übergehen konnte. Der Orientale von guter Erziehung besitzt eine feste Sammlung von immer wiederkehrenden Posen für die einzelnen Situationen des Lebens. So hatte auch der Ägypter Freudestellungen, Devotionsstellungen, Begrüßungsstellungen, Beileidsstellungen, die alle, je nach Rang und Anlaß, aufs feinste abgestuft waren: vom Niederfallen, XXX, Niederknieen, XXX, Freudensprüngen, XXX, bis zur einfachen Verbeugung, XXX, oder bloßen Bewegung der Hand und des Kopfes. Eine sonderbare Sitte war das »Beriechen«: Man beroch das Antlitz, die Hand, den Fuß, den Saum des Gewandes; es handelte sich wohl nur um ein symbolisches Nasennähern. Das Küssen scheint unter den Ägyptern nicht üblich gewesen zu sein, oder vielmehr: dies war ihre Form des Küssens. Von Liebespaaren heißt es: sie sitzen da, »Nase an Nase«; eine Blume, einen Kuchen »küssen« bedeutet: daran riechen. Auf einem Bild des Neuen Reiches sieht man, wie der König Echnaton, auf seinem Wagen stehend, seine Gattin Nofretete auf den Mund küßt; allein dieser Pharao, mit dem wir noch nähere Bekanntschaft machen werden, war in 250 allen Dingen unägyptisch, nämlich ein Revolutionär. Die ägyptische Lust am Formelwesen zeigt sich auch in der komischen Sucht nach Titeln und der eifersüchtigen Überwachung der an sie geknüpften Ehrenbezeigungen. Es gibt nicht nur die bereits erwähnten Hofchargen des Leibmedikus und Kämmerers, Wedelträgers und Sandalenträgers, Marschalls und Mundschenks, sondern auch Schreiber des Kredenztisches, Vorsteher der Schminkgriffel, Geheimräte des Hauses der Wohlgerüche und noch viele andere. Man muß an Andersens Märchen von der Nachtigall denken, wo einer zum »kaiserlichen Obernachtigallbringer« ernannt wird. Der Höhere behandelte den Tieferstehenden mit einer ausgesuchten, obschon bloß äußerlich markierten Geringschätzung. Fragen des Vortritts, der Sitzgelegenheit, der Form und Dauer der Anrede wurden ebenso eifrig diskutiert wie im siebzehnten Jahrhundert. Und wieder wird man an die »Nachtigall« erinnert: da war einer so vornehm, daß er, wenn ein Geringerer ihn etwas zu fragen wagte, weiter nichts antwortete als »P!«, »und das bedeutet gar nichts«.

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