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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 124
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Tracht

Man speiste zu zweit, an kleinen Tischen hockend, und mit der Hand; vor und nach der Mahlzeit wurde Waschwasser gereicht. Wände, Tische, Krüge und alle Gäste waren reich bekränzt, denn die Ägypter waren leidenschaftliche Blumenfreunde. Die Damen trugen Halsbänder aus leuchtenden Granatblüten. Diademe aus rosigen Lotoskelchen und in der Hand lange Stabgewinde aus vielen kleinen Sträußen, eine besonders schöne Blume ließen sie gern kokett in die Stirn baumeln. Daneben hatten sie, wie noch heute die Ägypterinnen, eine besondere Vorliebe für Armbänder und Fußspangen aus Gold, Silber, Bronze, Kupfer. Manche sind auf den Bildern intensiv grün gefärbt; man hat daraus geschlossen, daß auch Binsenstreifen zum Schmuck dienten: es handelt sich aber offenbar um Malachit. Die Kleidung war für unsere Begriffe sehr degagiert, die Brust oft völlig entblößt; zudem war die ägyptische Leinwand so fein, daß sie sich von Seide kaum unterschied und 246 die enganliegenden Gewänder den ganzen Körper durchscheinen ließen. Tänzerinnen pflegten nackt zu gehen, und auch die aufwartenden jungen Sklavinnen waren meist nur mit einem Ledergürtel bekleidet. Hieraus ohne weiteres auf eine besondere Unsittlichkeit zu schließen wäre übereilt; denn nicht selten ist gerade die Verhüllung ein Zeichen gesteigerter Erotik. Im ausgehenden Mittelalter, das durch eine Art Satyriasis charakterisiert ist, trugen die Frauen eine Zeitlang Kapuzen, die nur die Augen frei ließen, und zur Gründerzeit, in der ebenfalls die Sexualität eine übergroße Rolle spielte, gingen die Damen sogar ins Strandbad von Kopf bis zu Fuß bekleidet; auch das Rokokokostüm hat vom weiblichen Körper nur wenig gezeigt. Die Farbe des ägyptischen Gewandes war fast immer weiß, woraus sich die wichtige Rolle begreift, die die Wäscherei in jedem Haushalt spielte; für den eleganten Herrn war reines Weiß de rigueur, bei Damen waren Stickereien, eingeschossene Goldfäden, farbige Borten, zu manchen Zeiten sogar buntgewürfelte Muster zulässig. Die Götter dachte man sich gern in rote Leinwand gekleidet. Der Schnitt wechselte natürlich im Lauf der Jahrtausende; Staatsgewänder und Amtstrachten waren immer betont altmodisch: So war zum Beispiel das uralte Pantherfell für Galatracht vorgeschrieben. Der Schurz, der etwa dieselbe Rolle spielte wie bei uns die Hose, war manchmal enorm weit, manchmal ganz eng, bald lang, bald kurz, einfach und doppelt, flach und gebauscht und auf die verschiedenartigste Weise gefältelt, wie überhaupt die Bügelfalte größte Bedeutung hatte: Sie mußte immer ein tadelloses Dreieck markieren; vielleicht hat man gewisse steif abstehende Formen auch durch Gestelle nach Art der Reifröcke erzielt. Die Fußbekleidung waren Sandalen, für den Hausgebrauch aus Papyrusrinde, für full dress aus feinem weißen Leder; am liebsten aber ging der Ägypter barfuß: er trug dann die Sandalen am geschulterten Stock wie unsere Handwerksburschen, reiche 247 Leute ließen sie sich von einem Diener nachtragen und beim Pharao besorgte es der »königliche Obersandalenträger«, eine Persönlichkeit von hohem Ansehen. Der Stock war übrigens kein einfaches Utensil, sondern ein Mittel der Repräsentation, ähnlich wie in der Barocke. Zum Gesellschaftsanzug gehörte auch, besonders bei Damen, ein prächtiger Halskragen aus gesticktem Goldstoff, Fayenceperlen oder bunten Glasstiften, den im Mittleren Reich die Brusttafeln ablösten, zum Teil wahre Meisterwerke der Ziselierkunst. Kopfbedeckungen trug man nur als Bestandteile eines offiziellen Ornats: Der Pharao erschien nie ohne Krone oder Königskopftuch; zum Schutze genügten der Sonnenschirm und die Perücke, die bereits unter der ersten Dynastie auftaucht. Dieses Kleidungsstück besaß für den Ägypter dieselbe hohe Wichtigkeit wie für den Barockmenschen: der Perückenmacher war eine der ersten Hofchargen. Die Formen waren äußerst mannigfaltig: Es gab einfache Toupets, die, gleich unseren Theaterperücken, wie eine Mütze aufgesetzt wurden, Pagenköpfe, reich gekräuselte Lockenfrisuren, lange Flechten und Zöpfe und riesige Staatsperücken von der Art der Allonge. Die männlichen Ägypter trugen nur im Knabenalter die echte, zur rechten Seite herabhängende »Jugendlocke«, die Frauen aber ihr reiches natürliches Haar, zu kunstvollen Touren frisiert, wobei selbstverständlich eine Nachhilfe durch falsche Coiffuren nicht ausgeschlossen war. Bei festlichen Anlässen aber bedienten auch sie sich oft richtiger Perücken; im großen und ganzen wird die weibliche Haartracht der Fontange entsprochen haben, die eine Mischung aus Kunst und Natur war. Ob die Ägypter das Haar kurz schoren oder das Haupt gänzlich rasierten, ist nicht völlig klar, vielleicht war auch dies der Mode unterworfen; für die Priester war in der Spätzeit Kahlköpfigkeit Vorschrift. In diesem Zusammenhange ist die Nackenstütze nicht recht verständlich, denn den künstlichen Haarschmuck konnte man ja vor dem 248 Schlafengehen abnehmen. Wurde sie nur von den Frauen benützt oder war das Haar doch auch bei den Männern bisweilen echt? Dem Konservativismus der Ägypter wäre es aber auch zuzutrauen, daß sie an ihr festhielten, als sie bereits gar keinen Sinn mehr hatte. Ein anderes Ausstattungsstück ist jedenfalls auf diese Weise zu erklären. Ägypter hatten einen großen Abscheu vor Behaarung: man enthaarte sich am ganzen Körper, und seit der Urzeit, wo, wie wir uns erinnern, ein kurzer Bart am Kinn üblich war, haben nur noch Hirten, Fischer und ähnliche ungepflegte Leute einen Bart getragen. Hierbei hatte aber die Behaarungssucht des Ägypters ein schlechtes Gewissen und er griff zu dem absonderlichen Auskunftsmittel des viereckigen Umhängebarts, an den jedermann denkt, wenn er sich ein ägyptisches Porträt vorstellt. Die Götter unterschieden sich von den Menschen unter anderm dadurch, daß dieser Bart bei ihnen länger und mit der Spitze aufwärts gekrümmt war. Ein bizarres Detail ist auch die Sitte der Frauen, ihre schweren Haare hinter die Ohren fallen zu lassen, um diese dadurch abstehend zu machen: dies galt nämlich für schön. Sie hatten übrigens auch durch die Gewohnheit des Barfußgehens Plattfüße; und es scheint mir nicht ausgeschlossen, daß auch dies zu den Eigenschaften einer Beauté gehörte, denn sonst hätte man doch auf den Bildern und Statuen bisweilen versucht, es zu korrigieren. Es ist dies schließlich eine Angelegenheit der Mode und des Himmelsstrichs, und es ist einer Frau sicherlich nicht unmöglich, auch mit Plattfüßen überaus anmutig zu sein.

Die Ägypterinnen und auch viele Ägypter machten einen sehr reichlichen Gebrauch von wohlriechenden Essenzen und Salben: Man parfümierte nicht bloß sich selbst, sondern auch Perücken, Kleider, Möbel, Geräte. Ein sehr geschätztes Einfettungsmittel war das Lilienöl, das Feinste aber war ausländisches Öl »vom Hafen«. Auch verstand man es, aus den verschiedenartigsten Stoffen raffinierte Mischungen zu bereiten. 249 Aus Nilpferdfett machte man Haarwuchspomaden; sehr begehrt waren aber auch Zaubermittel mit gegenteiliger Wirkung für Nebenbuhlerinnen. Der Sitte, den Glanz der Augen durch unterlegtes Grün und Schwarz zu heben, huldigten alle Schichten, Geschlechter und Lebensalter: Man schminkte sogar Götterbilder, Säulen und Opferstiere. Bei den Frauen hat sich bis heute die Gepflogenheit erhalten, Hand- und Fußnägel und die Innenfläche der Hände mit Henna, dem Saft aus den Blättern des Färberstrauches, gelbrot zu färben. Der Lippenpinsel fand ebenfalls lebhafte Verwendung. Auch im Grabe durfte selbst verständlich das Toilettebüchschen mit mehrerlei Schminksorten und dem Stäbchen zum Auftragen nicht fehlen.

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