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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 121
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Adelphogamie

Nach den Lehren der Psychoanalyse ist bekanntlich die erotische Bindung des Sohnes an die Mutter, der Tochter an den 240 Vater, der Geschwister aneinander das Ursprüngliche und deren Perhorreszierung ein spätes Kulturprodukt. Es verhält sich aber wahrscheinlich umgekehrt: der Inzestkomplex steht nicht am Anfang, sondern ist eine Degenerationserscheinung; und daß das psychoanalytische System, in dem so ziemlich alles auf den Kopf gestellt wird, so großen und allgemeinen Anklang fand, war selber ein Phänomen der allgemeinen Dekadenz, für die eine These sich schon damit beweist, daß sie paradox ist. Die Abneigung gegen die Geschlechtsgemeinschaft mit nahen Verwandten läßt sich schon an einzelligen Wesen beobachten. Individuen einer Kultur, die durch fortgesetzte Teilung aus einem Urexemplar hervorgegangen ist, konjugieren sich niemals, wohl aber kommt es sofort zur Konjugation, wenn sie mit den Individuen einer anderen Kultur zusammentreffen. Auch in der Pflanzenwelt wird die Allogamie oder Bestäubung durch den Pollen fremder Blüten der Autogamie oder Belegung mit dem Pollen der eigenen Blüte vorgezogen. Häufig fällt an ein und derselben Blüte das »männliche« Stadium der Pollenreife mit dem »weiblichen« der Narbenreife nicht zusammen. In anderen Fällen wird durch besondere Größenverhältnisse der Staubgefäße und Stempel die Befruchtung mit dem eigenen Pollen unmöglich gemacht. Bei jenen Pflanzen, die man entomophil nennt, weil die Beförderung des Pollens von Stock zu Stock durch Insekten besorgt wird, gelingt die Befruchtung manchmal nicht: weil sie zu versteckt gelegen sind, weil andauernd regnerisches Wetter herrscht, weil keine Insekten oder keine mit passender Rüssellänge vorhanden sind oder aus anderen Gründen; in diesen Fällen springt die Autogamie ein, zum Beispiel indem der Pollen sich von selbst aus den Staubbeutelfächern entleert oder indem durch nachträgliche Bewegungen der Staubgefäße die Staubbeutel mit den Narben der eigenen Blüte in unmittelbare Berührung gebracht werden. Die Einrichtungen, die auf stellvertretende Autogamie abzielen, sind 241 nicht minder mannigfaltig als die, durch welche die Kreuzung angestrebt wird. Aber der süße Duft, die reizenden Farben, der Nektar, die Saftmale, die »Täuschformen«, die in Geruch und Aussehen faules Obst, Aas und dergleichen nachahmen: all dies zeigt, daß die Natur auf die Fremdbestäubung eine Art Prämie gesetzt hat. Auch in der Insektenwelt findet sich die Geschwisterehe, von den Entomologen Adelphogamie genannt, öfters, aber keineswegs regelmäßig und immer nur als Lückenbüßer. Bei den Säugetieren kommt ausschließlicher Sexualverkehr innerhalb desselben Wurfs nur unter künstlichen Bedingungen vor und wirkt nach den Erfahrungen der Tierzüchter auf die Dauer degenerierend bis zur Unfruchtbarkeit. Was den Menschen anlangt, so lehrt die Statistik, daß bei Personen, die aus Ehen zwischen Geschwisterkindern stammen, Nervenkrankheiten und andere Degenerationserscheinungen relativ häufig auftreten: so ist zum Beispiel bei den Juden die Zuckerkrankheit unverhältnismäßig stark verbreitet. Man spricht auch nicht mit Unrecht von der Anämie gewisser Adelsgeschlechter, die immer untereinander geheiratet haben. Und vielleicht kam auch daher jenes eigentümlich Stagnierende der ägyptischen Kultur und Rasse, das einen ihrer auffälligsten Züge bildet.

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