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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Ehe

Der vornehme Ägypter hatte auch einen Harem, doch besaß er immer nur eine Hauptgattin, die »Herrin des Hauses«, und nur ihre Kinder folgten dem Vater in seinen Würden, woraus beim Pharao häufig von Favoritinnen angezettelte Thronwirren entstanden. Eine perfekte Haremsdame mußte auch in Lautenspiel, Gesang und Tanz wohlbewandert sein. Daß die Sklavin die Geliebte ihres Herrn war, galt im Orient als selbstverständlich. Unorientalisch aber war die völlig freie Stellung, die die Gattin in Ägypten einnahm; sie besaß auch zeitlebens das volle Verfügungsrecht über ihre Mitgift. Die Mädchen verheirateten sich schon sehr früh: meist zwischen zwölf und vierzehn Jahren. Die Weisheitslehren schärfen dem Gatten ein, seine Frau gut zu behandeln, aber mehr aus äußerlichen 239 Gründen: damit Frieden im Hause herrsche, damit er an ihr eine treue Pflegerin habe, damit kein Gerede unter den Leuten sei. Die ägyptischen Ehen scheinen aber im ganzen recht glücklich gewesen zu sein. Welche Zärtlichkeit der Ägypter dem weiblichen Geschlecht entgegenbrachte, zeigen Namen wie »Schönheit kommt«, »meine Herrin ist wie Gold«, »du Grünende« und viele andere; die Frauen wiederum riefen ihre Gefährten mit kosenden Lallformen wie »Pepe«, »Tete«, ähnlich wie man heute für Charlotte Lolo oder für Helene Lele sagt. Bekannt ist die ägyptische Sitte der Geschwisterehe, die im Königshaus geradezu die Regel war; auch die Ptolemäer übernahmen sie. War der Zweck vielleicht: Sicherung einer absolut legitimen Nachkommenschaft? In der Tat führt die königliche Schwestergattin den Beinamen »Tochter des Gottes«, das heißt: des Königs, der ja nach seinem Tod zum Gott wurde. Aber die Ehe zwischen Bruder und Schwester war in allen Schichten verbreitet; noch unter Kaiser Commodus war sie in der Stadt Arsinoë an zwei Dritteln der Bevölkerung zu konstatieren, und im Ägyptischen ist »Schwester« überhaupt das Synonym für »Geliebte«. Dabei herrschte, da ja der Harem ein relativ seltener Luxus war, in den meisten Fällen nicht nur nominelle, sondern auch tatsächliche Monogamie. Im heutigen Ägypten ist die Ehe mit der Base das Übliche. Die Geschwisterehe ist übrigens keine ägyptische Spezialität. Sie war, wie bereits erwähnt, auch eine Gepflogenheit der Inkas und besteht noch heute in einzelnen kleineren Negerstaaten. Der iranischen Regierung galt die Ehe mit der Schwester, ja sogar mit der Mutter und Tochter als besonders heilig, und noch bei den Griechen war die Vermählung mit der Stiefschwester gestattet. Auch in der Gegenwart wird der juristische Begriff der Blutschande in mehreren Staaten auf den Geschlechtsverkehr zwischen Aszendenten und Deszendenten beschränkt.

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