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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 119
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Luxus

Der vornehme Ägypter aber führte auf seinem Landsitz ein sehr bequemes und heiteres Leben. Zwar im Hausbau entfaltete er keinen übermäßigen Luxus, da er ja die meiste Zeit im Freien zubrachte und die Hauptsorge der Totenwohnung widmete. War diese aus »ewigem Stein«, so genügte für den Lebenden ein luftiger Bau aus Holz, Rohr und Schlammziegeln, die, in hölzernen Kasten sauber geformt und an der Sonne getrocknet, ein nicht sehr dauerhaftes, aber leicht ersetzbares Material waren; als Bindemittel diente ebenfalls der Nilschlamm. Die Villen waren manchmal nur ebenerdig, aber oft auch mehrstöckig und empfingen den Besucher zunächst mit einem Vorhof, einer Art ungedeckter Halle; dahinter lagen das Vorzimmer und das Stübchen des Portiers. Von da kam man in den großen säulengetragenen Speisesaal mit dem breiten Familientisch und vielen kleinen Tischchen für die Gäste. Nach hinten gingen die Schlafzimmer und Wirtschaftsräume; ein sehr beliebter Aufenthalt war das flache Dach. Alle Bauteile waren lustig bemalt, die Fassaden häufig mit Bildern verziert. Die Wände waren mit koloriertem Stuck oder auch mit bunten Schilfmatten belegt, an den Fenstern hingen Rollmatten. Die Türen, Pfeiler und Gesimse trugen farbige Einlagen aus Fayence und Glasfluß, die sich von vergoldeten Knöpfen, Leisten und Bändern wirksam abhoben, den Fußboden schmückte ein Sumpfdickicht mit Fischen und tanzenden Käfern oder ein grünender Acker mit hüpfenden Kälbern, den Plafond ein Himmel mit flatternden Tauben und Schmetterlingen. Im Schlafzimmer stand das mächtige Bett mit dem Treppchen, häufiger als aus Holz aus Stein oder Ton, von blühenden Pflanzen umgeben; am Kopfende befand sich die Nackenstütze, eine 237 hölzerne Gabel, auf der der Hals ruhte, so daß das Haupt frei in der Luft schwebte: in dieser unbequemen Lage verbrachte der Ägypter die Nacht, um seine kunstvolle Frisur zu schonen. Dazu kamen eine Menge anderer Möbel und Gebrauchsgegenstände: steife Sessel und niedrige Schemel, Klappstühle und Polstersitze, Waschschränke und Toilettetische, Kasten und Truhen, Krüge und Körbe, Lampen und Kandelaber, Kupferspiegel und Glasflakons; auch Badezimmer mit Plattenbelag und Klosetts mit fließendem Wasser fehlten nicht. Das Haus stand inmitten eines weiten Gartens, der mit zierlichen Kiosken, prächtigen Topfbäumen und künstlichen Teichen versehen war: hier konnte man Gemüse und Fische züchten, baden und gondeln und im kühlen Schatten sich ausruhen. Natursinn in unserer romantischen Bedeutung haben die Ägypter nicht besessen, das Erhabene des Sternenhimmels, des Meeres, der Wüste haben sie nie empfunden: Sie ist für sie nur der Ort der Gespenster. Ihr Interesse für Tiere zeigen die zoologischen Gärten, in denen seltene oder exotische Exemplare zu sehen waren. Der ägyptische Modehund war das Windspiel, ohne jedoch der Mode unterworfen zu sein, denn wir finden es zu allen Zeiten; wie beliebt es war, zeigt ein Gleichnis: »Ich war wie ein Hund, der im Zelt schläft, ein Windhund des Bettes, geliebt von seiner Herrin.« Gerngesehene Haustiere waren auch maumi, die Katze, und der Affe, zumal der Pavian und die Meerkatze, deren Schabernack der Karikatur willkommenen Stoff bot: Sie springen einem Zwerg auf den Kopf, packen einen Opferträger am Bein, bringen die Schiffstaue in Unordnung und ziehen den heiligen Ibis am Schwanz. Bisweilen konnten sie recht jähzornig werden; deshalb bedeutet ihre Hieroglyphe, XXX, auch »Wut«. Auch sieht man sie auf Bildern von Früchten naschen: daß aber ein Ägyptologe daraus schließt, sie seien zur Feigenernte verwendet worden, ist sonderbar.

Der Ägypter umgab sich gern mit zahlreicher Dienerschaft; 238 ähnlich wie im alten Rußland lungerten überall Menschen herum, die eigentlich nichts zu tun hatten als zu statieren. Da gab es Salbbüchsenträger, Fächler, Parfümzerstäuber, Wassersprenger, Teppichausbreiter, Blumenstreuer und noch viele andere müßige Funktionäre. Der reiche Ägypter ging fast nie zu Fuß, sondern benützte die Sänfte, die entweder zwischen zwei Eseln hing oder, was weit häufiger war, von Menschen bedient wurde. Der Refrain eines Sänftenträgerliedchens, der die ganze ägyptische Liebenswürdigkeit zeigt, lautet: »Die Sänftenträger sind zufrieden, voll ist sie uns lieber, als wenn sie leer ist.« Ein arabisch-ägyptisches Sprichwort heißt: »Auf einem Roßkäfer reiten ist immer noch besser als auf einem Teppich gehen.« Aber die Ägypter ritten auch sehr ungern, obgleich der ägyptische Esel kein Tschandala ist wie der unserige, merklich größer und kräftiger und ein schönes, rassiges Tier, meist weiß, auch taubengrau und isabellenfarbig; noch heute ist er teurer als ein Pferd. Auch als die Ägypter dieses kennenlernten, bestiegen sie es nur sehr selten, sondern fuhren lieber damit spazieren. Sie waren also scheint's von Natur sehr faul, was übrigens wiederum eine kindliche Eigenschaft ist.

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