Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 118
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Die Moral

Ein großer Teil der Wirtschaft befand sich in den Händen des Staates, vor allem fast der gesamte Außenhandel, ferner die Ausbeutung der Bergwerke und der Papyrussümpfe; auch die Großfischerei und die Ziegelfabrikation waren königliches Monopol. Eine weitere Einnahme gewährten dem Staat die örtlichen Stromzölle und die hohen Steuern, deren Objekte durch Nilmesser, Kataster, Feldpolizei sehr genau kontrolliert wurden. Alljährlich mußte der Hausvorstand bei der Behörde erscheinen, genaue Angaben über seinen Besitzstand machen und diese beschwören. Bei der Eintreibung der Abgaben scheint es nicht sehr rücksichtsvoll zugegangen zu sein. In der vorhin erwähnten Schrift, die vom Schicksal des Bauernstandes handelt, heißt es: »Da landet der Schreiber am Uferdamm und will die Ernte aufschreiben. Die Türhüter tragen Stöcke und die Nubier Palmruten. Sie sagen: ›Gib Korn her!‹ ›Es ist keins 235 da.‹ Da schlagen sie ihn lang ausgestreckt, er wird gebunden und in den Graben geworfen.« Auch im Grabe des Ti werden die Dorfältesten von Männern mit Stöcken zur Abrechnung in die Gutskanzlei geschleppt. Diese unhöflichen Einhebungssitten scheint es aber im Orient zu allen Zeiten gegeben zu haben; denn niemand zahlt weniger gern Steuern und weiß sich ihnen auf raffiniertere Weise zu entziehen als der Morgenländer, ob er Chinese oder Inder, Mesopotamier oder Ägypter ist. Jedenfalls gab es immer ein großes Gedränge und Geplapper. Auf einem Bild des Neuen Reichs sieht man das Vorführen der Gänseherden vor einen hohen Beamten. Ein Schreiber überreichte die Liste, die Hirten schieben sich vor und wollen sprechen; ein Aufseher sagt: »Sitzt still und redet nicht«, ein anderer: »Weißt du keine andere Zeit für dein Gerede?« Ein zweites Bild zeigt das Vorführen der Ochsenherden vor denselben Beamten: ein Sekretär hat die Liste in der Hand, ein junger Hirt spricht lebhaft auf ihn ein, wird aber mit den Worten zurechtgewiesen: »Lauf, mach, daß du wegkommst, rede nicht vor dem Seligen, ein schwatzender Mann ist ihm ein Greuel.« Die Kehrseite zu alldem bildet der ägyptische Moralkodex, der immer wieder Milde, Wohltätigkeit, Achtung auch vor dem Niedrigeren einschärft. Unzählige Male versichern die Grabinschriften: »Ich war des Greises Stab, des Kindes Amme, der Hort der Armen, das Brot der Bedrängten, die Halle, die jeglichen wärmte, der Frost litt; niemals zog ich den Großen dem Geringen vor.« Wenn es sich auch vielleicht hier zum Teil nur um schöne Reden handelt, so war es doch schon sehr viel, daß dies alles wenigstens als Ideal galt, und schließlich wurde, wie im christlichen Mittelalter, aus dem Gebot der Caritas Leben. Solches Elend wie im Norden gab es übrigens in Ägypten überhaupt nicht: die Bedürfnislosigkeit des Südländers und der Reichtum der Natur ließen es dazu nicht kommen. Eine Handvoll Bohnen oder Datteln und einen Krug Nilwasser, das der Ägypter 236 ungemein liebt, hatte ein jeder, und Wohnung, Beheizung und Bekleidung sind im Nilland keine Probleme. Öffentliche Ausspeisungen scheinen regelmäßig und zu allen Zeiten stattgefunden zu haben.

 << Kapitel 117  Kapitel 119 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.