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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 117
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Handel

Im Handwerk herrschte eine Art Zunftwesen, das Gewerbe vererbte sich zumeist vom Vater auf den Sohn; und dies hat zu der irrigen Annahme geführt, die Ägypter hätten Kasten gehabt wie die Inder. Daß im allgemeinen jedem sein Stand schon von der Geburt vorgezeichnet war, hatte seinen Grund im ägyptischen Traditionalismus, und zudem war technische und künstlerische Fertigkeit damals noch eine Art Geheimnis, das man gern in der Familie behielt. Wir sagten vorhin, die Ägypter hätten niemals ein Kreditsystem besessen; aber selbst das Geld war ihnen im Grunde unbekannt: sie verwendeten als Zahlungsmittel Kupferbarren und Goldringe, die immer erst wieder gewogen und geprüft werden mußten wie jede andere Ware. Wenn sie von »Weißgold« sprechen, so meinen sie Silber, das das seltenere und wertvollere Metall war; daneben gab es später auch noch Elektron, eine Legierung aus Gold und Silber. Die erste richtige Münze, die Dareike, wurde in Ägypten erst um 500 vor Christus durch die Perser eingeführt. Die eigentliche Form des ägyptischen Handels ist zu allen Zeiten der Tausch gewesen; sie ist sogar noch heute auf dem Lande nicht verschwunden. Auf den Darstellungen sieht man, wie ein Fisch gegen einen Kasten, ein Beutel gegen ein Paar Sandalen, ein Kuchen gegen ein 234 Halsband, Gemüse gegen einen Fächer, ein Schlauch gegen einen Topf Öl, ein Angelhaken gegen eine Schreibtafel eingetauscht wird. Wer jemals den »Fischmarkt« in Kairo besucht hat, wird sich das wilde Gefeilsche der Kinder des Re vorstellen können. Übrigens schachert der Orientale nicht bloß aus Gewinnsucht, sondern geradezu aus Liebhaberei: Er wäre sehr enttäuscht, wenn man auf den unverschämten Preis, den er zuerst verlangt, ohne Widerrede einginge; ebensowenig aber wäre es nach seinem Geschmack, das angemessene Entgelt ohne vorheriges Überfordern anzugeben. Im Grunde ist das Tauschprinzip gar nicht so dilettantisch und primitiv, wie die Nationalökonomen von der hohen Warte ihrer Afterwissenschaft behaupten: Es reguliert den Wert einer Ware nach der persönlichen Einschätzung und dem momentanen Bedürfnis der Partner, und das ist ein sehr gesunder Standpunkt. Jedenfalls zeigt das Beispiel Ägyptens, das länger in wirtschaftlicher Blüte stand als irgendein anderes Land der Erde, daß es auch ohne Schatzscheine, Schecks und Aktien geht.

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