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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 115
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Ägypter und der Tod

Diesen Bestattungssitten sind die Ägypter während ihrer ganzen Geschichte, wenn auch natürlich mit gewissen vom Zeitgeist diktierten Abwandlungen, völlig treu geblieben. Aber wie kamen sie zu dieser sonderbaren und fast pathologischen Anschauung, daß der Tod nichts anderes sei als eine einfache Fortsetzung des Erdenlebens mit aller seiner konkreten Vergänglichkeit und groben Vorläufigkeit, primitiven Ungerechtigkeit und unwissenden Subalternität? Hierüber ließen sich mehrere Vermutungen aufstellen, die aber wahrscheinlich alle nicht das Richtige treffen.

229 Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Ägypter bei aller ihrer außerordentlichen Begabung ein sehr kindliches Volk waren. Ein eigentümliches Fluidum von Infantilität geht von allen ihren Schöpfungen aus: ihrer Sprache und Schrift, Kunst und Dichtung, Wissenschaft und Religion. Sie kamen zum Beispiel niemals auf den Gedanken, daß die Sonne nicht wirklich untergehe, daß man Waren auf Kredit erwerben könne oder daß die Heuschrecke kein Vogel sei: lauter Dinge, die in der Tat auch einem Kind nie einleuchten würden. Baedeker bemerkt über die heutigen Fellachen: »Man vergesse nicht, daß man es mit Menschen zu tun hat, die in mancher Beziehung völlige Kinder sind«, und viel anders wird es auch im Altertum nicht gewesen sein. Die Ägypter waren, wenn diese Bemerkung gestattet ist, ein Volk im Stil Andersens und Wilhelm Buschs, des Schulhefts und Märchenbuchs: einige Beispiele hierfür werden wir noch kennenlernen. Zwar der weltbekannte Ausspruch jenes ägyptischen Priesters: »O Solon, Solon, ihr Griechen seid ewige Kinder!« scheint auf das Gegenteil hinzuweisen, aber da hat sich der Priester wohl nur patzig gemacht, denn wie penetrant erwachsen und abgebrüht wirken die Griechen schon in ihrer Jugend gegen die steinalten Ägypter!

Wie alle Kinder waren die Ägypter naive Realisten. Sie glaubten also dem Augenschein: daß die Sonne eine goldene Kugel sei, die (das eine ist so gut möglich wie das andere) von einem Mistkäfer oder einem Gott über den Himmel gerollt werde, daß man Sachen nicht mit Notizen, sondern nur immer wieder mit Sachen bezahlen könne und daß alles, was Flügel hat, ein Vogel sein müsse. Und ebenso leicht wurde es ihnen allem Anschein nach, zu glauben, daß der Tote, dessen Körper sich ja bis zu einem hohen Grade konservieren ließ und dessen Ka noch immer imstande war, jedem Beliebigen im Traume zu erscheinen, gar nicht tot sei. Man kann aber auch ebensogut sagen: wie alle Kinder waren die Ägypter natürliche 230 Symbolisten. Mit gutem Grund hat man zu allen Zeiten gefunden, jeder Künstler habe etwas vom Kinde; und umgekehrt läßt sich behaupten: im Kindesalter ist jeder Mensch ein Künstler. Das beiden Gemeinsame ist die symbolische Auffassung alles Daseins. Noch nie hat ein Kind im Ernst geglaubt, der Stiefelknecht sei ein Krokodil und die Puppe esse Bonbons; das wäre nicht kindlich, sondern schwachsinnig. Sondern die symbolisierende Kraft ist so stark, daß sie die Realität überdeckt. Einen letzten Abglanz davon besitzt der Erwachsene in der Kunst. Aber in der Kindheit ist die ganze Welt ein Theater, jedes Bild die Sache selbst und die Märchenkausalität so reell wie die physikalische. Und vielleicht haben die Ägypter ähnlich empfunden. Wie alle Kinder haben sie den Tod nicht begriffen oder, was dasselbe heißt, nur als Symbol.

Die zweite Erklärungsmöglichkeit liegt auf mystischem Gebiet. Vielleicht besaßen die ältesten Ägypter noch eine dunkle Kunde aus jener atlantischen Zeit, wo nach den übereinstimmenden Berichten der okkulten Quellen noch Götterboten die Menschen belehrten. Vielleicht hat das Schicksal, das der menschliche Erdenwurm nach seinem Tode erfährt, Verwandtschaft mit dem der Raupe, die sich verpuppt. Ihre Verwandlung zum Schmetterling ist ja auch ein höchst paradoxer, völlig unerklärlicher Vorgang, den niemand glauben würde, wenn er ihn nicht vor Augen sähe; und die Ähnlichkeit der Mumie mit einer Schmetterlingspuppe ist sehr auffällig. Es würde sich in diesem Falle natürlich nur um den sehr verzerrten Schatten einer Wahrheit handeln, deren Licht längst erloschen ist und vielleicht niemals voll geleuchtet hat.

Oder sind jene absonderlichen Bräuche am Ende ganz einfach unsere eigenen, nur durch ägyptische Übertreibungssucht zur grotesken Elephantiasis aufgebläht? Errichten nicht auch wir Obelisken, Mastabas, Bildnisse des Ka über Gräbern und veranstalten Leichenspiele mit Paraden, Trauerfahnen und 231 Konzerten, legen nicht auch wir dem Kind das Lieblingsspielzeug, der Gattin den Brautkranz, dem Fürsten die Insignien in den Sarg? Warum umhegen wir die Stätten der Verblichenen mit blühenden Gärten? Glauben wir, daß die Seele des Toten sich von Blumenduft nährt? Wer uns dies zumutete, handelte vielleicht nicht törichter als wir, wenn wir die Alabasterkuchen und Bratensprüche der Ägypter belächeln. Die Wahrheit ist: wir wissen nicht, warum wir all dies tun. Alle »schönen Sitten« haben etwas Irrationales. Wir können einem Geheimnis nur mit einem andern oder dessen Gebärde antworten.

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