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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 114
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Ti

Neben die Miniaturmodelle trat auch sehr bald das Gemälde. Unter allen Privatgräbern ist das am prächtigsten ausgemalte die Mastaba des Ti, der unter der fünften Dynastie ein hoher Hofbeamter und großer Grundbesitzer war: Als sie freigelegt wurde, machte sie den Eindruck, als ob sie eben erst fertig geworden wäre. Man sieht Ti in allen Situationen des täglichen Lebens, die Wonnen seines Besitzes auskostend. Ti besichtigt das Schlachten und Zerlegen der Opfertiere, das Melken der Kühe, das Füttern der Gänse, das Stopfen der Kraniche, das Ausschütten der gefangenen Fische, das Mähen, Verladen, Worfeln des Getreides; Ti fährt mit seiner Frau im Nachen spazieren, Ti wird in einer Sänfte getragen, Ti nimmt die Abrechnungen seiner Beamten entgegen; Kasten, Türen, Siegel, Steingefäße, Ledersachen werden verfertigt, ein ganzes Schiff wird gebaut; Flötisten und Harfenisten spielen zum Mahle; Zwerge führen Windhunde und Schoßaffen spazieren, Bäuerinnen bringen Fleisch, Gemüse, Früchte, Wein; Schiffer prügeln sich bei der Papyrusernte, auf dem Markt herrscht großer Verkehr. Wie gern muß Ti gelebt haben! Und hat er wirklich geglaubt, dieses ganze reiche und lustige Treiben zum Totenrichter mitschleppen zu können? Oder ist es nur der Künstler, der so empfand? Denn in der Tat wird die Kunst hier in homerischer Erzählerfreude bereits völlig souverän, Selbstzweck, bei aller Naivität artistisch, in sich selbst verlorenes beglücktes Preislied auf die Fülle des Daseins.

Mit der sechsten Dynastie treten einige Änderungen im Bestattungswesen ein: Um die Erhaltung des Ka noch weiter zu sichern, wird es üblich, dem Toten porträtähnliche Gipsmasken 228 aufzulegen, vor allem aber kommt die Sitte auf, die Gänge und Kammern der Königsgräber mit Sprüchen zu beschreiben, die vom Schicksal des Herrschers im Jenseits und seinem Verkehr mit den Göttern handeln. Dies sind die »Pyramidentexte«. Da die Ägypter, wenn sie sich schon einmal zu einer Neuerung entschlossen, diese dann gewöhnlich auf die Spitze trieben, so können sie sich auch hier nicht genugtun im Ableiern und Repetieren ihrer formelhaften Beteuerungen und Beschwörungen. Immer wieder werden Re und Thoth angefleht: »Nehmt ihn mit euch, damit er esse, wovon ihr eßt, damit er trinke, wovon ihr trinkt, damit er lebe, wovon ihr lebt, damit er wohne, worin ihr wohnt, damit er stark sei, worin ihr stark seid, damit er fahre, worin ihr fahrt.« Manche Sprüche sind nicht ohne eine gewisse Kraft, zum Beispiel: »Wer fliegt, der fliegt! Er ist fortgeflogen, er ist nicht mehr auf Erden, er ist am Himmel. Er ist zum Himmel gestürmt als Reiher, er hat den Himmel geküßt als Falke, er ist zum Himmel gesprungen als Heuschrecke.« Die Ägyptologie hat übrigens an den Pyramidentexten eine besonders respektable Leistung vollbracht, indem sie, trotz den viel größeren Schwierigkeiten, in ihren Sinn viel besser einzudringen wußte als die Ägypter selbst; denn schon zur Blütezeit des Neuen Reichs klagte ein gelernter Schreiber, er verstehe kein Wort, »weder Gutes noch Schlechtes«.

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