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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 112
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Ka

Völlig ungreifbar ist für uns der Seelenglaube der Ägypter. Der Mensch existiert für sie in dreifacher Form. Zunächst als Körper, und als solcher auch über den Tod hinaus (deshalb legten sie so großen Wert auf die Mumifizierung; auch scheinen sie in irgendeiner Form an die Auferstehung der Toten geglaubt zu haben). Sodann als Ka. Der Ka ist der Doppelgänger, das »Double« des Menschen, der sich von diesem im Tod, in der Ohnmacht, im Schlaf zu trennen vermag, aber auch im Wachen, denn er ist ja imstande, einem anderen im Traume zu erscheinen. Man kann Ka mit »Geist«, »Genius«, »Persönlichkeit«, »Lebensodem«, »Astralleib« übersetzen, ohne damit auch nur annähernd das Richtige zu treffen. Der Ka ist auch der Schatten, den der Mensch wirft, das Spiegelbild, das ihm aus dem Wasser entgegenblickt, die Bildsäule, die seine Züge wiederholt; manchmal ist man versucht, zu glauben, der Ka sei das »zweite Gesicht«. Der Ka überlebt den Menschen, oder vielmehr: Er verleiht ihm Lebenskraft auch im Jenseits. Da der Ka das »Lebenspendende« ist, so kann er auch ganz einfach »Nahrung« bedeuten, und bisweilen ist er nichts als eine devote oder höfliche Redensart: »Dein Ka« ist soviel wie »Euer Liebden« 223 oder »Euer Gnaden«. Drittens aber gibt es noch den Ba. Er wird meistens in Vogelgestalt abgebildet, XXX, und kann überall sein: bei den Göttern im Himmel, zu Besuch bei der Mumie, als Gespenst unter den Überlebenden. Man könnte Ba vielleicht mit »Seelchen« übersetzen. Die Vogelgestalt ist für den Ba nicht wesentlich, er kann sich auch in eine Heuschrecke, eine Lotosblume, ein Krokodil verwandeln. Diese Vorstellungen haben zu der jahrtausendelangen Irrmeinung geführt, die Ägypter hätten an eine Art Seelenwanderung geglaubt. Man möge übrigens über diese Verwirrung nicht zu früh den Kopf schütteln, sondern bedenken, welche Schwierigkeiten einer ganz anders gearteten Kultur und viel späteren Zeit zum Beispiel der von uns so geläufig und sicher gehandhabte Begriff »Geist« bereiten würde. Wir sprechen von Lebensgeist und Aufgeben des Geistes, vom Geist einer Stadt, eines Raums, eines Bildwerks, vom Geist der Liebe, der Sprache, des Weins, aber auch von Weingeist, wir bezeichnen mit »Geist« die Summe der Verstandeskräfte und ein Gespenst, und es ist unser Wort für eine der Personen der Heiligen Trinität.

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