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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 111
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Henotheismus

Das spezifisch ägyptische Weltbild steht aber längst fertig da. Es hat seinen Mittelpunkt, wie dies immer und überall der Fall ist, in der Religion. Wer der Hauptgott Re eigentlich war, werden wir allerdings niemals mehr erfahren. Da alle religiösen Vorstellungen innere sind, so können sie in ihrer wahren Bedeutung von Andersgläubigen überhaupt nicht nacherlebt werden: Greifbar ist an ihnen für die Nachgeborenen bloß die tote Hülse des Ritus und Mythus. Wir hören also von Re, daß er, in seiner Himmelsbarke thronend, der Schöpfer und Erhalter der Natur ist, der Spender alles Lebens, der Herr des Tages und der Jahreszeiten, das Licht, das die Finsternis besiegt, der große Wohltäter Ägyptens. Ihm zur Seite steht Thoth als sein himmlischer Wesir, der alles aufschreibt und richtet. Nicht bloß die einzelnen Stadtgötter sind, wie wir bereits gehört haben, nur besondere Erscheinungsformen des Re, sondern auch der große Osiris, eine der ältesten und bedeutsamsten ägyptischen Gottheiten, wird allmählich zum Sonnengott. Bei Tage der Urheber der Fruchtbarkeit, durcheilt Re des Nachts die unterirdischen Gefilde als König der Toten; am Abend zum Greise geworden, betritt er das Schattenreich, um sich dort auf geheimnisvolle Weise zu verjüngen und am Morgen als Kind wieder seinen Himmelslauf zu beginnen. Wir haben es also hier mit einem Monotheismus zu tun, der aber doch wieder keiner ist (denn der Glaube an die anderen Götter lebt weiter), mit einer Art polytheistischem Monotheismus. Man könnte hier Zeus zum Vergleich heranziehen, der in der späteren griechischen Religion eine ähnliche Rolle spielt: die Existenz der übrigen 221 Götter wird nicht geleugnet, aber sie verblassen doch neben dem »Vater aller Dinge«; ja selbst die katholische Volksreligion bildet eine Parallele in den »Stadtmadonnen«. Wir sehen an diesem modernen Beispiel, wie vorsichtig man mit Ausdrücken wie »Lokalgötter« und »Vielgötterei« sein muß; denn obgleich jene Orte auf ihre besonderen Madonnen sehr stolz und eifersüchtig sind, so hat es doch niemals einen Katholiken gegeben, der bezweifelt hätte, daß es nur eine einzige Madonna gibt. Für die ägyptische Glaubensform und die ihr verwandten hat der berühmte Sprachforscher und Ethnologe Max Müller den Namen »Henotheismus« vorgeschlagen, der sich auch seither allgemein eingebürgert hat. Der wesentliche Unterschied ist der: im Monotheismus wird an einen einzigen Gott geglaubt, im Henotheismus wird bloß ein Gott als der einzige angerufen. Klarer und charakteristischer wäre daher wohl die Bezeichnung »Monolatrie«. Das ganze Altertum war henotheistisch: kein Römer oder Grieche (wenn er nicht überhaupt Atheist war) hat die Existenz Ba'als, Jehovas oder Wodans in Abrede gestellt; er betete bloß nicht zu ihnen.

Das Verständnis der ägyptischen Religion wird noch dadurch erschwert, daß dieses Volk nicht das geringste Talent zur Systematik besaß. Eine Hierarchie scharf umschriebener Begriffe aufzubauen, das Vorstellungsmaterial rein zu differenzieren, zu schichten und zu gliedern, ja überhaupt einen Gedankengang übersichtlich und folgerichtig zu disponieren, war nicht ihre Sache. Wie ihre Schrift keine Wortteilung kannte, so war auch ihre Ideenwelt gleichsam ohne Interpunktion. Sie waren daher völlig unfähig, eine Dogmatik zu entwickeln. Ein Bedürfnis, dissonierende religiöse Anschauungen in einer höheren Synthese zu versöhnen, widerstreitende Überlieferungen in Harmonie zu bringen, haben sie nie empfunden. »Die Götter«, sagt der ausgezeichnete Religionshistoriker Franz Cumont, »sind alles und nichts; sie verlieren sich in einem 222 Sfumato. Anarchie und Konfusion beherrschen ihr Reich in einem beängstigenden Maße.« Inwieweit dieser Nebel nicht aber vielleicht gewollt war, läßt sich schwer sagen. Schon die ganze Anlage des Tempels zeigt den Willen zum Zwielicht und Dunkel. Ein »Gottesweg«, von steinernen Widdern, Löwen und Sphinxen flankiert, führt zum Vorbau, dem sogenannten Pylon: einem großen Tor, das von zwei riesigen schrägwandigen Türmen eingefaßt wird; hohe Masten tragen Flaggen, die bunt in der Sonne flattern. Dann folgt der offene Säulenhof, dessen Licht bloß durch die Mauern etwas gedämpft ist, auf diesen das Hypostyl, ein gedeckter Raum, der, nur vom Dach her beleuchtet, in dumpfem Dämmer liegt, und den Beschluß macht das stockfinstere Allerheiligste.

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