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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 108
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sinuhe

Ob die Ägypter eine ausgebildete Metrik besessen haben, ist wegen des Vokalmangels nicht mehr feststellbar; es ist aber recht wahrscheinlich. Eine rhetorische Figur, die wir noch heute erkennen können, war der sogenannte parallelismus membrorum: sie besteht darin, daß ein und derselbe Gedanke zweimal ausgesprochen wird, wobei die zweite Fassung inhaltlich überflüssig ist und nur eine stilistische Unterstreichung darstellt. Wir haben diese Form in den angeführten Proben bereits mehrfach kennengelernt (sei nicht stolz auf dein Wissen und baue nicht auf deine Gelehrsamkeit; groß und klein sagt: ich wünschte, ich wäre tot, die kleinen Kinder sagen: hätte man mich doch nicht geboren). Auch wird man bereits bemerkt haben, daß der Ägypter es liebt, dieselben Sätze refrainartig wiederkehren zu lassen (es ist doch so; zu wem soll ich sprechen?). Sparsam und feinfühlig angewendet, vermögen diese Stilmittel starke Effekte zu erzielen; aber zur Manier gemacht, wirken sie ernüchternd und eintönig. Dasselbe gilt von der ägyptischen Bildersprache: sie ist nicht selten schlagend und farbenkräftig, aber sie arbeitet zu sehr mit einem festen Fundus und wird dadurch zum mechanischen Legespiel. Von der blühenden Chaotik der nachchristlichen Dichtung hat sie 216 natürlich nichts; die Metapher dient bei ihr niemals der Suggestion, immer nur der Paraphrase. Der Parallelismus der Glieder ist, wie jedermann weiß, von den Dichtern des Alten Testaments übernommen worden und reicht mit seinem Einfluß bis in die modernste Literatur; und wenn wir heute das Hohelied, den Koheleth oder den Psalter kopieren, so sind wir, ohne es zu wissen, Ägypter. Ob der Abenteuerroman eine ägyptische Erfindung ist, läßt sich nicht mehr ausmachen; jedenfalls war er im Mittleren Reich bereits vollkommen ausgebildet, und der griechische Roman hat an ihn angeknüpft. Es gibt da unter anderm die »Geschichte des Schiffbrüchigen«, von märchenhaftem Charakter, und die berühmte »Geschichte des Sinuhe«. Sinuhe, ein höherer Beamter, befindet sich auf einem Zuge gegen die Libyer; beim Heere weilt auch der Kronprinz und Mitregent. Da trifft die Nachricht vom Tode des Königs ein. Der Thronfolger begibt sich eilends nach der Residenz; gleichzeitig versucht man einen Gegenkönig aufzustellen. Sinuhe erfährt von dem Komplott und gerät dadurch in eine furchtbare Verwirrung, die er sich selber nicht recht zu erklären vermag. Er flieht. »Diese Flucht hatte ich nicht beabsichtigt; sie war nicht in meinem Herzen und ich hatte sie nicht erdacht. Ich weiß nicht, was mich hinweggeführt hat. Es war wie ein Traum, wie wenn ein Mann vom Delta sich plötzlich in Elephantine sähe, ein Mann aus den Sümpfen in Nubien. Ich hatte nichts zu fürchten, man verfolgte mich nicht. Nur dies geschah, daß mein Leib schauderte und meine Füße bebten; mein Herz leitete mich und der Gott, der diese Flucht verhängte, zog mich fort.« Nach vielerlei Wechselfällen gelangt er als Greis wieder in die Heimat und wird vom König in Gnaden aufgenommen. Man hat diese merkwürdige Erzählung mit Recht die Schilderung einer Phobie genannt. Alle diese Romane (auch die griechischen) würden wir heute aber Novellen nennen, denn von einer seelischen Entwicklung des Helden ist nicht die Rede. 217

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