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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 107
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Literatur des Mittleren Reichs

Als Metall beginnt die Bronze zu dominieren, jedoch vorerst nur mit einem schwachen Zusatz von Zinn. Die Säulenform ist der sechzehnkantige kannelierte Pfeiler, die sogenannte protodorische Säule. Die Kunst hat nicht mehr den kolossalen Wurf und die Frühlingsfrische des Alten Reichs, ist aber dafür zu einer bisher unerreichten technischen Feinheit und geistigen Vertiefung gelangt. Die Fayencen: Igel, Maus, harfenspielende Äffin, die Wandmalereien im Grabe Chnemhoteps: ein Wiedehopf auf einer Nilakazie, eine lauernde Katze im Papyrusdickicht, zeigen die höchste Virtuosität; die Königsköpfe sind seelisch gealtert und von einem ganz neuen Pathos durchblutet: müde, skeptisch, vergrübelt, durch Leid zu wissender Resignation geläutert. Daß die Herrscher bei allem Glanz ihrer Siegestaten und Friedenswerke viel Furchtbares erlebt haben 213 müssen, zeigen ihre Aufzeichnungen, die, wenn auch nur in höchst liederlichen Schülerabschriften (sie waren in späterer Zeit Unterrichtsgegenstand), teilweise auf uns gekommen sind; wenn die Knaben geahnt hätten, wie viele Professoren noch ihre Arbeiten durchsehen würden, hätten sie vielleicht besser aufgepaßt. Schon Amenemhet der Erste berichtet in der »Lehre an seinen Sohn« von bösen Verschwörungen: »Nach dem Abendessen war es, als es Nacht geworden war; ich hatte mir eine Stunde der Erholung gegönnt und schlief auf meinem Bette. Ich war müde und mein Herz begann dem Schlummer zu folgen. Da war es, als ob Waffen geschwungen würden. Ich ermunterte mich und bemerkte, daß es ein Handgemenge der Leibwache war. Ich nahm schnell die Waffen zur Hand und trieb die Schurken zurück . . .« Und er zieht für seinen Sohn am Ende seiner Regierung die Moral: »Höre auf das, was ich dir sage! Verhärte dein Herz gegen alle deine Untergebenen! Das Volk hört nur auf den, der es in Schrecken hält. Nahe dich niemandem allein, laß deinem Herzen keinen Bruder liebwerden, kenne keinen Freund und mach niemanden zu deinem Vertrauten – es kommt nichts Gutes dabei heraus. Der Mensch hat niemand am Tage des Unglücks. Ich gab dem Bettler und ernährte die Waise, ich ließ den Niedrigen zu mir wie einen Angesehenen; aber die mein Brot aßen, empörten sich, die ich an der Hand nahm, wurden mir zum Schrecken.« Noch düsterer ist die Weisheit eines Königs Antef (oder Entef), der gleichfalls der zwölften Dynastie angehörte. Es ist im Grunde dieselbe wie die salomonische: es ist alles ganz eitel. »Die Körper gehen dahin seit den Tagen der Ahnen. Die Götter, die einmal waren, ruhen in ihren Pyramiden; auch die Edeln und Weisen, begraben in ihren Pyramiden. Die da Häuser bauten, ihre Stätten sind nicht mehr; du siehst, was aus ihnen geworden ist. Ihre Stätte ist nicht mehr, sie sind, als ob sie nie gewesen wären! Niemand kommt von dort, uns zu sagen, wo sie weilen, uns zu 214 sagen, wie es ihnen ergeht. Wessen Herz stille steht, der hört unsere Klage nicht, und wer im Grabe liegt, der nimmt unsere Trauer nicht an. Ach, niemand nimmt seine Güte mit sich, nein, niemand kehrt wieder, der davongegangen ist.«

Das Mittlere Reich galt überhaupt den Ägyptern als das klassische Zeitalter ihrer Literatur und sein Stil als der absolut vorbildliche. Er war in der Tat sehr gewählt, aber auch gesucht und bei den Durchschnittsautoren süßlich und überschmückt, geschwollen und geschraubt, in frostigen Wortspielen, erzwungenen Alliterationen, leerer Lautornamentik, affektierten Umschreibungen schwelgend. Jede Rede, lautete die Vorschrift, müsse »in Honig getaucht sein«. Die Ägypter haben aber all dies gerade als Schönheit empfunden, wie in der neueren Zeit die spanischen Gongoristen, die französischen Preziösen, die englischen Euphuisten, die bekanntlich sogar auf Shakespeare abgefärbt haben. Das Mittelägyptische galt auch im Neuen Reich und in der Spätzeit als das »richtige« Ägyptisch; es unterschied sich aber vom Altägyptischen der Pyramidentexte bereits sehr wesentlich. Da es von diesen durch mehr als ein Jahrtausend getrennt war und die Pyramideninschriften, wie alle religiösen Texte, schon bei ihrer Entstehung in altertümlicher Sprache abgefaßt waren, so wird man, wenn man das Mittelägyptische dem Mittelhochdeutschen gleichsetzt, für das Verhältnis nicht bloß das Althochdeutsche, sondern vielfach auch das Gotische heranziehen müssen. Die Vokallosigkeit verhüllt das. Das Altägyptische wird den Zeitgenossen des großen Sesostris nicht minder fremdartig geklungen haben als uns etwa die Anfangsworte von Wulfilas' Vaterunser: »atta unsar thu in himinam.« Seit Beginn des Neuen Reiches setzt sich als Verkehrssprache das Neuägyptische durch, das Mittelägyptische aber bleibt Literatursprache. Nur zur Saïtenzeit, wo man, in einer Art ägyptischem Humanismus, in Kunst, Religion, Lebensstil das Altertum künstlich zu erneuern strebte, hat man in 215 Inschriften wieder das Altägyptische zu kopieren versucht; die Sprache des täglichen Lebens war damals das Demotische. Das Neuägyptische unterscheidet sich vom klassischen Ägyptisch durch ähnliche Merkmale wie die romanischen Sprachen vom Lateinischen: durch den Gebrauch des bestimmten Artikels, der sich aus dem Demonstrativum, und des unbestimmten, der sich aus dem Zahlwort entwickelt (il, le aus ille; uno, un aus unus), durch Anwendung des Hilfszeitworts anstatt der Verbalformen (j'ai fait, ho fatto und bereits vulgärlateinisch habeo factum für feci), durch lautliche Reduktion (facere in fare, dicere in dire, trahere in trarre) und durch Einführung zahlreicher neuer Ausdrücke.

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