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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 106
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die zwölfte Dynastie

Bei allen derartigen Nebeneinanderstellungen darf man jedoch nie zu beachten vergessen, welche Lebensalter man vergleicht. Amerika befand sich bei seiner Entdeckung bereits im Stadium der »Zivilisation«, der Erstarrung und »zweiten Barbarei«, die, in greisenhafter Infantilität zu Urformen 210 zurückkehrend, den Untergang anzukündigen pflegt: die Conquista wäre sonst wohl nicht so leicht gelungen. Die Ägypter hingegen hatten am Ende des Alten Reichs eben erst jene Stufe hinter sich, die Spengler mit einem sehr glücklichen Ausdruck generell als »Merowingerzeit« bezeichnet hat. Nachdem die Töpferscheibe ihre Drehung vollendet hatte, gelangte das Land zu einer neuen Blüte. Durch die elfte Dynastie, die, begründet von Mentuhotep dem Ersten, vermutlich während des letzten Jahrhunderts des dritten Jahrtausends regierte, konsolidierten sich allmählich wieder die Verhältnisse. Mit ihr beginnt das Mittlere Reich und tritt Theben, genau an der Stelle gelegen, wo der Nil sich am meisten dem Roten Meer nähert, zum erstenmal in den politischen Vordergrund, das »hunderttorige«, wie die Griechen es zum Unterschied von dem ihrigen nannten, und in der Tat zu seiner Blütezeit (während des Neuen Reichs) sicherlich eine Millionensiedlung, noch heute im Tode das riesigste Trümmerfeld, das die Welt kennt. Die Rolle, die die neuen Könige spielten, war vielleicht der der französischen zur Zeit der Fronde nicht unähnlich: indem sie die Gaufürsten gegeneinander, aber auch gegen die noch immer mächtigen Herakleopoliten ausspielten (mit denen sich etwa die Guisen vergleichen ließen), gelang es ihnen, sich selbst zu Herren der Lage zu machen. Unter ihnen gelangte das Wesirat zur Allmacht, was an die Stellung erinnert, die die großen Kardinäle als Staatslenker Frankreichs einnahmen. Die beiden ersten Jahrhunderte des zweiten Jahrtausends, die Zeiten der zwölften Dynastie, bezeichnen einen Gipfel. Der Stammvater der Dynastie, Amenemhet (Amenemmes) der Erste, verlegte, obgleich ebenfalls aus Theben stammend, seine Residenz nach dem neugegründeten Iz-taui, »Eroberer der beiden Länder«, südlich von Memphis. Er machte noch zu seinen Lebzeiten seinen Sohn Sesostris den Ersten zum Mitregenten und sicherte dadurch die Erbfolge, eine Sitte, die auch seine Nachfolger Amenemhet der 211 Zweite, Sesostris der Zweite, Sesostris der Dritte und Amenemhet der Dritte beibehielten. Von diesem hatte das Volk noch gesungen: »Er macht Ägypten mehr grünen als der große Nil«; aber nach ihm beginnt der Verfall. Der bedeutendste Herrscher des Mittleren Reichs ist Sesostris der Dritte (1887 bis 1850), eine Verdichtungsgestalt, auf die vielleicht alle Taten der Dynastie übertragen wurden. Unter ihm wurde Nubien neuerlich erobert und sein Besitz dauernd befestigt, indem durch den ersten Katarakt ein Kanal gelegt und beim zweiten Katarakt die mächtige Festung Semme errichtet wurde. Ferner wurden die Karawanenstraßen zum Roten Meer durch zahlreiche Brunnenanlagen instand gesetzt und lebhafte Handelsbeziehungen mit Kreta angeknüpft. Er soll auch die große Oase in der Libyschen Wüste urbar gemacht haben, das Faijum oder »Seeland«, in das sich seit Urzeiten ein Nilarm, der heutige Josephskanal, ergoß; durch Anlage eines großen Schleusenwerks und zahlreicher Kanäle wurde das Land zum fruchtbarsten in ganz Ägypten. Dort erstand auch jener berühmte Totentempel, der von den Griechen das Labyrinth genannt wurde und nach Herodot an Großartigkeit selbst die Pyramiden übertraf. Die rasch aufblühende Hauptstadt des Faijum, von den Griechen nach dem Lokalgott der Landschaft, dem Krokodilgott Sobk, Krokodilopis genannt, war der Lieblingsaufenthalt der Könige.

Die Herrscher der zwölften Dynastie haben allem Anschein nach ihre Stellung durch einen klugen Kompromiß mit den lokalen Machthabern befestigt, die allmählich zu Kronbeamten umgewandelt wurden, ähnlich wie sich dies unter Ludwig dem Vierzehnten vollzog. Wie dieser waren sie auch bestrebt, einen kompakten Mittelstand aus Kaufleuten, Handwerkern, Künstlern, Regierungsorganen zu schaffen. Unter ihnen wurde auch die Dreiteilung des Landes in Nordland, Süden (Oberägypten bis Tell Amarna) und Kopf des Südens (die spätere Thebaïs) 212 durchgeführt, was einigermaßen an die bourbonische Gouvernementeinteilung erinnert. Mit dem aufgeklärten Absolutismus berühren sich auch ihre merkantilistischen Maßnahmen zur Hebung der Wirtschaft, überhaupt ihre Bestrebungen, alles staatlich von oben zu organisieren, ganze Siedlungen und Kulturen aus dem Nichts hervorzuzaubern; so hat man in der Nähe von Kahun die Ruinen einer Stadt entdeckt, die offensichtlich ganz künstlich ins Leben gerufen worden ist, ein ägyptisches Petersburg. Die Zentralisation auf dem Gebiete der Religion machte weitere Fortschritte. Sie äußerte sich vor allem darin, daß die großen Ortsgötter immer mehr mit Re identifiziert wurden. So wird Sobk zu Sobk-Re; Amon-Re erlangt, aus dem Gott der Metropole Theben hervorgegangen, die höchste Würde; aus Atum, dem Gott von Heliopolis, war schon im Alten Reich Atum-Re geworden. In dieser Zeit sind die letzten großen Pyramiden entstanden; daneben kommen auch schon Felsengräber in Gebrauch. Im Neuen Reich finden sich Pyramiden nur noch bei Privatgräbern, in Nubien bestanden sie bis in die römische Kaiserzeit.

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