Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 105
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Ägypten und Amerika

Die Kultur, die am Ende des Alten Reiches zusammenbrach, zeigt so frappante Ähnlichkeit mit einzelnen Vorderasiens, vor allem aber Altamerikas, daß es borniert wäre, hier von zufälliger Duplizität zu reden. Ebenso unhaltbar ist die steifleinene Weisheit, die derartige Parallelismen damit erklären will, daß alle Kulturen demselben Entwicklungsschema unterworfen seien und daher auf denselben Stufen gleichartige Lebensäußerungen hervorbringen müßten. Es ist vielmehr im Gegenteil zu beobachten, daß jede Kultur, sobald sie sich selbst überlassen bleibt, in Sprache, Kunst, Technik, Weltbild zu absolut einmaligen Ausdrucksformen gelangt. Phänomene wie den gotischen Dom, die romantische Oper, die moderne Physik hat es niemals vorher gegeben und wird es niemals wieder geben.

Den Panbabylonismus haben wir bereits kurz erwähnt. Er behauptet übrigens keineswegs, daß alles von Babylon ausgegangen sei, zu welcher Auffassung der nicht sehr glücklich gewählte Name leicht verleiten kann, sondern bloß, daß (wenn man die Richtung von Osten nach Westen nimmt) China, Indien, Mesopotamien, Ägypten, die Agäis, Etrurien und Altamerika die gleichen Grundlagen des Geisteslebens aufweisen. Man nimmt vorläufig nur deshalb Babylon als Zentrum an, weil dort diese Elemente in verhältnismäßig ältester Zeit und am klarsten entwickelt vorliegen. Fest steht nur die Tatsache der Wanderung. »Sollte«, sagt Alfred Jeremias, einer der Hauptvertreter dieser Theorie, »sich einmal als Ausgangspunkt der Wanderung ein anderer Ort der Erde feststellen lassen, so würde die im Namen Panbabylonismus liegende These nur ihren Namen, nicht aber ihre Wahrheit verlieren.« Nach unserer Ansicht lag jene Wiege im Westen und ruht heute auf dem Grunde des Ozeans.

208 In Amerika blühten vor der Entdeckung der mittelamerikanische Kulturkreis und der Kulturkreis des südamerikanischen Hochlands, dessen Mittelpunkt Peru war. Die peruanische Staatsreligion war der Sonnenkult, wie er zweifellos auch in Ägypten von jeher bestanden hat. An den Sonnwendtagen fanden große Feiern mit prunkvollem Zeremoniell statt, neben denen allmonatliche Sonnenfeste einhergingen, überall standen Sonnentempel, der regierende Inka galt als Nachkomme des Sonnengottes. Die Peruaner dachten sich die Sonne männlich, den Mond weiblich und die beiden als Geschwister und vermählt wie Osiris und Isis. Die Geschwisterehe war im peruanischen Herrscherhaus ebenso häufig wie auf dem Thron der Pharaonen: der vorletzte Inka, der Eroberer des nördlichen Riesenreiches Quito, hatte seine Schwester zur Hauptfrau. Die Leichen wurden kunstvoll einbalsamiert, mit Binden umwickelt und mit kostbaren Beigaben begraben; die Übereinstimmung geht bis zu der Sitte, mehrfache Gesichtsmasken aufzulegen und heilige Tiere mitzumumifizieren. Infolge des günstigen Klimas und Bodens haben sich die Totenbeigaben in ähnlich unversehrtem Zustande erhalten wie am Nil; es fanden sich in reicher Menge: Speisen und Getränke, zum Beispiel Erdnüsse, Paprikaschoten, süße Kartoffeln, Dörrfleisch, Apfelwein; prachtvolle Schmucksachen, Geräte und Gewebe; Vorräte an Tabak und Coca; Toilettegegenstände, darunter: Puderdosen und Puderquasten, Rouge und Nagellack, Manikürefeilen und Enthaarungspinzetten; ja sogar angefangene Malereien und Stickereien mit Material zur Fortsetzung der Arbeit. Große Verwandtschaft zeigen auch die staunenswerten Bewässerungsanlagen; und die peruanischen Bauten sind für uns ein ebenso großes Rätsel wie die ägyptischen, sowohl was die enormen Transportleistungen als was die mathematische Exaktheit des Schleifens und Behauens anlangt: das sogenannte »Bad des Inkas« auf der Titicacainsel zum Beispiel bestand aus einer 209 großen runden Schale von äußerster Ebenmäßigkeit und Glätte, die aus einem einzigen feinkörnigen Trachytblock herausgearbeitet war; die riesige Verbindungsstraße zwischen Quito und Cuzko bediente sich mächtiger Tunnels, die meilenlang die Berge durchschnitten, massenhafter Füllblöcke, die ungeheure Schluchten passierbar machten, und kunstvoller Hängebrücken, deren Konstruktion uns unverständlich ist.

Den mittelamerikanischen Kulturkreis bildeten die sogenannten Mayavölker und die Mexikaner, deren Hauptrepräsentanten die Tolteken und Azteken waren. Wie bei den Ägyptern waren ihre religiösen Bauten riesenhaft und prunkvoll, während sie selbst in vergänglichen Lehmhütten wohnten. Ihre charakteristischen Bauformen waren die Stufenpyramide und die Spitzsäule. In der Rundplastik neigten sie ebenso zur Geometrisierung der menschlichen Formen wie der Ägyptizismus. Sie besaßen einen vorzüglichen Kalender, der an Vollkommenheit erst durch den gregorianischen erreicht worden ist, wie überhaupt ihre astronomischen Kenntnisse auf einer Höhe standen, die das Altertum vor den Alexandrinern nicht besaß. Ihre Schrift ist für uns unlesbar; sie war aber offenbar eine hieroglyphische auf dem Übergang vom Ideogramm zum Phonogramm. Sie bereiteten Papier aus den Blättern der Aloe, die auch in ihrer Allverwendbarkeit mit dem Papyrus Ähnlichkeit hatte: Ihre Wurzel lieferte ein Gemüse von feinem artischockenähnlichem Geschmack, ihr Saft ein berauschendes Getränk, pulque, ihre Blätter dienten als wasserdichte Dachbedeckung, ihre Fasern zu Stricken und Kleiderstoffen, ihre Dornen zu Nägeln und Nadeln.

 << Kapitel 104  Kapitel 106 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.