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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 101
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Re

Und in der Tat tritt uns unter der fünften Dynastie (etwa 2750 200 bis 2600) ein ganz neuer Geist entgegen. Die atlantische Zeit ist verklungen. Es ist sehr leicht möglich, daß die vierte Dynastie ein gewaltsames Ende fand und die neuen Herrscher in Memphis durch die Priester von Heliopolis eingesetzt wurden, die allmählich zu großer Macht gelangt waren. Der Sonnengott Re wird Reichsgott. Sein Kult findet in großen Sonnenheiligtümern statt, deren Mittelpunkt ein bildloser Obelisk, XXX, bildet, bis zu sechzig Meter hoch, auf einem riesigen würfelförmigen Unterbau ruhend. Diese merkwürdige Säulenform hat ihren Namen von den Griechen erhalten, die sie, wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem Spieß, obelos und später obeliskos, »Spießchen«, nannten: Die Diminutivform ist aber für diese Ungetüme nicht recht verständlich, vielleicht handelt es sich um eine launige Bezeichnung des Volksmunds. Man nimmt auch an, daß die Obelisken als Sonnenuhren dienten; das kann aber jedenfalls nur ein Nebenzweck gewesen sein. In der Nähe des Heiligtums befand sich bisweilen etwas noch Sonderbareres: ein viele Meter langes Ziegelmodell des Sonnenschiffs, mit dem Re jeden Tag über den Himmel fährt. Wer ist Re? Ist er der Obelisk? Oder der Geist jenes Schiffs? Oder die Sonne selbst? Jedenfalls ist der regierende Pharao sein Sohn; aber während Re der »große Gott« ist, ist dieser bloß der »gute Gott«. Überhaupt scheint die Stellung des Königs etwas von ihrer Allmacht eingebüßt zu haben. Wurden bisher alle hohen Ämter von Söhnen oder anderen nahen Verwandten des Königs bekleidet, so sind jetzt die meisten Würdenträger nicht mehr mit dem Herrscher durch das Blut verbunden; »Königsabkömmling« ist eine leere Titulatur geworden, die im Prinzip für jeden erwerbbar ist. Vor allem scheint sich jetzt ein ganz selbständiger Klerus herausgebildet zu haben. Nach außen war es aber eine Zeit hoher politischer Macht: Die Pharaonen erlangten zum erstenmal die Suprematie über Nubien und Palästina. Memphis muß damals schon eine sehr große Stadt gewesen sein; es gab dort 201 sogar bereits Kasernenviertel. Andrerseits verdient angemerkt zu werden, daß es in Ägypten kein spezielles Wort für Stadt gibt, denn nut kann auch Dorf bedeuten.

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