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Kritiken und Berichterstattungen

Heinrich von Kleist: Kritiken und Berichterstattungen - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorHeinrich von Kleist
titleKritiken und Berichterstattungen
publisherCarl Hanser Verlag
seriesHeinrich von Kleist - Sämtliche Werke und Briefe
volumeBand 2
printrunZweite Auflage
editorHelmut Sembdner
year1961
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Übersetzungen aus dem Französischen

Brief der Gräfin Piper, an eine Freundin in Deutschland

In dem Oktoberheft des Journals: Die Zeiten, von Voß, sind drei Briefe der Gräfin Piper, Schwester des unglücklichen Reichsmarschalls, Grafen von Fersen, nebst einer Abschrift des Verhörs, das über sie, auf der Festung Waxholm, angestellt worden ist, zur Wissenschaft des Publikums gebracht worden. Da die grimmige Selbstrache, die sich das Volk an diesem, unglücklichen Herrn erlaubt hat, nach den, darüber stattgehabten Untersuchungen, von allem Rechtsgrund entblößt ist, so glauben wir dem menschenfreundlichen Zweck, welcher der Verbreitung dieser Briefe zum Grunde lag, entgegen zu kommen, wenn wir eine Übersetzung des zweiten, Die Briefe sowohl, als das Verhör, sind in franz. Sprache abgefaßt. nebst dem Verhör, das ihm beigefügt ist, mitteilen.

(Die Redaktion)

 

Festung Waxholm in Schweden, den 10. Aug. 1810

Erst jetzt, meine teure und liebe Freundin, kann ich meine Geister in dem Maße sammeln, als es nötig ist, um Ihnen zu schreiben, und noch werden meine Gedanken verworren und zerrissen sein, unter der Einwirkung des Schreckens und des Entsetzens, in welchem meine Seele befangen ist. Gleichwohl, so schwer es mir wird, so bin ich es der standhaften Freundschaft, die Sie mir bewiesen haben, schuldig, Ihnen einige Zeilen zu schreiben; es ist gut und zweckmäßig, zur Wissenschaft aller Männer von Ehre zu bringen, wie weit die Verwegenheit der abscheulichsten Lüge, und der Grimm ihrer entsetzlichen Verfolgungen geht. Seit jenes, gegen Gustav IV. ausgeübten Gewaltschrittes, waren die Gemüter überhaupt zur Rebellion geneigt: der Keim der Empörung bildete sich und gärte in ihrem Inneren. Bediente und Lakaien hatten geheime Zusammenkünfte; Brandbriefe gegen ihre Herrn und gegen die Männer in Amt und Würden, gingen, in Stockholm sowohl als in der Provinz, von Hand zu Hand, und verrieten nur zu deutlich die allgemeine Gärung. Darauf kömmt der Kronprinz an: sein Anblick gefällt, er weiß sich geliebt zu machen. Und in der Tat hatte er die angenehmsten und schätzenswürdigsten Eigenschaften; tapfer als Soldat, einfach und edelmütig in seinen Sitten, voll von Güte und Herablassung für alle Stände, schickte er sich in jeder Rücksicht für dies Land; er ward nach seinem vollen Verdienst darin gewürdigt. Diese Liebe zu ihm beschwichtigte oder schien wenigstens die Gemüter zu beschwichtigen; das Glück Schwedens schimmerte von neuem empor, und bei der milden und gerechten Denkungsart dieses Herrn, hoffte jeder auf eine glückliche Regierung. Sein Tod, ach! war das Zeichen des Hineinbrechens aller Übel über Schweden. Die Unzufriedenen, die nichts als eine Gelegenheit wünschten, um die Revolution zu beginnen, ergriffen diesen Augenblick, um zu ihrem Zweck zu gelangen. Überall streute man Gerüchte aus, des Prinzen Tod sei kein natürlicher, das Gift habe seinem Leben ein Ende gemacht; unsere Familie sei der Urheber dieses Verbrechens, noch mehrere große Familien seien darin verwickelt, mein Bruder aber und ich vorzüglich die Anstifter desselben. Wir waren, leider! mein Bruder und ich, die letzten, die von diesen abscheulichen Stadtgesprächen unterrichtet wurden; wir wußten nichts von den Verleumdungen, die in öffentlichen Blättern gegen uns im Umlauf waren; im Schoß eines reinen Gewissens und der Unschuld unsrer Herzen lebten wir in völliger Ruhe und Sicherheit. Es schien uns unmöglich, daß eine tadellose Aufführung seit den Tagen unserer frühesten Jugend, daß ein gänzliches Hingeben, als Staatsmann sowohl als Bürger, an die geheiligten Grundsätze der Ehre meinem (jetzt so schwer verkannten) Bruder nicht den Schutz der öffentlichen Sicherheit und Gerechtigkeit verbürgen sollten. Wir glaubten, er sowohl als ich, diese Gerüchte hätten keine andre Quelle, als die Verhetzungen einzelner Übelgesinnter, und könnten, von allen Belegen entblößt, vernünftiger Weise keinen Eindruck machen. Erst 6 Tage vor dem schrecklichen 20. erfuhren wir die, gegen uns im Volk umlaufenden, Schmähungen; und auch selbst dann noch konnten wir uns nicht entschließen, eine bedeutende Rücksicht darauf zu nehmen. Überdies, wenn man sechs und fünfzig tadellos durchlebte Jahre hinter sich hat, so glaubt man nicht, so unerhört verkannt zu sein. Indem ich mich nun völlig auf das Herz meines Bruders, auf seine Tugenden und seinen offenen und trefflichen Charakter stützte, war ich seinethalben ohne die mindeste Besorgnis. Der Edelmut und die Gerechtigkeit der schwedischen Nation war auch zu bekannt, als daß es nur von fern möglich geschienen hätte, die schwärzeste Verleumdung könne diesen Charakter in der Schnelligkeit eines Augenblicks umwandeln. So tremiten wir uns nun den 20. morgens um 9 Uhr, in der Sorglosigkeit eines ganz ungestörten Gewissens. Der Königl. Hof ging, wie Sie wissen, dem Leichenzug des Kronprinzen entgegen. Aber Sie kennen besser, als ich, die entsetzlichen Umstände, die diesen Vorfall – niemals hatte ich die Kraft sie anzuhören. – – Um 3 Uhr kam man, und sagte mir, daß dieser teure Bruder, tot, ein Opfer der Volkswut – – – Mein Zustand, bei dieser Nachricht, erlaubte mir nie, das Ausführliche darüber – Ich weiß nur, daß einige Offiziere von der Garde, an der Spitze einer starken Wache, mein Haus vor der Zerstörung und Plünderung sicherten, und mein unglückliches, dem Tode gleichfalls geweihtes, Leben retteten. Ich beschwor sie, die Papiere meines Bruders und die meinigen, unter Siegel zu legen. – So verstrich der Tag, für mich und meine im siebenten Monat schwangern Tochter. Inzwischen zeigten mir zwei bewährte Freunde meines Bruders an, daß für mich keine Sicherheit mehr in diesem Hause sei und daß ich es noch vor der Nacht verlassen müßte. Demnach entschloß ich mich, um 9 Uhr abends, mit Gefahr meines Lebens zu diesem Schritt; man hüllte mich in die Kleider einer Dienstmagd, und da ich nicht aus dem Lande fliehen wollte, so erteilte man mir, auf meine Bitte, einen Befehl für den Kommandanten der hiesigen Festung, um mich dahin zu retten, und von hier aus meine und die Unschuld meines unglücklichen Bruders, an den Tag zu legen. Bis 7 Uhr morgens war ich in einem entsetzlichen Regen und Wind auf dem Meere; erst nach 36 Stunden war es mir vergönnt, meine ganz durchnäßten Kleider zu wechseln. Hier endlich fand ich Teilnahme und Wohlwollen bei dem Kommandanten und seinen Offizieren; ihre Behandlung war voll von Achtung und Menschlichkeit, und mein erster Schritt war sogleich, mich wegen meines unglücklichen Bruders und meiner, an die öffentliche Gerechtigkeit zu wenden. O meine teure Freundin! Ich habe nur die Hälfte meiner Leiden erzählt! Wie schrecklich war dieser einsame Aufenthalt meinem traurigen Herzen. Ich habe einen Monat ganz allein mit meinem Kammermädchen zugebracht, die sich, am Morgen nach meiner Ankunft, hier bei mir eingefunden hat: weder meine Kinder, noch sonst irgend jemand sah ich; ich habe selbst gefordert, daß man mich mit Briefen bis zu meinem Verhör verschonen möchte. – Übrigens, teure Freundin, bin ich, wie schon bemerkt, weder Gefangene, noch so behandelt, und es steht jedermann frei, mir zu schreiben. Ich bekomme in diesem Augenblick Ihr kleines Billet, und die Teilnahme, die Sie mir darin zu erkennen geben, rührt mich. Sehr schwach bin ich und krank am Fieber – ich habe ganz allein und ohne Hülfe meine Verteidigungsschrift aufgesetzt, meine Sache spricht für sich selbst; doch fühle ich mich sehr ermüdet davon. Ach! Mein Leben ist durch die Rückerinnerung an das Schicksal meines lieben Bruders verbittert! –

Hier schicke ich Ihnen die Abschrift meines schrecklichen und unglaublichen Verhörs; es ist von mir ins Französische übersetzt worden. Ich hatte das Fieber und lag im Bett; der Kriegsrat, der mich verhörte, saß im Kreise um mein Bett herum. –

Adieu! Den Ort, wohin ich mich wenden werde, weiß ich noch nicht; aber Sie sollen darüber Auskunft von mir erhalten.

 

Verhör der Gräfin Piper

Gehalten vor einem Kriegsgericht in der Festung Waxholm
den 3. August 1810

Frage 1. Da das Verhör und die Untersuchungen, welche statthaben werden, im Verfolg auf das eigne Begehren der Frau Gräfin von Piper, stattfinden, so ist vorauszusetzen, daß dieselbe von dem Verdacht, der auf sie gefallen ist, Kenntnis habe. Demnach bin ich beauftragt, die Frau Gräfin zu fragen, was sie darauf zu entgegnen hat, und ob sie eröffnen kann, aus welcher Quelle ein Verdacht dieser Art, seinen Ursprung nehmen mag?

Antwort. Ich habe nichts zu sagen, außer dies, daß die Gerüchte, in bezug auf mich, gänzlich ohne Grund sind.

Frage 2. Kennt die Frau Gräfin die Ursachen, die zu dem Verdacht gegen Sr. Exzellenz den Herrn Reichsmarschall Veranlassung gegeben haben?

Antwort. Dieser Verdacht ist auf gleiche Weise, völlig nichtig und grundlos.

Frage 3. Weiß die Frau Gräfin irgend etwas das über die traurige Veranlassung, die diesen gerichtlichen Untersuchungen zum Grunde liegt, Licht verbreiten mag?

Antwort. Nicht das mindeste.

Frage 4. Wann hat die Frau Gräfin die Ehre gehabt, Sr. Königl. Hoheit den Kronprinzen zum ersten Male zu sehn?

Antwort. An der Abendtafel Ihrer Majestät der Königin, ohngefähr 14 Tage nach der Ankunft Sr. Hoheit in Stockholm.

Frage 5. War Sr. Exzellenz der Herr Reichsmarschall gegenwärtig bei dieser Gelegenheit?

Antwort. Ja.

Frage 6. Hat Sr. Hoheit der Kronprinz jemals in dem Hause Fersen, oder abgesondert bei Sr. Exzellenz dem Herrn Reichsmarschall einen Besuch abgestattet?

Antwort. Niemals.

Frage 7. Wann und wo hat die Frau Gräfin seit jenem Abendessen die Ehre gehabt, Sr. Königl. Hoheit wieder zu sehen?

Antwort. Ebenfalls wieder nur bei einigen Abendessen an Ihrer Majestät, der Königin, Tafel.

Frage 8. Hatte Sr. Hoheit vielleicht bei solchen Gelegenheiten, die Gewohnheit sich an die Tafel, und die Frau Gräfin die Ehre, sich an die Seite desselben zu setzen?

Antwort. Sr. Hoheit setzten sich niemals bei Gelegenheiten dieser Art zur Tafel nieder; sie zogen sich ohne Ausnahme jedesmal sobald gedeckt war, in ihre Behausung zurück.

Frage 9. Ohne Zweifel haben sich Höchstdieselben bei einer dieser Gelegenheiten, mit der Frau Gräfin unterhalten, und das Gespräch wird sich vielleicht in die Länge gezogen haben?

Antwort. Einmal, als ich die Ehre hatte, Sr. Hoheit vorgestellt zu werden, ohngefähr 14 Tage nach ihrer Ankunft in Stockholm. Die Unterhaltung dauerte ohngefähr zwei Minuten.

Frage 10. Was war der Gegenstand der Unterhaltung? War er von der Art, daß er Streit und Empfindlichkeit, auf einer oder der andern Seite, veranlaßte?

Antwort. Keinesweges. Sr. Hoheit hatten bloß die Gnade mir zu sagen, daß sie mich im Theater, hinter dem Gitter einer Loge gesehen, und daß sie von meinem krankhaften Zustand, der mich verhinderte, den Hoffesten beizuwohnen, unterrichtet wären.

Frage 11. Hat die Frau Gräfin niemals irgend eine Abneigung gegen Sr. Hoheit empfunden, und war dieselbe in seiner Person, in seinen Eigenschaften, oder sonst in irgend etwas, das ihn persönlich angeht, gegründet;

Antwort. Niemals.

Frage 12. Hat die Frau Gräfin niemals ein Gefühl dieser Art bei Sr. Exzellenz, dem Herrn Reichsmarschall, bemerkt?

Antwort. Niemals.

Frage 13. Hat jemals ein Vorfall stattgefunden, von welchem, nach der Einsicht der Frau Gräfin, vielleicht das Publikum einen Grund hat hernehmen können, zu glauben, daß zwischen Sr. Hoheit und der Frau Gräfin oder Sr. Exzellenz dem Herrn Reichsmarschall ein Mißverständnis vorhanden gewesen?

Antwort. Keinesweges.

Frage 14. Hat die Frau Gräfin oder der Herr Reichsmarschall je, durch eine Äußerung dem Publiko Veranlassung gegeben, zu glauben, daß dieselben die Hochachtung und das Wohlwollen, das Sr. Hoheit sich im ganzen Lande erworben hatten, nicht teilten?

Antwort. Niemals! Keine Äußerungen sind über unsere Lippen gekommen, als solche, die mit der allgemeinen Meinung über seine höchste Person übereinstimmten.

Frage 15. Gab es vielleicht Zusammenkünfte, die das Publikum glauben machen konnten, daß eine Verschwörung gegen das Leben Sr. Hoheit im Werke sei?

Antwort. Davon weiß ich nichts.

Frage 16. Hat die Frau Gräfin Kenntnis genommen von dem, im Publiko verbreiteten Gerücht, daß ein Anschlag, Sr. Königl. Hoheit Gift, in Kaffee, Pasteten, in der Suppe, oder im Tee, beizubringen, entworfen worden sei?

Antwort. Davon bin ich, durch das Gespräch der Stadt unterrichtet worden.

Frage 17. Bei der entsetzlichen Behandlung, die Sr. Exzellenz dem Herrn Reichsmarschall widerfahren ist, kann es der Frau Gräfin nicht verschwiegen geblieben sein, welche Meinung über den plötzlichen Tod Sr. Königl. Hoheit, im Publiko im Umlauf ist. Die Frau Gräfin weiß besser, als ich es ausdrücken kann, daß vor den Augen Gottes auch die geheimsten Dinge entfaltet sind. Ich bin beauftragt, dieselbe zu beschwören, bei Gott und ihrem Gewissen anzugeben, ob sie von irgend einem, sei es auch noch so geringen, Umstand Kenntnis hat, der Licht über den unbegreiflichen Tod Sr. Königl. Hoheit werfen kann.

Antwort. Ich kann nichts angeben, was darüber Licht verbreiten kann, denn ich bin, wie schon gesagt, ohne alle Kenntnis über dessen Ursach.

 

Über den Zustand der Schwarzen in Amerika

In dem Werk: A voyage to the Demerary, containing a Statistical account of the settlements there, and of those of the Essequebo, the Berbice and other contiguous rivers of Guyana, by Henri Bolingbroke, London, 1810, sind merkwürdige Nachrichten über den Zustand und die Behandlung der dortigen Neger enthalten.

»Während meines Aufenthalts zu Demerary«, sagt der Verfasser, »hatte ich Gelegenheit, mehrere Mal die Eigentümer der reichen Zuckerplantagen zu Reynestein zu besuchen. So oft ich dies tat, benutzte ich dieselbe, mich von dem Zustande und der Arbeit, welche den Negern, in diesen weitläuftigen Pflanzungen auferlegt ist, zu unterrichten. Von England hatte ich den Wahn mitgebracht, die Neger wären dergestalt gegen ihre Herren erbittert, daß diese schlechthin kein Zutrauen gegen sie hätten; das Leben eines Weißen glaubte ich einer ununterbrochenen Gefahr ausgesetzt und meinte, die Häuser der Europäer wären, aus Furcht und Besorgnis, lauter kleine Zitadellen. Wie groß war mein Erstaunen, zu finden, daß die Schwarzen zu Demerary selbst die Behüter ihrer Herren und ihres Eigentums sind!

Ich bemerkte, am Abend meiner Ankunft, mehrere große Feuer, welche auf manchen Punkten der Pflanzung, auf die Art, wie man einander Signale zu geben pflegt, angezündet waren. Auf meine betroffene Frage an den Holländer, der mich empfangen hatte: was dies zu bedeuten habe? antwortete er mir: daß dies eben soviel Negerposten wären, welche ausgestellt wären und sich ablösten, um, während der Nacht, die Diebstähle zu verhüten. Ich hörte sie, bis zum Anbruch des Tages, Patrouillen machen, und sich eine Art von Parole zurufen, wie in einem Lager (All's well!). Infolge dieser Maßregel stehen, während der Nacht, alle Türen der Häuser offen, ohne daß sich der mindeste Diebstahl ereignete.

Ich habe mehrere amerikanische Inseln, als Grenada, St. Christoph etc. besucht, und überall den Zustand der Neger nicht nur erträglich, sondern sogar so angenehm gefunden, als es, unter solchen Umständen, nur immer möglich ist.

Die Neger begeben sich, in der Regel, ein wenig vor Aufgang der Sonne, an ihre Arbeit; man gibt ihnen eine halbe Stunde zum Frühstücken und zwei Stunden zum Mittagsessen. Sie sind nicht träge bei der Arbeit, aber ungeschickt; und ein englischer Tagelöhner würde in einem Tage mehr leisten, als auch der fleißigste Schwarze.

Jeder Neger bekommt einen Quadratstrich Erdreichs, den er, nach seiner Laune und seinem Gutdünken, bewirtschaften kann. Sie gewinnen darauf, wenigstens zweimal des Jahrs, Mais, Ertoffeln, Spinat etc. Die geschickteren Ananas, Melonen etc. Alle Produkte, die sie auf ihren Feldern erzielen, haben sie das Recht, zu verkaufen; ein Erwerb, der bei weitem beträchtlicher ist, als der Erwerb auch des tätigsten Tagelöhners in Europa. Niemals sieht man, unter diesen Negern Bettler, oder Gestalten so elender und jämmerlicher Art, wie sie einem in Großbritannien und Irland begegnen.

Alle Schwarze werden in Krankheiten gepflegt; besonders aber die Weiber derselben während ihrer Niederkunft. Jedem Weibe, das in Wochen liegt, wird eine Hebamme und eine Wärterin zugeordnet; man fordert auch nicht die mindeste Arbeit von ihr, bis sie völlig wieder hergestellt ist. Überhaupt aber dürfen die Weiber nicht in schlechtem Wetter arbeiten: ein Aufseher, der zu strenge gegen sie wäre, würde weggejagt und nirgends wieder angestellt werden. Auf den Mord eines Sklaven steht unerbittlich der Tod.«

Seitdem die Engländer Meister vom holländischen Guyana sind, haben sie eine große Menge freier Schwarzen und Halbneger ins Land gezogen, welche (als Schuster, Schneider, Zimmermeister, Maurer) Professionen betreiben. Diese Menschen arbeiten anfänglich unter der Anleitung englischer und schottischer Meister; nachher werden sie selbst gebraucht, um die jungen Schwarzen zu unterrichten. Man hat bemerkt, daß diejenigen, die aus den Völkerschaften von Kongo und Elbo abstammen, geschickter und gelehriger sind, als die übrigen Afrikaner.

Der Verfasser war jedesmal bei der Ankunft eines Fahrzeuges mit Negern und bei dem Verkauf derselben gegenwärtig. Gewöhnlich sind auf Anstiften der Herren die Schwarzen alsdann in dem sogenannten Verkaufssaal versammelt; sie tanzen und singen, und man gibt ihnen zu essen. Der Verfasser bemerkte bei einer solchen Gelegenheit zwei Knaben unter den Angekommenen, die, ohne Teil an der Lustbarkeit zu nehmen, traurig und nachdenkend in der Ferne standen. Er näherte sich ihnen freundlich, und sprach mit ihnen; worauf der ältere von beiden, mehr durch Zeichen, als durch das schlechte Englisch, das er, während seiner Überfahrt, gelernt hatte, ihm zu verstehen gab: sein Kamerad habe eine entsetzliche Furcht davor, verkauft zu werden, weil er meine, daß man sie nur kaufe, um sie zu essen. Herr B. nahm den Knaben bei der Hand, und führte ihn auf den Hof; er gab ihm einen Hammer, und bemühte sich, ihm verständlich zu machen, daß man ihn brauchen würde, Holz, zum Bau der Schiffe und Häuser, zu bezimmern. Der Knabe tat, mit einem fragenden Blick, mehrere Schläge auf das Holz; und da er sich überzeugt hatte, daß er recht gehört habe, sprang er und sang, mit einer ausschweifenden Freude; kehrte aber plötzlich traurig zu Herrn B. zurück, und legte ihm seinen Finger auf den Mund, gleichsam, um ihn zu fragen, ob er auch ihn nicht essen würde. Herr B. nahm darauf ein Brot und ein Stück Fleisch, und bedeutete ihm, daß dies die gewöhnliche Nahrung der Europäer sei; er ergriff den Arm des Knaben, führte ihn an seinen Mund, und stieß ihn, mit dem Ausdruck des Abscheus und des Ekels, wieder von sich. Der junge Afrikaner verstand ihn vollkommen; er stürzte sich zu seinen Füßen, und stand nur auf, um zu tanzen und zu singen, mit einer Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, die Herr B. ein besonderes Vergnügen hatte, zu beobachten.

»Ich komme noch einmal«, sagt der Verfasser am Schluß, »zu meinem Lieblingsgedanken zurück, nämlich für die Erneuerung und den Wachstum der schwarzen Bevölkerung in den Kolonien der Inseln und des Kontinents von Amerika Sorge zu tragen. Man müßte Neger, welche während zwanzig Jahre Beweise von Treue und Anhänglichkeit in den europäischen Niederlassungen gegeben haben, nach den Küsten von Afrika zurückschicken. Ich zweifle nicht, daß diese Emissarien ganze Völkerschaften, die ihnen freiwillig folgten, mitbringen würden: so erträglich ist der Zustand der Neger in Amerika im Vergleich mit dem Elend, dem sie unter der grimmigen Herrschaft ihrer einheimischen Despoten ausgesetzt sind.«

 

Haydns Tod

Haydn verließ schon, seit dem Jahr 1800, hohen Alters wegen, die kleine Wohnung nicht mehr, die er in einer Vorstadt von Wien besaß. Seine Schwäche war so groß, daß man ihm ein eigenes Fortepiano, dessen Claven, vermittelst einer Vorrichtung, mit besonderer Leichtigkeit zu rühren waren, erbauen mußte. Er bediente sich dieses Instruments, schon seit 1803, nicht mehr, um zu komponieren, sondern bloß, die Öde seiner alten Tage, wenn er sich dazu aufgelegt fühlte, zu erheitern. Freunde, welche kamen, sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen, fanden, statt der Antwort, an der Tür eine Karte befestigt, auf welcher folgender Satz, aus einem seiner letzten Gesänge, in Kupfer gestochen war:

»Meine Kraft ist erloschen, Alter und Schwäche drücken mich zu Boden.«

Inzwischen hatte sich, während des Winters von 1808, in den ersten Häusern von Wien, eine Gesellschaft gebildet, welche Sonntags, vor einer zahlreichen Versammlung, die Werke der großen Musikmeister aufführte. Einer der geschmackvollsten und prächtigsten Säle der Stadt, der in seinem Raum wenigstens fünfzehnhundert Menschen faßte, war der Schauplatz dieser musikalischen Festlichkeit; Damen und Herren vom ersten Rang fanden sich darin ein, teils um der Konzerte und Oratorien, die man gab, zu genießen, teils selbst an der Ausführung derselben, begleitet von den geschicktesten Meistern der Stadt, Anteil zu nehmen. Am Schluß des Winterhalbenjahrs, den 27. März 1808, entschloß sich die Gesellschaft, Haydns Schöpfung aufzuführen. Man erhielt von Haydn, in einem heiteren Augenblick, das Versprechen, daß er sich dabei einfinden würde: und alles, was Gefühl für Musik und Ehrfurcht für Verdienst und Alter hatte, beeiferte sich dem gemäß, an diesem Tage gegenwärtig zu sein. Zwei Stunden vor Anfang des Konzerts war der Saal bereits voll; in der Mitte ein dreifacher Rang von Sesseln, mit den ersten Virtuosen der Stadt, Männern wie Salieri, Gyrowetz, Hummel etc. besetzt; vorn ein Sessel von noch größerer Auszeichnung, bestimmt für Haydn, der nicht ahndete, welch ein Triumph seiner wartete.

Kaum war das Zeichen seiner Ankunft gegeben, so steht, in unbesprochener Übereinkunft, wie durch einen elektrischen Schlag, alles auf; man drängt, man erhöht sich, um ihn zu sehen, und alle Blicke sind auf die Türe gerichtet, durch die er eintreten soll. Die Prinzessin von Esterhazy, an der Spitze einer Versammlung von Personen von der ersten Geburt oder seltnem, vorzüglichem Talent, erhebt sich und geht ihm, um ihn zu empfangen, bis an den Fuß der Treppe entgegen. Der rühmwürdige Greis, auf einem Sessel getragen, erscheint unter der Tür; er kömmt, unter Vivatrufen und Beifallklatschen, vom Tusch aller Instrumente begrüßt, auf dem für ihn bestimmten Sessel an. Die Prinzessin von Esterhazy nimmt Platz zu seiner Rechten, der Autor der Danaiden zu seiner Linken; die Prinzen von Trautmannsdorf, Lobkowitz, mehrere auswärtige Gesandte usw. folgen; und es erscheinen zwei Damen, welche ihm, im Namen der Gesellschaft, zwei Gedichte überreichen, das eine ein Sonett, in italienischer Sprache, gedichtet von Carpani, das andere eine Ode, in deutscher Sprache, gedichtet von Collin.

Haydn, der diesen Empfang nicht vorhergesehen hatte, gebrach es, einfach und bescheiden, wie er war, an Worten, das Gefühl, das ihn ergriff, auszusprechen. Man hörte nur einzelne, von Tränen unterbrochene, Laute von ihm: »Niemals – niemals empfand ich –! Daß ich in diesem Augenblick sterben möchte –! Ich würde glücklich in die andere Welt hinüber schlummern!«

In eben diesem Augenblick wird von Salieri, der das Konzert dirigierte, das Zeichen zum Anfang desselben gegeben; Kreuzer am Flügel, Clementi (mit der ersten Violine), Weinmüller, Radichi, und eine Auswahl von Liebhabern, beginnen, mit bewundernswürdiger Einheit und Innigkeit, die Aufführung der Haydnschen Schöpfung. Vielleicht ist dies Werk noch nie in solcher Vollkommenheit exekutiert worden; die Talente übertrafen sich selbst, und die Zuhörer empfanden, was sie nie wieder empfinden werden. Haydn, dessen Herz, alt und schwach, von Gefühlen überwältigt ward, zerfloß in Tränen, er vermochte nichts, als seine Hände, sprachlos, zum Zeichen seiner Dankbarkeit, gen Himmel zu heben.

Inzwischen hatte das Gefühl, das dieses Fest anordnete, vorausgesehen, was es der Gesundheit des ehrwürdigen Greises, durch die damit verbundenen Erschütterungen, kosten konnte: und schon zu Ende des ersten Akts erschien der Tragsessel wieder, der ihn zurückbringen sollte. Haydn winkte den Trägern, sich zu entfernen, um keine Störung im Saal zu veranlassen; aber man drang in ihn, sich nach Hause zu begeben, und so ward er mit demselben Triumph, obschon nicht mehr mit dem Ausdruck ungetrübter Heiterkeit, mit welchem er erschienen war, wieder weggebracht.

Jedes Herz glaubte, als er den Saal verließ, ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

Im Vorzimmer streckte er noch einmal die Hände über die Versammlung aus, gleichsam um sie zu segnen; und ein Vorgefühl von Trauer trat an die Stelle der frohen Begeisterung, mit welcher man ihn empfangen hatte.

Dies Vorgefühl war nur zu gerecht. Haydn, in seine Wohnung angekommen, hatte das Bewußtsein verloren; und zwei und einen halben Monat darauf (den 31. Mai) war er tot.

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