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Kriegsbuch

Klabund: Kriegsbuch - Kapitel 4
Quellenangabe
typeshortstory
authorKlabund
titleKriegsbuch
publisherPhaidon
year1930
senderhille@abc.de
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Mein Bruder erzählte

Weißt du, daß von den Verwundeten, die aus der Front zurückkehren, keiner mehr singen will? Wir haben eine ganze Anzahl Leichtverwundeter, die schon wieder Garnisondienst tun, in der Kompagnie, aber wenn wir singen: 'Drei Lilien' oder 'Heimat, o Heimat, ich muß dich verlassen...', schweigen sie und haben große Augen. Die beiden Reber – du kennst sie doch? die Söhne vom Hauptlehrer Reber – stehen schon im Feld ... in Galizien oder Polen ... und haben fünf Tage nichts als rohe Rüben gegessen ... Hans ist am 28. Oktober nach Belgien gekommen. Kaum auswaggoniert, mußten sie bei Dixmuiden zum Sturm vor. Dreimal in 36 Stunden. Dixmuiden brodelte wie der Hexenkessel in Goethes 'Faust'... Hans ist verwundet ... Bauchschuß... Er ist schon wieder zurück und liegt im Lazarett ... Ich habe ihn gestern besucht ... Sie lagen zu zwölfen im Zimmer, und einer saß auf dem Bettrand und spielte Harmonika. Es war ein Pole, und er spielte eine schwermütige Melodie. Einige lasen Zeitung und einem, dem der Kopf ganz verpackt war, flößte die Schwester durch eine Glasröhre warme Milch ein. Er lächelte dankbar ... Hans' Aussehen hat sich derartig verändert, daß ich ihn kaum wiedererkannte und betroffen anstarrte. »Guten Tag, Hans.« »Guten Tag, Jochen.« »Wie geht's?« »Man so.« Sein Gesicht war blaßblau, gläsern, etwa wie das Weiße eines gekochten Kiebitzeis. Seine Augen brannten in einem fremden Feuer, und ein kleiner blonder Bart hing in Fransen um sein Gesicht ... Ich habe einmal in Berlin einen bulgarischen Offizier gesehen, der die beiden Balkankriege mitgemacht hatte. Ich wußte nicht, weshalb er so tote weiße Augen machte. Jetzt weiß ich es ... Hans sagte: »Ich habe viel erlebt.« Bei dem Wort »erlebt« stutzte er, dachte nach und meinte: »Man müßte eigentlich sagen: ersterben, statt erleben ... Und ich war nur zwei Tage draußen.« Er drehte sich zur Wand. »Als wir mit fiebernden Händen die Bajonette aufpflanzten ... wir waren zum erstenmal im Feuer ... wir gingen gegen englische Kerntruppen wie die Teufel los ... Aber niemand schrie hurra ... Willst du mir das glauben? ... Die Schrapnells platzten wie Mehlsäcke ... die Granaten zischten, als strichen Millionen Geiger über das höchste Fis ... die Maschinengewehre gackerten wie überlaute Hennen ... und einer von uns schrie, schrie sein ganzes Herz hinaus: 'Mutter!' Und wie ein Echo rollte dieser Schrei unsere Reihen entlang ... Mutter! ... Mutter! ... Mutter! ... Unter diesem Kampfruf, immer wilder, immer heftiger hinausgestoßen, rannten wir gegen die feindlichen Stellungen... Und wir nahmen sie... Ich weiß nicht, wie lange ich so gelaufen bin ... Jahre müssen vergangen sein ... meine Beine stampften wie eine Maschine ... Auf einmal bekam ich einen Schlag gegen den Bauch, brüllte noch: 'Du verfluchter Hund' und fiel um ... Ich erwachte auf einer Tragbahre, sah ein rauchgeschwärztes Dorf, und einen belgischen Pfarrer in Soutane an einem Baum hängen ... Dann schlief ich wieder ein ... Und wieder nach vielen Jahren erwachte ich hier ... Ich muß so alt geworden sein... Grüße Lilly von mir, sie möchte mich besuchen, wenn es ihre Eltern erlauben ... Wie schade, daß wir uns nicht werden heiraten können, und daß ich kein Kind von ihr haben werde.« Dann drehte er sich wieder von der Wand weg, gab mir die Hand und sagte: »Adieu.« Ich schnallte mein Koppel um, der Pole spielte wieder auf seiner Mundharmonika, und ich ging so leise, wie ich's mit meinen Kommißstiefeln fertig brachte. Hans ist nicht älter als ich. Siebzehn Jahre. Er wird sterben. Was er sagte, hat mich sehr nachdenklich gestimmt, besonders, daß er gern ein Kind haben möchte. Aber ich begreife es. O, wie sehr ich es begreife. Ich bin ja zum letztenmal auf Urlaub hier. Nächste Woche muß ich hinaus. Nach Ostpreußen. Oder nach Arras. Wie es der Zufall schickt. Dann grüße Ruth von mir und erzähle ihr das, was Hans mir von Lilly erzählt hat.

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