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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Der Kaiser war langsam in sein Kabinett zurückgekehrt, und unmittelbar darauf öffnete der Kammerdiener dem Grafen Ignaz Gurowsky die Tür.

Dieser Mann, welcher nach langem Widerstreben von seiten der Königin Christine endlich dennoch die Einwilligung zu seiner Vermählung mit der Infantin Isabella, der Schwester des Königs Francisco d'Assisi, erhalten hatte, mochte damals etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sein bleiches, vornehmes Gesicht zeigte noch die Spuren früherer großer Schönheit, doch war es von 157 Leidenschaften zerrissen, und die früher reinen und scharfen Züge zeigten schlaffe und welke Linien. Die dunklen Augen lagen etwas zurückgesunken im Kopf, in ihren Blicken lag eine gewisse apathische Gleichgültigkeit, welche jedoch bei lebhafter Erregung einem Ausdruck von List und scharfer Beobachtung wich.

Der Graf trug einen schwarzen Salonanzug mit dem blauen Bande und dem Stern vom Orden Karls III. Seine sichere, ruhige Haltung und seine geschmeidigen Bewegungen zeugten von seiner langjährigen Gewohnheit, auf dem Parkett der Höfe sich zu bewegen.

Er verneigte sich tief vor dem Kaiser, der ihn mit einer gewissen zeremoniellen Zurückhaltung begrüßte; er setzte sich auf seinen Wink ihm gegenüber und sagte in einem durchaus reinen, aber die Konsonanten etwas scharf betonenden Französisch:

»Ich habe mir erlaubt, Eure Majestät um Audienz zu bitten, um Ihnen, Sire, einen Gedanken mitzuteilen, welcher in mir aufgetaucht ist bei dem sorgsamen Nachsinnen über die Zukunft des spanischen Königshauses, zu welchem in so nahen Beziehungen zu stehen ich die außerordentliche Ehre habe.«

»Alles, was das Schicksal der Königin betrifft,« erwiderte der Kaiser mit verbindlicher Höflichkeit, ohne daß jedoch ein Ausdruck lebhaften Interesses auf seinem Gesicht erschien, – »alles, was das Schicksal der Königin betrifft, wird stets meine höchste Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, – Ihre Majestät war meine erhabene Verbündete, – sie ist jetzt der Gast Frankreichs, und ihr Schicksal muß mir daher nahe am Herzen liegen.«

»Ich glaube«, sagte der Graf Gurowsky, »den Weg gefunden zu haben, auf welchem die Zukunft des königlichen Hauses sich günstig gestalten läßt und auf welchem vielleicht auch für ganz Europa und den allgemeinen Frieden unseres Weltteils vortreffliche Resultate erzielt werden können. Ich habe mich entschlossen, nach genauer Überlegung mit der Infantin Isabella und dem König Don Francisco, in der Richtung tätig vorzugehen, welche sich meinem Geist geöffnet hat. Doch möchte ich dies nicht 158 tun, ja, ich kann es nicht tun, wenn Eure Majestät nicht damit einverstanden sind.«

Der Kaiser sah einen Augenblick wie erstaunt zu dem Grafen hinüber, fast wie ein mitleidiges Lächeln zuckte es um seine Lippen. Dann sagte er mit ruhiger, kalter Höflichkeit:

»Ich bitte Sie also, Herr Graf, mir Ihre Ideen und Ansichten mitzuteilen, damit ich imstande bin, zu beurteilen, ob und inwieweit ich bei der Ausführung derselben mitzuwirken vermag.«

»Verschiedene Personen,« sagte Graf Gurowsky, »welche der Sache des königlichen Hauses sehr ergeben sind, haben mir von Spanien aus mitgeteilt, daß sie Anzeichen bemerkt haben wollen, nach welchen die Personen, die an der Vertreibung der Königin vorzugsweise Anteil genommen haben und gegenwärtig die Regierung des Landes in ihren Händen halten, ganz besonders auf die Unterstützung der preußischen Regierung glauben rechnen zu dürfen.«

Ein schneller Blitz leuchtete in den Augen des Kaisers auf, er beugte sich ein wenig vor, seine Mienen drückten gespannte Aufmerksamkeit aus, der Vortrag des Grafen, den er bisher aus höflicher Rücksicht angehört zu haben schien, gewann augenscheinlich Interesse für ihn.

Der Graf Gurowsky fuhr fort:

»Daß der Erhebung in Spanien, neben dem Ehrgeiz und persönlichen Beweggründen ihrer Führer, auch ganz besonders eine feindliche Tendenz gegen Frankreich zugrunde lag, ist mir nie zweifelhaft gewesen. Die Allianz zwischen Frankreich und Spanien, welche gerade in dem Augenblick jener Erhebung besiegelt werden und tätig ins Leben treten sollte, schien mir mindestens ebensosehr Veranlassung jener Revolution zu sein, als die inneren Zustände Spaniens.«

Der Kaiser neigte ein wenig den Kopf und senkte die Blicke vor den scharfen, beobachtenden Augen des Grafen zu Boden.

»Jene Allianz zwischen Eurer Majestät und der Königin Isabella,« fuhr der Graf Gurowsky in einem Tone fort, als spräche er von der natürlichsten und bekanntesten Sache 159 der Welt, – »jene Allianz mußte ganz besonders in Preußen und Italien unangenehm berühren, und es liegt daher auch ohne die mir mitgeteilten Beobachtungen auf der Hand, bei den Regierungen dieser beiden Länder eine Unterstützung oder wenigstens eine günstige Beurteilung der revolutionären Erhebung vorauszusetzen.«

»Sie glauben,« fragte der Kaiser leichthin, »daß die preußische Regierung bei jener Erhebung beteiligt gewesen sei, daß sie dieselbe begünstigt habe?«

»Dies zu behaupten, bin ich nicht in der Lage,« sagte der Graf, »indessen hat eine jede Regierung außerhalb ihrer offiziellen Stellung und Tätigkeit eine große Menge von Mitteln zur Verfügung, um Ereignisse zu begünstigen, welche ihr nützlich sind und ihren Feinden schaden, und von einem Staatsmann wie Graf Bismarck muß man voraussetzen, daß ihm solche Mittel in hohem Maße zu Gebote stehen und daß er mit besonderer Geschicklichkeit und Energie dieselben zu verwenden versteht. Doch, wie dem auch sei,« fuhr er fort, während der Kaiser wieder mit gesenktem Haupt dasaß, »jedenfalls bin ich überzeugt, daß die preußische Regierung den gegenwärtigen Zustand in Spanien nicht ungern sieht und gewiß nichts dazu beitragen wird, um demselben ein Ende zu machen und dem königlichen Hause, das man als einen Verbündeten Frankreichs ansieht, den Weg zur Wiedergewinnung seines Thrones zu ebnen.«

»Es wird zunächst«, sagte der Kaiser, ohne sich aus seiner Stellung zu erheben, »die Sache der Königin sein, ihre Anhänger im Lande zu einer entschiedenen Tätigkeit zu vereinigen, Einfluß auf die Cortes und die Armee zu gewinnen, und wenn dadurch die Restauration vorbereitet ist und im Lande selbst Boden gewonnen hat, dann werden auswärtige Regierungen schwerlich imstande sein, dieselbe zu verhindern, selbst wenn sie ein Interesse daran hätten, wie Sie, Herr Graf, vorauszusetzen Grund haben.«

»Gewiß, Sire,« sagte der Graf, »wird es zunächst die Sache der Partei des königlichen Hauses sein, demselben den Weg zum Thron zu ebnen, aber dabei fällt die moralische Zuversicht sehr schwer ins Gewicht. Wenn, wie jetzt, die Anhänger des königlichen Hauses mutlos, die Führer der 160 revolutionären Regierung dagegen stolz und siegesgewiß sind, weil sie glauben, daß die moralische und indirekte Unterstützung auswärtiger Mächte ihrer Sache zur Seite stehen, so ist es sehr schwer, eine Partei zu organisieren, noch schwerer aber, sie zu einer wirklich nachhaltigen und konsequenten Arbeit anzutreiben.«

»Ich vermag kaum zu glauben,« sagte der Kaiser, »daß die Sympathie oder Antipathie auswärtiger Mächte einen solchen Einfluß auf die Verhältnisse in Spanien auszuüben imstande wäre. Sie haben von Preußen und Italien gesprochen,« fuhr er fort, indem er das Auge langsam zu dem Grafen aufschlug, – »weder Preußen noch Italien sind in der Lage, irgendeine unmittelbare Einwirkung auf Spanien ausüben zu können. Die einzige Macht, die dazu imstande wäre,« fuhr er, den Kopf stolz erhebend, fort, »ist Frankreich, – Frankreich wird sich, seinem stets festgehaltenen Grundsatz getreu, gewiß nicht in die inneren Angelegenheiten Spaniens mischen, aber jedermann in Spanien weiß, daß Frankreich, daß ich die Wiederaufrichtung des Thrones der Königin Isabella mit Freuden begrüßen würde. Der mächtigste, ja der einzige Einfluß, der von außen kommen kann, scheint mir daher zugunsten der Königin in die Wagschale zu fallen und nur geeignet zu sein, ihren Anhängern Mut und Entschlossenheit einzuflößen.«

Der Graf schwieg einen Augenblick. Eine leichte Verlegenheit zeigte sich auf seinem Gesicht. Dann sprach er langsam, als suchte er bei jedem Satz geeignete Worte, um seine Gedanken auszudrücken:

»Eure Majestät haben soeben vollkommen richtig hervorgehoben, daß Preußen und Italien sehr wenig Möglichkeit haben, unmittelbar in die Verhältnisse Spaniens einzugreifen; dennoch aber stehen, wie ich schon die Ehre hatte zu bemerken, großen Regierungen stets zahlreiche Mittel zu Gebote, um auf indirekte Weise ihre Ziele zu verfolgen und ihre Interessen zu fördern. Davon aber abgesehen, ist es eine Tatsache, daß der Name des preußischen Ministerpräsidenten mit einer Art von zauberhaftem Nimbus umgeben ist. Man hat sich daran gewöhnt, dem Grafen 161 Bismarck eine gewisse Allgewalt und Allmacht zuzuschreiben, und dieses Gefühl, das in der Ferne noch stärker ist als in der Nähe, erregt in der Politik fast überall Scheu, diesem fast abergläubisch Gefürchteten entgegenzutreten.«

Das bleiche Gesicht des Kaisers überzog sich einen Augenblick mit dunkler Röte.

Der Graf Gurowsky schien es nicht zu bemerken und fuhr fort:

»Wenn also, wie das in Spanien der Fall ist, in weiten Kreisen die Meinung herrscht, daß der Graf von Bismarck der gegenwärtigen Regierung und eventuell einer Thronkandidatur des Herzogs von Montpensier günstig sei, so werden Eure Majestät nicht verkennen, daß eine solche Meinung jede ernste und nachdrückliche Tätigkeit zugunsten des königlichen Hauses ganz außerordentlich erschwert.«

»Montpensier,« sagte der Kaiser schnell, mit einem scharfen, brennenden Blick den Kopf emporrichtend, – »Montpensier? Sie glauben, daß die preußische Regierung geneigt sein könnte, eine Kandidatur des Herzogs von Montpensier zu unterstützen?«

»Man glaubt es in Spanien, wie mir berichtet wird, vielfach,« erwiderte der Graf Gurowsky, »und wenn Eure Majestät die Situation genau in Erwägung ziehen wollen, so werden Sie finden, daß die preußische Regierung von ihrem Standpunkt aus nichts Besseres und Geschickteres tun kann, als den Herzog von Montpensier zu unterstützen und ihm, wenn es irgend möglich ist, den Weg zum spanischen Thron zu ebnen. – Eure Majestät werden nicht verkennen, daß diese große Rivalität, welche zwischen Frankreich und Preußen seit der Schlacht von Sadowa entstanden ist, unzweifelhaft früher oder später zu einem gewaltigen Zusammenstoß führen muß, wenn nicht auf irgendeine Weise die bestehenden Differenzen definitiv gelöst werden.«

»Ich bin unausgesetzt bestrebt,« sagte der Kaiser ruhig, »den Frieden zu erhalten und sehe kaum eine Frage am politischen Horizont, aus welcher der Krieg hervorgehen könnte.«

»Es ist keine bestimmte Frage,« erwiderte der Graf, »welche zwischen Preußen und Frankreich steht, die beiden 162 Mächte müssen nach meiner Überzeugung aufeinanderstoßen, weil Frankreich einen solchen Zuwachs von Macht, wie Preußen ihn bereits erworben hat, nicht ruhig mit ansehen kann, ohne daß es seinerseits Garantien gewinnt, auch dieser neuen Macht gegenüber seine alte Position behaupten zu können. Daraus, Sire, muß, wie ich überzeugt bin, trotz aller Bemühungen Eurer Majestät für die Erhaltung des Friedens, dennoch endlich mit Notwendigkeit der Krieg entstehen. Man ist in Berlin jedenfalls von dieser Notwendigkeit auch durchdrungen, und ich würde es nur sehr natürlich finden, wenn man dort für einen solchen Fall Vorkehrungen trifft. Eure Majestät erinnern sich,« fuhr er fort, »daß Preußen, bevor es Österreich angriff, sich zunächst das Bündnis Italiens sicherte, um dem Gegner von der anderen Seite ebenfalls einen Feind entgegenzustellen und seine Kräfte zu teilen. Spanien könnte unter Umständen Frankreich gegenüber dieselbe Rolle übernehmen, welche Italien seinerzeit gegen Österreich spielte, und es liegt deshalb im besonderen Interesse der preußischen Politik, daß in Spanien eine frankreichfeindliche Regierung herrscht. Ich glaube nun, daß Eure Majestät kaum eine Regierung in Spanien sich denken können, welche Ihnen feindlicher wäre, als diejenige des Herzogs von Montpensier. Setzen Eure Majestät voraus, daß der Moment des Kampfes mit Deutschland käme und daß in dem Augenblick der Herzog von Montpensier König von Spanien wäre, während zu gleicher Zeit in Belgien, diesem bedeutungsvollen Grenzlande, ebenfalls die orleanistischen Einflüsse maßgebend wären, und während Italien nur den günstigen Augenblick erwarten würde, um sich auf Rom zu stürzen, – so werden Eure Majestät selbst ermessen, wie ein solches Verhältnis die Lage Frankreichs erschweren und seine Kraftanstrengungen lähmen würde.«

Der Kaiser hatte mit niedergeschlagenen Augen, langsam seinen Schnurrbart streichend, zugehört, – er blickte jetzt von untenherauf in das Gesicht des Grafen und sprach:

»Wenn es nur wahr wäre, daß Preußen vielleicht ein Interesse an der orleanistischen Regierung in Spanien haben könnte, – wenn es wahr wäre, daß man dort geneigt 163 sei, den Herzog von Montpensier soviel als möglich zu unterstützen, so bin ich sehr gespannt zu hören, wie Sie, Herr Graf, gerade auf diese Umstände einen Plan zur Wiedererrichtung des Throns der Königin Isabella begründen können.«

»Sire,« erwiderte der Graf, – »so sehr ich überzeugt bin, daß Eure Majestät ernsthaft und aufrichtig an der Erhaltung des Friedens arbeiten, ebensosehr glaube ich auch, daß Graf Bismarck nach demselben Ziele strebt. Die Notwendigkeit des Kampfes zwischen Frankreich und Preußen wird nur dann eintreten, wenn eine Verständigung zwischen beiden Mächten nicht erfolgt, das heißt, wenn Frankreich sich der Vereinigung Deutschlands unter preußischer Führung widersetzt, und wenn Preußen seinerseits Frankreich einen angemessenen Preis für dessen Zustimmung zu seiner deutschen Politik verweigert, den zu gewähren im Interesse beider Mächte liegt. – Es ist mir nun die Idee gekommen, Sire,« fuhr er fort, während der Kaiser mit immer lebhafterer Aufmerksamkeit zuhörte, – »es ist mir nun die Idee gekommen, da in diesem Augenblick die politischen Interessen Frankreichs und Preußens sich am unmittelbarsten und schärfsten in Spanien durchkreuzen, gerade diese Frage zum Ausgangspunkt der Verhandlungen zu nehmen, welche nicht nur die unmittelbar schwebende Frage erledigen, sondern auch die gespannte Situation in Europa zum Heile der des Friedens so bedürftigen Völker ändern könnte.«

»Und wie das?« fragte der Kaiser schnell.

»Ich habe daran gedacht, Sire,« erwiderte der Graf, »im Namen des königlichen Hauses von Spanien mich nach Berlin zum Grafen Bismarck zu begeben und seine Unterstützung für die Wiederaufrichtung des königlichen Thrones zu erbitten.«

»Sie haben mir soeben«, fiel der Kaiser ein, »mit vielem Scharfsinn plausibel gemacht, daß Preußen ein viel größeres Interesse daran habe, den Herzog von Montpensier zum König von Spanien zu machen und meinen orleanistischen Feinden einen festen Stützpunkt jenseits der Pyrenäen zu geben.«

164 »Gewiß, Sire,« erwiderte Graf Gurowsky, »doch hört das Interesse auf, sobald zwischen Frankreich und Preußen kein Grund zu kriegerischen Verwickelungen mehr besteht, sobald diese beiden Mächte sich verständigt und womöglich zu einer festen, Europa beherrschenden Allianz vereinigt haben. Eine solche Verständigung, eine solche Allianz wird aber kaum durch direkte Verhandlungen herzustellen sein, da jede der beiden Mächte es vermeidet und vermeiden muß, eine so delikate Frage unmittelbar anzuregen.«

»Die Frage ist schon oft angeregt,« sagte der Kaiser rasch, als ob seine Gedanken unwillkürlich zum Ausdruck kämen, »sie hat aber niemals zu einem Resultat geführt.«

»Vielleicht«, fiel der Graf ein, »weil es an dem vermittelnden Elemente fehlte und weil ohnehin nicht mit voller, rückhaltloser Aufrichtigkeit von beiden Seiten verfahren wurde. Außerdem steht die Frage mit jedem Augenblick für Frankreich günstiger, weil Frankreich in jedem Augenblick mächtiger wird. Und«, fuhr er fort, »ich möchte Eure Majestät um die Erlaubnis bitten, meinerseits den Versuch zu machen, auf Grund der spanischen Angelegenheit und indem ich dem mir so nahestehenden königlichen Hause einen Dienst leiste, nochmals an diese große Frage heranzutreten.«

»Ich verstehe noch immer nicht,« sagte der Kaiser, »wie das sein sollte. Und jedenfalls«, fügte er mit kalter Höflichkeit hinzu, »bedürfen Sie zur Vertretung der Interessen der Königin nicht meiner Erlaubnis.«

»Dennoch, Sire,« sprach der Graf, »ist Eurer Majestät Erlaubnis oder vielmehr Ihre Billigung meines Gedankens die einzige Bedingung der Ausführung desselben. Wenn ich dem Grafen Bismarck sagen könnte,« fuhr er fort, »daß Eure Majestät wünsche, mit ihm gemeinschaftlich und unter Anwendung aller derjenigen Mittel, welche den beiden ersten Mächten Europas zu Gebote stehen, dahin zu wirken, daß die innere Unruhe in Spanien durch die Thronbesteigung des Prinzen Alphons von Asturien und unter der Regentschaft der gegenwärtigen Machthaber beendet würde, und daß Eure Majestät geneigt sei, wenn Preußen zu einem solchen Zusammenwirken die Hand böte, sich mit dem Grafen 165 Bismarck über die Errichtung eines gesamten deutschen Bundes unter preußischer Führung zu verständigen und mit diesem preußischen Deutschland ein festes Bündnis zur Erhaltung des europäischen Friedens und zur Leitung der europäischen Politik zu schließen, – dann, Sire, bin ich überzeugt, daß ich in Berlin Gehör finden würde, und daß ich nicht nur der königlichen Familie ihren Thron retten, sondern auch dazu beitragen würde, eine der wesentlichsten Ursachen der gegenwärtigen allgemeinen Unruhe und Unsicherheit zu beseitigen.«

Der Kaiser blickte ein wenig erstaunt den Grafen an.

»Ich sollte im voraus die Einigung Deutschlands unter Preußen gutheißen,« sagte er, »um im Einverständnis mit dem Kabinett von Berlin für die Restauration des spanischen Thrones zu wirken? So aufrichtig,« fuhr er fort, »als mich eine solche Restauration freuen würde, so vermag ich doch nicht einzusehen, wo die für Frankreich so notwendigen Garantien und Kompensationen zu finden sein würden, welche die öffentliche Meinung jetzt schon verlangt und welche sie bei einer definitiven Einigung des ganzen Deutschlands um so gebieterischer fordern würde.«

»Eine befreundete und zuverlässige Regierung Spaniens, Sire,« erwiderte Graf Gurowsky, »ist für Frankreich von einer sehr ernsten Bedeutung, wie ja auch die französische Geschichte zeigt, daß zu allen Zeiten die klügsten Regenten dieses Landes alles aufgeboten haben, um den französischen Einfluß auf der Pyrenäischen Halbinsel fest zu begründen. Außerdem würde es aber an Eurer Majestät sein, – wenn Sie überhaupt den Gedanken einer Vermittlung mit Preußen durch die spanische Frage billigen, Ihrerseits noch diejenigen Punkte anzudeuten, welche hinzutreten müßten, um den Zielen der preußischen Politik in Deutschland die französische Zustimmung zu gewähren. Es würde dann von meinem Standpunkt aus diese so delikate Angelegenheit auf eine völlig diskrete, nach keiner Seite hin kompromittierende Weise angeregt und zu gegenseitigem Meinungsaustausch geführt werden können.«

Der Kaiser dachte einige Zeitlang schweigend nach. Seine Züge erhellten sich, er schien in dem Gedanken des Grafen 166 Gurowsky etwas zu finden, was mit seinen Ideen harmonierte.

»Sie meinen also,« sagte er dann, »daß die orleanistischen Beziehungen auch Belgien zu einem für Frankreich gefährlichen Nachbar machen?«

»Eure Majestät werden noch besser wissen wie ich,« erwiderte Graf Gurowsky, »wie weit verzweigt die Beziehungen der Familie Orleans sind, und wie alles, was mit derselben zusammenhängt, nur daran denkt, dem kaiserlichen Frankreich zu schaden und die Macht Eurer Majestät nach innen und nach außen zu schwächen.«

»Ganz recht,« sagte der Kaiser, den Arm auf das Knie stützend und den Kopf leicht seitwärts neigend, – »ganz recht, darum ist es gewiß sehr nützlich für Frankreich, wenn die Errichtung eines orleanistischen Thrones in Spanien verhindert wird, und wenn man in Berlin dazu die Hand bieten würde, so bin ich meinerseits ebenfalls zu Zugeständnissen an die dortigen Wünsche geneigt. Aber«, fuhr er fort, »es müßte dann auch mit Konsequenz den orleanistischen Umtrieben entgegengetreten werden, wo sich dieselben auch immer zeigen mögen. Man kann ja«, fügte er halbleise hinzu, »Belgien nicht so ohne weiteres verschwinden lassen. Aber wenn Preußen einen deutschen Föderativstaat bildet, wenn es die übrigen Staaten durch militärische und Handelsverträge an sich kettet und mit seinen Interessen vollständig vereinigt, so kann man auch dort unmöglich etwas dagegen haben, wenn ich diejenigen Gebiete, welche ganz zweifellos in der Sphäre der französischen Macht liegen, durch ähnliche Verträge mit den Interessen Frankreichs verbinde. Wenn dies zum Beispiel mit Belgien geschähe, so würden alle Beziehungen, welche die Orleans zu der dortigen Dynastie haben, keinen Schaden tun können, – das wäre«, sprach er langsam, indem er jedes Wort nachdenklich zu suchen schien, – »das wäre vielleicht ein Programm, auf welchem sich eine Verständigung mit Preußen begründen ließe: die Ausschließung der Thronkandidatur des Herzogs von Montpensier für Spanien, dafür möglichste Begünstigung des Prinzen von Asturien und Genehmigung von militärischen und Handelsverträgen zwischen Frankreich, 167 Belgien und Holland, – wobei dann auch der Ankauf der luxemburgischen Bahn wieder in Frage kommen würde, – einem solchen Programm gegenüber könnte ich es verantworten, dem preußischen Vordringen in Deutschland kein Hindernis zu bereiten und einen gesamtdeutschen Bund unter preußischer Führung aufrichten zu lassen, – ja vielleicht aufrichten zu helfen

»Und Eure Majestät würden mir erlauben«, fragte der Graf lebhaft, »es in Berlin auszusprechen, daß ein solches Programm Ihre Genehmigung gefunden habe und daß auf dasselbe basierte Verhandlungen zu günstigen Resultaten und zu einer definitiven Verständigung zwischen Frankreich und Preußen führen könnten?«

»Spezielle Verhandlungen«, erwiderte der Kaiser, »würden vielleicht noch verschiedene besondere Punkte zur Erörterung bringen, über welche ich jetzt noch keine endgültige Ansicht aussprechen kann. Im allgemeinen aber würden nach meiner Überzeugung diejenigen Ideen, über welche wir uns soeben unterhalten haben, wohl geeignet sein, die Grundlage einer Verständigung, ja vielleicht auch eines festen Bündnisses zwischen Frankreich und Preußen zu bilden.«

»Dies Wort Eurer Majestät genügt mir,« sagte der Graf, »ich hoffe, daß ich auch in Berlin ein so entgegenkommendes Verständnis finden werde.«

»Sie wollen nach Berlin gehen?« fragte der Kaiser. »Weiß die Königin von Ihrem Schritt und hat sie Ihnen die Autorisation gegeben, denselben zu unternehmen?«

»Ich habe mit Ihrer Majestät nicht davon gesprochen,« erwiderte Graf Gurowsky, »ich glaube auch, daß es zweckmäßiger sein möchte, zunächst zu erforschen, ob meine Pläne überhaupt Aussicht auf Realisierung haben, um dieselben dann der Genehmigung Ihrer Majestät zu unterbreiten. Die Königin«, fuhr er fort, »weigert sich bis jetzt, wie Eure Majestät wissen werden, auf das bestimmteste, auf ihre Rechte zu verzichten, jedenfalls will sie zuvor die Garantie haben, daß durch ihre Abdikation dem Prinzen von Asturien der Thron wirklich gesichert werde, – bevor man der Königin diesen Nachweis führen kann, wird es unmöglich sein, sie zur Unterzeichnung der Abdankungsurkunde zu bewegen. 168 Ich glaube daher, daß es am besten ist, der Königin von der ganzen Sache erst dann Mitteilung zu machen, wenn ich ihr zugleich sagen kann, daß die beiden ersten Mächte Europas, daß Frankreich und Preußen für die Thronbesteigung ihres Sohnes mit Entschiedenheit ihren Einfluß geltend machen werden.«

»Sie mögen recht haben,« sagte der Kaiser, – »versuchen Sie also immerhin Ihr Glück bei der Ausführung Ihres Gedankens. Doch vergessen Sie nicht,« fuhr er in bestimmtem Ton fort, »daß ich bis jetzt nur Ihre ganz persönliche und private Idee vernommen habe, daß ich dieselbe in ihren großen Grundzügen für richtig und nützlich halte, daß ich jedoch, wenn über den Gegenstand bestimmte diplomatische Erörterungen an mich herantreten sollten, mir nach Anhörung meiner Minister die vollständige Freiheit meiner Entschlüsse vorbehalten muß.«

»Ich verstehe vollkommen,« erwiderte der Graf aufstehend, »Eure Majestät können überzeugt sein, daß ich nicht so vermessen sein werde, Ihre endgültigen Entschließungen irgendwie engagieren zu wollen, mir genügt es, daß Eure Majestät den Schritt, den ich im Interesse des königlichen Hauses von Spanien tun will, billigen und in meinen Ideen den Keim erfolgreicher Verhandlungen erblicken. Sollten dieselben eingeleitet werden und zu einem befriedigenden Resultat führen, so werde ich meinen Lohn in dem Bewußtsein finden, nach meinen geringen Kräften dazu beigetragen zu haben, die Zukunft des königlichen Hauses sicherzustellen und den Einfluß und die Macht Frankreichs gekräftigt zu haben.«

»Ich werde mich freuen,« sagte der Kaiser, indem er sich ebenfalls erhob und sich mit verbindlicher, aber noch immer etwas kalter Höflichkeit gegen den Grafen verneigte, »Sie bei Ihrer Rückkehr zu sehen und von Ihnen zu hören, welchen Erfolg Ihre Bemühungen gehabt haben.«

Graf Gurowsky ging hinaus, nachdem er sich an der Tür tief verbeugt hatte.

Der Kaiser trat sinnend an seinen Schreibtisch und blätterte in den auf demselben geordneten Papieren, ohne deren Inhalt zu beachten.

169 »Da ist eine Intrige im Gange,« sagte er, »deren Fäden ich noch nicht ganz durchschaue. Ich glaube nicht, daß diese Gedanken im Kopfe des Grafen entstanden sind, er kann doch unmöglich daran denken, daß er die Vormundschaft über den Prinzen von Asturien führen würde – und der König Don Francisco –«

Ein leichtes, mitleidiges Lächeln flog über sein Gesicht. –

»Mag aber der Ursprung dieser Sache«, fuhr er fort, »liegen, wo er will, es ist eine wahre Idee darin. Diese spanische Revolution ist ebensosehr gegen Frankreich gerichtet als gegen die Königin Isabella. Und wenn Montpensier, wenn ein Orleans König von Spanien sein würde, so würde Frankreich umringt sein von festen Haltpunkten für die Agitationen seiner Todfeinde. Das weiß man in Berlin«, sagte er seufzend, »ebensogut, wie ich es weiß, und ich möchte bezweifeln, daß dieser eiserne und unbeugsame Mann dort, den ich einst glaubte als ein Werkzeug für meine Pläne benützen zu können, so leicht darin einwilligen wird, mich in der Beseitigung dieser Gefahr zu unterstützen. Immer kommt mir die Sache gelegen, sie wird etwas Licht in die Verhältnisse bringen und vielleicht dazu dienen, diejenigen Schritte zu unterstützen, welche ich nach anderer Richtung hin vorbereitet habe, um die Gefahr zu beschwören, welche mir von jenem Land her droht, das schon für meinen Oheim verhängnisvoll wurde und das einst den ritterlichen König Franz I. als Gefangenen in seiner Hauptstadt sah.«

Er bewegte eine kleine Glocke und befahl dem eintretenden Kammerdiener, seinen Geheimsekretär Pietri zu rufen.

Nach wenigen Augenblicken trat dieser vertraute und ergebene Diener in das Kabinett.

»Ist der Marschall gekommen?« fragte der Kaiser, indem er mit rascher Bewegung Herrn Pietri entgegentrat.

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte dieser, »er befindet sich seit einer halben Stunde in meinem Kabinett.«

»Und niemand hat ihn gesehen und erkannt?« fragte Napoleon.

»Niemand, Sire,« erwiderte Herr Pietri, »er ist in einem verschlossenen Hofwagen gekommen, an der 170 Hintertür vorgefahren und von einem vertrauten Lakaien, der selbst nicht ahnte, wen er vor sich hatte, sofort zu mir geführt worden. Ich hatte vorher dafür gesorgt, daß niemand sich auf dem Korridor befand, und ich glaube außerdem, daß niemand hier ist, dem der Marschall von Ansehen bekannt sein kann.«

»Darauf muß man sich niemals verlassen,« sagte der Kaiser, »in solchen Sachen spielt der Zufall oft wunderbar und fast immer ungünstig. Sind die Vorzimmer leer?«

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte Pietri, »nur General Favé –«

»Er ist zuverlässig und verschwiegen wie das Grab«, sagte Napoleon. »Führen Sie den Marschall zu mir.«

Nach wenigen Augenblicken öffnete Herr Pietri die Tür des Kabinetts.

Ein Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen mittelgroße, schlanke und geschmeidige Gestalt noch die volle Elastizität jugendlicher Bewegungen besaß, erschien unter derselben, sein ausdruckvolles, bleiches Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar und dem kurzgestutzten schwarzen Bart zeigte Kühnheit und Entschlossenheit, dabei aber auch listige Verschlagenheit und beobachtende Zurückhaltung. Die feinen Lippen waren fest aufeinander geschlossen, die Nasenflügel öffneten sich ein wenig bei seinen Atemzügen, wie die Nüstern eines edlen Pferdes, und unter der schönen, nicht hohen, aber rein gewölbten Stirn zogen sich die schwarzen Augenbrauen in langen Bogen fast bis zur Nasenwurzel hin. Dieser Mann, der einen einfachen schwarzen Überrock trug, war der Marschall Prim, Graf von Reuß, der frühere langjährige Günstling und Vertraute der Königin Isabella, jetzt Kriegsminister der provisorischen Regierung in Spanien, deren Präsident der Marschall Serrano mit dem Titel eines Regenten geworden war.

Als der Marschall eingetreten, schloß Pietri die Tür hinter demselben. Der Kaiser ging ihm mit dem liebenswürdigsten Lächeln und freiem, offenem Blick entgegen und reichte ihm mit einer Bewegung voll freundlicher Herzlichkeit die Hand.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr 171 Marschall,« sagte Napoleon, »Sie haben gewünscht, unerkannt und unbeobachtet zu bleiben, ich habe Sie deshalb nicht so empfangen können, wie ich einen der Vertreter der edlen spanischen Nation zu empfangen gewünscht hätte.«

»Ich glaube, Sire,« erwiderte der Marschall in reinem und fast akzentlosem Französisch, »daß Eure Majestät meinen Wunsch, unerkannt zu bleiben, nur billigen können. Würde ich öffentlich hiehergekommen sein, so würde die Unterredung, welche Eure Majestät mir zu bewilligen die Gnade haben, der Gegenstand unzähliger Kommentare und Konjekturen in Europa, insbesondere in Spanien selbst geworden sein, und ich glaube nicht, daß eine solche Öffentlichkeit für den Austausch unserer Ideen förderlich hätte sein können.«

»Dies ist vollkommen richtig, Herr Marschall,« erwiderte der Kaiser, »vorausgesetzt, daß Sie ganz sicher sind, daß niemand von Ihrer Ankunft hier unterrichtet ist. Denn wenn dies der Fall wäre, würde allerdings die Heimlichkeit Ihres Besuchs den Konjekturen noch mehr Spielraum öffnen.«

»Ich glaube nicht, Sire,« erwiderte der Marschall, indem er sich auf den Wink des Kaisers demselben gegenüber in einen Fauteuil setzte, »ich glaube nicht, daß eine Indiskretion zu befürchten ist. Ich brauche meine Kur in Vichy, wie jedermann weiß, und habe von dort aus einen kleinen Ausflug gemacht, ich werde übermorgen dort wieder erscheinen und meinen Brunnen weiter trinken, – und in Paris wird niemand etwas von meiner Anwesenheit erfahren. Es müßte denn«, sagte er mit einem feinen Lächeln, »Eurer Majestät Polizei sein, auf deren Diskretion man ja aber stets rechnen kann. Sollte ich aber irgendwie erkannt werden, so wird man einem so kurzen Aufenthalt kaum politische Motive beilegen. Ich werde mich dann bei Eurer Majestät offiziell melden, und Sie werden ja leicht irgendeinen Vorwand finden, um mich nicht zu empfangen.«

Er schwieg.

Der Kaiser schien einen Augenblick über die Einleitung der Unterhaltung nachzudenken, dann sagte er:

172 »Sie werden begreifen, Herr Marschall, daß es mir von hohem Interesse sein muß, über die Verhältnisse des Nachbarlandes mich zu unterrichten, dessen Beziehungen zu Frankreich für beide Staaten von so großer Wichtigkeit sind. Olozaga ist, wie es scheint, oft selbst nicht genau unterrichtet über das, was in Madrid vorgeht, und ich habe geglaubt, daß es gewiß am besten und zweckmäßigsten sei, mich mit demjenigen Mann zu unterhalten, dessen Wille und Geist ja die einzige Triebfeder der spanischen Regierung bildet.«

»Eure Majestät dürfen überzeugt sein,« erwiderte der Marschall, »daß niemand mehr als ich den besonderen Wert freundschaftlicher Beziehungen zwischen Spanien und Frankreich zu würdigen weiß und niemand auch mehr wie ich von dem Wunsche beseelt ist, in unseren so schwierigen Verhältnissen von der hohen Einsicht und Weisheit Eurer Majestät Rat zu erhalten. Indes Eure Majestät wissen,« fuhr er fort, »daß ich nur einen Teil der Regierung bilde und daß die Leitung derselben von dem Marschall Serrano abhängt.«

Der Kaiser lächelte.

»Ich weiß sehr wohl,« sagte er, »daß der Herzog de la Torre der spanischen Regierung augenblicklich den Namen gibt, ich weiß aber auch, daß Sie, Herr Marschall, die Armee in Ihren Händen halten, – und derjenige, dem die Armee gehört, hat stets die wahre Macht.«

»Ich habe mir das Departement des Krieges vorbehalten,« erwiderte Prim, »weil ich vor allem Soldat bin und«, fügte er mit einem stolzen Ausdruck hinzu, »die Armee hat allerdings Vertrauen zu mir und ich glaube, daß mein Wort etwas bei ihr gilt, und daß sie mir mit Ergebung folgen würde, wohin ich sie auch immer führen möchte.«

Der Kaiser neigte den Kopf.

»Das ist es, das ist es,« sagte er, »in politischen Krisen gibt immer die Armee den Ausschlag, und derjenige, dem die Armee folgt, wird auf die Entwickelung der Zukunft stets einen größeren Einfluß ausüben, als derjenige, welcher die Dekrete unterzeichnet. Das Direktorium,« fuhr er mit 173 einem schnellen, forschenden Blick auf den Marschall fort, »das Direktorium dekretierte einst in Frankreich, aber die Armee marschierte auf das Kommando des Generals Bonaparte, meines großen Oheims, – das Direktorium verschwand wie der Staub vor dem Wind, der General aber wurde erster Konsul und Kaiser.«

Prim schüttelte wie abwehrend den Kopf.

»Was Napoleon I. tat und tun konnte,« sagte er, »das kann niemand nachahmen, und was in Frankreich damals möglich war, würde heute in Spanien nicht möglich sein, selbst wenn jemand den kühnen Ehrgeiz haben sollte, dem Beispiel eines in der Weltgeschichte so erhaben dastehenden Riesen zu folgen.«

Der Kaiser blickte groß und voll in das Gesicht des Marschalls. Seine Züge nahmen den Ausdruck treuherziger Offenheit an.

»Sprechen Sie aufrichtig, Herr Marschall, ganz aufrichtig!« fragte er. »Sie haben nicht nötig, mir gegenüber Ihre Gedanken zu verhüllen, und wenn der Ehrgeiz, einen Thron zu gründen in dem Lande, das so lange eine Beute innerer Unruhe war, in Ihnen lebendig geworden wäre, so würden Sie in mir wahrlich keinen Gegner zu befürchten haben. Ich würde mit Freude und Beruhigung die Geschicke Spaniens in den Händen eines Mannes sehen, der Kraft und Energie genug hat, um dieselben in den Hafen der Ruhe und Ordnung zu führen und von dem ich zugleich voraussetzen darf, daß er mein und Frankreichs Freund ist.«

»Eure Majestät sind sehr gütig,« sagte der Marschall Prim mit leichter Verneigung, – »aber ich habe aufrichtig und ohne Rückhalt gesprochen. Ich kann Eure Majestät versichern, daß der Ehrgeiz, wie Sie ihn eben andeuteten, in meiner Brust nicht lebt, und wenn er auftauchen sollte, so würde mir die Möglichkeit und die Kraft fehlen, ihm Folge zu geben. Die Errichtung eines cäsarischen Thrones ist überhaupt in Spanien unmöglich,« fuhr er fort, während der Kaiser sich, aufmerksam zuhörend, ein wenig vorbeugte, »jeder, der dies unternehmen wollte, würde sich all den verschiedenen Parteien gegenübersehen, welche zusammengenommen die ganze Bevölkerung bilden, sein Versuch 174 würde einen vervielfältigten Bürgerkrieg, einen Krieg aller gegen alle hervorrufen, er selbst aber würde in diesem Kriege isoliert sein und bald schimpflich unterliegen. Das spanische Volk verlangt einen in Purpur geborenen König und würde auch den populärsten Spanier, den es früher als seinesgleichen gesehen, nie als Monarchen anerkennen.«

»So glauben Sie an die Dauer der spanischen Republik?« fragte der Kaiser.

»Nein, Sire,« erwiderte Prim, »auch diese ist unmöglich. Eine rote Republik, das heißt, die allgemeine Anarchie könnte für eine kurze Zeit ihre traurige Herrschaft erhalten, aber das spanische Volk wird bald immer wieder zur Monarchie zurückkehren, wie ja auch die gegenwärtige Regierung sich nur dadurch erhält, daß sie sich fortwährend als ein Provisorium darstellt, – als eine Regentschaft für einen König, der gesucht und gefunden werden soll –«

»Der sich aber vielleicht nicht so ganz leicht finden läßt«, fiel der Kaiser ein. – »Ich zweifle nicht,« sagte er dann, »daß Sie, Herr Marschall, auch über diesen Punkt nachgedacht und bestimmte Ideen und Pläne sich gebildet haben. Ich weiß nicht, ob ich die Diskretion verletze, wenn ich mir erlaube, Sie zu fragen, nach welcher Richtung Ihre Gedanken sich wenden würden, wenn es sich um die Rekonstituierung der spanischen Monarchie handelte. Es ist das allerdings wesentlich eine innere Angelegenheit Spaniens, aber Sie werden mir gewiß zugeben, daß auch die übrigen Mächte, daß namentlich Frankreich Ursache hat, als Nachbarland Spaniens, an derselben ein sehr großes Interesse zu haben, und daß es für die Förderung und persönliche Durchführung der Angelegenheit sehr wichtig wäre, wenn wir über dieselbe unsere Anschauungen und Wünsche austauschten.«

Prim zögerte einen Augenblick, dann sah er mit seinen scharfen Augen kalt und ruhig den Kaiser fest an und sagte:

»Eure Majestät haben vorhin von dem Ehrgeiz gesprochen, welcher Ihren erhabenen Oheim auf den Thron Frankreichs führte; ein solcher Ehrgeiz ist, wie ich Eurer Majestät bemerkte, in Spanien unmöglich, – Sie werden aber begreifen, Sire, daß wenn in meinem Vaterlande 175 keine Hand es wagen kann, sich nach der Krone auszustrecken, dagegen niemand, auch der die Macht, die wirkliche Macht besitzt, geneigt sein kann, dieselbe so leicht wieder aufzugeben und in den Schatten nichtiger Unbedeutendheit zurückzutreten.«

Ein schneller Blitz des Verständnisses zuckte aus dem Auge des Kaisers, er neigte leicht zustimmend den Kopf und erwartete dann gespannt die weitere Äußerung des Marschalls.

»Diejenigen also, Sire, welche augenblicklich in Spanien die Macht in ihren Händen halten, werden dieselbe gewiß nicht anwenden, um einen König auf den Thron zu rufen, welcher damit beginnen würde, aus eigener Kraft König zu sein und selbst regieren zu wollen, – das wäre ein politischer Selbstmord, zu dem in der Tat weniger Ehrgeiz gehörte, als man einem Mann von Selbstgefühl, Kraft und Mut zutrauen darf.«

»Ich verstehe, ich verstehe vollkommen,« sagte Napoleon, – »und deshalb –«

»Deshalb, Sire,« erwiderte Prim, »wird man nicht erwarten können, daß diejenigen, welche gegenwärtig die wirkliche Macht, die militärische Macht,« fügte er mit Betonung hinzu, »festhalten, einen König auf den Thron rufen, welcher ihrer Unterstützung entbehren und mit selbständiger Hand die Zügel der Regierung zu ergreifen versuchen könnte, einen König, der entweder im Lande selbst festen Boden für seine Autorität finden könnte, oder der, auf auswärtige Unterstützung fußend, Spanien in die Intrigen fremder Kabinettspolitik verwickeln möchte. Ausgeschlossen ist daher nach meiner Überzeugung die Kandidatur des Don Carlos.«

»Halten Sie eine solche überhaupt für möglich?« fragte Napoleon nachlässig.

»Die alte legitime Monarchie«, erwiderte der Marschall, »hat in vielen Provinzen Spaniens fanatische Anhänger, die Geistlichkeit würde sie unterstützen, jedenfalls würde Don Carlos im Lande genügenden Halt für ein festes, autokratisches Auftreten finden, das ohnehin seinem Charakter entspricht und alle, welche jetzt in Spanien regieren, 176 würden von ihm schnell beseitigt werden. Ebensowenig«, fuhr er fort, »würde man an einen Prinzen aus den Dynastien der europäischen Großmächte denken können, der fortwährend nach außenhin blickte und durch auswärtige Einflüsse seine Macht zu stützen versuchen würde.«

»Es bleibt also –« fragte der Kaiser.

»Es bleibt also nur«, sprach Prim weiter, »die Alternative, entweder einen jungen, minorennen spanischen Prinzen zu berufen, welcher zunächst unter der Leitung desjenigen stehen würde, der die wirkliche und maßgebende Macht in den Händen hat, und welcher auch später stets demjenigen dankbar bleiben würde, welcher seine Jugend geleitet und so lange die Zügel der Regierung in Händen gehalten hat, – oder man müßte einen auswärtigen Prinzen berufen, welcher, ohne Rückhalt an seiner Familie und seinem Vaterlande, ein Fremder in dem Lande, das er beherrschen soll, gezwungen wäre, sich auf die Popularität und den Einfluß desjenigen zu stützen, der ihm den Weg zum Thron geöffnet hätte.«

»Ich sehe, Herr Marschall,« sagte Napoleon lächelnd, »daß Sie sehr tief und sehr klar über die Zukunft Spaniens nachgedacht haben, und daß auch«, fügte er hinzu, »der für einen Mann wie Sie so natürliche Ehrgeiz in Ihrer Brust seinen Platz hat. Nachdem wir uns über die Prinzipien verständigt haben,« fuhr er dann fort, »lassen Sie uns auf die Personen kommen. Für die Möglichkeit eines minorennen spanischen Königs sehe ich nur den Prinzen von Asturien. Halten Sie seine Wiederherstellung für möglich? Würden Sie dieser Kombination einen Platz unter den Eventualitäten der Zukunft einräumen?«

»Warum nicht?« sagte der Marschall, »vorausgesetzt, daß die Königin Isabella darauf verzichtet, mit ihrem Sohn wieder nach Spanien zurückzukehren, um etwa die Regentschaft für denselben zu übernehmen. Es haben zwar Kundgebungen gegen die Dynastie stattgefunden, indessen ist dieselbe im Grunde nicht so verhaßt in Spanien, als man im Auslande glauben möchte. Die spanische Nation wird einem unschuldigen Kinde, wie es der Prinz von Asturien ist, die Fehler seiner Mutter nicht vorwerfen.«

177 »Und an welchen auswärtigen Prinzen könnte man denken?« fragte der Kaiser rasch.

»Der Almanach de Gotha«, sagte Prim lächelnd, »bietet eine reiche Auswahl. Das Haus Koburg ist erschöpft, aber es gibt noch andere kleine Dynastien, die eben so vornehm und eben so sans conséquence sind. Doch«, fuhr er fort, »Eure Majestät werden mir erlauben, aufrichtig und ohne Rückhalt zu sprechen, da ich überzeugt bin, daß eine aufrichtige Verständigung mit Eurer Majestät im wahren Interesse Spaniens und Frankreichs liegt. So will ich Eurer Majestät nicht verhehlen, daß mir in dieser Beziehung eine Idee gekommen ist, welche vielleicht auch Eurer Majestät Billigung finden könnte. Ich habe nämlich«, fuhr er fort, »an den Erbprinzen von Hohenzollern gedacht.«

Der Kaiser zuckte zusammen.

»Sie betonten vorher, Herr Marschall,« fiel er schnell ein, »die Notwendigkeit, den künftigen König von Spanien nicht aus den Dynastien der Großmächte zu wählen, und nun haben Sie an einen preußischen Prinzen gedacht?«

»Sire,« erwiderte Prim, »der Prinz von Hohenzollern ist ja kein preußischer Prinz, er ist mit dem preußischen Hause nicht verwandt, er ist Katholik, und schon dieser Umstand scheidet ihn von den wesentlichsten Lebensinteressen der preußischen Dynastie und des preußischen Staates, und außerdem hat er die Ehre, ein Verwandter Eurer Majestät zu sein, – wie ja auch sein Bruder Eurer Majestät verwandtschaftlichem Interesse den Fürstenthron von Rumänien verdankt.«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser sinnend, indem er den Kopf hin und her wiegte, »ja, ja, das ist richtig, er ist mein Verwandter, er ist nicht so eigentlich preußischer Prinz. – Aber«, fuhr er fort, »glauben Sie, daß er sich leiten lassen möchte, daß er nicht ein Werkzeug der preußischen Politik werden würde?«

»Sich leiten lassen?« sagte Prim achselzuckend, »ich wüßte nicht, Sire, wie ein Erbprinz von Hohenzollern, ein Fremder in Spanien, ohne die Kenntnis der Sprache, der Sitten und des Landes, ohne Leitung und Unterstützung dort auch nur ein halbes Jahr sich halten wollte. Seine 178 verwandtschaftlichen Beziehungen zum hiesigen Hof sprechen ebenfalls für ihn und –«

»Ahnt der Prinz etwas«, fragte der Kaiser schnell, »von den Ideen, die Sie mit ihm haben?«

»Ich habe die Gedanken,« erwiderte Prim, »die ich mir über diesen Gegenstand gemacht, zum erstenmal vor Eurer Majestät ausgesprochen, nach anderer Richtung hin ist nie ein Hauch über meine Lippen gekommen. Die Sache ist noch nicht reif, in diesem Augenblick würde jeder Versuch, an dem augenblicklichen Zustande etwas zu ändern, auf den zähesten Widerstand des Marschalls Serrano und meiner Kollegen stoßen, – sie müssen sich erst noch mehr verbrauchen, in noch tiefere Ohnmacht herabsinken, – und dahin werden sie schnell genug kommen«, fügte er mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung hinzu. »Dann wird der Augenblick gekommen sein,« sagte er, stolz den Kopf erhebend, »der spanischen Nation einen König zu geben, einen König meiner Wahl und meiner Schule.«

»Der Einfluß der Schule, Herr Marschall,« sagte der Kaiser, »dürfte bei einem minorennen Knaben größer sein, als bei dem Prinzen von Hohenzollern, der, wenn auch nicht preußischer Prinz, wie Sie sagen, dennoch aber immer preußischer Offizier ist, und doch wohl nicht ganz ohne Neigung zu eigener und selbständiger Herrschaft sein wird. Sie sind aufrichtig gegen mich gewesen, ich will es ebenso gegen Sie sein,« fuhr er fort, »Sie wissen, daß meine Politik, wenn ich auch auf die Meinung einzelner Parteien wenig Rücksicht nehme, dennoch abhängig ist und abhängig sein muß von der wirklichen und allgemeinen Meinung des französischen Volks, und ich muß Ihnen sagen, daß nach meiner Überzeugung das französische Volk den Prinzen von Hohenzollern als einen preußischen Prinzen ansehen und seine Thronbesteigung als eine feste Aufrichtung preußischen Einflusses in Spanien betrachten würde. Sie können sich denken, zu welcher Unzufriedenheit dies bei dem ohnehin schon gereizten Gefühl der Franzosen gegen Preußen Veranlassung geben muß, und wenn ich auch persönlich die größte Zuneigung für den Prinzen Leopold habe, so könnte mich die Strömung der öffentlichen Meinung in 179 Frankreich doch vielleicht in einen feindlichen Zwiespalt zwischen meiner persönlichen Sympathie und der politischen Notwendigkeit bringen. Wenn Sie es also für möglich halten würden, den Prinzen von Asturien auf den Thron zu setzen –«

»Sobald die Königin definitiv abdankt«, fiel Prim ein, »wird dies nicht schwer sein, und auch Serrano würde dafür wirken, – in der Voraussetzung seinerseits, Regent zu bleiben, – wogegen ja auch für den Anfang nichts zu erinnern wäre.«

»Dann, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »glaube ich, daß wir über die Zukunft vollständig einig werden können, denn ich bin überzeugt, daß Sie die persönlichen Sympathien, welche der Prinz von Asturien für Frankreich hat, aus politischer Überzeugung nur bestärken und in der spanischen Politik zum Ausdruck bringen werden.«

»Wozu ich«, sagte der Marschall sich verneigend, »nur noch mehr werde bestimmt werden durch die aufrichtige persönliche Ergebenheit, welche ich stets für Eure Majestät empfunden habe. Es fragt sich nur,« fuhr er fort, »in welcher Weise diese Kombination eingeleitet werden kann, welche auch ich allen anderen vorziehe, weil sie Eurer Majestät Beifall hat und weil sie eine rein spanische ist.«

»Die Einleitung wird nicht schwer sein,« sagte der Kaiser, »ich werde dahin zu wirken suchen und glaube es mit Erfolg zu können, daß die Königin Isabella zugunsten ihres Sohnes abdankt.«

»Damit wird viel gewonnen sein,« sagte Prim, »sodann aber würde ich Eure Majestät noch besonders darum bitten müssen, strenge und energische Anordnungen zu treffen, damit die karlistische Erhebung an den Grenzen Frankreichs keine Unterstützung findet, denn, wie ich Eurer Majestät zu bemerken schon die Ehre hatte, Don Carlos ist der einzige Prätendent, welcher imstande wäre, aus eigener Kraft eine Armee zu bilden und den Kampf um den spanischen Thron aufzunehmen.«

»Ich werde sofort die bestimmtesten und strengsten Befehle nach den Grenzdepartements ergehen lassen«, erwiderte der Kaiser. »Es kommt nur darauf an, daß wir 180 nun über die Fortführung dieser Angelegenheit, welche ebensosehr im Interesse Spaniens als in demjenigen Frankreichs liegt, uns direkt und unmittelbar verständigen können.«

»Ich werde,« sagte Prim, »so oft ich Eurer Majestät etwas mitzuteilen habe, meinen Adjutanten Campos hiehersenden, welcher auch in Beziehungen zu dem Grafen Albacete, dem Kammerherrn der Königin Isabella, steht, und also auch nach dieser Seite hin etwa notwendige Verhandlungen zu führen imstande sein wird. Ich bitte Eure Majestät ein für allemal, allem, was mein Adjutant Ihnen mitteilen wird, Glauben zu schenken.«

»Und seien Sie überzeugt, Herr Marschall,« sagte der Kaiser, indem er aufstand, »daß ich alle Ihre Intentionen auf das kräftigste und energischste unterstützen werde und daß, wenn der Prinz von Asturien den spanischen Thron besteigt, er und sein Führer an mir stets einen wahren und aufrichtigen Freund haben wird. Ich muß darauf verzichten, Sie noch einmal zu sehen, um Ihr Inkognito nicht zu gefährden. Leben Sie wohl, und möchte Spanien bald durch Ihre Hand zur ruhigen Ordnung, zum Glück zurückgeführt werden.«

Er drückte lange und herzlich die Hand des Marschalls und begleitete denselben bis zur Tür seines Kabinetts.

»Bei allem Schein von Aufrichtigkeit«, sagte er dann, ihm nachblickend, »spielt er verdecktes Spiel. Ich bin überzeugt, daß er in Berlin unterhandelt, um den Erbprinzen von Hohenzollern nach Spanien zu rufen, der mir im Grunde weit lieber wäre als Montpensier. Und was den Prinzen von Asturien betrifft, so ist er auch in dieser Beziehung nicht ganz aufrichtig gegen mich.«

Er trat an seinen Schreibtisch und öffnete einen auf demselben liegenden zusammengefalteten Bericht.

»Er ist gestern abend bei der Königin Christine gewesen und hat eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Das hat er mir verschwiegen, – er will, daß der König, den er Spanien gibt, nur ihm dankbar, nur von ihm abhängig sein soll. Doch«, sagte er dann, sich vergnügt die Hände reibend, »ich glaube, daß dieser Gurowsky mir sehr nützlich sein wird, um nach allen Richtungen die Hand im Spiel zu behalten. 181 Er wird in Berlin wenigstens die Verhandlungen des Marschalls Prim erschweren, dadurch wird mein Einfluß auf die Zukunft Spaniens gesichert bleiben und es wird mir wenigstens gelingen, diese spanische Revolution, welche alle meine Kombinationen zertrümmert, soviel als möglich unschädlich zu machen, und wenn ich nicht im Süden der Pyrenäen einen Verbündeten finden kann, wenigstens verhindern, daß sich dort ein Feind mir erhebt.«

»Doktor Nélaton«, meldete der eintretende Kammerdiener.

Der Kaiser seufzte tief auf und ging langsam in sein Schlafzimmer.

 

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