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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Der Abend dunkelte tief herein, als Graf Franz und Gabriele zurückkehrten. In ernsten Gesprächen hatten sie einen Spaziergang um Donchery herum gemacht, von wo die Truppen sich immer mehr und mehr zurückzogen, um den Marsch nach Paris anzutreten, wo die Regierung der nationalen Verteidigung den äußersten Widerstand organisierte, und wo der große Nationalkampf, der an die Stelle des Krieges gegen den Kaiser und die kaiserlichen Armeen getreten war, seine endliche Entscheidung finden mußte, – eine Entscheidung, die, nach dem prophetischen Worte des Königs Wilhelm – daß mit dem Tage von Sedan der eigentliche Krieg gegen Frankreich erst beginne –, noch in weite Ferne gerückt zu sein schien.

Gabriele war lange schweigend neben ihrem Bruder hergegangen, der sie liebevoll und dringend nochmals gebeten hatte, sich ernst zu prüfen, ob sie die Bitte des 662 Leutnants von Rothenstein mit freiem und freudigem Herzen erfüllen könne, da sie, selbst um die Bitte eines Sterbenden zu erfüllen, ein so heiliges Gelöbnis nicht mit einem widerstrebenden Herzen ablegen dürfe, – denn von dem Augenblick an, wo sie dem Verwundeten ihre Hand gereicht, dürfe sie nicht mehr an seinen Tod denken, sondern müsse aus voller und ganzer Seele für sein Leben beten.

»Für sein Leben beten?« rief Gabriele wie verwundert, – »o mein Gott, – wenn ich mit meinem eigenen Leben das seinige erkaufen könnte, – wie freudig wollte ich es hingeben!«

Betroffen blickte Graf Franz sie an.

»So bringst du«, fragte er, – »dem armen Leidenden, der mit dem Tode ringt, kein Opfer, – so –«

Er vollendete nicht und drückte nur leise ihre Hand, die auf seinem Arm lag.

»Ja,« rief Gabriele, tief aufatmend, als wolle sie ihre Brust von einer schweren Last befreien, die darauf ruhte, – »ja, mein Bruder, – ich liebe ihn, – ich habe ihn lange geliebt, und sein Bild ist zwischen mich und den Himmel getreten, dem ich mich gelobt von den Tagen meiner Kindheit an, – aber ich habe die Kraft gehabt, mein Herz zu bezwingen, – als er mir mit Worten, die tief in meine Seele drangen, von seiner Liebe sprach, – da habe ich das Gefühl niedergedrückt, das mich mächtig zu ihm hinzog, – ich habe ihm die weiße Rose gegeben, statt der roten Liebesblüte, die er ersehnte, – ich habe versucht, ihn zu vergessen! – jetzt,« fuhr sie fort, mit ihren großen Augen zu ihrem Bruder emporblickend, – »jetzt, da ich ihn wiedergefunden, wund und krank, – die weiße Rose rot von seinem Herzblut, – jetzt kann ich mein Gefühl nicht mehr niederdrücken, – es wäre Sünde, es zu tun, – denn dies Gefühl, – das empfinde ich tief in meiner Seele, – hat Gott in mein Herz gelegt, – ich bin sein, – und wenn er stirbt, wird mein künftiges Leben der Trauer um ihn gehören!«

Sanft beugte sich Graf Franz zu ihr herab und sagte:

»Ich danke dir, daß du mir dein Herz geöffnet, – du hast mir eine schwere Last abgenommen, – nun ich weiß, was in dir lebt, übernehme ich getrost die Verantwortung 663 für deinen Schritt, – jetzt bin ich des Vaters gewiß, er wird glücklich sein, daß alles sich so gefügt.«

Sie kehrten zurück, – Gabriele wurde nicht müde, von ihrem inneren Leben, von dem Entstehen und Wachsen ihrer Liebe zu sprechen, – schweigend hörte Graf Franz zu, in schmerzlicher Erinnerung seiner Liebe gedenkend, die so traurig und blutig geendet.

Sie fanden den Leutnant von Rothenstein in ruhigem, festem Schlaf, – der Pater entfernte sich mit kurzem Gruß, – noch eine Stunde blieb der Bruder bei seiner Schwester, mit ihr das einfache Abendessen teilend, das man bereits vor ihrer Ankunft gebracht. Er wollte bei dem Verwundeten wachen, damit sie ungestört der Ruhe pflegen könne, – aber sie lehnte es ab, – »ich würde doch nicht schlafen,« sagte sie mit sanftem Lächeln, – »und meine Pflicht ist es ja nun, für ihn zu sorgen.«

Graf Franz ging und Gabriele blieb allein.

Noch einmal trat sie an das Bett des Leutnants von Rothenstein, in dem matten Lichtschein, der aus dem Nebenzimmer hereindrang, ihn betrachtend, mit schüchternem Zögern legte sie ihre Hand auf seine Stirn und hauchte leise: »Gute Nacht!«

Dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück.

Sie nahm die weiße Haube von ihrem Haupt, setzte sich in den Lehnsessel neben ihr Bett und schlug ihr Gebetbuch auf, um zu lesen.

»Wie heiß, wie schwül,« sagte sie nach einiger Zeit, – »die Unruhe und Aufregung dieser Tage wogt durch mein Blut.« –

Sie nahm die Wasserflasche, schenkte das Glas voll und leerte es rasch.

»Ein eigentümlicher, bitterer Geschmack«, flüsterte sie mit leisem Schauder, und begann wieder in ihrem Buche zu lesen.

Bald aber verwirrten sich die Buchstaben vor ihren Augen, sie atmete schwer und fuhr mit der Hand über die Stirn.

Eine tiefe Ermattung überkam sie, – ihre Gedanken wogten unklar durcheinander. Einige Zeit kämpfte sie gegen diese unerklärliche Müdigkeit an.

664 »Ich bin erschöpft,« sagte sie, mit trübem Blick umherschauend, – »ein Augenblick der Ruhe wird mir die Kraft wiedergeben.«

Sie legte sich auf ihr Bett, – schon halb bewußtlos sank sie zurück und in wenigen Augenblicken hielt ein tiefer Schlaf ihre Sinne gefangen.

Fast lautlose Stille herrschte über dem Hause, in welchem nur einige barmherzige Schwestern in den Zimmern der anderen Verwundeten wachten, und nur von fern her drangen einzelne Laute aus den Biwaks durch die Nacht herüber.

Da klang es wie leise Schritte auf dem Korridor, – leicht und vorsichtig wurde die Tür geöffnet und die dunkle Gestalt des Pater Haug trat in das Zimmer, das von einer kleinen Lampe matt erhellt war.

Er blieb einen Augenblick an der Tür stehen, – sah das junge Mädchen auf dem Bett ausgestreckt, hörte ihre tiefen, schweren und regelmäßigen Atemzüge und ein düsteres Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Langsam, immer die funkelnden Augen auf Gabriele geheftet, trat er näher, hob die Flasche empor und prüfte ihren Inhalt.

Dann blickte er mit wilder Glut auf das bleiche Gesicht des schlafenden Mädchens, das mit dem halbgeöffneten Munde und dem leicht gelösten Haar wunderbar schön erschien.

»Jetzt bist du mein,« stieß er in zischendem Ton aus seiner schwer arbeitenden Brust hervor, – »mein, – der Himmel und die Hölle kann dich mir nicht streitig machen, – und habe ich dich einmal gewonnen in stürmendem Anlauf, – so wird die Zeit Mittel geben, zu verhüten, daß man dich mir wieder entreiße!«

Seine Augen traten in dunkel flammendem Glanz fast aus ihren Höhlen hervor, – er streckte seine zitternden Hände aus und strich über das weiche, glänzende Haar des jungen Mädchens, – er beugte sich herab über ihr Gesicht, der brennende Atem seines Mundes streifte ihre Stirn –

Da ertönte ein lauter, angstvoller Schrei durch die Stille der Nacht.

665 »Gabriele, – Gabriele!« rief Herr von Rothenstein im Nebenzimmer, – man hörte eine Bewegung und schwere, röchelnde Atemzüge.

Der Pater fuhr empor.

»Was ist das,« flüsterte er bebend, – »ist der Verwundete erwacht, – sollte er, – ha, – dann wehe ihm, wenn er sich jetzt mir entgegenstellt!«

Er eilte nach dem Nebenzimmer hin.

Herr von Rothenstein lag wieder still in seinem Bett. Er schlief fest und ruhig, die gesunde Hand auf die Brust gedrückt.

Der Pater betrachtete ihn einige Augenblicke.

»Es war nichts,« sagte er hohnlachend, – »er hat geträumt, – mag er träumen, – ich lasse ihm das Glück des Traumes, denn mein ist die Wirklichkeit.«

Leise kehrte er zurück und rasch stürzte er nach dem Lager Gabrielens hin.

Da erklang lauter als vorher die Stimme des Verwundeten aus dem Nebenzimmer:

»Gabriele! – Gabriele! – Hinweg, schwarzes Gespenst der Hölle, – hinweg!«

Der Pater schlug sich mit den geballten Händen vor die Stirn, blutig färbte sich das Weiße in seinen Augen.

»Jetzt ist es um dich geschehen, Verhaßter,« knirschte er, – »ich will deinen Mund für immer schließen!«

Er wendete sich, die Hände vor sich ausgestreckt, nach dem Zimmer des Verwundeten.

Da schallte eine Glocke durch das Haus, man hörte in der Ferne Türen öffnen.

Der Schrei des Leutnants von Rothenstein mußte gehört worden sein, – man mußte kommen.

Eine Sekunde nur lauschte der Pater, – einen Blick warf er auf Gabriele, – aber in diesem einzigen Blicke lagen die Qualen der Verdammten, welchen die Hoffnung auf irdisches und auf ewiges Glück genommen ist.

Dann verschwand er wie ein Schatten und ohne daß man die Türe klirren hörte, aus dem Zimmer.

Ein Licht kam von der anderen Seite des Korridors, – der Pater glitt hinter einen großen Schrank in der Nähe 666 der Tür und wenige Augenblicke später trat eine der barmherzigen Schwestern aus den vorderen Räumen des Hauses in das Zimmer Gabrielens.

Sie sah Gabriele schlafend auf ihrem Bett liegen und trat dann zu dem Verwundeten, der wieder vollkommen ruhig war.

Sie prüfte seinen Puls und legte die Hand auf seine Stirn.

»Es ist nichts,« sagte sie, »er hat in unruhigem Traum gerufen, wie sie das oft tun, die armen Verwundeten.«

»Das arme, zarte Kind ist fest eingeschlafen,« sagte sie dann, mit einem mitleidigen Blick auf Gabriele, – »die Anstrengung erschöpft sie, – ich will hier bleiben und über beide wachen.«

Sie setzte sich in den Stuhl neben Gabrielens Bett und begann in dem noch aufgeschlagenen Buche zu lesen, um durch irgendeine Gedankentätigkeit den Schlaf fernzuhalten, der auch den festesten Willen in einsamer Nacht mit übermächtiger Gewalt zu überwinden trachtet.

*

Ruhig und still gingen die Stunden der Nacht dahin, – allmählich begann es laut zu werden in der Gegend, man hörte militärische Signale, Truppen marschierten vorüber, das Rollen der Artillerie drang durch die Morgennebel, und endlich stieg die helle, reine Sonne eines heiteren Septembertages am Himmel empor, noch einmal das Licht und die Wärme des dahingegangenen Sommers über die Erde ergießend, – dieses Sommers, der so viel Blut und Tränen über die Welt gebracht hatte.

Noch immer lag Gabriele in festem Schlaf da. Die barmherzige Schwester, welche in ihrem Zimmer saß, blickte verwundert auf das junge Mädchen hin, das sonst allen voraus in früher Morgenstunde zu ihrem aufopfernden Tagewerk sich zu erheben pflegte.

Endlich, als lauter und lauter das Geräusch des erwachenden Lebens ertönte und das helle Sonnenlicht auf das Gesicht der Schlafenden fiel, wurden ihre Atemzüge lebhafter und unruhiger, sie warf sich mehrfach hin und 667 her, strich mit den Händen über ihre Stirn, als wollte sie einen darauf lastenden Druck entfernen, und fuhr dann, sich in ihrem Bett aufsetzend, empor, indem sie mühsam die Augen öffnete und mit trübem Blick wie verwundert umhersah.

»Mein Gott, wie spät es ist,« rief sie, – »da ist bereits der helle Sonnenschein, wie fest habe ich geschlafen! Was ist mir widerfahren, – wundersame, furchtbare Träume hielten mich gefangen in verworrenen Bildern, als ob finstere Dämonen mich zum Abgrund hinabziehen wollten, – Gott sei Dank, daß die Nacht vorüber ist,« sagte sie, tief aufatmend, – und schnell von ihrem Bett sich erhebend, eilte sie zu einem auf einem kleinen Tisch vor der Wand stehenden Kruzifix hin, kniete vor demselben nieder und sprach, die Hände faltend, leise ein kurzes Gebet.

»Mein Kopf schmerzt mich,« sagte sie dann, »ich fühle einen Druck, als wolle mein Gehirn auseinanderspringen.«

Sie goß schnell den Rest des Inhalts der Wasserflasche in das Glas auf ihrem Nachttisch und führte dasselbe an die Lippen. Aber mit einem leichten Schauder zog sie es wieder zurück, und nachdem sie einige Augenblicke wie in träumendem Nachsinnen dagestanden hatte, sprach sie:

»Ich bitte Sie, liebe Schwester, um etwas frisches Wasser, dies ist abgestanden und schal geworden.«

Sie reichte der barmherzigen Schwester das Glas und die Flasche. Diese ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einer frisch gefüllten Karaffe und einem reinen Glase zurück.

Gabriele trank in durstigem Zug, wusch sich dann Stirn und Gesicht mit dem kalten Wasser und sagte, erleichtert aufatmend:

»Es ist vorüber, es muß von dem festen Schlaf und den Anstrengungen der letzten Tage gekommen sein. Doch,« sagte sie dann, indem sie leicht ihr glänzendes Haar ordnete und dasselbe mit ihrer weißen Haube bedeckte, »wie kommen Sie hierher? Wie ist es möglich gewesen, daß ich so fest geschlafen habe?«

»Der Verwundete«, erwiderte die barmherzige Schwester, »hat während der Nacht schmerzvoll gerufen und sich 668 unruhig bewegt. Wir haben es gehört, Sie waren in Ermattung fest eingeschlafen und ich bin hier geblieben, um die Wache zu halten.«

Gabriele schüttelte verwundert, als könne sie sich von dem allen keine Rechenschaft geben, den Kopf.

»Der Verwundete,« sagte sie dann mit schmerzlichem Seufzer, »mein Gott, wie geht es mit ihm? Es ist ihm doch nichts Schlimmes widerfahren?«

»Er hat die letzten Stunden ruhig und fest geschlafen,« erwiderte die barmherzige Schwester.

Schnell schritt Gabriele, welche ihre einfache Toilette vollendet hatte, zu der leicht angelehnten Tür des Nebenzimmers, öffnete dieselbe leise und ging, leise auftretend, zu dem Bett des Leutnants von Rothenstein, welcher, regelmäßig atmend, in ruhigem Schlaf dalag.

Lange stand Gabriele neben dem Bett, den sanften Blick ihrer großen Augen mit wunderbarem Glanz auf den Verwundeten geheftet, und obwohl ein feuchter Schleier diesen Blick verhüllte, schien der schlafende junge Mann denselben doch zu empfinden, denn seine Züge verklärten sich, er bewegte langsam seine rechte Hand und schlug dann die Augen auf. Einige Augenblicke starrte er das junge Mädchen an, dessen Bild ihn so lange im Wachen und Träumen begleitet hatte und das nun, in lieblicher Verwirrung errötend, vor ihm stand.

Bald schien die klare Erinnerung des vergangenen Tages in ihm aufzusteigen.

»Gabriele,« sagte er mit leiser Stimme, »Sie hier, – Sie wachen über meinen Schlaf? – wie danke ich Ihnen! – Der Tag ist da,« fuhr er fort, auf die in das Zimmer hineinspielenden Sonnenstrahlen blickend, – »der Tag, welcher mir das höchste Glück meines Lebens bringen soll, – um es mir vielleicht sogleich wieder für immer zu nehmen.«

Und wie von Schmerz übermannt, schloß er die Augen.

»Mut, mein Freund,« sagte Gabriele, die Hand auf seine Stirn legend, indem sie gewaltsam ihre bebende Stimme zu festem Ton zwang, – »Mut und Hoffnung!«

Während sie noch so, die Hand auf sein Haupt gelegt und über ihn gebeugt dastand, trat Graf Franz mit dem Arzt ein.

669 »Nun,« sagte der Doktor in heiterem Ton, sich zu dem Verwundeten wendend, »wie befinden Sie sich? Wie haben Sie geschlafen?«

»Gut, lieber Doktor,« erwiderte Herr von Rothenstein, während Gabriele zurücktrat, »ich fühle mich leichter und kräftiger, die Wunden schmerzen, aber doch fühle ich mehr Lebenskraft als gestern, – ein schwerer Druck auf dem Kopf –«

»Das ist die Wirkung des Morphiums,« sagte der Arzt, »eine Tasse schwarzen Kaffees wird das beseitigen.«

Gabriele eilte hinaus und kehrte bald mit einer Tasse des duftenden Getränks der Levante zurück.

Der Doktor hatte indessen den Herzschlag und den Puls des Verwundeten untersucht. Er flößte ihm den Kaffee ein und sagte dann:

»Die Kräfte haben sich merklich gehoben, wir können die Operation beginnen.«

Herr von Rothenstein neigte zustimmend das Haupt und blickte fragend auf den Grafen Franz.

»Ich habe alles vorbereitet,« sagte dieser, »ein Notar ist hier, um den Akt aufzunehmen. Ich werde den Pater Haug rufen lassen.«

Er ging hinaus und kehrte mit einem Notar des Orts wieder zurück.

Der Doktor rief seinen Assistenten, um mit ihm als Zeugen zu fungieren.

Bald war der Akt aufgenommen, durch welchen der Baron von Rothenstein und Gräfin Gabriele von Spangendorf ihren Willen erklärten, sich ehelich zu verbinden, und in welchem zugleich Herr von Rothenstein für den Fall seines Todes die Gräfin zur alleinigen Erbin seines gesamten Vermögens einsetzte.

Der Akt wurde auf das Bett des Verwundeten gelegt, und den Blick auf Gabriele geheftet, setzte derselbe seinen Namen darunter. Gabriele unterschrieb neben ihm und ein Tränentropfen fiel auf ihre zierlichen Schriftzüge.

Während der Notar und die Zeugen ernst und schweigend das Dokument vollzogen, trat der Pater Haug ein.

Er war bleich wie der Tod, dunkle, fast schwarze Ringe 670 umzogen seine tiefliegenden Augen, aber keine Muskel seines Gesichtes bewegte sich.

Graf Franz brachte einen Kranz von Myrten und Orangen herbei, nahm die Haube von dem Scheitel Gabrielens und setzte die Blütenkrone auf ihr Haupt.

»Es sind Blüten aus dem Treibhause des Schlosses Bellevue,« sprach er, »jenes Schlosses, in welchem der stolze französische Kaiser sich vor dem deutschen Könige beugte; – die Weltgeschichte hat diese Blumen berührt, mögen sie auch eurem Leben Heil und Segen bringen.«

Dann nahm er einen Ring von seinem Finger, reichte ihn Gabrielen und gab einen kleinen Reif mit einem Saphir, den sie getragen, dem Herrn von Rothenstein.

Gabriele trat an das Bett des Verwundeten.

Der Pater vollzog die Zeremonie mit dumpfer Stimme, ohne die Augen aufzuschlagen und ohne ein Wort weiter zu sprechen als die Trauungsformel erforderte. Als er das letzte Amen gesprochen, ging er schweigend, ohne sich umzublicken, hinaus. Draußen auf dem Korridor blieb er stehen, die ganze Glut der Hölle loderte in dem Blick, den er zurückwarf, und die geballte Hand auf seine Brust pressend, flüsterte er:

»Mögen die Geister des Abgrundes mich hören und den Segen, den ich über euch gesprochen, in Fluch und Verderben verwandeln.«

Langsam, mit leisem, gleichmäßigem Schritt verließ er das Haus.

»Und nun«, sagte der Doktor, sich gewaltsam zu heiterem Ton zwingend, »Mut, Herr Leutnant, alles wird gut gehen.«

In rascher Bewegung beugte sich Gabriele über den Verwundeten, ihre Lippen berührten seine Stirn und nur ihm hörbar, sagte sie:

»Glaube und hoffe, die ewige Liebe wird dich mir erhalten.«

Sie ging hinaus, sank im Nebenzimmer vor dem Kruzifix nieder und unbeweglich, im stillen Gebet, blieb sie dort, den Blick auf das Bild des Gekreuzigten geheftet, der alle Schuld und alles Leid der Welt auf sich genommen und 671 der bangenden und verzweifelnden Menschheit das kraftreiche Wort zugerufen: »Bittet, so wird euch gegeben.«

Der Arzt hatte die Tür verschlossen. Man hörte aus dem Nebenzimmer einzelne Tritte, – zuweilen das Klirren eiserner Instrumente, – schmerzliches Stöhnen, – einzelne kurze, befehlende Worte.

Gabriele schien nichts zu hören, – unverwandt hing ihr Blick an dem Kruzifix, in fast überirdischem Glanz strahlte ihr Auge. – –

Eine halbe Stunde war vergangen. Der Arzt öffnete die Tür und sprach ernst und ruhig:

»Es ist vorbei. Bis jetzt ist alles gut gegangen, wir dürfen die beste Hoffnung haben.«

Der Assistent eilte schnell mit einem in weiße Tücher gehüllten Gegenstand durch das Zimmer.

Graf Franz trat zu Gabriele, erhob sie sanft und führte sie in das Zimmer des Verwundeten.

Ein weißes Tuch war über das Bett gebreitet, eine dichte Decke lag auf dem Boden vor demselben. Herr von Rothenstein lag, bleich, wie das Leichentuch, das seinen Körper bedeckte, in die Kissen zurückgelehnt da. Stolze Entschlossenheit, fast trotziger Mut sprach aus seinen Zügen. Mit matter Bewegung streckte er seine unverwundete Hand Gabrielen entgegen und sagte:

»Das Schwerste ist vorüber. Es war sehr schmerzhaft, – aber meine Seele ist glücklich, – glücklich durch dich, meine einzige Gabriele!«

Gabriele, keines Wortes mächtig, hob seine Hand empor und drückte sie an ihre Brust.

»Jetzt aber,« sagte der Doktor, »ist Ruhe die einzige Vorschrift, – Ruhe und immer Ruhe! Der Kranke muß allein bleiben, er darf kein Wort sprechen, kein Wort hören, Sie dürfen keinen Verkehr mit ihm haben, als ihm zur bestimmten Zeit das Getränk und die Arznei, die ich senden werde, einzuflößen.«

»Ruhe, Ruhe,« flüsterte Herr von Rothenstein, indem er ermattet die Augen schloß, – »Ruhe, – Glück – und Hoffnung.«

Der Arzt ging hinaus. Graf Franz und Gabriele 672 folgten ihm, innig umarmte der Bruder die Schwester und ermahnte sie in kurzen, herzlichen Worten, in Ergebung zu erwarten, was der Ratschluß der Vorsehung verhängen werde.

Gabriele stand einige Augenblicke in sich versunken da. Dann nahm sie den Kranz von ihrem Haupt, hing ihn über das Kruzifix und rief in heftigem Ausbruch des so lange in ihrer Brust verschlossenen Gefühls:

»Dir gebe ich diesen Kranz, du erlösender Heiland, und bitte dich, um deines Blutes willen, das auch für mich vergossen, gib ihn mir wieder zum freudigen, segensvollen Glück! Das Schwert hat die Wunde geschlagen, das Kreuz kann sie heilen, dein Kreuz, von dem Licht und Gnade ausstrahlt für alle Herzen, die es auf sich nehmen in demütiger Ergebung und gläubiger Hoffnung. – Dein Wille geschehe!«

 

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