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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Auf jene unerklärliche Weise, welche die Nachrichten großer Ereignisse ohne die Vermittelung des gedruckten oder geschriebenen Wortes wie eine geheimnisvolle Zanbermacht 624 unter den Menschen verbreitet, begann die Katastrophe von Sedan auf den Straßen von Paris bekannt zu werden.

Es war kein Telegramm publiziert, keine Proklamation erlassen, – dennoch erzählte da draußen in allen Teilen der riesigen Stadt, welche eine so vielgestaltige Welt für sich bildet, einer dem anderen, daß die Armee Mac Mahons geschlagen und der Kaiser gefangen nach Deutschland geführt sei. Und fragte man, woher die Nachricht käme, so hatte der eine sie eben wieder vom andern gehört und niemand konnte bis zur ersten Quelle hinaufsteigen. Nichtsdestoweniger aber glaubte man diese Nachricht, denn sie kam von allen Seiten ohne Widerspruch, sie lag wie ein Miasma in der Luft, sie schien wie ein finsterer Nebel aus der Erde zu steigen, und diese ganze Welt von Paris, soeben noch von Siegeshoffnungen getragen und nun so jäh aus ihren Illusionen zur Wirklichkeit erweckt, zitterte und zuckte wie im Fieberparoxismus.

Gruppen bildeten sich überall, man hörte überall Verwünschungen gegen den Kaiser ausstoßen, von dem man so lange vorher gar nicht mehr gesprochen, – hatte doch der Kaiser diesen Krieg unternommen, der ein so entsetzliches Ende nahm, und mußte man nun doch den Schuldigen haben, auf dessen Schultern man die ganze Last des Unglücks wälzen konnte –man vergaß, wie das französische Volk ja so leicht vergißt, daß die ganze Nation zum Kriege gedrängt, die Kriegserklärung mit Jubel begrüßt hatte und den siegreichen Kaiser fast zu den Göttern erhoben haben würde.

Endlich begannen einige Stimmen zu rufen:

»Nach dem Corps législatif, dort werden wir hören, was vorgeht!«

Und alle diese Gruppen drängten ohne bestimmten Plan, ohne bestimmte Absicht, zunächst nur von der Neugierde geleitet, von allen Seiten her nach dem Palais des Corps législatif. Bald waren die Kais, die Place de la Concorde und die Eingänge des Champs Elysées dicht mit Menschen gefüllt, und nach einiger Zeit hörte man bereits von allen Seiten Stimmen erschallen, welche erst in einzelnen Rufen und dann immer lauter und lauter sich vernehmen ließen.

625 »Nieder mit dem Kaiserreich! – die Absetzung! – Es lebe die Republik!«

Und nicht lange währte es, so stimmte diese ganze dichtgedrängte Menschenmenge in jene Rufe ein, welche herüberdrangen nach dem langgestreckten Palast der Tuilerien, auf welchem immer noch die kaiserliche Fahne wehte und unter dessen Dach fast einsam und verlassen die Kaiserin Eugenie in bewußtloser Erschöpfung dalag. –

In dem zweiten Zimmer des Café de Madrid, auf dem Boulevard St. Martin, dessen Räume heute ziemlich leer waren, da die Pariser in der unruhigen Erwartung neuer Nachrichten sich selten nur von den Straßen entfernen mochten, saß wieder jene kleine Kreis von Männern beisammen, welche von der Zukunft die Früchte ihrer finstern Arbeit erwarteten. Ihre auf den ersten Blick wenig außergewöhnlichen und einfachen Erscheinungen hätten bei näherer Betrachtung interessieren müssen, da alle diese Köpfe einen eigentümlichen, charakteristischen Ausdruck zeigten und die von diesen Personen halb leise geführte Unterhaltung in dieser Zeit der allgemeinen, hochgehenden Aufregung jedenfalls nicht gewöhnlich war.

Hier sah man Cluseret, den General der Fenier, mit seinem verbitterten, finstern Gesicht und den unsteten, verschleierten Augen; Paschal Grousset mit seinen welken, abgelebten Zügen; Courbet, den Maler des schmutzigen Materialismus, mit den stechenden Augen, dem beweglichen Gesicht und dem großen Vollbart; Delescluze mit den strengen Zügen, dem grauen Haar und Bart und den ruhigen, denkenden Augen; Mégy mit dem freien, offenen Blick und den heiteren Zügen, und Felix Pyat mit dem scharfen, ruhigen Profil, dem dichten, dunklen Haar und Bart, den düster flammenden Augen, aus welchen ein wilder, unversöhnlicher Haß gegen alles, was glücklich, fröhlich und rein in der Welt war, hervorsprühte.

Alle diese Männer saßen traurig und niedergeschlagen in einem engen Kreise nahe beieinander, die großen Nachrichten, welche die Welt draußen auf den Straßen von Paris zu bewegen anfingen, waren noch nicht zu ihnen gedrungen.

626 »Unmöglich ist es,« rief Felix Pyat, indem er mit der Hand durch seinen krausen Bart fuhr, »aus allen diesen widersprechenden Nachrichten die Wahrheit herauszufinden – die Wahrheit, welche diese traurige Regierung so sorgsam zu verhüllen bestrebt ist, um wenigstens noch einen Tag oder eine Woche länger ihr elendes Dasein zu fristen! Und doch,« sagte er, zähneknirschend, »wenn ich denke, daß vielleicht dennoch diese Hoffnungen sich erfüllen könnten, daß vielleicht dennoch ein Sieg könnte erfochten werden, und daß diese ganze kaiserliche Wirtschaft triumphierend hier wieder einrückte, daß ich aus der Verbannung zurückgekehrt wäre, um das zu erleben – – es wäre entsetzlich! Wir wären von unserem Ziele weiter entfernt als je!«

»Ein Sieg?« rief der Maler Courbet, »bah! glaubt das nicht, diese Armeen, die alle schon einmal geschlagen sind, werden keinen Sieg mehr erkämpfen! – Sie müssen verschwinden! Siegreich kann nur noch das Volk sein, das Volk in seinen Tiefen, das von der kaiserlichen Korruption noch nicht berührt worden.«

»Und dies Volk wird siegreich sein,« rief Mégy, »laß es nur erst heraufsteigen auf den Platz, welchen diese feige, verderbte Bourgeoisie jetzt einnimmt; das Volk wird siegreich sein!«

»Gewiß,« rief Felix Pyat, indem er sein Glas heißen Punsches bis zur Hälfte leerte, »aber wenn jetzt der Kaiser mit seiner Armee noch einmal die Feinde schlägt und das Glück an seine Fahnen fesselt, dann werden wir wohl«, sagte er mit bitterem Lachen, »die Siege des Volks nicht mehr erleben, denn dann wird eine neue Aera der Tyrannei beginnen, – einer stärkeren und entsetzlichern Tyrannei, als sie jemals dagewesen ist!«

»Ich habe immer davor gewarnt,« sagte Delescluze mit seiner ruhigen, klaren und schneidend scharfen Stimme, »die Durchführung unserer Prinzipien von äußeren Ereignissen abhängig zu machen, welche mehr oder weniger in der Hand des Zufalls liegen. Wir müssen mit unseren Ideen das Volk erfüllen, in diesen Ideen die zukünftige Generation erziehen, dann wird unser Sieg vielleicht später kommen, wir alle werden uns seiner Früchte vielleicht nicht 627 mehr erfreuen, aber er wird um so sicherer kommen und wird keinem zufälligen Ereignis, sondern nur der Arbeit des Volkes allein zu danken sein.«

»Auch die günstigsten äußeren Ereignisse, auch die vollständige Niederlage des Kaisers,« sagte der General Cluseret, indem er sich mit seinem Stuhl zurücklehnte und eine dichte Wolke aus seiner Zigarette in die Luft blies, »das alles wird die wahre Freiheit und Gleichheit nicht zum Siege führen, wenn das Volk nicht militärisch organisiert und gut geführt wird; denn nach den kaiserlichen Armeen werden es die Truppen der Bourgeoisie sein, welche uns gegenüberstehen, und welche für ihren Besitz und ihre Existenz kämpfen. Das wird sie tapfer und ausdauernd machen, und weder mit Phrasen noch mit Ideen werden wir ihre Bataillone vernichten.«

Delescluze sah ihn mit einem strengen Blick an, – bevor er antwortete, öffnete sich klirrend die Glastür des ersten Zimmers und mit raschen Schritten trat Raoul Rigault in das Zimmer.

Dieser kaum dem Collège entwachsene Agitator war wenn möglich noch blasierter und kecker geworden. Er vereinigte in seiner Erscheinung die wenig gewählten, etwas zynischen Manieren des Quartier Latin mit der falschen und übertünchten Eleganz jener Stutzer dritten und vierten Ranges, welche auf den entlegeneren Boulevards und in den öffentlichen Lokalen der basse volée den Ton und die Manieren der Dandies aus der großen Welt kopieren. Sein Haar und sein gleichmäßiger, starker Vollbart waren mit einer gewissen koketten Prätension geordnet, sein blasses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht trug den Stempel niedriger Debauche, seine etwas vorstehenden, großen und starr blickenden Augen waren von einem Pincenez bedeckt, das er mit einiger Mühe auf seiner Nase festhielt. Seine Wäsche und seine Handschuhe waren von äußerst zweifelhafter Frische, und das kleine Stöckchen, das er in der Hand hielt, war mit seinem imitierten Korallenknopf nur eine schwache Nachbildung jener eleganten und kostbaren Stils der Stutzer aus der großen Welt.

»Ich dachte es doch,« rief Raoul Rigault höhnisch, »daß ich meine vortrefflichen philosophischen Freunde hier 628 finden würde, Vermutungen austauschend und Hypothesen bauend, während draußen die wirkliche Welt fortschreitet und ein wenig durcheinander gerüttelt wird, – was ihr sehr not tut.«

Er rieb sich vergnügt die Hände und trat vor einen großen, an der Wand hängenden Spiegel, in welchem er sich wohlgefällig betrachtete und seine Krawatte zu ordnen begann.

»Sind neue Nachrichten aus dem Felde gekommen?« fragte Felix Pyat.

»Die allerneuesten,« sagte Raoul Rigault, in dem er fortfuhr, sich mit dem Knoten seiner Krawatte zu beschäftigen, »Mac Mahon ist geschlagen, die ganze Armee hat die Waffen gestreckt und unser vielgeliebter, großmächtiger Kaiser Badinguet der Große ist encoffriert und nach einem hübschen kleinen Gefängnis in Deutschland abgeführt worden.«

Er hatte diese Worte im gleichgültigsten Ton gesprochen, als handle es sich um die natürlichste Sache der Welt, ohne einen Augenblick aufzuhören, sich mit seiner Toilette zu beschäftigen.

Alle übrigen aber waren aufgesprungen bei dieser Nachricht, welche in ihren wenigen Worten einen Umsturz alles Bestehenden bedeutete.

»Die ganze Armee gefangen,« rief Felix Pyat, »der Kaiser nach Deutschland abgeführt, dann ist der Moment für uns gekommen, wir müssen hinaus in die Vorstädte, wir müssen alle unsere Kräfte in Bewegung setzen –«

»Wir müssen das Volk bewaffnen und in Bataillone formieren,« sagte Cluseret, – »das alles muß militärisch organisiert werden!«

»Man muß eine Versammlung auf das Marsfeld berufen«, rief Delescluze, »und die Herrschaft der Kommune nach dem Vorbild von 1793 einrichten.«

»Auf! auf!« riefen alle Stimmen durcheinander, »laßt uns in unsere Quartiere gehen, unsere Freunde in Tätigkeit zu setzen!«

Und alle suchten ihre Hüte, um das Lokal zu verlassen.

Raoul Rigault hatte seine etwas abgetragene Krawatte zu einer kunstvollen Schleife geknüpft, warf noch einen 629 Blick in den Spiegel und trat dann vor die Ausgangstür, indem er sein kleines Stöckchen emporhob und Felix Pyat, der eben hinausstürmen wollte, mit der Hand zurückschob.

»Halt, meine Freunde!« rief er, »halt, – ihr wollt wieder eine große Torheit begehen, eine Torheit, die ihr später lange zu bereuen haben würdet!«

»Eine Torheit,« rief Felix Pyat, »eine Torheit, wenn wir den Augenblick ergreifen, der vielleicht so bald nicht wieder kommt? Unsere größte, unsere ewige Torheit ist das Zaudern und Warten!«

Er versuchte, Raoul Rigault zur Seite zu schieben, dieser aber behauptete seinen Platz vor der Tür und sprach ein wenig ernster, aber immer noch mit jenem halb selbstzufriedenen, halb höhnischen Lächeln, welches fast nie von seinen Lippen verschwand:

»Hört mich an, meine Freunde, ich habe gesagt, es wäre eine große Torheit, wenn ihr jetzt hinausstürmen wolltet, um die Revolution zu entzünden. Für die Revolution, das heißt für unsere, für die ernsthafte Revolution ist die Zeit noch nicht gekommen. Der Kaiser ist gefangen, seine Armeen sind gesprengt,« fuhr er fort, während die übrigen sich um ihn drängten und ihm mit einer gewissen Ungeduld zuhörten, »diese Gesellschaft, welche hier in Paris die öffentlichen Gebäude okkupiert und sich die Regentschaft nennt, wird vor dem Hauch dieser Nachricht in Nichts zerstäuben, man wird die Republik proklamieren, aber es wird die Republik der Bourgeoisie sein, dieser vortrefflichen Bourgeoisie, welche uns so sehr liebt und hundertmal eher von den siegreichen Preußen auf den Knien den gefangenen Kaiser zurückerbitten würde, als daß sie mit uns etwas zu tun haben möchte, – dies wird die Republik der Trochu, der Jules Favre, der Gambetta und aller dieser Phraseurs sein, welche die kaiserliche Tyrannei nur verdrängen wollen, um sich an ihre Stelle zu setzen und das Volk ebenso zu mißbrauchen und zu unterdrücken, wie jene es getan.«

»Gewiß, gewiß,« rief Felix Pyat, »das wird geschehen, wenn wir uns nicht hineinmischen. Damit dies aber nicht geschehe, müssen wir hinaus, um die Unseren zu versammeln und zur Tat zu rufen!«

630 »Wir werden sie nicht so schnell sammeln können,« erwiderte Raoul Rigault, »daß jene nicht zuvor die Erbschaft der kaiserlichen Regierung angetreten haben, und wir werden uns dann diesen Herren der Bourgeoisie, und vor allen Dingen den Bataillonen des Generals Trochu, dieses Mannes der Proklamationen und der Pläne, gegenüber befinden. Wenn auch seine strategischen Pläne den Preußen nicht viel schaden werden, auf uns wird er mit besonderem Vergnügen feuern lassen, er wird stolz sein, doch irgendwo siegen zu können, und die ganze Folge des Unternehmens, welches ihr so vorschnell beginnen wollt, wird der Tod von vielen der Unsrigen, von uns selbst sein, denn es wird uns kaum gelingen, uns in Sicherheit zu bringen, und diese Herren von der Bourgeoisie werden uns noch viel eifriger verfolgen, als es die kaiserliche Polizei je getan hat.«

Alle schienen betroffen von den Worten Raoul Rigaults, – ein augenblickliches Schweigen trat ein.

»So sollen wir ruhig den Augenblick vorübergehen lassen? rief Felix Pyat, – »das ist unmöglich!«

»Wir werden nichts verlieren,« erwiderte Raoul Rigault, »wir werden den falschen Augenblick vorübergehen lassen, um den richtigen zu ergreifen. Diese Republik der Bourgeoisie wird sich selbst vernichten, die Uneinigkeit liegt in ihrem Schoß, die Feinde von außen werden sie beschäftigen und im Schach halten. Wir werden Zeit haben, alles vorzubereiten und nach festen Plänen zu ordnen, unsere Minen zu ziehen, um dann im gegebenen Moment, der bald kommen wird, alle diese Komödianten in die Luft zu sprengen. Unsere Freunde Varlin und Pindy sind abgereist, um in allen Provinzen die Gewerkvereine zu gemeinsamer, kaltblütiger und ruhiger Tätigkeit zu ermahnen, – die Gewerkvereine, welche die Armeeorganisation des streitenden Volkes bilden. Sie müssen alle dahin wirken, daß zunächst diese Bourgeoisregierung sich konstituiere, um sich selbst zu vernichten und uns Zeit zu lassen, unsere Kräfte vollständig zu ordnen. Heute würden wir geschlagen und niedergeworfen werden, in einigen Monaten vielleicht wird der Sieg mit Gewißheit unser sein. Darum, meine Freunde, 631 muß heute unsere Losung sein, die Dinge gehen zu lassen, ohne uns auch nur mit dem Druck des Fingers daran zu beteiligen. Ich meinesteils gehe hinaus und rufe so laut ich kann: Es lebe Trochu! Es lebe Jules Favre! Es lebe Gambetta!« –

»Dann will ich wenigstens doch noch rufen: Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit der Regentschaft!« sagte Courbet.

»Das ist nicht mehr nötig,« erwiderte Raoul Rigault achselzuckend, indem er sein herabgefallenes Pincenez von neuem auf der Nase befestigte, »ich liebe es nicht, meine Kehle unnütz anzustrengen.«

Felix Pyat war zur Seite getreten und drückte, in tiefen Gedanken versunken, beide Hände vor die Stirn.

»Unser Freund Raoul Rigault hat recht,« sagte Delescluze, »vollkommen recht, er ist der Jüngste von uns allen, aber ich muß ihm zugestehen, daß sein Blick klar und weitsichtig ist, handeln wir nach seiner Ansicht.«

»Er hat recht,« sagte Felix Pyat finster, »aber es ist doch hart, noch warten zu müssen, nachdem wir so lange schon gewartet haben, – indes, es muß sein –«

»Und Bakunin?« fragte Mégy, »er war angekommen, ich habe ihn seit vorgestern nicht gesehen; was ist aus ihm geworden?«

»Dieser tatarische Wilde,« erwiderte Raoul Rigault, mit seinem Stöckchen spielend, »in dessen Geist alles Unordnung, alles Dunkelheit und Überstürzung ist, kann natürlich nicht warten, bis die Frucht reif ist, er ist nach Lyon gegangen, um dort die Revolution zu entzünden. Man wird das niederschlagen, er wird fliehen müssen, oder man wird ihn fangen, und wenn der rechte Augenblick kommt, wird viel Kraft umsonst verpufft sein.«

Cluseret trank den Rest seines Punsches und sagte, indem er seinen Hut ergriff: »So laßt uns denn gehen, hier werden wir nicht erfahren, was draußen vorgeht.«

»Ich werde mir wenigstens das Vergnügen machen«, rief Courbet, indem er den übrigen folgte, »zu rufen: Nieder mit dem Kaiser! um einmal laut auf der Straße das zu sagen, was ich so lange in meinen Gedanken habe verschließen müssen.«

632 Die ganze Gesellschaft wandte sich nach der Seite der Boulevards, welche zu der Madeleine und der Rue Royale hinführte.

Cluseret blieb unbemerkt zurück und murmelte vor sich hin, indem er in die Rue Richelieu einbog:

»Bakunin ist nach Lyon gegangen, um die Revolution zu entzünden, – ich werde Bakunin folgen.«

*

Der Tag war vorübergegangen, das Volk war in die Sitzungen des Corps législatif gedrungen, die Regierung war verschwunden, man hatte die Absetzung des Kaisers ausgesprochen, die neue Regierung der nationalen Verteidigung hatte sich auf dem Stadthause konstituiert, und die Sonne sank am Abend dieses so ereignisreichen Tages ebenso ruhig und langsam zum Horizont herab als an all den anderen Tagen, welche sich in regelmäßiger Gleichförmigkeit folgen, und ohne eine Erinnerungsspur in den sich immer mehr verdichtenden Nebel der Vergessenheit versinken.

Das ganze öffentliche Leben von Paris wogte auf den Boulevards und in der Gegend des Hotels de Ville.

Vor dem Gittertor der Tuilerien standen ruhig wie immer die Posten. Die Kaiserin hatte sich nach einigen Stunden der Ruhe wieder erhoben, aber keine Botschaft vom Grafen Palikao kam zu ihr, und nur durch die Mitteilungen der geängstigten Dienerschaft erfuhr diese einsame Frau, welche gestern noch die Regentin von Frankreich war, was sich draußen begab.

Die Kaiserin war noch immer mit Madame Lebreton allein. Sie war eine Zeitlang in fieberhafter Unruhe hin und her geeilt. Dann, als man ihre Salons erleuchtete, hatte sie sich an ihren Schreibtisch gesetzt, um an den General Trochu zu schreiben, ihn zur Verteidigung des Thrones aufzurufen und sich unter seinen Schutz zu stellen. Einen Briefbogen nach dem anderen hatte sie wieder zerrissen, und müde und erschöpft saß sie da, die brennenden Augen, vor denen die Buchstaben sich zu verwirren begannen, mit den Händen bedeckend.

633 Der alte Kammerdiener der Kaiserin trat ein und überreichte Ihrer Majestät auf einem schön gearbeiteten Teller von Vermeil ein Billet, indem er sagte:

»Der Fürst Metternich sendet diesen Brief durch einen Beamten der Botschaft. Der Fürst wird in kurzer Zeit selbst bei Eurer Majestät erscheinen.«

Hastig erbrach die Kaiserin das Billett und durchflog den Inhalt, dann warf sie das Blatt mit einem tiefen Seufzer vor sich hin.

»Der Fürst dringt auf die Abreise,« sagte sie zu Madame Lebreton, die ihr gegenübersaß, – »aber wenn ich es auch wollte, wie wäre es möglich?«

»Der Ritter Nigra ist im Vorzimmer«, sagte der Kammerdiener, »und bittet Eure Majestät um Gehör.«

»Lassen Sie ihn eintreten!« rief die Kaiserin, und sich zu Madame Lebreton wendend, fügte sie mit einem traurigen Lächeln hinzu: »Da ist wenigstens noch jemand, der mein Vorzimmer nicht flieht, – aber es ist kein Franzose.«

Der Cavaliere Nigra, der Gesandte des Königs Viktor Emanuel und frühere Privatsekretär des Grafen Cavour, war ein mittelgroßer, schlanker Mann von etwa vierzig bis einundvierzig Jahren. Sein bleiches Gesicht mit dem dichten, langen, dunkelblonden Schnurrbart hatte nicht den feinen Schnitt des italienischen Typus, aber die etwas starken und kräftigen Züge zeugten von Geist und Willenskraft. Das dunkle, volle Haar war einfach gescheitelt, und aus den kleinen, etwas zurücktretenden Augen blickte feine und durchdringende Beobachtung. Herr Nigra, den seine geschmeidige Gestalt und seine eleganten Bewegungen noch jünger erscheinen ließen, als er war, näherte sich der Kaiserin mit tiefer Verbeugung und sprach, ohne ihre Anrede abzuwarten:

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, Ihnen meine Dienste und meinen Rat aufzudrängen, aber ich halte es für unerläßlich, daß Eure Majestät sich so bald als möglich entschließen, Paris zu verlassen. Eure Majestät wissen, was vorgegangen ist?«

»Ich habe wenigstens die Hauptsachen gehört,« erwiderte die Kaiserin mit matter Stimme, »und wenn man vielleicht auch einiges übertrieben hat, so genügt doch das, 634 was geschehen, um mich die Notwendigkeit erkennen zu lassen, Ihren Rat zu befolgen, wenn der General Trochu, dem ich soeben schreiben wollte, mich nicht zu schützen vermag.«

»Trochu!« rief Herr Nigra, »Eure Majestät denken noch an Trochu? – Er ist Mitglied der Regierung, welche sich auf dem Stadthause konstituiert hat und sich die Regierung der nationalen Verteidigung nennt.«

Die Kaiserin schüttelte langsam den Kopf.

»Der nationalen Verteidigung?« sagte sie, – »sie wollen Frankreich verteidigen, nachdem die Marschälle des Kaisers geschlagen sind? Und wer sind die anderen Mitglieder der Regierung?« fragte sie dann, »man hat mir Herrn Jules Favre genannt.«

»Jules Favre,« erwiderte Herr Nigra, – »Gambetta – und,« sagte er mit leichtem Zögern, – Rochefort.«

Eine Leichenblässe überzog das Gesicht der Kaiserin.

»Rochefort!« rief sie in gellendem Aufschrei, indem sie die Hände auf ihr Herz drückte, – »ah, das ist das Ende, – ich will fliehen, mein Herr, ich will Paris verlassen, ich will Frankreich verlassen! – in einem Lande, in welchem Rochefort regiert, ist kein Platz für mich! – Aber wie«, fuhr sie fort, »ist es möglich, aus Paris hinauszukommen? – wird es mir nicht gehen, wie es der Marie Antoinette ging – auf ihrer Flucht – in Varennes –«

»Wir werden Mittel und Wege finden; aber zuvor erlauben mir Eure Majestät, einige Sicherheitsmaßregeln zu treffen.«

»Verfügen Sie«, sagte die Kaiserin.

Herr Nigra rief den Kammerdiener aus dem Vorzimmer herein.

»Haben Sie eine Anzahl von Leuten,« fragte er, »für deren Treue gegen Ihre Majestät Sie einstehen können?«

»Für zwanzig bis fünfundzwanzig Lakaien vom Dienst der Kaiserin möchte ich mit meinem Kopf haften«, sagte der alte Kammerdiener.

»So verteilen Sie dieselben sofort an alle Ausgänge des Schlosses, wenigstens an alle Zugänge zu den Appartements Ihrer Majestät, mit dem strengen Befehl, niemanden 635 von der übrigen Dienerschaft hinein- oder herauszulassen. Die Freiheit, vielleicht das Leben der Kaiserin hängt davon ab«, fügte er leise hinzu.

Der Kammerdiener neigte schweigend den Kopf und ging hinaus.

»Jetzt sind wir für einige Zeit vor Verrat sicher«, sagte Herr Nigra. »Ich bitte Eure Majestät, nunmehr das Nötigste, aber auch nur das Allernötigste, mit sich zu nehmen. Ich werde versuchen einen unscheinbaren Wagen zu finden, den ersten Weg müssen wir jedenfalls zu Fuß machen.«

Er wendete sich zum Vorzimmer, während Madame Lebreton nach dem Schlafzimmer der Kaiserin eilte, um einige flüchtige Vorbereitungen zur Abreise zu treffen.

Als Herr Nigra die Tür des Vorzimmers öffnete, trat rasch der Fürst Metternich ein, eilte auf die Kaiserin zu und sprach:

»Das Vorzimmer Eurer Majestät ist leer, auch der Kammerdiener vom Dienst ist nicht darin, ich bitte deshalb, meinen Eintritt gnädigst zu entschuldigen. Die Zeit drängt, man beginnt verdächtige Rufe auf den Straßen zu hören. Ich beschwöre Eure Majestät, es ist kein Augenblick zu verlieren. Ein einfacher Fiaker steht auf dem Karussellplatz, in demselben werden Eure Majestät die Nordbahn erreichen, – wenn nur Ihre Entfernung von hier nicht bemerkt wird, so sind Sie gerettet.«

»Ich bin bereit«, sagte die Kaiserin, »und danke Ihnen mein Fürst, und Ihnen, Herr Chevalier, für Ihre Freundschaft, die in diesem Augenblick einen so hohen Wert hat.«

Madame Lebreton kam zurück, eine kleine Reisetasche am Arm. Sie reichte der Kaiserin einen einfachen Mantel und einen Hut.

Die Kaiserin machte ihre Reisetoilette, blickte noch einmal rings in dem Salon umher, in welchem sie so viele Tage des höchsten Glückes und Glanzes verlebt hatte, und der bestimmt war, nur wenige Monate später unter dem Schutt und den Trümmern des alten Tuilerienschlosses zu versinken, dieses Schlosses, das jene kaltherzige Mediceerin, welche so viele Augen hatte weinen machen, einst erbaut und das seitdem so vieler Herrscherinnen tränende 636 Abschiedsblicke gesehen hatte, bis es als flammendes Sühnopfer eines im Fieberwahnsinn ringenden Volkes von der Erde verschwinden sollte.

Dann reichte die Kaiserin dem Fürsten Metternich den Arm, Herr Nigra folgte mit Madame Lebreton.

Der alte Kammerdiener war wieder in das Vorzimmer gekommen, nachdem er überall seine Wachen ausgestellt.

»Bleiben Sie hier«, sagte der Fürst zu ihm, »und sorgen Sie dafür, daß die Entfernung Ihrer Majestät so spät als möglich bekannt wird, – und nun«, fuhr er fort, »müssen wir das Schloß durch den unbemerktesten und unscheinbarsten Ausgang verlassen.«

Madame Lebreton trat mit dem Ritter Nigra voran.

»Ich weiß den Weg,« sagte sie, »folgen Sie mir.«

Und sich von dem großen Vorplatz seitwärts wendend, schritt sie durch einen langen, schwach erleuchteten Korridor über kleine Seitentreppen hinab zu einer Ausgangstür, welche weit ab von dem großen Portal in den Hof hinausführte.

Ein Lakai in der kaiserlichen Livree stand vor dieser Tür.

»Man passiert nicht!« sagte er, indem er sich vor die Schwelle stellte.

Die Kaiserin trat in das Licht einer kleinen Lampe, welche neben der Ausgangstür brannte.

Der Lakai wandte sich ehrerbietig zur Seite und ließ die Tür frei.

»Halten Sie gute Wache, mein Freund«, sagte der Fürst Metternich.

Und die vier Personen schritten auf den dunklen Hof hinaus.

Auf dem Karussellplatz war eine ziemlich zahlreiche Menschenmenge versammelt, und man hörte laute und heftige Stimmen von dort herüberdringen.

Die Kaiserin hielt einen Augenblick an und machte eine Bewegung, als wolle sie zurückkehren.

»Eilen wir, Madame,« sagte der Fürst Metternich, »Eure Majestät hat dort nichts zu fürchten, wir werden ruhig bei diesen Menschen vorbeigehen, ohne daß man uns beobachtet.«

637 Und man ging weiter im Schatten der Mauern, dem Orte zu, von welchem die lauten Stimmen herüberdrangen.

Dort befanden sich etwa hundert Menschen, Arbeiter aus den Vorstädten und einige Vorübergehende, welche sich zu denselben gesellt hatte. Sie umringten ein einfaches Coupé von dunkler Farbe, einige hielten das kräftige, mit den Füßen scharrende und den Kopf schüttelnde Pferd an den Zügeln, während andere sich bemühten den Schlag zu öffnen, welcher von innen festgehalten wurde.

»Nun, meine Freunde, was gibt es hier?« fragte Raoul Rigault, welcher, langsam über den Karussellplatz schlendernd, diese Menschenansammlung bemerkt hatte und herantrat, um zu sehen, was sie zu bedeuten habe, zugleich machte er sich, sein Stöckchen in der Luft umherwirbelnd, Bahn zu dem Schlage des Coupés.

»Oho, mein guter Freund,« rief ein großer, kräftiger Mann mit langem, struppigem Haar, das er nicht für nötig gehalten hatte, mit einem Hut zu bedecken, »oho, man spricht nicht in solchem Ton mit den Bürgern von Paris. Wir sind jetzt die Herren hier, und wir tun, was uns beliebt, – und wenn man vielleicht«, sagte er, mit eisernem Griff seiner Faust den Arm Raoul Rigaults erfassend, »ein Mouchard der Cidevantpolizei ist, so steht nichts im Wege, daß man eine Luftfahrt bis zur Höhe der nächsten Laterne macht!«

»Dummkopf,« sagte Raoul Rigault, indem er mit einem durchaus nicht sanften Hieb seines Stöckchens die Hand traf, welche seinen Arm umfaßt hielt, – »Dummkopf, was fällt Euch ein? ich glaube, ich habe so viel für das Volk getan, daß man mich wohl kennen sollte. Ist denn niemand hier von den Vorstädten Belleville oder St. Antoine, niemand, der den Bürger Raoul Rigault kennt?«

Einige Arbeiter in blauen Blusen traten heran.

»In der Tat,« sagte einer von ihnen, »es ist der Bürger Rigault, ein guter Freund des Volks, wir haben ihn oft in unseren Versammlungen gesehen.«

Er trat näher und reichte mit einer gewissen ehrerbietigen Scheu Raoul Rigault seine derbe Hand hin, welche dieser mit herablassender Gönnermiene ergriff.

638 Alle waren zurückgewichen, als die Identität des Agitators, dessen Name in den Kreisen der niedern Demokratie allgemein bekannt war, festgestellt worden.

Raoul Rigault stand allein am Wagenschlag.

»Und nun meine Freunde, sagt mir, was ist es mit diesem Coupé? warum habt Ihr es angehalten?«

»Wir haben es angehalten,« sagte der große Arbeiter, welcher zuerst die Tür zu öffnen versucht hatte, »weil wir hierhergekommen waren, um ein wenig zu sehen, was man da drinnen in dem Nest der Tyrannei treibt.«

Er deutete mit der Hand nach den Tuilerien.

»Ganz wie ich,« sagte Raoul Rigault, – »ganz wie ich, auch mich hat die Neugierde hierhergeführt.«

»Nun fuhr dieses Coupé,« sprach der Arbeiter weiter, »hier schnell vorüber, es schien sich hastig entfernen, sich verbergen zu wollen, – und ich weiß nicht, woher mir der Gedanke gekommen, daß Madame Badinguet darin sitze, – da schien es uns doch besser, diese vortreffliche Frau, welche solche Eile hat, ihrem Mann zu folgen, noch ein wenig hier zu behalten, da vielleicht die Republik ein Wörtchen mit ihr zu sprechen haben könnte.«

»Ah, ist es das?« sagte Raoul Rigault, indem ein Blitz in seinen matten Augen aufleuchtete, – »wir wollen sehen.«

Mit einem schnellen Druck riß er die Tür des Coupés auf, welche von innen nicht mehr gehalten wurde.

Eine Dame von schlanker Gestalt, in einem dunklen Kostüm, das Gesicht mit einem schwarzen Schleier bedeckt, beugte sich aus dem Wagen heraus.

»Wir haben sie,« riefen verschiedene Stimmen, »wir haben sie! In der Tat, es ist Madame Badinguet!«

Die Dame schlug den Schleier zurück und man sah die regelmäßigen, schönen Züge der Marchesa Pallanzoni, deren große Augen sich mehr voll Unwillen als voll Furcht auf die den Wagen umringende Gruppe richteten.

Raoul Rigault fuhr im ersten Augenblick betroffen zurück, dann erschien ein freudiges Lächeln auf seinem Gesicht.

»Ich hoffe, mein Herr,« sagte die Marchesa, »daß Sie die Augenblicke, in welchen ich die Ehre hatte, Ihnen zu 639 begegnen, nicht vergessen haben, und daß Sie mir bezeugen können, daß ich nichts mit der Person gemein habe, welche man in mir vermutet!«

»Mit Freuden, meine schöne Dame!« rief Raoul Rigault. »Hört mich an, meine Freunde,« sagte er dann, »diese Dame hier kenne ich genau, sie ist eine Italienerin, die die Gastfreundschaft Frankreichs genießt, eine Tochter jenes Landes, das in diesem Augenblick die Tyrannei der Priester zerbricht. Ich, Raoul Rigault, gebe euch mein Wort, daß sie keine Beziehungen zu derjenigen hat, die ihr sucht, und welche wahrscheinlich«, fügte er höhnisch lachend hinzu, »dort oben noch beschäftigt ist, als gute Hausfrau ihre Diamanten einzupacken.«

»Nein, nein, sie ist es nicht,« riefen mehrere Stimmen, – »wenn der Bürger Rigault sie kennt, so genügt das!« hörte man von anderer Seite.

»Es lebe der Bürger Rigault! Es lebe der Bürger Rigault!« rief die ganze Gruppe. Und die Marchesa neigte lächelnd den Kopf, als wolle sie ihre Zustimmung zu diesem Ruf ausdrücken.

In diesem Augenblick schritt die Kaiserin am Arm des Fürsten Metternich fast unmittelbar an der rufenden Menge vorüber. Ein Strahl der nächsten Laterne fiel auf ihr Gesicht, die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war auf die Szene am Wagenschlag des Coupés gerichtet. Niemand beobachtete die vier ruhig und ohne jede sichtbare Eile über den Karussellplatz dahinschreitenden Personen. Nur einer jener kleinen Pariser Gamins, welche überall sind, welche alles hören, alles sehen, von welchen niemand weiß, woher sie kommen und was später aus ihnen wird, rief mit gellender Stimme:

»Das ist die Kaiserin! Das ist die Kaiserin!«

»Willst du schweigen,« rief der große Arbeiter, indem er seine mächtige Faust auf den Kopf des Kleinen legte und ihn herabdrückte, »du hörst ja, daß sie es nicht ist, – daß der Bürger Rigault sie kennt!«

Raoul Rigault hatte sich bei dem Ruf des kleinen Gamins einen Augenblick umgewendet. Seine Augen öffneten sich weit, er hatte mit einem raschen Blick die 640 Vorübergehenden gesehen. Es schien, als wolle er in einem wilden Sprung ihnen nachstürzen wie das Raubtier, das seine Beute verfolgt. Da fühlte er einen leisen Druck auf seinem Arm, zugleich hörte er die flüsternde Stimme der Marchesa, welche zu ihm sprach:

»Bleiben Sie hier, schweigen Sie, ich bitte Sie darum.«

Raoul Rigault stand unschlüssig.

»Steigen Sie zu mir ein und begleiten Sie mich,« sagte die Marchesa, »ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Raoul Rigault zuckte zusammen, sein glühender Blick ruhte einen Augenblick wie zweifelnd und fragend auf dem schönen Gesicht der Marchesa. Dann ergriff er die Hand, die sie ihm reichte, und stieg zu ihr in das Coupé.

Die Kaiserin mit ihren Begleitern war im Dunkel der Nacht verschwunden.

»Nach Hause!« rief die Marchesa Pallanzoni dem Kutscher zu.

Das Pferd zog an, und schnell rollte das kleine Coupé dem Eingang nach der Rue de Rivoli zu, während die Gruppe welche dasselbe bis jetzt umringt hatte, nochmals rief:

»Es lebe Raoul Rigault!«

Und unmittelbar daran schloß sich der noch lautere, noch leidenschaftlichere Ruf:

»Nieder mit dem Kaiserreich! Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit der Kaiserin!«

Die Gruppe teilte sich und ging nach verschiedenen Seiten auseinander, immer noch jene Rufe ausstoßend.

Und mitten durch sie hindurch fuhr unbemerkt und unbeachtet ein einfacher Fiaker in seinem kurzen, kleinen Trabe auf demselben Wege aus dem Karussellplatz heraus, welchen vorher das Coupé der Marchesa Pallanzoni genommen hatte.

 

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