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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Die schwere Sommerwärme lag über der ewigen Stadt Rom, Seine Heiligkeit Papst Pius IX. hielt seine Residenz noch in den kühlen Räumen des quirinalischen Palastes, der mit seinen großen, tiefschattigen Gärten neben der Rione di Trevi hin den meisten Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen darbot, und die meisten der großen römischen Familien hatten sich auf ihre Landsitze in der Umgegend oder an der Meeresküste zurückgezogen. Der Fremdenverkehr hatte noch nicht begonnen. Es war die letzte Zeit in der toten Saison, wenn man in dieser ewig lebenden, die ferne Vergangenheit mit der Gegenwart immer neu verbindenden Stadt überhaupt von einer toten Saison sprechen kann.

In diesem Jahre aber herrschte während dieser Zeit der Ruhe und Abspannung in allen zur päpstlichen Kurie gehörenden Kreisen unausgesetzte und lebhafte Tätigkeit. Man sah häufiger als sonst in den Straßen die schweren roten, oben schwarzen und mit reicher Vergoldung verzierten Kutschen der Kardinäle mit den roten Federbüschen der starken, schwarzen Pferde und mit den drei goldbetreßten Lakaien in hohen Hüten auf dem Trittbrett, denn es fanden zahlreiche und wiederholte Beratungen in den Kongregationen und bei Seiner Heiligkeit statt, um alles für das bevorstehende ökumenische Konzil zu ordnen, welches nach dem Willen des Papstes die katholische Welt wieder vollständig einigen und sie dem obersten Hirtenstab Roms ohne Bedingung und Widerspruch gehorsam machen sollte.

Es waren so viele Formfragen, so viele wichtige und 56 tiefgreifende Rechtsfragen zu erledigen, daß alle diese Kardinalpriester der römischen Kirche vollauf zu tun hatten, um überall die Traditionen und Rechte aus der Zeit der früheren Konzilien zu ermitteln und jede einzelne Frage spruchreif der Entscheidung des Nachfolgers Petri unterbreiten zu können. Denn auf dem bevorstehenden Konzil sollte ja alles, was irgendwie noch unklar und zweifelhaft sein mochte, definitiv klar- und festgestellt werden, damit künftig die Kirche als eine geschlossene, nirgends angreifbare Macht sowohl dem Geiste des philosophischen Unglaubens, als auch den immer mehr hervortretenden Bestrebungen der weltlichen Mächte, sich und ihre Staatsangehörigen von der geistlichen Gewalt der Hierarchie zu befreien, mit Nachdruck und Erfolg entgegentreten könne.

Es war etwa um die sechste Abendstunde eines Tages im Anfang des Septembermonats. Die Sonne sank, und während sich auf die von den hohen Palästen eingefaßten Straßen bereits die abendlichen Schatten zu legen begannen, glänzten die Kuppeln der Kirchen und der gewaltige Kolossalbau des Kastells St. Angelo in dem intensiven, goldroten Licht, das fast wie ein greifbarer Farbstoff die Luft erfüllt und sich in wunderbarer Schärfe von dem tiefen Dunkelblau des Himmels abhebt.

Von der Richtung nach dem Meere her erhob sich ein leichter Windhauch, welcher Kühlung und frischen Lebensodem über die in träumerische Schlaffheit versunkene Stadt hintrug.

Die Straßen begannen sich mehr und mehr zu beleben, die Bettler kamen aus den schattigen Winkeln hervor und nahmen ihre Plätze an den belebteren Teilen der Stadt ein oder stellten sich an die Ausgangstüren der Kirchen, um den zur Abendandacht Eintretenden die schweren Türvorhänge aus dem mehrfach übereinandergenähten, mit dickem Leder eingefaßten Segeltuch emporzuheben und dafür ihre größere oder geringere Gabe in Empfang zu nehmen.

Vor den Häusern fanden sich die Mädchen in ihren malerischen Kostümen mit den silbernen Nadeln in den reichen Flechten der schwarzen Haare zusammen.

57 Die Osterias begannen sich zu füllen. Noch einmal vor der Nacht entfaltete sich all dies bunte pittoreske Leben, welches die Eigentümlichkeit dieser Stadt bildet, die durch kriegerische und geistliche Macht fast zwei Jahrtausende die Welt beherrscht hat.

Durch die bunten Gruppen, welche den Borgo San Spirito und die Piazza San Pietro erfüllten, schritt ein junger Mann in der kleidsamen Uniform eines Offiziers der päpstlichen Zuaven, dieses aus den freiwilligen Streitern für die Legitimität und die katholische Kirche gebildeten Korps, welches die ältesten und vornehmsten Namen der katholischen Christenheit in seinen Reihen aufweisen konnte.

Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, sein Gesicht zeigte die hellen Farben der norddeutschen Rassen, sein kurzes, leicht gelocktes, blondes Haar quoll unter dem Käppi hervor, auf seinem Gesicht mit den reinen, edlen und regelmäßigen Zügen lag die frische, fast rosig zarte Farbe der Gesundheit, und seinen Mund, auf dessen Oberlippe ein leichter blonder Flaum keimte, umgab ein Zug von fast noch kindlich harmloser Heiterkeit. Mit diesem ganzen Gesicht standen aber die Augen nicht im Einklang, denn diese Augen waren von einem so tiefdunklen Blau, daß sie fast schwarz erschienen und merkwürdig gegen das blonde Haar und die helle Gesichtsfarbe abstachen – in ihren Blicken lag eine so schwärmerisch traurige Wehmut, ein so schwerer Ernst, daß, wenn man diesen Kopf auf einem Bilde gesehen hätte, man dem Maler den Vorwurf gemacht haben würde, die lebensfrischen heiteren Züge eines Jünglings mit den Augen eines durch schwere und schmerzliche Lebenserfahrungen gereiften Mannes zusammengestellt zu haben.

Der junge Offizier schritt langsam und, wie es schien, tief mit seinen Gedanken beschäftigt einher. Er bemerkte nicht die demütigen Verbeugungen der Bettler, welche ihm ihre Hände entgegenstreckten, um eine Gabe zu empfangen. Er bemerkte nicht die Blicke, welche aus den flammenden schwarzen Augen der schönen Römerinnen ihm folgten, und erwiderte selbst nur zerstreut die liebenswürdigen und freundlichen Grüße der Priester, welche mit besonderem 58 Wohlwollen jeden Angehörigen dieser Elitetruppe betrachteten, die sich zur Verteidigung des Glaubens, der Kirche und der Rechte des Heiligen Stuhles gebildet hatte.

Am Ende der Piazza San Pietro wandte er sich zu dem Palast des heiligen Offiziums; von dem Türsteher ehrerbietig begrüßt, durchschritt er den inneren Hof und stieg die breite Treppe hinauf, von deren Absätzen sich weite Gänge in das Innere des mächtigen Gebäudes erstreckten.

In diesen Gängen sah man alte schwere Türen, über welchen mit großen Buchstaben die Namen der Länder der verschiedenen Weltteile geschrieben waren, um die Bureaus zu bezeichnen, in welchen die heilige Inquisition ihre Herrschaft über die Gewissen in allen Teilen der Erde ausgerichtet hatte, und von welchen aus einst die Instruktionen an Torquemada und Arbuez ergangen waren. Der junge Offizier schritt an diesen Gängen vorüber und trat im ersten Stockwerk in eine schöne, geräumige Vorhalle, an deren Eingang zwei reich galonierte Lakaien standen, während in der Halle selbst mehrere junge Geistliche in ihren einfachen, enganliegenden schwarzen Kostümen auf und nieder gingen.

Die beiden Lakaien traten respektvoll zur Seite, einer der Abbates näherte sich dem Offizier der Zuaven und fragte in bescheidenem, fast demütigem Ton mit leiser Stimme nach seinem Begehr.

»Seine Eminenz der Kardinal Monaco La Valetta hat mich zu dieser Stunde zu sich beschieden,« erwiderte der junge Mann, »und diesem ehrenvollen Ruf folgend, bin ich hier, die Befehle des hochwürdigsten Kardinals entgegenzunehmen. Ich bin der Graf von Spangendorf, und wie Sie sehen«, fügte er, auf seine Uniform deutend, hinzu, »Offizier der Zuaven Seiner Heiligkeit.«

Der Geistliche verneigte sich mit einer fast weltmännischen Höflichkeit und führte den Grafen in ein geräumiges Vorzimmer, von dessen großen Fenstern die schweren seidenen Vorhänge weit zurückgezogen waren. Die Wände waren mit Marmor bekleidet, man sah an denselben einzelne Antiken, Statuen und Bronzen von tadelloser Schönheit. Ein großer Mosaiktisch, von mächtigen Lehnstühlen umgeben, bildete das ganze Ameublement.

59 »Ich bitte den Herrn Grafen, einen Augenblick zu warten,« sagte der Geistliche, »es ist augenblicklich Besuch bei Seiner Eminenz, und in kurzer Zeit wird der Kardinal frei sein.«

Er ging hinaus.

Der Graf von Spangendorf setzte sich in einen der Lehnstühle und erwartete, in Gedanken versunken, die Audienz bei dem Kirchenfürsten, der das wichtige Amt des Sekretärs der Bittschriften und päpstlichen Breven bekleidete.

Wenige Augenblicke vorher war in das Empfangszimmer des Kardinals ein Herr und eine Dame eingeführt. Der Herr, etwa fünfzig Jahre alt, von kleiner, magerer Gestalt, mit einem scharfmarkierten Gesicht von etwas gelblicher Farbe, mit kurzem, leicht ergrautem schwarzen Haar, dunklen Augen, mit fein beobachtendem, intelligentem Blick, war der preußische Generalkonsul Spiegelthal, welcher einst als vertrauter Sekretär des Ministerpräsidenten von Manteuffel die intimen Verhandlungen mit dem Fürsten Schwarzenberg geführt und den Ministerpräsidenten Friedrich Wilhelms IV. nach Olmütz, Warschau und Paris begleitet, dann eine Zeitlang als Generalkonsul in Smyrna sich um die Vertretung der preußischen Interessen im Orient und zugleich auch um die Erforschung altklassischer Kunstschätze sehr verdient gemacht, nun aber, seit längerer Zeit allen Geschäften fern, seit zwei Jahren in Neapel seinen Aufenthalt genommen hatte.

Herr Spiegelthal trug einen schwarzen Salonanzug mit dem Kreuz des roten Adlerordens und einigen fremden Dekorationen.

Seine Tochter, eine junge Dame von siebzehn Jahren, schlank und zart gebaut, trotz der Weichheit ihrer Züge ihrem Vater ähnlich, trug schwarze Toilette und blickte mit religiöser Ehrfurcht in der Wohnung des fürstlichen Priesters der Kirche um sich.

Das Empfangszimmer war mit vornehmer, reicher Einfachheit ausgestattet. Einige vortreffliche Gemälde, einige Antiken von besonderem Wert bildeten fast seinen ganzen Schmuck.

60 Unmittelbar darauf, nachdem Herr Spiegelthal und seine Tochter durch die Tür des Vorzimmers eingetreten waren, erschien der Kardinal Monaco an dem entgegengesetzten Eingang, welcher nach seinem Kabinett führte.

Dieser in dem Vertrauen des Papstes so hochstehende Kirchenfürst war damals erst dreiundvierzig Jahre alt, nur zwei Jahre älter als der jüngste der Kardinäle, der Prinz Lucian Bonaparte, und nach seiner Erscheinung mußte man ihn für noch jünger halten, als er war. Seine Gestalt war schlank und geschmeidig, sein schmales, regelmäßig geschnittenes Gesicht vereinigte in seinen Zügen die Ruhe und Milde eines Priesters mit der scharfen Intelligenz des vielgewandten Staatsmannes und der hoheitsvollen Zurückhaltung des Fürsten. Seine stets etwas von oben herabblickenden Augen waren fast ganz von den Lidern bedeckt, welche er, wie um den etwas kurzsichtigen Blick zu verschärfen, herabsinken ließ, und nur in Augenblicken, in welchen das Gespräch sein ganzes Interesse erregte, öffneten sich diese dunklen, scharfen und geistdurchleuchteten Augen zu einem durchdringend klaren und freundlichen, aber auch zugleich ebenso kalten, ruhigen und überlegenen Blick.

Er trug die einfache, so kleidsame Haustracht der Kardinalpriester, ging mit leichten, fast unhörbaren Schritten dem Generalkonsul und seiner Tochter entgegen, begrüßte dieselben mit einer Neigung des Hauptes und lud sie mit einer Bewegung voll liebenswürdiger Höflichkeit und würdevoller Hoheit zugleich ein, dem Fauteuil gegenüber Platz zu nehmen, in welchem er sich neben dem Tisch niederließ.

»Es freut mich sehr, Sie hier zu sehen, Herr Generalkonsul,« sagte er, indem er seine schlanken, weißen und mit großer Sorgfalt gepflegten Hände auf die Seitenlehne seines Sessels stützte. »Sie werden viele Freude an unseren Kunstschätzen haben, und ich habe Ihrem Wunsch gemäß veranlaßt, daß Ihnen alles ohne Schwierigkeit geöffnet und gezeigt werde.«

»Eure Eminenz sind sehr gütig,« erwiderte Herr Spiegelthal, »ich habe Ihnen meinen ehrfurchtsvollsten Dank besonders auch im Namen meiner Tochter auszusprechen, 61 welche Rom noch nicht kannte und ganz entzückt ist über all die Schönheiten, die sich ihr hier erschlossen haben.«

Der Kardinal neigte halb mit weltmännischer Artigkeit, halb mit väterlicher Herablassung das Haupt gegen die junge Dame und sagte mit seiner weichen, wohltönenden Stimme:

»Die Kunst ist die ewige Jugend, sie behält selbst im Alter den Frühling des Geistes und des Herzens, aber am frischesten und innigsten werden ihre Schönheiten von der Jugend erfaßt, welche ihr am nächsten verwandt ist. Das Fräulein ist gewiß auch musikalisch«, fügte er hinzu, »und wird hier im Vaterlande der Musik manchen Genuß finden.«

»Ich bin unendlich glücklich hier, Eminenz,« sagte Fräulein Spiegelthal mit einer leichten verlegenen Schüchternheit im Ton der Stimme, »die berühmten Capellani Cantori zu hören, die herrliche Stimme des Dominico Mustapha hat mich mit ihrer wunderbaren Kraft und Reinheit völlig hingerissen. Man muß sich erst«, fuhr sie fort, »an diesen Gesang ohne Orgel und Instrumentalbegleitung gewöhnen, die Klangfarbe der Stimme hat fast etwas Unheimliches, und ebenso muß man sich auch in den alten Melodien von Palestrina und Marcello erst zurechtfinden, um sie zu verstehen und sie zu würdigen. Hat sich aber das Ohr in diese Musik hineingefunden, so öffnet sich uns eine neue, ganz wunderbar geheimnisvolle Welt.«

Der Kardinal neigte lächelnd den Kopf und betrachtete einen Augenblick die zierlichen Spitzen seiner schlanken Finger. »Sie sollten doch ein wenig«, sagte er, »an die Klangfarbe und an die Eigentümlichkeit dieser Musik gewöhnt sein, da Sie ja jetzt in Deutschland ebenfalls einen eifrigen Kultus für dieselbe haben.«

»Die Kirchenmusik in Deutschland, Eminenz«,erwiderte der Generalkonsul, »hat einen wesentlich anderen Charakter, sie tritt nicht so hervor, nimmt im Gottesdienst eine weit untergeordnetere Stellung ein, und auch die Kompositionen selbst tragen einen wesentlich anderen Charakter.«

»Ich meine nicht eigentlich die Kirchenmusik,« sagte der Kardinal, »das heißt die Musik, welche in den Kirchen zur Aufführung kommt. Die religiöse, um sozusagen, 62 ganz besonders katholische Musik kommt bei Ihnen in Deutschland gegenwärtig auf den Theatern zur Erscheinung in den Opern Ihres Komponisten, der sich den Musiker der Zukunft nennt und in Deutschland so viele enthusiastische Bewunderer findet, – ich meine Richard Wagner –«

Der Generalkonsul blickte ein wenig erstaunt auf.

»Richard Wagner?« fragte er, – »Eure Eminenz halten seine Musik für eine religiöse, für eine besonders katholische? Er will ja ganz im Gegenteil das musikalische Drama schaffen, die menschlichen Leidenschaften in dramatisch musikalischer Form zum Ausdruck bringen, er gehört seiner ganzen Persönlichkeit nach der demokratischen Anschauung an, welche von kirchlicher und besonders von katholischer Auffassung sehr weit entfernt ist.«

Der Kardinal schüttelte den Kopf.

»Ich kann über die Persönlichkeit Richard Wagners nicht urteilen«, sagte er, »und weiß nicht, welches seine Gesinnungen und Anschauungen sind – vielleicht«, fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu, »wird er sich selbst darüber nicht vollkommen klar sein – als Musiker und Komponist aber steht er durchaus auf kirchlichem, und zwar ganz katholischem Boden. Glauben Sie mir,« fuhr er fort, indem seine Augen sich ein wenig öffneten, »Richard Wagner und seine Musik wird wesentlich dazu beitragen, die Macht unserer heiligen Kirche zu stärken und ihr die Gemüter mehr und mehr wieder zurückzuführen. Das geheimnisvolle, mysteriöse Element, das in dieser Musik liegt, welche durch den sinnlichen Eindruck die Gemüter zum Übersinnlichen führt und durch die unbegrenzte Harmonie, welche die geschlossene Melodie vermeidet, das Bild der unendlichen Ewigkeit den Seelen vorführt, ist eine Darstellung des in dieser Welt unvollendeten Ringens und Strebens – schließt die Befriedigung aus und erweckt Sehnsucht und Hoffnung, – jene Sehnsucht und jene Hoffnung, welche nach Erlösung und Befreiung ringt und welche nur«, fügte er mit ernstem, salbungsvollem Ton hinzu, »durch die heilige Kirche gestillt werden kann.«

»Eurer Eminenz Auffassung«, sagte der Generalkonsul Spiegelthal, »ist mir neu und in besonderem Grade 63 interessant. Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich die Wagnersche Musik für eine Bizarrerie gehalten und nie daran gedacht habe, daß in derselben ein so tief bedeutungsvoller Sinn liegen könne. Ich bewundere übrigens,« fuhr er fort, »daß Eure Eminenz die Zeit gefunden haben, sich so eingehend und mit so großem Verständnis mit der modernen Richtung unserer deutschen Musik zu beschäftigen.«

»Ich liebe,« erwiderte der Kardinal, »wie alle meine Landsleute, die Musik, sie ist mir außerdem ein Gegenstand hoher Aufmerksamkeit, weil sie zu denjenigen sinnlichen Mitteln gehört, durch welche am unmittelbarsten und reinsten übersinnliche Eindrücke der menschlichen Seele zugeführt werden. Übrigens«, sagte er, »finde ich in dem, was Sie moderne deutsche Musik nennen, nur Altbekanntes. Ich kenne fast alle Opern Richard Wagners und finde in ihnen nicht nur den Zug ungestillter Sehnsucht wieder, welche das Grundelement unserer alten Kirchenmusik bildet, sondern ich habe auch überall die Motive von Palestrina, Orlando di Lasso und besonders auch von Ludovico Viadana wieder entdeckt, ja sogar noch aus der Zeit der neapolitanischen Schule hat Wagner vieles benutzt, und aus manchen Nummern seiner Opern glaubt man die Zöglinge Scarlattis, namentlich Durante und Greco zu hören. Bei uns in Italien werden diese Opern niemals Erfolg haben, bei uns ist das Volk gewöhnt, diese ihm ganz bekannte Musik in den Kirchen zu hören, man wird derselben auf der Bühne niemals Geschmack abgewinnen. In Deutschland aber ist das anders, dort kennt man eine solche musikalische Interpretation der katholischen Religion nicht, die Gemüter fühlen sich neu und wunderbar angeregt, indem sie jene Kompositionen auf der Bühne hören, und sie folgen der durch die Musik angeregten Sehnsucht nach dem Übersinnlichen, ohne sich klar darüber Rechenschaft zu geben. Die Wagnersche Musik ist ein sehr wesentliches und erfolgreiches Mittel, um die Deutschen wieder in den Schoß der Kirche zurückzuführen, und wenn diese Musik in Deutschland herrschend und tonangebend geworden ist, so wird das ganze Volk immer mehr sich von der kalten Abstraktion und der negativen Kritik des Protestantismus entfernen und zu unserer 64 heiligen Kirche zurückkehren, welche allein imstande ist, die irdischen Disharmonien zu lösen und die unbefriedigt hinströmende Sehnsucht der Seele zu stillen.«

»Eure Eminenz«, erwiderte der Generalkonsnl, »haben soeben den Protestantismus als den wesentlichen Gegensatz der katholischen Kirche in Deutschland bezeichnet – ich möchte nicht ganz der Ansicht sein, daß dies heute noch zutreffend ist. Es hat sich, wie mir scheint, in der heutigen Welt ein anderer Gegensatz gegen die Kirche und besonders gegen die Herrschaft der Verhältnisse der Welt ausgebildet – dieser Gegensatz liegt in der so tief materiellen Richtung der Zeit; die materiellen Verhältnisse, der Besitz, der Lebensgenuß, das alles hat eine weit höhere Bedeutung in unseren Tagen gewonnen als früher, und ist zugleich der Arbeit und Tätigkeit eines jeden einzelnen leichter zugänglich und erreichbarer geworden, und darin liegt nach meiner Ansicht wesentlich der Grund für die geringere Macht, welche die kirchliche Autorität in unserer Zeit ausübt. Dazu kommt das sich immer mehr entwickelnde und ausbildende Prinzip des Rechtsstaats, welcher dahin strebt, seine Sphäre vollständig von derjenigen der kirchlichen Autorität zu trennen. Auch das Nationalitätsprinzip wirkt mit, um die Autorität der römischen Kirche zu schwächen, und ich glaube kaum, daß, wenn es auch in einzelnen Gegenden zeitweise den Anschein dazu haben könnte, die katholische Kirche in Deutschland wieder Fortschritte machen wird –«

Der Kardinal schlug einen Augenblick seine Augenlider wieder auf und sah den Generalkonsul mit einem Blick voll stolzer, zuversichtlicher Sicherheit an.

»Ich bin vom Gegenteil überzeugt,« sagte er dann, »und es wird vielleicht nicht lange mehr dauern, so wird die katholische Kirche neu und siegreich auf den Gebieten wieder vordringen, die sie einst verloren hat. Sie sprechen vom materialistischen Zug der Welt – ich kenne ihn, ich weiß sehr wohl, daß die Arbeit um Besitz und Genuß heute die menschliche Gesellschaft bewegt, aber gerade je mehr dies der Fall ist, um so mehr wird die große Masse der Menschen abgeneigt sein, sich ihren Weg zum Himmel durch jene kritische und forschende Geistesarbeit des 65 Protestantismus selbst zu suchen, um so mehr wird sie den Wunsch und die Sehnsucht empfinden, sich zum ewigen Heil an der mütterlichen Hand der heiligen Kirche führen zu lassen, – und die Staatsautorität?« fügte er achselzuckend hinzu, »nun, je schärfer sie ihre Zügel anzieht, je härter und energischer sie den einzelnen der unerbittlichen und strengen Herrschaft der Gesetze unterwirft, um so mehr wird in den Herzen die Sehnsucht nach der Kirche erwachen, welche von jeher Schutz und Trost gewährte gegenüber dem Despotismus, möge derselbe ausgeübt werden von den Tyrannen der früheren Tage oder von den parlamentarischen Majoritäten unserer Zeiten, welche noch rücksichtsloser, noch unerbittlicher sind als jene Tyrannen. Je mehr«, fuhr er mit immer überzeugungsvollerem Ton fort, »in dem heutigen Staatsleben die Menschen zu völlig gleichen Rechtsobjekten gemacht werden, um so mehr werden sie die Sehnsucht empfinden nach der Kirche, die sie ihrer individuellen Eigentümlichkeit gemäß behandelt und die ihnen da, wo sie auf dem Gebiet des Staats nur die Strenge des rücksichtslosen, gleichmäßigen Gesetzes finden, milde, verzeihende Versöhnung entgegenträgt.«

Der Generalkonsul schüttelte leicht den Kopf, als könne er die so zuversichtlich ausgesprochene Ansicht des Kardinals nicht teilen.

»Ich fürchte,« sagte er, »Eure Eminenz vergessen, daß ein großer Teil der arbeitenden Gesellschaft die Befreiung von den einengenden Schranken der immer tiefer in alle Lebensverhältnisse eingreifenden Gesetzesherrschaft bereits in sehr klarem Bewußtsein und in sehr fester Organisation auf einem ganz anderen Wege sucht. Die sozialen Bestrebungen treten hier in Italien, wo die rein politischen Fragen in diesem Augenblick noch so sehr im Vordergrund stehen, weniger hervor, in Deutschland haben sie aber bereits eine große Bedeutung, und diese Bestrebungen stellen den gesamten Arbeiterstand immer mehr in Gegensatz nicht nur zur staatlichen, sondern auch zur kirchlichen Autorität – nach allem, was ich darüber höre, und was ich selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, treiben diese Bestrebungen einer Katastrophe zu, welche, wenn nicht schleunig mit geschickter und kräftiger Hand entgegengearbeitet wird, die ganze 66 bestehende Gesellschaft in einen unberechenbaren Abgrund stürzen muß.«

Abermals sah der Kardinal den Generalkonsul mit seinem Blick voll ruhiger, überlegener Zuversicht an.

»Ich kenne«, sagte er, »die sozialen Bestrebungen und die Organisation der Internationalen, wie ja nichts, was die menschliche Gesellschaft bewegt, der Aufmerksamkeit der Kirche entgehen darf, – eine Gefahr aus diesen Bestrebungen für die Gesellschaftsordnung kann meiner Überzeugung nach nur dann entstehen, wenn die Regierungen fortfahren, dieselben zu ignorieren oder mit falschen Maßregeln zu behandeln. Diese Gefahr aber,« fuhr er fort, »selbst wenn sie eintreten sollte, bedroht weit mehr die staatlichen Autoritäten als die Kirche. Die Grundsätze des Sozialismus stehen in weit größerem Gegensatz zu den Gesetzen des modernen Staats, als zu den Lehren des Evangeliums, und es würde vielleicht nicht so sehr schwer sein, den Sozialismus auf kirchlichen Boden zurückzuführen. Wenn aber auch wirklich jene Katastrophe eintreten sollte, welche Sie eben andeuteten – eine Katastrophe, welche ich gewiß tief beklagen würde, so würde dieselbe die Existenz der unzerstörbaren Kirche, welche auf dem ewigen Felsen Petri ruht, nicht erschüttern. Blicken Sie in die Geschichte; – wenn die Fluten gewaltiger Umwälzungen über die Völker dahingerauscht sind, wenn sie Throne, Verfassungen, Gesetze und selbst die Altäre hinweggeschwemmt haben – das erste, was nach allen mächtigen Erschütterungen sich wieder erhoben hat, ist stets die Kirche gewesen. Die zertrümmerten Throne, die zerstörten Gesetzesordnungen sind in die Vergangenheit und Vergessenheit versunken, aber die Kirche ist unversehrt in neuer Macht und in neuem Glanz nach dem Ablauf der Fluten wieder erstanden. So sehr daher die Kirche solche Katastrophen beklagen und verdammen muß, so hat sie dieselben dennoch nicht zu fürchten. In diesem Augenblick ist es ihre höchste und gerade im Hinblick auf die Möglichkeit revolutionärer Katastrophen doppelt wichtige Aufgabe, ihre einheitliche und scharf konzentrierte Macht zu befestigen und namentlich den in den einzelnen Ländern auftauchenden Nationalitätsideen gegenüber die unbedingte, für alle 67 Gläubigen maßgebende Autorität des Heiligen Stuhls in absoluter und zweifelloser Reinheit wieder herzustellen, damit, was auch immer geschehen möge, alle Gläubigen stets die eine Fahne des Heils deutlich erblicken können, unter welcher sie sich sammeln und zu gemeinsamem Kampf vereinigen können. Dazu«, fügte er hinzu, »wird ja das ökumenische Konzil, das sich nach dem Willen des Heiligen Vaters in kurzer Zeit hier versammeln soll, die Mittel bieten.«

Der Generalkonsul Spiegelthal sah den Kardinal ernst und mit bedenklich sorgenvollem Ausdruck an. Er schien einen Augenblick zu zögern, dann sprach er:

»Ich möchte mir erlauben, an Eure Eminenz eine Frage zu richten, die vielleicht vermessen erscheinen könnte; – da Eure Eminenz mir jedoch die Ehre erzeigt haben, mit mir über die Verhältnisse der Kirche zu sprechen und auch des ökumenischen Konzils zu erwähnen, so darf ich vielleicht einen Gegenstand berühren, welcher gegenwärtig vielfach der öffentlichen Erörterung unterliegt. Man sagt, daß die Absicht bestehe, auf dem Konzil die Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters zum Dogma erheben zu lassen, und viele Katholiken selbst sind von tiefer Besorgnis erfüllt, daß ein solcher Schritt sehr bedenkliche Konsequenzen haben könnte. Ich habe bisher kaum glauben können, daß wirklich Derartiges beabsichtigt werde –«

»– Und warum?« fragte der Kardinal Monaco, indem er den Generalkonsul erstaunt, mit fast strengem Ausdruck ansah.

»Ich habe vorhin schon«, erwiderte Herr Spiegelthal, »Eurer Eminenz die Bemerkung mir zu machen erlaubt, daß dem Einfluß der katholischen Kirche wesentlich die Eifersucht des Rechtsstaats auf seine Autorität gegenübersteht. Die Proklamierung der Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters als Dogma der Kirche würde naturgemäß diese jetzt stillschweigend beobachtende Eifersucht auf das äußerste steigern und zu ernsten und scharfen Maßregeln der Abwehr reizen. Dadurch müssen Konflikte entstehen, welche dem Einfluß und der Stellung der Kirche nur im hohen Grade gefährlich werden können.«

»Ich kenne diese Ansicht,« sprach der Kardinal, »sie ist mir schon mehrfach ausgesprochen worden, doch muß ich 68 aufrichtig sagen – ich verstehe sie nicht. Sie sind katholisch, und Ihre Tochter hier«, sagte er mit freundlichem Lächeln, das Haupt gegen die junge Dame neigend, »wird es ebensogut wissen, wie Sie, daß niemals ein rechtgläubiger Katholik an der Unfehlbarkeit des Papstes in allen Glaubenssachen gezweifelt hat.«

»Ganz recht, Eminenz,« erwiderte der Generalkonsul, »aber es ist auch niemals diese Frage erörtert und dadurch der Zweifel herausgefordert worden, der Zweifel, der ja doch auf den früheren Konzilien bestanden hat, die wenigstens ihre eigene Autorität als die oberste in der katholischen Christenheit anerkannt wissen wollten.«

»Diese Auffassung der Konzilien ist von den Päpsten nicht anerkannt worden«, erwiderte der Kardinal. »Sie haben die Jurisdiktion der katholischen Kirche stets unbestritten ausgeübt, und«, fügte er mit einem scharfen, forschenden Blick hinzu, »jeder mögliche Zweifel müßte ja schwinden, wenn das ökumenische Konzil nunmehr selbst die Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters zur Glaubensnorm erhebt.«

»Eure Eminenz haben soeben bemerkt, daß die unfehlbare oberste Jurisdiktion von dem Papst unbestritten ausgeübt worden sei; – wenn dies der Fall ist, warum soll dann eine Frage von neuem zur Erörterung und Beschlußfassung gestellt werden, welche gegenwärtig stillschweigend gelöst ist und welche durch die feierliche und öffentliche Diskussion, durch die Aufstellung eines neuen dogmatischen Glaubenssatzes allen Gegnern der kirchlichen Autorität neue Gelegenheit zum Widerstand und neue Waffen geben kann?«

»Ich begreife das immer nicht,« sagte der Kardinal, indem er seinen Blick unter den herabsinkenden Augenlidern verhüllte, »man hat ja doch in jeder Institution eine oberste Instanz, von welcher es keine Appellation mehr gibt und welche darum das Wesen der Unfehlbarkeit besitzt. Ist denn nicht der oberste Gerichtshof Ihres Landes unfehlbar, faktisch unfehlbar, da er, ohne eine weitere Instanz zuzulassen, endgültig über Eigentums- und Besitzrechte entscheidet? Geben Ihre Geschworenen, so sehr sie doch irrende Menschen sind, nicht ein unfehlbares Verdikt ab, welches über Leben 69 und Tod der Menschen entscheidet? Ist der Oberkirchenrat in Berlin nicht unfehlbar für die Häretiker, und ist Ihr König nicht der oberste und unfehlbare Richter in seiner Armee? Warum sollte man sich denn so sehr sträuben, den Heiligen Vater für unfehlbar gelten zu lassen, der ja doch unzweifelhaft die oberste Instanz in der katholischen Kirche ist, und von welchem es keine Appellation mehr gibt!«

»Ich glaube nicht,« erwiderte der Generalkonsul, »daß gegen diese faktische Unfehlbarkeit des Papstes als des obersten Leiters und Verwalters der Kirche irgend jemand etwas einwenden würde, wie auch bis jetzt nichts dagegen eingewendet worden ist. Etwas anderes scheint es mir aber, Eminenz, wenn diese faktische Unanfechtbarkeit der päpstlichen Entscheidung zum Dogma erhoben wird, und wenn dieselbe«, fügte er mit Betonung hinzu, »von den kirchlichen Verwaltungs- und Disziplinsachen auch auf die Glaubenssätze ausgedehnt wird, welche von den Konzilien festgestellt sind und nach der bisherigen Auffassung auch nur von diesen modifiziert oder geändert werden konnten.«

»Gerade hierin«, rief der Kardinal lebhaft, »liegt aber die Bedeutung, die hohe und segensreiche Bedeutung des Unfehlbarkeitsdogmas. Es ist das Bestreben der weltlichen Mächte, sich die geistliche Autorität zu unterwerfen, demgegenüber muß die Kirche ihre einheitlich konzentrierte Macht in höchster Schärfe entwickeln und ausüben. Will der Staat durch seine Gewalt über die materiellen Verhältnisse herrschen, so müssen wir um so fester an unserer Autorität über die Gewissen halten. Wir müssen die ganze katholische Welt von neuem mit dem Bewußtsein durchdringen, daß die heilige Kirche eine Eine und unteilbare ist, und daß das Wort des obersten Hirten unbedingt maßgebend ist für jeden, der Anspruch macht, durch ihre Hand zum ewigen Heil geführt zu werden.«

»Eure Eminenz haben«, sagte der Generalkonsul, »in diesen letzten Bemerkungen, welche Sie zu machen die Güte hatten, die ganze Frage, welche den Gegenstand unserer Unterhaltung bildet, sehr scharf als eine Machtfrage charakterisiert, und gerade hierin beruhen meine Bedenken. Die Macht der staatlichen Autorität und die Macht der 70 öffentlichen Meinung sind beide sehr groß, – sie werden täglich größer; – ob die Macht der Kirche imstande sein wird, beide zu besiegen, scheint mir fraglich. Und wenn man in einem Kampf nicht des Sieges gewiß ist, so möchte es vielleicht besser und vorsichtiger sein, denselben nicht zu unternehmen oder ihn doch zu verschieben.«

»Wir können des Sieges vollkommen gewiß sein,« erwiderte der Kardinal, den Kopf stolz aufrichtend, – »um so gewisser«, fuhr er fort, »als die staatliche Gewalt, wenn sie um dieser Frage willen den Streit mit der Kirche aufnehmen sollte – wofür ich so recht keinen Grund zu erkennen vermag – mit jedem Schlage, den sie gegen uns führt, auch zugleich die festeste und sicherste Stütze ihrer eigenen Autorität zertrümmern muß. Doch«, fuhr er in einem Tone fort, welcher anzudeuten schien, daß er das Gespräch nicht weiter fortzusetzen Neigung habe, »auch diese Frage wird ja auf dem Konzil zur Erörterung kommen, und ich glaube, daß jeder Zweifel – in der katholischen Christenheit mindestens – durch einen rechtmäßig zustande gekommenen Konzilsbeschluß wird beseitigt werden müssen. – Sie denken nach Deutschland zurückzukehren?« fragte er abbrechend.

»Noch nicht,« erwiderte der Generalkonsul, »ich habe meinen Wohnsitz in Neapel, und wenn mich auch geschäftliche Beziehungen früher oder später nach Deutschland zurückrufen werden, so habe ich doch den großen Wunsch, wenn es irgend möglich ist, meinen dauernden Aufenthalt hier in Ihrem schönen Italien zu nehmen.«

»Ich hoffe, daß dieser Wunsch erfüllt werden wird,« sagte der Kardinal verbindlich, »und daß wir dadurch das Vergnügen haben, Sie öfter hier in Rom zu sehen. Ich werde stets erfreut sein, Ihnen nützlich sein zu können und mich mit Ihnen zu unterhalten.«

Er stand auf, indem er mit feinster Höflichkeit und zugleich mit bestimmtester Entschiedenheit die Audienz beendete.

Als der Generalkonsul Spiegelthal und seine Tochter das Zimmer verlassen hatten, trat der Geistliche, welcher vorher den Zuavenoffizier empfangen hatte, ein und meldete:

71 »Der Graf Spangendorf, welchen Eure Eminenz zu sprechen gewünscht hatten, befindet sich im Vorzimmer.«

»Lassen Sie ihn einen Augenblick hier eintreten, ich werde ihn selbst in mein Kabinett rufen«, erwiderte der Kardinal.

Er kehrte in sein neben dem Empfangszimmer gelegenes Arbeitskabinett zurück, welches wie die anderen Räume mit edler und reicher Einfachheit ausgestattet und mit noch selteneren Bildern und antiken Bronzen dekoriert war, – setzte sich in einen großen Lehnstuhl von Ebenholz mit Gold inkrustiert vor den breiten, neben dem hellen Fenster stehenden Schreibtisch, über welchem eine Anzahl Fächer, mit den aus Elfenbein gebildeten Buchstaben des Alphabets gezeichnet, sich befanden.

Der Kardinal zog aus dem Fach, über welchem man den Buchstaben S sah, ein kleines Aktenfaszikel und begann dasselbe mit großer Aufmerksamkeit zu durchlesen, – nachdem er die Blätter alle bis auf das letzte umgewandt, schob er das kleine Heft wieder an seinen Platz zurück und ging mit leisen, elastischen Schritten nach der Tür hin. Er öffnete dieselbe und rief mit einer sanften, väterlich wohlwollenden Stimme den Namen des Grafen Spangendorf.

Der junge Mann, welcher in Betrachtung eines antiken Marmorkopfes versunken, wendete sich bei diesem Ruf rasch um, verneigte sich tief und trat in ehrfurchtsvoller Haltung in das Kabinett des Kardinals.

Der Kardinal setzte sich neben den großen Tisch, auf welchen ein Lakai einen vierarmigen silbernen Leuchter mit brennenden Wachskerzen stellte; – er winkte dem Offizier, sich ihm gegenüberzusetzen und sah dann den jungen Mann einige Sekunden lang forschend aus seinen halb verhüllten Augen an.

Das Resultat seiner Beobachtung schien ihn zu befriedigen, ein feines, wohlgefälliges Lächeln erschien auf seinen Lippen, und mit derselben sanften und väterlich wohlwollenden Stimme wie vorhin sprach er:

»Es freut mich ungemein, Sie kennen zu lernen, mein lieber Graf; in dieser Zeit, in welcher leider so viel Abfall zu beklagen ist, tut es doppelt wohl, zu sehen, wie eine so 72 große Anzahl junger Männer sich dem heiligen, aber auch mühe- und gefahrvollen Dienst der Verteidigung der Kirche widmen und ihre Familien und ihr Vaterland verlassen, um sich vor dem bedrohten Stuhle Petri zu versammeln. – Von Ihnen, Herr Graf«, fuhr er mit verbindlicher Neigung des Kopfes fort, – »ist mir ganz besonders viel Gutes mitgeteilt worden, und ich wünschte Sie deshalb persönlich kennen zu lernen, um Sie zu bitten, sich, – wenn Sie jemals einen Wunsch haben, – oder wenn Sie hier in dem Ihnen fremden Rom sich einsam fühlen, – vertrauensvoll an mich zu wenden. Es ist ja unsere Pflicht, – soweit wir das können, den Kämpfern für die Kirche Heimat und Familie zu ersetzen.«

Der junge Offizier errötete vor Freude über die so liebenswürdigen Worte des vielvermögenden Kirchenfürsten.

»Eure Eminenz sind zu gütig,« sagte er mit ehrfurchtsvoller Verneigung, – »daß Sie Ihren Blick mit so besonderem Wohlwollen auf meine geringe Person gerichtet haben, – ich habe dem mächtigen Gefühl meines Herzens gehorcht, als ich hierherkam, um mein Leben der Verteidigung des Heiligen Stuhles zu widmen, – ich kann dafür, was auch viele andere gleich mir getan, keine besondere Anerkennung in Anspruch nehmen; ich wüßte kaum, durch welche Bitte ich die Güte Eurer Eminenz in Anspruch nehmen sollte, – meine Wünsche –« fügte er mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu.

Er stockte einen Augenblick.

Der Kardinal erhob leicht seine schlanke, weiße Hand und ließ die großen Brillanten seines Ringes in dem zitternden Kerzenlicht flimmern, das immer mehr in dem hohen Gemach über das durch die Fenster hereinfallende, verblassende Abendrot zu herrschen begann.

»Alle Wünsche,« fiel er ein, ohne den Blick von den funkelnden Fassetten seines Ringes zu erheben, – »alle Wünsche, die ein so ritterliches und ergebenes Herz wie das Ihrige hegen kann, – alle Wünsche«, wiederholte er mit Betonung, – »hat die Kirche Macht zu erfüllen, – die Kirche, vor welcher das Hohe in den Staub sinkt und welche das Niedrige erhöhen kann.«

73 Er sah einen Augenblick aus seinen schnell aufgeschlagenen Augen scharf zu dem jungen Mann hinüber, der wie erschrocken zusammenzuckte und dann den Blick zu Boden senkte.

»Wenn also jemals«, fuhr der Kardinal im Tone ruhiger Höflichkeit fort, »die Erfüllung irgendeines Wunsches Ihnen besonders am Herzen liegen sollte, – so wissen Sie, wo Sie stets ein offenes Ohr und eine zur kräftigsten Unterstützung bereite Hand finden.«

Graf Spangendorf verneigte sich mit einer gewissen Befangenheit, – er schien über die Bedeutung der Worte des Kardinals nachzusinnen.

»Sie haben«, fuhr dieser fort, »das besondere Glück, einer Provinz anzugehören, in welcher die Hingebung für die Religion und die Anhänglichkeit an die heilige Kirche allgemein verbreitet ist, und in welcher der Protestantismus niemals Wurzel geschlagen hat.«

»Meine Heimat, das Rheinland,« erwiderte der junge Offizier wie erleichtert durch die Wendung, welche das Gespräch genommen, »hat ja zum größten Teil lange, lange Zeit unter der geistlichen Herrschaft gestanden und sich dabei ausnehmend wohl befunden, – es ist natürlich, daß dort der ketzerische Zweifel weniger als anderswo Eingang gefunden hat.«

Der Kardinal ließ abermals das Feuer der Brillanten seines Ringes im Kerzenlicht spielen.

»Jene Zeiten sind vorbei,« sagte er seufzend, – »heute will man ja der Kirche und ihren Fürsten keine weltliche Macht und Herrschaft mehr lassen, und sogar des Heiligen Vaters Erbteil wird von rebellischer Verblendung bedroht, – freilich dort in Deutschland«, fuhr er fort, – »mag es vielleicht nach dem Willen Gottes geschehen sein, daß die Bischöfe ihre weltliche Fürstenmacht verloren, denn oft wurden sie in weltliche Händel hineingezogen, welche sie ihre geistlichen Hirtenpflichten vergessen ließen, ja oft geschah es sogar, daß ihre Stellung als Kurfürsten und Fürsten des Reiches stolze Gedanken der Unabhängigkeit dem römischen Stuhl gegenüber in ihnen auftauchen ließen, welche der einigen Macht der Kirche gefährlich werden mußten, – und ihre 74 Untertanen vergaßen über dem unmittelbaren souveränen Landesherrn den obersten Hirten und Herrn der Kirche, – was dann den weltlichen Mächten erwünschte und eifrig benutzte Gelegenheit gab, Uneinigkeit unter die geistlichen Gewalten zu bringen.«

Der Graf von Spangendorf verneigte sich mit einer gewissen Verlegenheit. Er sah den Kardinal etwas verwundert an, als begriffe er nicht, warum dieser so hocherleuchtete Fürst der Kirche seine Ansichten über so ernste und wichtige Dinge ihm, dem unbedeutenden jungen Offizier, auszusprechen veranlaßt würde.

»Es ist heute«, fuhr der Kardinal fort, »die Aufgabe und die heilige Pflicht eines jeden Katholiken, seine ganze Kraft in dem Kampfe einzusetzen, welchen die Kirche immer ernster und nachdrücklicher gegen die weltliche Macht zu führen gezwungen wird, – und nicht nur die Kraft des Armes, welche Sie, Herr Graf, wie so viele andere junge Leute, dem Heiligen Vater geweiht haben, sondern vor allem auf die Kraft des Geistes, denn der wesentlichste und entscheidendste Kampf in dieser so hochwichtigen Epoche wird auf dem geistigen Gebiet und mit geistigen Waffen ausgefochten werden müssen.«

»Jeder muß diejenige Kraft dem Dienst der Kirche widmen,« erwiderte der Graf Spangendorf, »welche er vorzugsweise besitzt. Ich, Eminenz, mache keinen Anspruch, einen hervorragenden Platz zu behaupten im Kampf der Geister, während ich mir wohl zutraue, den Degen geschickt und nachdrücklich für die Rechte des Heiligen Vaters zu führen.«

»Nicht der einzelne vermag zu beurteilen, wo sein Platz ist,« sagte der Kardinal ruhig, »und selbst die Bescheidenheit ist ein Fehler, wenn auch nicht für denjenigen, der sie im Herzen trägt, so doch für die Sache, der sie bisweilen die volle Entfaltung reicher Kräfte entziehen kann. Es kommt jetzt vor allen Dingen darauf an, den gegen die Kirche sich erhebenden weltlichen Mächten gegenüber die innere geistige Einigkeit der Kirche und ihres Regiments vollkommen wiederherzustellen und scharf zu konzentrieren, und die Unfehlbarkeit des obersten Priesters, des einzigen und wahren 75 Statthalters Christi auf Erden, über jeden Zweifel zu erheben, denn nur so, wenn die Kirche, in Haupt und Gliedern in unteilbarer Einigkeit verbunden, einem einzigen Willen gehorcht, kann sie den Sieg über die weltlichen Mächte erringen, welche immer heftiger und immer rücksichtsloser gegen sie anstürmen.«

Der Graf Spangendorf neigte abermals zustimmend den Kopf, und abermals erschien auf seinem Gesicht jener Ausdruck der Verwunderung über diese so eingehende Ausführung des Kardinals.

»Leider«, fuhr dieser fort, »sind selbst, wie mehrfach zu meiner Kenntnis gekommen, unter den sonst gläubigen und ergebenen Katholiken Zweifel in dieser Beziehung verbreitet. Es erheben sich Stimmen, welche, bevor noch das Konzil zusammengetreten ist, das, wie Sie wissen, in kurzem sich hier vereinigen wird, die Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit bekämpfen, und gerade in Ihrem, der Kirche sonst so ergebenen Vaterland werden solche Stimmen laut. Ja,« fuhr er fort, indem er sich leicht zu dem jungen Mann hinüberneigte und den Ton etwas dämpfte, »ich habe sogar erfahren, daß der Einfluß solcher Stimmen versuchte, sich an den deutschen Bischofssitzen geltend zu machen, anknüpfend an die Neigung zur Unabhängigkeit, welche an den geistlichen Höfen Deutschlands während des Mittelalters so oft bemerkbar wurde.«

Jetzt blickte der Graf fast erschrocken auf den Prälaten hin.

»Eminenz,« sagte er mit unsicherer Stimme, »ich habe diese Verhältnisse bis jetzt nicht zu beobachten Gelegenheit gehabt und muß auch aufrichtig gestehen, daß ich über dieselben nicht nachgedacht habe. Was mich betrifft, so habe ich an der Unfehlbarkeit des Heiligen Vaters nicht gezweifelt, ebensowenig als an der Unantastbarkeit seiner heiligen Rechte, welche mit Blut und Leben zu verteidigen ich hiehergekommen bin.«

»Sie haben diese Verhältnisse nicht beobachtet, mein junger Freund,« sagte der Kardinal, »weil Sie in kindlich frommem und ergebungsvollem Glauben lebten; um aber der Kirche zu dienen, darf man es sich an der eigenen 76 Glaubensruhe und Sicherheit nicht genügen lassen, man muß auch den scharfen Blick auf die Werke der Feinde des Glaubens richten und die Gefahren zu erkennen suchen, welche der heiligen Religion drohen, und welche eben nur dann überwunden werden können, wenn sie genau und scharf übersehen werden. Sie haben jene Verhältnisse nicht beobachtet,« fuhr er fort, – »und dennoch sind Sie gerade besonders geeignet, dieselben zu beobachten.«

»Ich, Eminenz? Mein Gott,« rief der junge Mann, »wie sollte ich dazu geeignet sein, der ich kaum das Leben kennen gelernt!«

»Gerade deshalb«, erwiderte der Kardinal; »Sie werden um so klarer und vorurteilsloser beurteilen, weil Ihr Blick noch rein und frei ist, weil Ihr Verstand noch dem kindlichen und unverfälschten Glauben Ihres Herzens gehorcht, weil auf Sie die Kritik, die falsche Philosophie, der rebellische Stolz des Selbstdenkens und Selbstwollens noch keinen Einfluß hat.«

Er hatte das Haupt hoch und stolz emporgerichtet, seine Augen öffneten sich weit und groß, der Ausdruck weltmännischer Höflichkeit war vollständig von seinem Gesicht verschwunden, mit der Würde und Überlegenheit des Fürsten und des Priesters blickte er zu dem verwirrten jungen Mann hinüber.

»Ich,« fuhr er fort, »ein Kardinalpriester der heiligen Kirche, dessen Aufgabe und Beruf es ist, die Menschen zu durchschauen und die Tiefen ihrer Herzen zu erkennen, – ich sage Ihnen, mein junger Freund, daß Sie berufen sind, der Kirche andere Dienste zu leisten, als mit dem Schwert für ihr Recht zu kämpfen. Sie sind berufen, in dem schwereren Kampf auf dem Gebiet der Geister Ihren Platz einzunehmen, und ich frage Sie, ob Sie bereit sind, diesen Beruf zu erfüllen?«

»Mein Leben und alle meine Kräfte gehören dem Dienst der heiligen Kirche,« erwiderte Graf Spangendorf, indem flammende Begeisterung sein Gesicht erleuchtete, »und wenn Eure Eminenz«, fuhr er, die Hand auf die Brust legend, fort, »mich für würdig und fähig halten, in dem geistigen Streit der Kirche mitzuwirken und ihr zum Siege 77 zu verhelfen, so bitte ich um Ihre Befehle, und Gott wird mich erleuchten und stärken, – sein Geist wird in mir, dem schwachen Werkzeuge, mächtig sein.«

Wohlgefällig lächelnd neigte der Kardinal den Kopf, indem er mit einer leichten und anmutigen Bewegung seiner Hand das Zeichen des Kreuzes gegen den jungen Mann machte.

»Sie sind ohne Falsch wie die Tauben,« sagte er mit weicher Stimme, »nehmen Sie Ihre Kraft zusammen, um klug zu werden wie die Schlangen, denn so sollen nach dem Wort der Schrift diejenigen sein, welche an der Wiederherstellung des Reiches Gottes auf Erden arbeiten.«

Er schwieg einen Augenblick, während Graf Spangendorf demütig den Kopf auf die Brust neigte.

»Es ist für uns,« sprach der Kardinal weiter, indem seine Stimme den Ton und den Ausdruck eines Staatsmannes annahm, der einem Diplomaten seine Instruktionen erteilt, »es ist für uns von hoher Wichtigkeit, ganz genau und aus völlig reiner, vorurteilsloser und objektiver Quelle zu erfahren, welche Anschauungen unter dem großen Adel und unter der Bevölkerung der Rheinprovinz über die Verkündigung des Dogmas der Unfehlbarkeit herrschen und welche Stellung diese Kreise einnehmen würden, wenn der Weg, den wir zum Heil der Kirche einzuschlagen entschlossen sind, zu ernsten und lange andauernden Konflikten mit der staatlichen Autorität führen sollte.«

»Darüber, Eminenz,« erwiderte Graf Spangendorf, »würde ich in der Lage sein, mich genau unterrichten zu können, wenn ich eine Zeitlang in meiner Heimat mich aufhalten dürfte, wo mir der Zutritt zu allen Kreisen so leicht sich öffnet.«

»Sie werden«, sagte der Kardinal, »nur einen Urlaub nachzusuchen haben, um Ihre Familie zu besuchen, und derselbe wird Ihnen sogleich erteilt werden, und zwar auf unbestimmte Zeit, denn Sie werden selbst am besten ermessen können, wie lange Sie bedürfen, um sich vollständig zu informieren. Eine baldige Mitteilung ist uns wünschenswert, noch wünschenswerter aber eine genaue, ausführliche und richtige. Deshalb sollen Ihnen in der 78 Zeitdauer Ihrer Mission keine Beschränkungen auferlegt werden. Außerdem aber«, fuhr er in leiserem und tiefernstem Ton fort, »ist es in besonderem Grade erwünscht, genau zu wissen, und zwar aus ganz unparteiischem Munde zu wissen, ob jene Ideen nationaler kirchlicher Unabhängigkeit, welche auch in Deutschland sich zu regen beginnen, an den bischöflichen Sitzen, namentlich in Köln, Trier und Mainz, irgendwelchen Boden gefunden haben. Sie werden Gelegenheit finden, bei Ihrer Anwesenheit in Deutschland auch dorthin zu gehen und auch in dieser Beziehung sich ein Urteil zu bilden.«

»Wäre es möglich, wäre es denkbar,« rief der Graf Spangendorf erregt, »daß die hochwürdigen Bischöfe der Kirche –«

Der Kardinal erhob, ihn unterbrechend, die Hand.

»Ich habe«, sagte er, »kein Urteil, keine Meinung, keinen Verdacht ausgesprochen, ich wünsche, unterrichtet zu werden, und zwar unterrichtet durch jemand, der allen Parteiungen und allen vorgefaßten Meinungen fernsteht. Auch von Ihnen erwarte ich kein Urteil, keine persönliche Ansicht, sondern Berichte über Tatsachen und Äußerungen, die Sie hören werden, über Gespräche, die man mit Ihnen führen möchte. An Ihrem Eifer und Ihrer Einsicht zweifle ich nicht. Ihre tiefe Verschwiegenheit ist Ihre Pflicht gegen die Kirche, und ich bin gewiß, daß Sie diese Pflicht erfüllen werden. Ich werde Ihnen keine Empfehlungen, keine Einführungen mitgeben, Sie müssen Ihren Weg allein gehen, und wenn ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe, so werden Sie diesen Weg zu finden wissen. Sie bedürfen keiner Instruktionen, ich bin gewiß, daß Sie mich verstanden haben. Kommen Sie um Ihren Urlaub ein, in acht Tagen können Sie auf dem Wege nach Deutschland sein. Vergessen Sie nicht,« fuhr er fort, »daß, wenn Sie die Dienste leisten, die von Ihnen zu fordern ich mich berechtigt halte, die Kirche die Macht hat, Ihnen alles zu gewähren, was ein junges, aufstrebendes und warmes Herz vom Leben erwarten kann, Ehre, Einfluß – und Glück!«

Die Augen des jungen Mannes leuchteten hoch auf, eine dunkle Röte flammte über sein Gesicht.

79 »Diese Worte, Eminenz,« sagte er aufstehend, »eröffnen mir einen großen, herrlichen Blick in die Zukunft. Voll Stolz und Mut gehe ich an die Aufgabe, die Sie mir gestellt, und ich werde alles daransetzen, sie zu erfüllen.«

Der Kardinal hatte sich erhoben und machte segnend das Zeichen des Kreuzes. Der Graf zog sich dann, noch einmal an der Tür sich ehrfurchtsvoll verneigend, zurück.

 

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