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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Schon um 5 Uhr morgens war König Wilhelm am 1. September aufgestanden und hatte das stille Dorf Vendresse verlassen, von wo auch unmittelbar darauf das 554 Leibkürassierregiment aufbrach, um sich der erhaltenen Order gemäß in die Stellung bei Boutencourt zu begeben.

Schon von dem ersten Morgengrauen an hatte man Kanonendonner über die Höhen her erschallen hören, welche sich neben der Maasniederung zwischen Vendresse und Sedan erheben.

Als der König um acht Uhr morgens bei Chéhéry eintraf, wohin die Pferde beordert waren, erhielt er die Meldung, daß dieselben bereits bis auf die Höhen von Chevenge vorangegangen seien, von wo aus man die bereits im Gang befindliche Aktion besser übersehen könnte.

Zugleich traf die Meldung ein, daß das erste bayerische Korps infolge der in der Nacht erhaltenen Order schon seit sieben Uhr morgens den Kampf gegen die feindliche Stellung bei Bazeilles eröffnet habe.

Der König fuhr bis Chevenge und bestieg hier mit seinem Gefolge die Pferde.

Bei Seiner Majestät befanden sich außer den Generalen und Flügeladjutanten der Chef des Generalstabs, General von Moltke mit seinem Stabe, der Kriegsminister General von Roon, der Bundeskanzler Graf Bismarck, in der Uniform des Magdeburgischen Kürassierregiments Nr. 7, mit seinem diplomatischen Stabe. Auch trafen hier der Großherzog von Sachsen-Weimar, der Erbgroßherzog von Mecklenburg und die ohne besonderes Kommando bei der Armee anwesenden Fürsten nacheinander ein. Unter allen diesen deutschen Uniformen bemerkte man auch die Generale Sheridan und Forsyth in den einfachen, kleidsamen Uniformen der Armee der Vereinigten Staaten. So war Seine Majestät von einem zahlreichen und überaus glänzenden Gefolge umgeben.

Als der König sein Pferd bestiegen hatte, trabte er schnell auf der steilen, an dem Hügel hinaufsteigenden Chaussee vorwärts an der Spitze dieses sich weit hinter ihm ausdehnenden Gefolges, das alle Organe der obersten militärischen Leitung Preußens, welche in diesem Augenblick diejenige Deutschlands war, in sich schloß.

Auf der Höhe angelangt, öffnete sich vor dem Blick des Monarchen das ganze Tal von Sedan, und man konnte 555 gerade die bayerischen Batterien in ihre Positionen zum Angriff gegen die Kehle der Festung auffahren sehen, während aus dem rechts liegenden Gehölz sich die bayerische Infanterie zu entwickeln begann.

Der König übersah einen Augenblick prüfend das ihn umgebende Terrain, verließ dann die Chaussee, welche sich zum Maastale hinabsenkte, wandte sich in der Nähe der Ortschaft Frénois von derselben ab und ritt einen langsam aufsteigenden Hügel hinan, auf dessen Höhe er anhielt, um von hier aus die weitere Entwickelung der Schlacht zu beobachten.

Weit öffnete sich hier dem Blick das ganze Maastal. Gerade der Stellung dem Könige gegenüber erhob sich die kleine, von den Festungswällen gedeckte Stadt, zu welcher in fast gerader Linie die Chaussee hinführte und hinter der sich die Höhen hinzogen, die ringsum von den französischen Truppen besetzt waren und von den noch weiter heranrückenden deutschen Korps angegriffen wurden.

Links zog sich in weiter Krümmung, wie ein silbernes Band, die Maas durch die freundliche Niederung hin, in großem Bogen wieder die Stadt Sedan berührend. Unmittelbar am Fuße des Hügels, auf welchem der König hielt, dehnte sich die weite Niederung flach bis zur Festung hin aus.

Kaum war Seine Majestät auf der Höhe angelangt, als die bayerischen Batterien ihr Feuer begannen und sofort wurde dasselbe aus dem schweren Festungsgeschütz erwidert. Während rings auf den Höhen umher der Pulverdampf aufstieg und der entfernte Donner der Geschütze herüberdrang, schien die in der Mitte der ganzen feindlichen Stellung gelegene Festung eine einzige große Batterie zu sein, aus welcher Schuß auf Schuß herüberkrachte, um die namentlich von rechts her herandringenden Deutschen zurückzuwerfen.

Der König war abgestiegen. Das ganze Gefolge umstand ihn und alle Blicke richteten sich auf die immer lebhafter ringsumher sich entwickelnde Schlacht.

Da fielen aus den schweren Geschützen der Festung einige Granaten ganz nahe an dem Platz des Königs nieder.

Der König blickte ruhig nach der Stelle hin und befahl, die Pferde des Gefolges hinter die rückwärts liegenden 556 Abhänge des Hügels zurückzuführen. Dann verfolgte er wieder, ohne den in einzelnen Zwischenräumen in der Nähe einschlagenden Kugeln weitere Aufmerksamkeit zu schenken, die Bewegungen der Schlacht so kaltblütig und ruhig, als handle es sich um ein bloßes Manöver, das sich nach bestimmten Dispositionen vor ihm abwickelte. Nur lag ein tieferer, feierlicherer Ernst auf seinen sonst so milden und freundlichen Zügen, und schmerzlich zuckte es um seine Lippen, sooft das Krachen einer Salve der Geschütze herüberdrang, welche jedesmal so viel junges und hoffnungsvoll erblühendes Leben zerstörte.

Schweigend und unbeweglich stand einige Schritte hinter dem Könige der General von Moltke. Sein feines, geistdurchleuchtetes Gesicht zeigte keine Unruhe, keine Erregung und Spannung. Sein klares, helles Auge verfolgte mit scharfen, hellen Blicken alle Bewegungen der Truppen auf dem weiten Felde, und fast schien es, als habe dieser Blick die Kraft, durch die Ferne hin die Kolonnen zu bewegen und zu leiten und den Geschossen ihren Weg vorzuschreiben.

Der General von Roon hielt ein großes Teleskop in der Hand und blickte durch dasselbe nach den Höhen hinter Sedan hinüber.

Hochaufgerichtet, die Hand fest auf den Pallasch gestützt, stand der Bundeskanzler da, der eiserne Graf Bismarck, dessen in langen, mühevollen Jahren vorbereitetes Werk an diesem gewaltigen Entscheidungstage zu seiner Vollendung geführt werden sollte, freudige und stolze Zuversicht strahlte aus seinen markigen Zügen. Er wechselte zuweilen einige Worte mit dem neben ihm stehenden General Sheridan, und seine ganze Erscheinung trug den Stempel des Wortes, das er einst so freudig in kühnem Mut gesprochen hatte: »Wenn ich daran dächte, daß die preußische Armee geschlagen werden könnte, so würde ich nicht preußischer Minister sein.«

Immer mehr und mehr hellte sich der Nebel auf, welcher am Morgen die Gegend bedeckt und zuweilen die Aussicht getrübt hatte, und immer deutlicher konnte man erkennen, daß auf allen Punkten die preußischen Truppen im Vorrücken waren. Immer furchtbarer rollte der 557 Kanonendonner von allen Seiten über das Schlachtfeld hin. Dazwischen hörte man den eigentümlich rasselnden Ton der Mitrailleusen, welche ihren Kugelregen den tapferen Deutschen entgegensandten, ohne sie aufzuhalten. Man sah Bazeilles in hellen Flammen stehen. Auch aus anderen Dörfern und Gehöften auf den Höhen hinter Sedan schlug Feuer und Dampf empor.

Immer wilder tobte die Schlacht, aber immer deutlicher zeigte sich den Blicken der Umgebung des Königs das Vorschreiten der deutschen Heere zum Siege.

Es war Mittag geworden. Da schwieg das Feuer der zwei französischen Batterien, welche auf einer Höhe neben dem Dorf Floing standen – eine preußische Batterie von sechs Kanonen, auf den Abhängen neben der zerstörten Eisenbahnbrücke über die Maas, unterhalb Donchery, auf dessen Höhe der Kronprinz von Preußen seine Stellung genommen, hatte diese erste unter den feindlichen Geschützpositionen zum Schweigen gebracht, – und unmittelbar darauf konnte man sehen, daß auch die französische Infanterie das Dorf Floing räumte.

Kaum war dies geschehen, so trat der General von Roon zum König heran und meldete, daß er durch sein Teleskop deutlich gesehen, wie hinter Sedan bei Illy die Verbindung der sächsischen und preußischen Korps vollzogen sei.

Ein feines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Generals von Moltke.

»Jetzt sind sie vollkommen umzingelt, Majestät,« sagte er, »auch ein Entweichen nach Mézières oder nach der belgischen Grenze hin ist nicht mehr möglich. Die Entscheidung ist sicher und kann nur noch eine Frage der Zeit sein.«

Immer deutlicher wurde nun der Rückzug der Franzosen, welche sich von allen Seiten her nach Sedan zurück bewegten, und man sah mehr und mehr aufgelöste Bataillone aus den verschiedenen Dörfern und aus den Gehölzen her nach der Festung hineilen.

Immer schärfer konzentrierte sich das Feuer der deutschen Batterien um die Festung Sedan, welche immer enger von dem Feuerkreis eingeschlossen wurde, der Tod und 558 Verderben auf die französischen Stellungen niederregnen ließ. Immer vollständiger wurde die Auflösung der französischen Kolonnen. Aber eine Flucht war für sie schon nicht mehr möglich, ringsum im weiten Kreise waren alle Wege verschlossen und alles warf sich in dichteren und dichteren Massen in die Festung hinein.

Dann schienen sich die Franzosen noch einmal, zuletzt in verzweifeltem Widerstand, aufraffen zu wollen, und während sie in der letzten Zeit überall nur gesucht hatten, ihre Positionen gegen die verschiedenen deutschen Korps zu halten, begannen plötzlich von Torcy her französische Kürassiere, deren Helme und Kürasse im Schein der jetzt hervorgebrochenen Sonne funkelten, einen wilden Angriff gegen fünf kleine Bataillone in Kompagniekolonnen und einige Jägerkompagnien.

Der König trat einen Schritt vor und verfolgte durch sein Glas diesen Angriff der französischen Kavalleriekolonne, welche in Schwadronssektionen mit vernichtender Gewalt heranjagte.

»Mein Gott,« rief der General Sheridan, zum Grafen Bismarck gewendet, »diese armen Teufel werden vernichtet werden! Sie können den Angriff der Kürassiere nicht aushalten.«

»Warten wir es ab«, sagte Graf Bismarck ruhig.

Dann trat er etwas vor, um den Angriff zu verfolgen.

Alle Blicke dieses großen glänzenden Stabes des Königs richteten sich auf den ungleichen Kampf, der sich dort unten in der Ebene entspann.

Immer wilder wurde der Ritt der französischen Schwadronen. Fest standen die preußischen Bataillone, indem sie nur durch eine leichte und einfach ausgeführte Bewegung die Distanz zwischen sich ein wenig erweiterten. Hoch wirbelte der Staub empor, die geschwungenen Pallasche der Kürassiere funkelten wie zuckende Blitze aus der Staubwolke.

Da endlich hatten sie die preußischen Bataillone erreicht, und nun erst gaben diese ein Schnellfeuer ab, welches sie in weißen Dampf hüllte und dessen ununterbrochenes Geprassel trotz des Kanonendonners bis zu dem Hügel, auf welchem der König stand, hörbar herübertönte.

559 Einen Augenblick stutzten die Kürassiere. Ihre Reihen schienen zu wanken und wandten sich von den Bataillonen ein wenig ab, so daß sie nun durch die zwischen denselben befindlichen Intervalle hindurchjagten und sich bald auf der anderen Seite derselben befanden, während sie das ununterbrochene Schnellfeuer unausgesetzt von allen Seiten her erfaßte und verfolgte. Als die Kürassiere hinter den Bataillonen angekommen, waren ihre Reihen gelichtet und aufgelöst, und der Weg, den sie gemacht, war dicht bedeckt mit Menschen und Pferden, die sich blutend und verstümmelt am Boden wälzten.

Schnell hatten sich die tapferen Reiter wieder formiert, und von neuem jagten sie nunmehr von der anderen Seite gegen die Bataillone heran. Abermals empfing sie ebenso ruhig, eben so wohl gezielt, ebenso ununterbrochen das Schnellfeuer der unerschrockenen kleinen Abteilung, und abermals jagten sie durch die Intervalle hindurch, dezimiert von den feindlichen Kugeln und bald in vollständiger Auflösung nach dem Ort ihrer früheren Stellung zurückfliehend.

Da setzten sich die preußischen Bataillone in Bewegung und im Doppelschritt verfolgten sie in fortwährendem Feuer die davonjagende schwere Kavallerie, ein wundersamer Anblick, wie er wohl nie in der ganzen Geschichte der Kriege sich dem Auge eines Feldherrn dargeboten hatte. Der König ließ sein Glas herabsinken. Sein Auge leuchtete vor Stolz und freudiger Rührung.

»Das war eine brave Tat,« sagte er, – »es sind Bataillone des fünften Korps – sie haben fast Unmögliches geleistet, – um so anerkennenswerter, je tapferer diese französischen Kürassiere sich gehalten haben.«

Der Graf Bismarck blickte lächelnd auf den General Sheridan, welcher ganz erstaunt und kopfschüttelnd in die Ebene hinabsah.

General von Moltke sagte kurz:

»Ich glaube, Majestät, daß die Schlacht gewonnen ist. Es handelt sich nur noch darum, die ganze feindliche Armee in und um die Festung zusammenzutreiben, wo dann ihre Kapitulation unvermeidlich sein wird.«

560 Wenige Augenblicke darauf kam der Kronprinz herangesprengt. Er sprang vom Pferde, eilte zum Könige hin und begrüßte in tiefer Bewegung seinen Vater.

»Du hast den Vormarsch deiner Truppen auf dem linken Flügel in dem Rücken des Feindes vortrefflich geleitet,« sagte der König, indem er mit freudigem Stolz auf die hohe, kräftige Gestalt seines Sohnes blickte, »und auch heute wieder danke ich dir einen großen Teil des Erfolges, der mit Gottes Hilfe gesichert zu sein scheint.«

Die Fürsten traten heran, und die feierliche, ernste Stimmung, die das ganze Gefolge des Königs beherrscht hatte, machte einer frohen und freudigen Bewegung Platz. Alle verfolgten das immer klarer sich entwickelnde Bild der ringsum eingeschlossenen französischen Armee, welche in stets sich verengendem Kreise um die Festung zusammengedrängt wurde.

*

Der Leutnant von Rothenstein hatte noch vor Anbruch des Tages das Hauptquartier des Generals von der Tann erreicht und seine Order überbracht.

Noch kurze Zeit hatte er sich in Remilly aufgehalten, um sein Pferd zu füttern und etwas ausruhen zu lassen. Dann hatte er gehört, daß das königliche Hauptquartier sich während der Schlacht wahrscheinlich in der Nähe von Frénois und Donchery befinden werde und war auf der Straße fortgeritten, welche sich fast am Ufer der Maas hin über Wadelincourt hinzieht, um von dort aus das Hauptquartier zu erreichen und so schnell als möglich wieder zu seinem Regiment zu gelangen.

Er konnte, am Ufer der Maas hinreitend, den ersten Angriff auf die französischen Positionen bei Bazeilles sehen, und unter dem immer lauter um ihn her rollenden Donner der Kanonen ritt er weiter.

Alle die traurigen Gefühle, welche sein Herz bewegt hatten, verschwanden fast in ihm bei diesem Ritt über die einsame, stille Straße hin, während ringsumher immer gewaltiger der Kampf entbrannte, von dem jedermann fühlte, daß er die Entscheidung bringen müßte. Seine Brust dehnte sich weiter aus, er blickte hinüber über den Fluß, auf welchem 561 die weißen Nebel hin und her wallten, neben dem Flammenschein, der von Bazeilles her glühte, und das ganze Gefühl der Bedeutung dieses Tages, des großen nationalen Kampfes kam über ihn, mächtiger und kräftiger vielleicht noch bei diesem Ritt fern von dem Gewühl, als wenn er mitten im Gefecht des Kampfes gewesen wäre. Fast war er beschämt, daß er alles Denken, Trachten und Hoffen seines Lebens an diese eine Liebe gehängt hatte, wenn er hier von allen Seiten herübertönend immer schneller, immer lauter und erschütternder die Geschützschläge hörte, bei deren jedem so viele Herzen zu schlagen aufhörten, so viele Herzen, die alle sich freudig opferten für die Ehre und die Größe des Vaterlandes; hier, rings umgeben von dem Tosen der männermordenden Schlacht, welche so unzählige Blüten und zarte Empfindungen der Menschenseele zertrat, fragte er sich, ob es denn nichts Höheres und Größeres gebe, um das Leben auszufüllen, als die Liebe zu einem Wesen, das sich ihm nicht mit gleichem Gefühle zuwendete.

Immer freier wurde sein Sinn und inmitten dieses weiten Feldes, über welches der Tod als furchtbarer und unerbittlicher Herrscher dahinschritt, fand er in sich den Mut und die Kraft zum Leben wieder.

Er versuchte, von der Straße abweichend, über die bei St. Menges beginnenden bewaldeten Höhen nach der Gegend von Frénois hin zu gelangen.

Aber die einzelnen Truppen, die er hier antraf, hinderten ihn am weiteren Vorgehen. Auch waren die Wege zu verworren, um sich in denselben zurechtzufinden, so daß er nach längerem Zeitverlust beschloß, wieder auf die Straße zurückzukehren, um trotz des Umweges sicherer und schneller nach dem Standpunkt des Hauptquartiers zu gelangen.

So kam er auf die Ebene in der Nähe von Torcy. Hier standen mehrere Bataillone Infanterie und einzelne Kompagniekolonnen. Und schnell ritt der junge Mann an eine Kompagnie des sechsundvierzigsten schlesischen Infanterieregiments heran.

»Herr Kamerad,« rief er dem an der Spitze seiner Kompagnie haltenden Hauptmann zu, »wissen Sie, wo das große Hauptquartier hält? Mein Gott, Herr Hauptmann 562 Steinbrunn,« sagte er, als der Hauptmann grüßend zu ihm aufblickte, »Sie hier? Ich freue mich, Sie wohl zu sehen, und wünsche, daß Sie weiter glücklich die Gefahren des Feldzuges überstehen.«

Er reichte dem Hauptmann Steinbrunn die Hand, der herzlich seinen Gruß erwiderte und dann sagte:

»Sehen Sie, dort auf jenem Hügel drüben – Sie werden die großen Gruppen der Uniformen erkennen, dort ist Seine Majestät und das große Hauptquartier, soviel ich weiß. Sie werden gut tun, die Straße bis gegen Frénois hinaufzureiten, um von da nach der Höhe zu gelangen.«

»Gott befohlen, Herr Kamerad«, sagte der Leutnant von Rothenstein und wandte, nachdem er noch einmal die Hand des Hauptmanns gedrückt hatte, sein Pferd nach der Richtung hin, welche dieser ihm bezeichnete.

Da dröhnte von der anderen Seite her der Hufschlag zahlreicher Kavallerie heran.

»Mein Gott,« rief der Hauptmann, »französische Kürassiere! Sie stürmen hierher, sie sind schon ganz nahe! Wir müssen sie empfangen.«

In der Tat sah man die dichten Linien in glänzenden Panzern mit den wehenden Roßschweifen auf den Helmen heranjagen.

Ruhig und kaltblütig gab der Hauptmann die Kommandos. Der Leutnant von Rothenstein ritt an die Seite der Kompagnie und zog den Pallasch. Die Soldaten standen unbeweglich, die Gewehre im Anschlag. Der Hauptmann maß mit ruhigem, sicherem Blick die sich mit jeder Sekunde vermindernde Distanz, welche ihn von den französischen Reitern trennte.

Da waren diese in nächster Nähe vor der Kompagnie angelangt. Man mußte glauben, daß im nächsten Augenblick die mit unwiderstehlicher Gewalt daherbrausende Masse der schweren Eisenreiter dieses kleine Häuflein Infanteristen erdrücken und in die Erde stampfen werde.

»Feuer!« rief der Hauptmann Steinbrunn mit festem, klarem Kommandoton.

Und im selben Augenblick blitzte es aus allen diesen den Kürassieren entgegengestreckten Gewehren. Ein dichter 563 Hagel von Kugeln schlug in die feindlichen Reihen. Blitz auf Blitz folgte in Sekundenschnelle. Man hörte keine einzelnen Schüsse mehr, das Feuer prasselte wie eine ununterbrochene Explosion und wie in dichten Garben flogen die Kugeln durch die Luft.

Fast das ganze erste Glied der Kürassiere stürzte nieder, die folgenden drängten darüber hin. Gewaltig rissen die Reiter ihre Pferde herum, und die ganze verderbendrohende Schar brauste seitwärts hinschwenkend an der Kompagnie vorbei, welche keinen Augenblick ihr Feuer unterbrach.

Andere Schwadronen waren in ähnlicher Weise von den übrigen Infanterieabteilungen empfangen worden, und in wenigen Augenblicken befand sich diese ganze Masse feindlicher Kavallerie hinter den schwachen Infanteriekolonnen, ohne daß die Glieder einer einzigen derselben erschüttert waren.

Einen Augenblick schwieg das Feuer. Die Kürassiere formierten sich wieder und stürmten von der anderen Seite abermals heran.

»Feuer!« kommandierte der Hauptmann Steinbrunn abermals kalt und ruhig, wie auf dem Exerzierplatz.

Und abermals prallten die Kürassiere vor diesem entsetzlichen Kugelregen zurück. Abermals streiften sie seitwärts an der Kompagnie vorbei, wenige Soldaten derselben teils mit Säbelhieben, teils mit Karabinerschüssen niederstreckend.

Der Leutnant von Rothenstein hatte an der Seite der Kompagnie gehalten und mit flammendem Blick den so ungleichen Kampf der kleinen Abteilung gegen die überlegene feindliche Kavallerie angesehen.

Als zum zweiten Male die Kürassiere gegen die Kompagnie heranprallten, als der Hauptmann Steinbrunn, seinen Degen erhebend, seinen Kommandoruf »Feuer« erschallen ließ, da wurde das Reiterblut des jungen Offiziers lebendig. Mit unwiderstehlicher Macht riß es ihn fort, sich in diesen Kampf hineinzustürzen.

Er drückte seinem Pferde die Sporen in die Seiten, mit einem mächtigen Satz stieg das edle Tier empor und hoch den Pallasch über seinem Haupte schwingend, sprengte er auf die französischen Kürassiere ein.

564 Einer der feindlichen Reiter hatte eben seine Waffe über dem Kopf eines Infanteristen erhoben, – ein wuchtiger Schlag von dem Pallasch des Leutnants von Rothenstein schmetterte den erhobenen Arm nieder. Einige andere der vorbeijagenden Kürassiere bemerkten den plötzlichen Angriff dieses Reiters im weißen Waffenrock auf dem hoch aufsteigenden Pferde.

Sie glaubten, die preußische Kavallerie rücke heran, und riefen im Ton des Schreckens:

»Preußische Kürassiere!«

Dieser Ruf verbreitete sich weiter und während die Kugeln der Kompagnie des Hauptmanns Steinbrunn in die Schwadronen einschlugen, flogen diese in immer schnellerer Eile dahin, hart verfolgt von diesem einzelnen Kürassier und von dieser kleinen Infanterieabteilung, welche im Dublierschritt dem Feinde nacheilte, der eine lange Spur von Verwundeten und Toten zurückließ.

Fortgerissen von dem Rausch des Kampfes, jagte der Leutnant von Rothenstein weiter und weiter, nicht daran denkend, daß er sich immer mehr und mehr von der preußischen Position entfernte und daß er, ebenso wie die Feinde, die er verfolgte, dem Schnellfeuer der Infanterie ausgesetzt wäre.

Die feindlichen Schwadronen begannen langsamer zu reiten. Einige der Kürassiere in den letzten Linien blickten zurück und sahen diesen einzelnen feindlichen Offizier, der hinter ihnen herjagte. Sie warfen ihre Pferde herum und sprengten ihm entgegen.

»Ergeben Sie sich!« rief der erste der französischen Reiter, indem er sein Pferd fast unmittelbar vor Herrn von Rothenstein parierte und den Karabiner auf ihn anlegte.

Ein wuchtiger Hieb, den der junge Offizier nach dem Haupt des Franzosen führte und der vom Helm auf die Schulter herabglitt, war die Antwort.

Der feindliche Kürassier schwankte einen Augenblick im Sattel und sank dann seitwärts vom Pferde hinab. Im Hinabsinken aber entlud sich sein Karabiner und Herr von Rothenstein, der den ihn zunächst Angreifenden entgegensprengte, fühlte es wie einen warmen Strom durch sein Knie ziehen.

565 Drei bis vier feindliche Kürassiere drangen auf ihn ein.

Ein heißer Kampf entspann sich. Die blitzenden Klingen sausten durch die Luft und klirrten gegeneinander. Mehrere Karabinerschüsse krachten aus unmittelbarer Nähe gegen den jungen Mann. Ein mächtiger Schlag traf seinen Helm. Wie betäubt beugte er sich vorwärts zusammen, – noch einmal raffte er sich empor und schwang seine Klinge wirbelnd über dem Kopf. Da fühlte er einen heftigen Schlag gegen die Brust, seine Blicke verdunkelten sich, seine Gedanken schwanden und in jähem Sturz sank er von seinem Pferde herab neben einige feindliche Reiter, welche von den Kugeln der preußischen Infanterie zu Boden gestreckt waren, während sein Pferd in blindem Lauf davonjagte.

Dies war der Kampf gewesen, der von dem Hügel, auf welchem das Hauptquartier stand, bemerkt worden war und die anerkennende Aufmerksamkeit des Königs auf sich gezogen hatte.

Der Kavallerieangriff war die letzte französische Offensivbewegung gewesen. Von diesem Augenblick an sah man die unordentlich durcheinander treibenden französischen Truppen sich immer enger um die Festung zusammenziehen, und auf allen Höhen umher blinkten die preußischen Helmspitzen.

Die Schlacht war gewonnen. Die feindliche Armee war fest eingeschlossen und in ihrem innern Gefüge völlig aufgelöst.

»Wir können viele Menschenleben retten,« sagte der König zum General von Moltke gewendet, indem er mit einem weiten Blick das Schlachtfeld überflog, »wenn wir jetzt das Feuer der Batterien nur noch auf die Festung konzentrieren, um diese in Brand zu schießen und so die feindlichen Generale zu überzeugen, daß die Ergebung unvermeidlich ist.«

General von Moltke neigte schweigend das Haupt und einen Augenblick darauf flogen die Ordonnanzoffiziere mit den Befehlen des Königs in scharfem Ritt nach allen Richtungen dahin.

Bald sah man, wie von den zunächstliegenden Batterien zuerst, dann immer weiter von allen Seiten her die durch 566 die Luft fliegenden Geschosse mit den weißen Pulverwölkchen über die flüchtigen französischen Truppen hin, alle in weitem Bogen, ihren Weg nach der Festung Sedan hin nahmen und auf diesen Mittelpunkt der ganzen feindlichen Aufstellung verderbenbringend niederfielen.

Alle Blicke richteten sich gespannt dorthin, um den Ausgang dieser konzentrierten Beschießung zu erwarten.

Lange zeigte sich keine Wirkung. Endlich stieg links von dem Turme der Kirche langsam eine schwarze Wolke empor. In gerader Linie stieg sie höher und höher, unten tief schwarz, oben weißlich grau sich auseinander breitend, wie die riesige Krone eines gespenstischen Baumes. Dann leuchtete ein roter Glutschein auf und einige Sekunden später leckten die hellen Flammen empor.

»Jetzt ist es Zeit«, sagte der König. Und schnell sich umwendend, rief er den Oberstleutnant Bronsart von Schellendorf vom großen Generalstab heran und befahl ihm, nach der Festung zu reiten und den kommandierenden französischen General zur sofortigen Kapitulation und Übergabe der Festung und der Armee aufzufordern.

Der Oberstleutnant schwang sich auf sein von der hinteren Seite des Hügels herangeführtes Pferd und jagte den Abhang hinab nach der auf Sedan zu führenden Chaussee hin.

Kaum war er abgeritten, so schwieg das Feuer plötzlich in der Nähe von Sedan und zugleich erschien ein Adjutant des bayerischen Brigadekommandos, welches Frénois besetzt hielt, und meldete, daß einzelne Truppen der Brigade bereits bis auf das Glacis von Sedan vorgedrungen wären und daß auf den Mauern von Sedan die weiße Fahne aufgezogen sei.

Der König befahl, daß bei der bayerischen Brigade das Feuer eingestellt werden solle, und unmittelbar darauf schwieg auf der ganzen Linie, welche Sedan umgab, eine Batterie nach der anderen.

Wunderbar berührte die tiefe Stille, welche fast plötzlich dem furchtbaren Geschützdonner folgte.

Ernst und schweigend stand der König da, immer über das weite Feld des blutigen Kampfes hinblickend. Nur wenige Worte wechselte er hin und wieder mit dem 567 Kronprinzen und den Fürsten und Generalen seiner Umgebung.

Da hörte man von Sedan her laute jubelnde Hurrarufe erschallen. Sie pflanzten sich nach allen Seiten hin fort und drangen immer deutlicher zu dem Hügel hinauf.

Es war sechs Uhr.

Im raschen Trabe ritt der Oberstleutnant Bronsart von Schellendorf heran, sprang vom Pferde und näherte sich mit freudig erregter Miene dem Könige.

Die Fürsten und Generale traten heran, und die ganze Suite drängte sich so nahe, als es irgend möglich und schicklich war, an die Gruppe, welche den König und den Kronprinzen unmittelbar umringte.

»Majestät,« sagte der Oberstleutnant von Bronsart im Ton dienstlicher Meldung, aber mit einer vor innerer Bewegung zitternden Stimme, »ich habe Allerhöchstihren Befehl ausgeführt, die weiße Fahne ist aufgezogen, die Kapitulation wird erfolgen, wie mir der Kaiser Napoleon gesagt hat, mit dem ich deshalb gesprochen.«

Der König trat mit einer Bewegung des lebhaften Erstaunens einen Schritt vor.

»Mit dem Kaiser selbst?« fragte er. »Ist denn der Kaiser bei der Armee? Ich habe geglaubt, er wäre schon mit dem kaiserlichen Prinzen nach Mézières gegangen, um sich auf diesem Wege nach Paris zurückzubegeben.«

»Eure Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Oberstleutnant von Bronsart, »ich bin zum Kaiser geführt worden und habe ihn selbst gesprochen. Ein französischer General wird mir unmittelbar folgen und einen Brief des Kaisers überbringen.«

Der Oberstleutnant erzählte nun genau alle Umstände seiner Begegnung und schilderte ausführlich den Zustand entsetzlicher Ratlosigkeit und Verwirrung, welche er in der Festung bei den Truppenteilen, die er gesehen, und bei dem kaiserlichen Hauptquartier selbst gefunden.

Freude leuchtete auf allen Gesichtern, und die ganze Umgebung des Königs teilte sich untereinander, von der Bewegung des Augenblicks fortgerissen, lauter als sonst in der Nähe des Monarchen, ihre Bemerkungen über dies große, folgenschwere Ereignis mit.

568 Nur der König allein stand ernst da, wie tiefe Rührung zuckte es über sein Gesicht. Stille, fromme Dankbarkeit lag in dem Blick, den er zu dem vom Abendstrahl der untergehenden Sonne beleuchteten Himmel emporrichtete.

Von allen Seiten her drangen die immer lauteren Jubelrufe der Truppen heran.

Da sah man auf dem Wege von Sedan her drei Reiter heransprengen. Man erkannte die Uniform eines französischen Generals. Neben demselben ritt ein Trompeter, auf der anderen Seite ein preußischer Generalstabsoffizier.

»Es ist der General Reille,« sagte der Kronprinz, welcher durch sein Glas hinübergeblickt hatte, »der bei unserem Besuch in Paris zur Dienstleistung bei mir kommandiert war.«

Der König neigte den Kopf.

»Ich bitte alle, sich zurückzuziehen«, sagte er mit einer Handbewegung gegen seine Umgebung.

Und augenblicklich trat das ganze Gefolge, ebenso auch der Kronprinz und die Fürsten weit zurück.

Der König stand allein in seiner festen militärischen Haltung auf dem Hügel. Von unten herauf fielen noch hier und da einzelne Schüsse. Jenes leise Klirren und jenes unbestimmte, verworrene Stimmenbrausen, welches stets über großen Truppenkörpern schwebt, zitterte durch die Luft. Es war einer jener gewaltigen Momente, in denen die Weltgeschichte halt macht, um einen Denkstein aufzurichten am Wege der dahinrollenden Jahrhunderte.

Der General Reille war bis auf etwa zwanzig Schritte zum Könige herangekommen. Er hielt an, stieg vom Pferde und näherte sich, das goldgestickte Käppi in der Hand, dem siegreichen königlichen Oberfeldherrn der deutschen Heere.

»Sire,« sagte er mit tiefernstem, traurigem Ton, als er vor dem Könige stand, der, die Hand an den Helm legend, seinen Gruß erwiderte, »ich habe einen Brief des Kaisers zu übergeben, sonst aber weiter keinen Auftrag.«

Und er reichte ehrerbietig dem König das versiegelte Schreiben hin, das er trug.

Der König streckte die Hand nicht aus, dasselbe zu empfangen.

569 »Ich habe«, sagte er, indem sein Blick ernst und fest auf dem General ruhte, »vor allem eine Bedingung zu stellen, und zwar die, daß die französische Armee ihre Waffen niederlegt.«

General Reille verneigte sich schweigend.

Der König nahm den Brief, öffnete das Siegel und durchlas seinen Inhalt. Dann wandte er sich rückwärts, rief den Kronprinzen, den Grafen Bismarck, General von Moltke und den Kriegsminister von Roon, welche rasch herantraten und sich um seine Majestät gruppierten.

Der König las den Brief vor und sprach einige Augenblicke mit seinem Sohn und den herangerufenen Herren.

Dann rief Graf Bismarck den Legationsrat Grafen Hatzfeld, der sich bei dem Gefolge befand, und nach dem Diktat Seiner Majestät schrieb dieser auf ein Blatt seines Portefeuilles die Antwort nieder.

»Nun gilt es, einen Brief zu schreiben,« sagte der König, indem ein leichtes Lächeln einen Augenblick über seine ernsten Züge flog, »ohne Tisch, ohne Feder und Papier.«

Schnell eilten einige Offiziere davon. Aus irgendeinem in der Nähe liegenden Gehöft wurden zwei Stühle herbeigebracht. Der Flügeladjutant, Major von Alten, stellte dieselben übereinander. Der Leutnant von Gustaedt vom Gardehusarenregiment, welcher als Ordonnanzoffizier zum Kronprinzen kommandiert war, legte seine Säbeltasche als Schreibunterlage auf den Sitz des obersten Stuhles. Der Großherzog von Sachsen-Weimar reichte dem Könige aus seinem Taschenportefeuille einen Bogen Papier und eine Stahlfeder, und so schrieb Seine Majestät die dem Grafen Hatzfeld diktierte Antwort ab, während Graf Bismarck zu dem General Reille hintrat und ihn mit freundlichem Händedruck begrüßte.

Als der König den Brief beendet, reichte ihm der Kronprinz ein Kuvert aus seiner Brieftasche. Der König verschloß dasselbe und trat dann zu dem General Reille hin, welcher sich schnell näherte.

»Mein General,« sagte er, »hier meine Antwort, die ich Sie bitte, dem Kaiser zu überbringen. Ich bedaure,« 570 fügte er mit mildem, freundlichem Ton hinzu, »daß ich Sie in einem so ernsten und für Sie schmerzlichen Augenblick wiedersehe. Ich habe mich«, fuhr er fort, »stets gern der Zeit erinnert, wo ich in Paris die Freude hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen – unter anderen, freundlicheren Verhältnissen – an deren Änderung ich keine Schuld trage.«

Auch der Kronprinz begrüßte mit Herzlichkeit den General Reille, der sich dann mit ehrerbietiger Verbeugung vor dem Könige zurückzog und wieder, von dem Trompeter und dem Generalstabsoffizier begleitet, auf dem Wege nach Sedan fortritt. Während die Fürsten, der Bundeskanzler und die Generale den König und den Kronprinzen umringten, brachen die unbeschreiblichen Gefühle des ganzen Gefolges in lauten Jubelrufen aus. Man umarmte sich, man schüttelte sich die Hände, man konnte nicht Worte finden, um das auszudrücken, was die Herzen empfanden an diesem Siegestage, der alles überbot, was die letzten Jahre schon an großen Ereignissen herbeigeführt hatten, an diesem Tage, der die große Armee der stolzen und kriegerischen Nation zu Boden warf und den Kaiser, welcher Deutschland so vermessen herausgefordert, zum Gefangenen machte.

Der König blieb ruhig, ernst und still und hörte schweigend die begeisterten Worte seiner Umgebung an. Endlich wandte er sich zum Grafen Bismarck.

»Ein großes, welthistorisches Ereignis hat sich vollzogen,« sagte er, »aber den Frieden bringt es uns nicht, den Frieden, dessen die Völker so sehr bedürfen und den ich ihnen so gern geben möchte.«

Betroffen hörten die Generale diese Worte des Königs, deren ernster, fast trauriger Ton wunderbar gegen die allgemeine freudige Stimmung abstach.

»Endlich, Majestät,« erwiderte Graf Bismarck, »wird aber der Frieden doch kommen, und zwar«, fügte er mit metallisch klingender Stimme hinzu, »ein Friede, den keine fremden Federn verderben und verpfuschen sollen. Diesmal soll das deutsche Blut nicht umsonst vergossen sein!«

Der König neigte freundlich den Kopf und stand noch einige Augenblicke in schweigendem Sinnen da, dann befahl er, sein Pferd vorzuführen und ritt, vom ganzen 571 Gefolge begleitet, während der Abend immer tiefer hereindunkelte, zu seinem in der Nähe von Chéhéry wartenden Wagen.

Hier befahl der König dem General von Moltke und dem Bundeskanzler Grafen Bismarck, in Donchery zurückzubleiben, um mit dem General von Wimpffen über die Kapitulationsbedingungen zu unterhandeln und am anderen Tage früh den Bericht über den Abschluß der Verhandlungen nach dem Hauptquartier zu senden.

Dann umarmte er noch einmal den Kronprinzen, der sich hier verabschiedete, und fuhr durch den bereits tiefdunklen Abend im großen Bogen nach Vendresse zurück, überall begrüßt von dem jubelnden Zuruf der Truppen, welche an den Weg herandrängten, sobald sie die dem Wagen voransprengenden Reiter der Stabswache erkannten.

In dem von der großen Bewegung der Armee zurückliegenden Dorfe Vendresse war erst spät die so wunderbare Entscheidung des Tages bekannt geworden, – die Zivilbeamten des Hauptquartiers standen in Gruppen auf dem Marktplatze, die nacheinander eintreffenden Nachrichten von der Übergabe der Festung und der Gefangennahme des Kaisers einander mitteilend und besprechend, die Soldaten beleuchteten die Fenster der Häuser, indem sie alles requirierten, was die Einwohner an Lampen und Lichtern besaßen, – noch machten sich hier und da Zweifel geltend, namentlich an der Gefangennahme des Kaisers Napoleon, da man dessen Anwesenheit in Sedan gar nicht vermutet hatte, – bis endlich an den ersten Häusern der Wagen des Königs mit der Eskorte erschien. Auf dem Marktplatze flammte ein aus aufgeschichteten Strohbündeln rasch improvisiertes Feuer empor und beleuchtete mit seinem hellen Schein alle diese frohen, glücklichen Gesichter, die dem vorüberfahrenden siegreichen Kriegsherrn ihr jubelndes Hurra entgegenriefen. Die Generale und Offiziere der königlichen Umgebung fuhren nun in rascher Folge heran und bald verbreiteten sich die bestimmten und ausführlichen Nachrichten über die gewaltigen welthistorischen Ereignisse des Tages.

Der König war vor dem Haumontschen Hause abgestiegen, die Generale und Offiziere des Hauptquartiers 572 versammelten sich zum Tee, und vor den erleuchteten Fenstern der königlichen Zimmer standen neugierige Gruppen, nach den hinter den Scheiben erscheinenden und verschwindenden Gestalten hinblickend und spähend, ob unter ihnen nicht der geliebte und bewunderte Herrscher zu erkennen sei.

Da stellte sich die Musik des Königs-Grenadierregiments unter den Fenstern auf und bald erklangen durch die Nacht die Töne der mächtigen Melodie des preußischen Volks- und Heergesangs: »Heil dir im Siegerkranz!«

Wunderbar ergriff diese Melodie alle Herzen, diese Melodie, die in ihren wenigen, einfachen Takten ein ganzes Buch erschütternder Völkergeschichte enthält, bei deren Tönen die preußischen Heerfahnen rauschen und die Trophäen preußischen Ruhmes klirrend erbeben, – in vielen großen Augenblicken war dieses Lied schon erklungen, aber noch nie hatte ein so voller Lorbeerkranz herrlichsten Sieges das Haupt eines preußischen Königs geschmückt, noch keinem preußischen Könige war aus allen Herzen im lange geteilten Deutschland ein so einstimmiger Heil- und Segensruf entgegengebracht worden.

Drüben von Sedan herüber leuchtete noch rote Glut am schwarzen Nachthimmel herauf – hier brannten die Lichter in festlichem Schein an den Fenstern der Häuser, – die erste improvisierte Illumination im kleinen, stillen Dorfe, deren Schein bald weit sich fortpflanzend in den Freudenfeuern des ganzen Deutschlands widerstrahlen sollte – vor der einfachen Wohnung des königlichen Feldherrn, der, mit dem Schwerte Deutschlands umgürtet, die geeinigte Nation im alten Zeichen des Kreuzes zu so herrlichem Siege geführt hatte, klang das Lied einer großen Vergangenheit in die deutsche Zukunft hinein – und alle diese Gruppen bewegten leise, wie in stillem Gebet, die Lippen – aus vollem Herzen quoll es hervor in unbeschreiblicher Empfindung:

»Heil dir im Siegerkranz!« 573

 

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