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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Der Marschall Mac Mahon hatte seinen verhängnisvollen Marsch, welcher ihn nach der nordöstlichen Grenze von Frankreich führte, durch welchen er den Feinden den Weg nach Paris offen ließ und die Hauptstadt selbst mit der Kaiserin und der Regierung dem Schutze des Generals Trochu und der von diesem aus Mobilgarden und jungen Rekruten gebildeten Armee überließ, angetreten.

Der Kaiser war die letzten Tage in Chalons tief schweigend in sich versunken gewesen. Es war fast kein Wort über seine Lippen gekommen, fast den ganzen Tag saß er in seinem Zimmer über die Karten gebeugt und versuchte nach den Mitteilungen, welche durch versprengte Truppenteile oder durch flüchtende Privatpersonen anlangten, sich die Stellung und Bewegungen des Feindes klarzumachen.

Mit voller Bestimmtheit war die Meldung gekommen, daß Bazaine geschlagen, von seiner Rückzugslinie abgeschnitten und nach Metz zurückgeworfen sei. Auf der andern Seite aber schienen auch die verschiedenen Nachrichten alle dahin übereinzustimmen, daß nunmehr unter Hinterlassung eines Belagerungskorps vor Metz das Gros der feindlichen Armeen gegen Paris vorzurücken begonnen habe, eine Bewegung, welche dem Plan, auf Sedan zu marschieren und von dort her gegen Metz zu operieren, eine um so größere Bedeutung verlieh.

Ernst, still und traurig war das Diner gewesen, welches der Kaiser täglich mit den Offizieren seiner Umgebung in diesem Pavillon einnahm, welcher sonst während der Zeit der Übungslager von so lautem, fröhlichem Leben wiederhallte.

471 Nur auf kurze Zeit war der Marschall Mac Mahon an der Tafel des Kaisers erschienen, um noch vor Aufhebung derselben sich wieder zu beurlauben und wieder hinauszugehen zu den Truppen, an deren moralischer und taktischer Reorganisation er mit unermüdlichem Eifer arbeitete.

Der Kaiser lebte streng nach den Vorschriften seiner Ärzte und unterwarf sich deren unausgesetzter, sorgfältiger Behandlung, um diese Tage der Ruhe auch zur Wiederherstellung seiner Körperkräfte zu benützen und sich in den Stand zu setzen, die Anstrengungen und Aufregungen, welche ihm noch bevorstanden, so gut als möglich ertragen zu können.

Der kaiserliche Prinz hatte sich erholt und mit der Elastizität der Jugend, welche das Alter der Hoffnung und des Vertrauens ist, Mut und Zuversicht wieder gewonnen. Er versuchte in kindlich herzlicher Weise oft auch dem Kaiser wieder Hoffnung und Glauben an die Zukunft zu geben. Napoleon lächelte dann wohl, wenn er der Plauderei seines Sohnes zuhörte, aber es war ein trauriges, resigniertes Lächeln, und gleich darauf versank er wieder in seine finsteren Träumereien und senkte das Haupt prüfend über seine Karten nieder, als wolle er die Lösung dieser furchtbaren Frage finden, welche so unmittelbar vor ihm stand und doch durch den undurchdringlichen Schleier der Zukunft verhüllt war.

Die Disziplin unter den Truppen war wiederhergestellt, so gut es in einer so schwer erschütterten Armee möglich war, dessenungeachtet verließ der Kaiser den inneren Hof des Lagerpavillons nicht, und trotz der Bitten des Prinzen erlaubte er auch ihm nicht, zu den Truppen hinauszureiten, die Szene, welche bei seiner Ankunft am Bahnhof stattgefunden, hatte ihn noch finsterer und abgeschlossener sich in sich selbst zurückziehen lassen.

Endlich war alles für den Marsch vorbereitet; da zu gleicher Zeit die Meldung kam, daß preußische Kavalleriepatrouillen bereits in nächster Nähe von Chalons gesehen worden seien, so setzte sich die Armee am einundzwanzigsten August in Bewegung nach Rheims hin, wobei allerdings eine Anzahl von Geschützen wegen Mangels der Bespannung zurückgelassen werden mußten.

472 Der Marschall, welcher für das nächste Hauptquartier Courcelles bei Rheims bestimmt hatte, um von dort aus die weiteren Bewegungen zu leiten, blieb dem Kaiser zur Seite, welcher unter starker Bedeckung von Kürassieren, den kaiserlichen Prinzen neben sich, aus dem Hof des Pavillons hinausritt, einen letzten Blick auf diese Stätte des militärischen Glanzes werfend, wo er so oft, umgeben von der Armee, welche an ihre Unbesiegbarkeit glaubte, von stolzer Höhe auf das demütig vor ihm gebeugte Europa herabgeblickt hatte, welches jedes Wort aus seinem Munde als einen Orakelspruch aufnahm und als ein politisches Ereignis betrachtete.

Bald nachdem der Marschall und sein Stab das Lager verlassen, begannen unter den noch zurückgebliebenen Truppen Ordnung und Disziplin sich abermals zu lösen. Immer schneller folgten sich die Nachrichten, welche die Bewohner der Umgegend von dem schnellen Anmarsch der deutschen Heere überbrachten, die in breiter Front gegen das Lager heranrückten. Diese Nachrichten wurden, wie immer in solchen Zeiten, vergrößert und übertrieben. Aus einzelnen voranstreifenden Patrouillen machte man ganze Armeekorps, so daß sich endlich unter den noch im Lager befindlichen Truppen die Überzeugung verbreitete, daß die ganze preußische Armee bereits in unmittelbarer Nähe herandrohe.

Eine allgemeine Panik ergriff diese Regimenter. Man vergaß die Zelte zu räumen, man vergaß, die Gegenstände und Geräte, welche dieselben enthielten, mitzunehmen, man wartete den Befehl zum geordneten Abmarsch nicht ab. Alles drängte nur hinaus aus diesem Lager, das von dem gefürchteten Feind bedroht war, und den Offizieren, welche der allgemeinen Bewegung nicht Einhalt tun konnten, blieb nichts anderes übrig, als derselben zu folgen, um wenigstens bei ihren Truppenteilen zu bleiben und dort so gut als möglich die Ordnung aufrecht zu erhalten und dieselben in einigem Zusammenhang nach Rheims zu führen, wohin alles in eiligem Marsch drängte, der zuletzt fast einer wilden Flucht zu gleichen begann.

Es gelang auch, die Bewegungen der meisten Abteilungen wenigstens auf dem vorgeschriebenen Wege 473 festzuhalten, auf welchem der Marschall und der Kern der Truppen vorangegangen waren. Einzelne Abteilungen aber, sei es durch mangelhafte Führung, sei es in der Verblendung der Furcht, welche sie trieb, so schnell als möglich von dem anrückenden Feinde sich zu entfernen, verfehlten die Richtung und man sah gegen Abend einzelne kleine Trupps, teils noch notdürftig geordnet, teils in voller Auflösung begriffen, nach allen Richtungen hin vom Lager aus in das Land hineinmarschieren.

Die Einwohner der Umgegend waren zahlreich in das Lager gekommen, teils um hier Schutz zu finden, teils um an den verschiedenen Gegenständen, welche die Armee bei dem Aufbruch zurücklassen würde, eine leichte Beute zu machen. Sie hatten sich in die Zeltreihen verteilt, trugen fort, was sie in denselben noch fanden, teils wertlose, unbedeutende Kleinigkeiten, teils aber auch kostbarere Gegenstände, welche hier zurückgelassen waren.

War es Unvorsichtigkeit, war es Absicht, als der Abend hereindunkelte, sah man an einzelnen Stellen des Lagers, das mit Stroh und so vielen leicht brennbaren, von der Sonnenhitze ausgedörrten Gegenständen erfüllt war, einzelne Flammen aufsteigen. Bald vergrößerten sich dieselben, stiegen empor, gegeneinander vorrückend und sich vereinigend, bis die Sterne am dunklen Nachthimmel aufgingen. Dann erbleichte ihr reines Licht vor dem dunkelroten Schein der Flammen, welche wie ein Meer der Zerstörung über dieses Lager, den Stolz Frankreichs und seiner Armeen, dahinwogten.

Weithin leuchtete dieser Flammenschein am Horizont, während der Kaiser, ohnmächtig gebrochen, inmitten einer Armee, die den Glauben an den Sieg verloren hatte, nach der alten Krönungsstadt der französischen Könige hinzog, während die Heere Deutschlands in unaufhaltsamem Marsch heranrückten und während in Paris lauter und lauter bereits die Stimme der Revolution ertönte und einen der Höflinge nach dem andern aus den Salons der Kaiserin in den Tuilerien verscheuchte. –

Der Kaiser war in Courcelles angekommen. Kaum war er in dem Hause der Mairie dieses kleinen Orts 474 abgestiegen, wo man in aller Eile einige Zimmer für ihn hergerichtet hatte, als der General Reille bei ihm erschien und ihm meldete, daß der Präsident des Senats, Herr Rouher, soeben angekommen sei und den Kaiser dringend zu sprechen wünsche.

Napoleon hatte sich auf ein Ruhebett geworfen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Rouher hier?« sagte er; »mein Gott, was kann er wollen – man wird mich wieder zu Entschlüssen drängen wollen, die ich doch nicht fassen kann! Die Regierung in Paris hat ja meine Vollmachten, an ihr ist es, zu tun, was sie den Verhältnissen entsprechend und für notwendig hält. Lassen Sie ihn kommen«, sagte er dann. »Er meint es wenigstens treu mit mir, für ihn ist kein Platz außerhalb des Kaiserreichs, er wird weder mit den Orleans noch mit der Republik paktieren. Sein Rat ist wenigstens aufrichtig.«

»Ich hoffe, Sire,« sagte der General, »daß Herrn Rouhers Ankunft von glücklichem Einfluß sein wird. Gott wolle, daß es ihm gelingen möge, Eure Majestät zu bestimmen, diesen unglücklichen Marsch nach Norden aufzugeben, der uns in eine gefahrvolle, verzweifelte Lage führen kann.«

Er ging hinaus. Der Kaiser richtete sich ein wenig empor und streckte mit freundlichem Gruß dem unmittelbar darauf eintretenden Herrn Rouher die Hand entgegen.

»In der Gefahr und im Unglück«, sagte er mit verbindlichem Lächeln, »erkennt man seine wahren Freunde, welche kommen, um die Gefahr zu beschwören und das Unglück zu teilen.«

»Eure Majestät dürfen überzeugt sein,« erwiderte Herr Rouher mit seiner klaren, sonoren Stimme, indem er sich tief auf die Hand des Kaisers herabbeugte, »daß es mir ein Stolz und eine Ehre sein würde, auch das Unglück mit Eurer Majestät zu teilen, doch dahin wird es, so Gott will, nicht kommen. Was bis jetzt geschehen, ist ein Mißgeschick, noch kein Unglück, aber die Gefahr ist vorhanden, die höchste Gefahr, und in der Tat komme ich zu Eurer Majestät, um diese Gefahr zu beschwören und Sie zu bitten, diejenigen Entschlüsse zu fassen, welche in der augenblicklichen Lage allein zum Heil führen können.«

475 Ein finsterer Ausdruck von Unmut und zugleich von Abgespanntheit und Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers.

»Ich bin im Begriff«, sagte er dann, »zu tun, was man in Paris zur Rettung aus der drohenden Gefahr für nötig hält. Ich habe Trochu zum Gouverneur von Paris ernannt, wie es die Kaiserin wünscht, und stehe im Begriff, auf dem einzigen noch offenen Wege Bazaine zu Hilfe zu kommen. Ich habe getan, was zu tun möglich ist, und muß das übrige dem Schicksal anheimstellen, das sich«, fügte er mit bitterem Lächeln hinzu, »allerdings nicht mehr um mich und um Frankreich zu kümmern scheint.«

»Sire,« sagte Herr Rouher, dessen volles Gesicht mit den sonst fast immer heiteren und lächelnden Zügen von tiefer, schmerzlicher Erregung bebte, und dessen sonst so klare, scharfblickende Augen durch Unruhe und Nachtwachen getrübt waren, – »das Schicksal wendet sich nur von denjenigen, welche die Kraft und den Glauben an sich selbst verlieren, es beugt sich unter der mächtigen Hand, welche die Verhältnisse zu erfassen und zu beherrschen den Willen hat. Ich bin hergekommen, um Eure Majestät zu beschwören, zu beschwören im Namen Frankreichs, im Namen des Kaiserreichs, im Namen Ihres Sohnes, daß Sie sich noch einmal in dieser äußersten Gefahr, wie in früheren Tagen, zu dem Willen erheben möchten, Herr des Schicksals zu werden und dem Glück zu gebieten.«

Der Kaiser zuckte fast unmerklich die Achseln.

»Dem Glück gebieten,« sagte er leise, »ich, der ich meinen eigenen Nerven und den Muskeln dieses zusammenbrechenden Körpers nicht mehr gebieten kann!«

Er hatte diese Worte leise gesprochen.

Herr Rouher hatte sie dennoch gehört und blickte voll tiefen Mitleids auf den in sich zusammengesunkenen Kaiser.

»Auch der schlaffe und kranke Körper, Sire,« sagte er, »gehorcht dem mächtigen Impuls des Willens. Nur noch einmal, Sire, fassen Sie den Mut, zu wollen, fassen Sie den Entschluß, Ihren Thron und Frankreich zu retten, dann werden Sie Zeit genug finden, Ihren Körper zu heilen. Und sollte er zusammenbrechen, Sire, so werden 476 Sie mit seiner letzten Kraft Ihr Werk vollendet, die Zukunft Ihres Hauses gesichert haben.«

»So glauben Sie also noch an die Rettung?« fragte der Kaiser, indem ein Schimmer von Hoffnung in seinen Augen aufleuchtete, – »wie halten Sie dies für möglich und was kann ich tun, sie herbeizuführen?«

»Sire,« sagte Herr Rouher, indem eine sonst nicht gewöhnliche Erregung in seiner Stimme widerklang, »Eure Majestät haben der Kaiserin die Regentschaft übertragen und die Personen, welche die Regentin umgeben, sind die verantwortlichen Minister des Landes, und kaum möchte es unter gewöhnlichen Umständen mir, dem Präsidenten derjenigen Körperschaft, welcher vorzugsweise die Behütung der Gesetze und der Verfassung übertragen ist – kaum möchte es mir anstehen, die Beschlüsse der Regentin und ihrer Minister zu kritisieren und gegen dieselben bei Eurer Majestät Einsprache zu erheben. Aber, Sire,« fuhr er fort, indem er einen Schritt näher zum Kaiser herantrat und die Hand wie beschwörend gegen ihn ausstreckte, »die Verhältnisse dieser Tage sind so außergewöhnliche, daß einem treuen Diener Eurer Majestät auch ein außergewöhnlicher Schritt verziehen werden mag. Was in diesen Tagen auf dem Spiel steht, Sire,« fuhr er fort, »ist nicht der Ruhm einer gewonnenen Schlacht, nicht eine vorübergehende Vermehrung oder Verminderung des Einflusses von Frankreich – nein, Sire, es ist das Schicksal der französischen Nation auf Jahre hinaus, es ist das Schicksal des Kaiserreichs, das Schicksal Eurer Majestät und Ihrer Dynastie, welche zweimal Frankreich auf die höchste Höhe des Ruhmes und der Macht erhoben hat.«

»Gewiß, mein lieber Herr Rouher,« sagte der Kaiser freundlich, »ich bin von dem, was Sie mir sagen, tief durchdrungen, und gerade, um alles das zu retten, was auf dem Spiel steht, will ich ja der Ansicht meiner Minister und der Kaiserin gemäß die Wiedervereinigung mit Bazaine und seiner Armee zu erreichen suchen, damit wir den gegen die Hauptstadt herandrohenden Feind dort an den Grenzen aufhalten und, wenn das Glück unseren Waffen günstig ist, schlagen können.«

»Sire,« rief Herr Rouher, »Ihre Majestät die Kaiserin hat gewiß die Überzeugung dessen, was sie Ihnen zu raten für nötig hält, und auch Ihre Minister sind gewiß durchdrungen von der Notwendigkeit des Schrittes, den sie so lebhaft empfehlen. Aber – diese Herren haben nicht die überlegene Ruhe, welche nötig ist, um das Schiff des Staates auf hochgehender See zu steuern. Sie sind abhängig, leider zu sehr abhängig von dem Hauch der öffentlichen Meinung, deren Richtung, wie Eure Majestät wissen, nicht immer von der richtigen und wahren Erkenntnis der Verhältnisse bestimmt wird. Die öffentliche Meinung, Sire, das ist wahr, verlangt in diesem Augenblick den Marsch zur Entsetzung der Armee von Metz, die öffentliche Meinung erhebt sich gegen eine Konzentration großer Streitkräfte vor Paris, weil Paris fürchtet, dadurch einer feindlichen Belagerung ausgesetzt zu werden. Doch dies, Sire, ist nicht der alleinige Grund, es ist nur dies Gefühl, das denjenigen als Handhabe dient, welche nach wohlüberlegtem Plan in diesem Augenblick die öffentliche Meinung leiten, und diese, Sire, sind Ihre erbittertsten Gegner, die Todfeinde des Kaisertums, welche Frankreich lieber vollständig besiegt den Feinden zu Füßen werfen möchten, als es unter dem kaiserlichen Adler stark und mächtig sehen. Diese, Ihre Feinde, Sire, von Favre und Gambetta bis zu Rochefort hinab, wollen vor allem alle regulären und Eurer Majestät ergebenen Truppen, namentlich aber die Armee des treuen und loyalen Marschalls Mac Mahon, von Paris entfernen und dort höchstens ein Korps von zusammengerafften Rekruten und Nationalgarden unter dem ganz unzuverlässigen, stets mit dem Strom der Masse schwimmenden Trochu erhalten. Sobald sie dies erreicht haben, Sire,« fuhr er immer lebhafter fort, »gehört Paris ihnen. Wenn Eure Majestät und die Armee Mac Mahons an den Grenzen Frankreichs von feindlichen Armeen umgeben und bedrängt einherziehen, so wird, dessen dürfen Eure Majestät sicher sein, früher oder später, jedenfalls aber bei der ersten Nachricht von einer Niederlage oder einer verfehlten Aktion, das Corps législatif gesprengt, das Kaiserreich gestürzt, die Kaiserin vertrieben oder ermordet und die Republik 478 proklamiert werden, und zwar die rote Republik der Kommune, zu deren Installierung auf dem Stadthause bereits, wie ich aus sicherer Quelle weiß, alle Vorbereitungen getroffen worden sind. Ich beschwöre Eure Majestät«, fuhr er, die gefalteten Hände gegen den Kaiser erhebend, fort, »bei dem Heil und der Zukunft Frankreichs – bei dem Haupt Ihres Sohnes, führen Sie die Armee nach Paris zurück, lassen Sie Mac Mahon unter den Mauern der Hauptstadt seine Stellung nehmen. Kehren Sie selbst in die Tuilerien zurück und ergreifen Sie die Zügel der Regierung wieder, welche in diesem Augenblick nur Ihre Hand allein zu führen stark genug ist. Auf diese Weise werden Sie den Feind zwingen, die große Armee Bazaines hinter sich zurücklassend, mitten durch das ihm feindliche, in immer steigender Erbitterung sich erhebende Land gegen die Hauptstadt zu dringen und hier eine Schlacht zu liefern, welche, wenn sie nicht absolut siegreich für ihn ist, durch das Vordringen Bazaines auf die feindliche Rückzugslinie zugleich verhängnisvoll werden und alle diese bisherigen Erfolge der deutschen Armeen in eine vernichtende Niederlage verwandeln wird. Eure Majestät aber wird vor allen Dingen Herr von Frankreich bleiben und auch im ungünstigsten Falle noch immer einen möglichst ehrenvollen Frieden schließen können, denn die Vernichtung der Monarchie und des Kaisertums kann niemals im Interesse des Königs von Preußen liegen. Wenn aber Eure Majestät und alle zuverlässigen Armeen ferne an den Grenzen sind, wenn hinter Ihrem Rücken die Republik in Paris proklamiert wird, so kennen Eure Majestät den Einfluß, welchen die Vorgänge in Paris auf ganz Frankreich üben, und selbst wenn Eurer Majestät Truppen an den Grenzen siegreich sein sollten, so werden Sie ein abgefallenes Land hinter sich haben und sich, nachdem Sie den Feind zurückgehalten, Ihre eigene Hauptstadt und Ihren Thron wiedererobern müssen. Und verzeihen Sie, Sire,« fuhr er fort, »daß ich so kühn, so frei und so ohne Rückhalt spreche, aber ich würde kein treuer Diener, kein bis zum Tod ergebener Freund Eurer Majestät sein, wenn ich Ihnen heute das verhehlte, was meine innigste und unwandelbarste Überzeugung ist. Eure Majestät haben so 479 oft die leuchtenden Beispiele Ihres großen Oheims nachgeahmt, vermeiden Sie heute seinen verhängnisvollen Fehler; wenn der Kaiser damals, als die feindlichen Armeen die Grenzen Frankreichs überschritten, seine ganze Macht in Paris konzentriert hätte, statt in erfolglosen Märschen zwischen den feindlichen Korps hin und her zu ziehen, so würde, wenn auch vielleicht Frankreich für den Augenblick von der Höhe seiner damaligen Stellung herabgedrückt worden wäre, doch kaum der Zusammensturz des kaiserlichen Thrones erfolgt sein.«

Der Kaiser stand lange Zeit in schweigendem Nachdenken, während Herr Rouher zitternd vor ungeduldiger Spannung ihn beobachtete.

»Ich kann die Lage der Dinge in Paris«, sagte Napoleon »noch nicht für so unmittelbar gefahrdrohend ansehen als Sie mein lieber Rouher. Der ganze besitzende Bürgerstand steht zu mir, weil er ganz gut weiß, daß ich ihm allein seine erworbene Habe schützen kann –«

»Aber Sire,« fiel Rouher ein, »Eure Majestät wissen auch, daß der besitzende Bürgerstand sich in kritischen Augenblicken stets schweigend in seine Häuser zurückzieht, und daß in solchen Augenblicken die Politik von den Massen auf der Straße gemacht wird.«

»Sollte Trochu«, sagte der Kaiser, »nicht stark und energisch genug sein, um diese Massen im Zaum zu halten?«

»Trochu«, sagte Herr Rouher mit verächtlichem Achselzucken, »wird alle Dekrete der Masse ausführen. Er wird die Rolle Lafayettes spielen, nur mit noch weniger Geist, mit noch weniger Charakter und mit noch weniger Würde als Jener.«

Abermals sann der Kaiser längere Zeit schweigend nach, dann trat er zu Herrn Rouher hin und reichte ihm die Hand, indem sein Blick sich freudig belebte.

»Ich glaube, Sie haben recht, mein lieber Rouher«, sagte er mit fest entschlossenem Ton. »Sie haben so lange auf der Höhe der Regierung gestanden, Sie haben mit so fester Hand das Steuer des Staats geführt, Sie haben mit so klarem Blick die Gesellschaft bis in ihre Tiefen 480 durchschaut, daß ich auch jetzt der Richtigkeit Ihres Urteils vertraue. Es soll geschehen, was Sie mir raten.«

Herr Rouher blickte mit freudiger Begeisterung auf den Kaiser hin.

»Oh, Sire,« rief er, die Hände vor der Brust faltend, »dann ist Frankreich, dann ist das Kaiserreich, dann sind Eure Majestät gerettet!«

»Darf ich Sie bitten, mir als Sekretär zu dienen?« sagte der Kaiser lächelnd.

Herr Rouher setzte sich an einen großen runden Tisch, welcher in der Nähe des Fensters stand und in Eile zum Schreibtisch des Ministers hergerichtet war, ergriff einen Bogen Papier und eine Feder und erwartete gespannt das Diktat seines Souveräns.

Der Kaiser sprach langsam mit ruhiger, klarer Stimme:

»Napoleon, von Gottes Gnaden und durch den Willen der Nation Kaiser usw. Der Marschall Mac Mahon, Herzog von Magenta, ist zum Obergeneral aller militärischen Kräfte, welche die Armee von Chalons zusammensetzen, und aller jener, welche unter den Mauern von Paris oder in der Hauptstadt selbst sich befinden oder noch dort versammelt werden, hierdurch ernannt.

»Unser Kriegsminister ist mit der Ausführung des gegenwärtigen Dekrets beauftragt.

»Gegeben zu – –«

Der Kaiser zögerte einen Augenblick.

»Courcelles ist kein geeigneter Ort für ein solches Dekret«, sagte er dann mit etwas unschlüssigem Ton.

»So datieren es Eure Majestät von Rheims«, sagte Herr Rouher. »Die alte Krönungsstadt des Reichs darf wohl die Ehre in Anspruch nehmen, einem Dekret den Ursprung zu geben, welches Frankreich rettet.«

»Gut,« sagte der Kaiser, »wir sind ja fast in Rheims – also schreiben Sie: »Gegeben zu Rheims 21. August 1870.«

Herr Rouher hatte die diktierten Worte fast so schnell geschrieben, als sie gesprochen waren. Er erhob sich und legte den Bogen dem Kaiser vor.

481 Dieser ergriff eine Feder und setzte mit raschem, kräftigem Zug seinen Namen unter das Dekret.

»Nun«, sagte Napoleon, »ist noch ein Brief an den Marschall Mac Mahon erforderlich und eine Proklamation an die Armee. In beiden muß die Konzentration der Truppen unter den Mauern von Paris aus militärischen Gründen erklärt werden – aus der Unmöglichkeit, den Marschall Bazaine in diesem Augenblick frei machen zu können, durch den Vorteil, welcher für unsere Operationen daraus erwächst, daß die deutschen Truppen in das Herz des Landes unter eine ihnen überall feindliche Bevölkerung hineingezogen werden. Wollen Sie die Güte haben, diese beiden Schriftstücke aufzusetzen, sehr kurz, sehr klar und in der würdigen, überzeugungsvollen Form, in welche Sie Ihre Gedanken so meisterhaft einzukleiden verstehen.«

Er lehnte sich ermüdet zurück.

Herr Rouher setzte sich wieder an den Tisch und begann zu schreiben, während der Kaiser die Augen schloß, als ob er schlummere oder von äußeren Eindrücken unbeirrt seinen Gedanken folgen wolle.

Herr Rouher schrieb mit fliegender Hast. In kaum einer halben Stunde hatte er die Entwürfe vollendet. Als das leise Geräusch seiner über dem Papier hingleitenden Feder verstummte, schlug der Kaiser die Augen auf und richtete den Blick erwartungsvoll auf seinen langjährigen Minister.

Herr Rouher trat zu ihm hin und überreichte ihm die beiden Bogen, von denen er nur die erste Seite beschrieben. Der Kaiser las einen nach dem andern langsam und sorgfältig durch, zuweilen den Blick aufwärts richtend, als sinne er über ein oder das andere Wort nach, doch machte er keine Bemerkung, sondern stand, als er die Lektüre beendet, langsam auf und unterzeichnete, ohne ein Wort zu streichen oder zu ändern, die Entwürfe.

»Nun, mein lieber Rouher,« sagte er dann mit einem Lächeln, das jedoch nur im vorübergehenden Schimmer seine traurigen, leidenden und abgespannten Gesichtszüge erhellte, »Ihre Ansicht ist auch diesmal, wie fast immer, durchgedrungen, und ich hoffe, daß auch diesmal, wie in so vielen anderen Fällen, dieselbe Frankreich zum Heil 482 gereichen wird. Eilen Sie jetzt nach Paris zurück und bringen Sie meine Dekrete der Kaiserin und den Ministern. Ich werde den Marschall benachrichtigen, welcher glücklich über meinen Entschluß sein wird, der vollkommen mit seiner eigenen Ansicht übereinstimmt.«

Herr Rouher nahm die Papiere und steckte sie mit einer ehrfurchtsvollen Bewegung in die Brusttasche seines Rockes.

»Sire,« sagte er dann, indem er seine Hand darauf legte, »in all den langen Jahren, in denen ich die Ehre gehabt habe, Eurer Majestät zu dienen, ist dies der schönste, der erhabenste Augenblick. Ich trage den herrlichsten Schatz mit mir fort – die Rettung Frankreichs. Wenn Eure Majestät in Paris sind, wenn Mac Mahons Armee die Hauptstadt umgibt, dann können wir allen Gefahren trotzen, dann wird der Genius Frankreichs die Zeit finden, sich wieder aufzurichten und von neuem den Sieg an Eurer Majestät ruhmvollen Adler zu fesseln. Ich eile nach Paris zurück und hoffe, daß Eure Majestät mir bald folgen werden, um von neuem über meine Dienste zu verfügen.«

Der Kaiser trat zu ihm hin und reichte ihm die Hand.

Herr Rouher ergriff dieselbe in tiefer Bewegung.

Napoleon sah einen Augenblick wie fragend auf dieses sonst so ruhige, kalte Gesicht, dessen Züge jetzt zitterten und zuckten und auf dem in deutlicher Schrift rückhaltslose Treue und Hingebung zu lesen war. Langsam zog er die Hand des Ministers an seine Brust und legte den linken Arm um dessen Schulter:

»Leben Sie wohl, mein lieber Rouher,« sagte er mit unendlich weicher Stimme, – »auf Wiedersehen in Paris! Solange ich Freunde habe wie Sie, darf ich die Hoffnung nicht verlieren.«

»Gott wird Frankreich nicht verlassen!« rief Herr Rouher mit fast erstickter Stimme.

Er war unfähig, mehr zu sprechen. Langsam erhob er sich aus der Umarmung des Kaisers und ging hinaus.

»Ich habe unrecht gehabt, ihn zu entlassen«, sagte Napoleon, ihm nachblickend. »Das Unglück ist ein guter Lehrmeister; wenn ich diese Katastrophe überwinde, soll er wieder an meiner Seite stehen. Doch jetzt bedarf ich der Ruhe,« 483 sagte er, »der Ruhe des Geistes vor allem, und sei es nur für eine kurze Stunde. Die Gedanken verwirren sich, wenn sie unaufhörlich denselben Punkt umkreisen, und die aufgeregten Nerven gehorchen dem Schlaf nicht mehr.«

Er öffnete eine Kassette von gepreßtem Leder, welche seine Reisebibliothek enthielt, und zog einen Band von Racine hervor. Dann ließ er sich langsam in seinen Lehnstuhl sinken und vertiefte sich in die Lektüre.

Bald nahmen seine Züge einen ruhigen, heitern Ausdruck an, leise die Lippen bewegend, folgte er den klassischen Versen des großen Dichters, und während draußen die Kommandorufe erschallten, die Signalhörner ertönten, Wagengerassel und das Stampfen der Pferdehufe zu den Fenstern hereindrang, zog der Geist des Kaisers, welcher der Mittelpunkt aller dieser Unruhe, aller dieser Bewegung war, immer tiefer ein in das stille Reich der Poesie.

 

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