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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Kaiser Napoleon war, nur von seinen unmittelbaren persönlichen Adjutanten begleitet, in Verdun angekommen. Er hatte sich einen Augenblick auf die Mairie begeben, um dem Maire der Stadt ein wenig Mut einzusprechen. Dann war er sogleich zum Bahnhof gefahren, um den Weg nach Chalons fortzusetzen, denn die Spitzen der preußischen Armee waren bereits so nahe herangerückt, daß er fürchten mußte, durch einen kühnen Handstreich von der weit vorschwärmenden Reiterei aufgehoben zu werden.

Schon in Longueville, wo er einige Stunden geschlafen, hatten beim Morgengrauen des Napoleonstages, welcher sonst durch glänzende Feste in Paris und in ganz Frankreich gefeiert wurde, die preußischen Kugeln über das Haus hingepfiffen, in welchem der Kaiser und der kaiserliche Prinz ihr Quartier genommen, und die Generale hatten auf seine schleunige Weiterreise gedrungen, um in ihren Operationen durch die Anwesenheit des Souveräns nicht gehindert zu werden.

Die Equipagen des Kaisers waren noch nicht angekommen, und er befahl dem diensttuenden Adjutanten, ihm 434 mit denselben so bald als tunlich zu folgen. Er fuhr mit dem kaiserlichen Prinzen in einem Wagen aus der Stadt, welchen der Maire ihm kommen ließ, nach dem Bahnhof.

Hier herrschte große Unordnung und Aufregung, zahlreiche Reisende, welche sich teils nach ihren Heimatsorten begeben wollten, teils vor der immer unmittelbarer herandrohenden Kriegsgefahr flüchteten, standen auf dem Perron und warteten vergebens der Beförderung, denn die zahlreichen Militärzüge hatten alle Lokomotiven und Beförderungsmittel so sehr in Anspruch genommen, daß man bereits seit länger als vierundzwanzig Stunden keinen Personenzug expediert hatte.

Der Kaiser trat mit seinem Sohn ohne jede Begleitung auf den Perron.

Bald erkannten ihn einige der versammelten Personen. Man bildete einen großen Kreis um ihn, und alle Blicke hefteten sich auf diesen so gebrechlich einherschreitenden Mann mit dem gesenkten Haupt und den unsicher schwankenden Schritten, der, selbst nur mühsam sich aufrecht haltend, seinen Arm dem zitternden, bleichen und vor Erschöpfung zusammenbrechenden Kinde als Stütze darbot, das alle Hoffnungen, zu denen es erzogen war, in diesen furchtbaren Tagen um sich her zusammensinken sah.

»Mein Gott!« riefen verschiedene Stimmen, »alles ist verloren! Der Kaiser flieht! – der arme Prinz!« hörte man hier und dort.

Der Kaiser hörte diese Worte, er hob den Kopf empor, ließ seinen matten Blick über die Zunächststehenden gleiten und berührte grüßend den Hut.

»Es wird alles wieder gut werden,« sagte er mit matter Stimme, der er vergeblich einen festen und klangvollen Ton zu geben versuchte, »die Armee steht vor dem Feind, sie wird ihn zurückwerfen und diese ersten Unglücksfälle wieder gutmachen.«

»Es lebe der Kaiser!« riefen einzelne Stimmen.

»Es lebe die Armee! Es lebe Frankreich!« fielen andere ein, während zugleich aus anderen Gruppen Zischen und Murren ertönte.

435 Traurig wandte sich der Kaiser ab und schritt dem Bahnhofsinspektor entgegen, welchen man benachrichtigt hatte und der schnell herbeieilte, um den Kaiser zu begrüßen und nach seinen Befehlen zu fragen.

»Ich wünsche sogleich einen Zug nach Chalons, eine Lokomotive und ein Coupé genügt mir. In einer halben Stunde werden meine Equipagen anlangen, welche ich Sie bitte, mir sogleich nachzusenden. Und senden Sie ein Telegramm an den Marschall Mac Mahon in Chalons, das ihn von meiner Ankunft benachrichtigt.«

»Sire,« sagte der Bahnhofsinspektor, »ich habe noch einige Lokomotiven, aber nichts anderes als Waggons dritter Klasse. Ich will sogleich nach den nächsten Stationen telegraphieren und anfragen, ob dort noch Coupés vorhanden sind.«

»Lassen Sie, mein Herr, lassen Sie,« sagte der Kaiser, »arrangieren Sie nur immer einen Zug mit einer Lokomotive und einem Wagen dritter Klasse. Wir sind Soldaten und sind im Kriege, wenn wir nur fortkommen und schnell fortkommen, so ist es gleichgültig, auf welche Weise.«

Der Inspektor gab die nötigen Befehle und führte den Kaiser in sein Dienstzimmer, in welchem infolge der überhäuften Geschäfte wegen der zahlreichen Truppenzüge die verworrenste Unordnung herrschte.

»Ich werde Eurer Majestät eine Lokomotive voraussenden, um die rasche Durchfahrt bis zum Mourmelon zu sichern. In wenigen Augenblicken wird Eurer Majestät Wagen bereit stehen«, sagte der Inspektor, als er nach kurzer Abwesenheit wieder in das Zimmer trat, vor dessen Tür sich die auf Beförderung wartenden Reisenden neugierig versammelten.

Der kaiserliche Prinz war erschöpft auf einen Sessel niedergesunken und sagte, indem er zu dem Eisenbahninspektor hinaufblickte:

»Ich bin so hungrig, mein Herr, wäre es nicht möglich, irgend etwas Stärkung zu erhalten?«

»Mein Gott,« sagte der Kaiser, »warum hast du das nicht in der Stadt gesagt? Dort würde man uns etwas haben geben können.«

436 »Du sprachst mit dem Maire, Papa,« erwiderte der Prinz, indem er seinen Vater mit einem liebevollen Lächeln ansah, »ich wollte in einem so ernsten Augenblick nicht durch meine Wünsche, durch meine kindische Schwäche stören. Ich hoffte, den Hunger und die Erschöpfung überwinden zu können – unsere braven Soldaten müssen dies ja auch überwinden, aber – ich kann wirklich nicht mehr«, fügte er hinzu, indem er wie zur Beteuerung die Hand auf die Brust legte und den Inspektor mit einem Blick ansah, in welchem die Bitte um Verzeihung zu liegen schien, daß seine Natur nicht stark genug sei, um dem Willen zu gehorchen.

Mit tiefer Rührung blickte der Beamte auf das arme erschöpfte Kind, während der Kaiser sich abwandte und mit der Hand über die Augen fuhr.

»Es ist mir ein großer Schmerz,« sagte der Inspektor, »Eurer Kaiserlichen Hoheit sagen zu müssen, das es mir unmöglich sein würde, und wenn ich den ganzen Bahnhof durchsuchen ließe, irgend etwas herbeizuschaffen als ein kleines Brot vom gestrigen Tage und eine Flasche Wein – das einzige, was ich mir selbst habe zurücklegen können, da die durchziehenden Truppen alles aufgezehrt haben, was irgend vorhanden war – man müßte nach der Stadt senden.«

»O nein, nein,« rief der kaiserliche Prinz, »das würde uns aufhalten, und alle Generale haben gesagt, daß Papa eiligst nach Chalons gehen müsse. Wollen Sie die Güte haben, mein Herr,« sagte er mit einer gewissen Verlegenheit in bittendem Ton, »mir ein wenig von Ihrem Brot und Ihrem Wein zu geben, das wird genügen.«

Der Inspektor schob einige Koffer und Pakete zur Seite, öffnete einen in der Ecke des Zimmers befindlichen Wandschrank, nahm daraus ein kleines Weißbrot, eine bereits angebrochene Flasche roten Weins und ein Glas. Er mußte zu seinem großen Taschenmesser greifen, um das in der Hitze fast steinhart gewordene Brot zu teilen. Dann füllte er das Glas und reichte es dem Prinzen mit einer Scheibe Brot.

Der Prinz tauchte das Brot in den Wein, ließ es erweichen, verzehrte es dann und leerte das Glas.

437 Seine bleichen Wangen färbten sich etwas höher, seine matten Augen blickten freier und heiterer.

»Wollen mir Eure Majestät auch die Ehre erzeigen,« sagte der Inspektor zum Kaiser, welcher mit glücklichen, freudigen Blicken zugesehen hatte, wie sein Sohn sich erquickte, – »wollen Eure Majestät mir die Ehre erzeigen, ein wenig von der geringen Stärkung anzunehmen, die ich Ihnen bieten kann?«

Der Kaiser neigte freundlich das Haupt, nahm das Glas, welches der Inspektor ihm reichte und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: »Auf Ihr Wohl, mein Herr!«

Er leerte das Glas zur Hälfte, reichte es dann dem Beamten mit den Worten:

»Ich bitte Sie, den Rest zu trinken, damit mein Mund für Sie gute Wirkung hat.«

Der Inspektor ergriff ehrerbietig das Glas und rief mit bewegter Stimme:

»Auf das Wohl Eurer Majestät! Auf das Wohl des kaiserlichen Prinzen! Auf das Wohl Frankreichs!«

»Wäre es möglich, mich ein wenig zu waschen?« sagte der kaiserliche Prinz, indem er auf seine feinen, zarten Hände blickte, welche von Staub und Rauch geschwärzt waren.

»Wasser kann ich Eurer Kaiserlichen Hoheit geben,« sagte der Inspektor, »aber«, fügte er achselzuckend hinzu, »kein anderes Gefäß als dasselbe Glas.«

»Das genügt, mein Herr«, sagte der Kaiser. »Viele unserer Soldaten haben auch das nicht.«

Der Inspektor füllte das Glas aus einem Wasserkrug mit klarem, aber von der Hitze warm gewordenen Wasser.

Der Prinz zog sein Taschentuch hervor und wusch so gut, als es möglich war, seine Hände und sein Gesicht. Dann drückte er das angefeuchtete Tuch eine Zeitlang vor seine Stirn.

»So, jetzt bin ich wieder vollständig kräftig,« sagte er, »nun werde ich bis Chalons nichts mehr verlangen, du sollst mit mir zufrieden sein, Papa.« Und indem er den Arm des Kaisers ergriff und sich zärtlich an ihn schmiegte, sah er mit glänzenden Blicken zu ihm empor.

Das Pfeifen und Schnauben einer Lokomotive ertönte, man hörte das Rollen der Räder auf den Schienen.

438 »Der Zug Eurer Majestät ist vorgefahren«, sagte der Beamte.

»So wollen wir gehen«, sagte der Kaiser, indem er den Arm auf die Schulter des Prinzen legte.

»Leben Sie wohl, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank für Ihre Gastfreundschaft. Wenn das Glück uns wieder lächelt, werde ich mich derselben erinnern.«

Der Beamte öffnete die Tür. Der Kaiser, auf seinen Sohn gestützt, schritt langsam durch die neugierigen Gruppen über den Perron hin zu dem einfachen offenen Coupé dritter Klasse, welches allein mit der Lokomotive herangefahren war, um ihn weiter zu führen.

Der Kaiser stieg ein und grüßte mit der Hand die Umstehenden.

Langsam setzte sich die Lokomotive in Bewegung, als alle diese auf dem Perron wartenden Menschen, die von Gram und Verzweiflung über das Unglück Frankreichs erfüllt waren, welche die Unruhe und Sorge verzehrte nach ihrer Heimat, um zu den Ihrigen zu kommen, und den Kaiser und seinen Sohn ohne Adjutanten und Generalstab, ohne seine Hundertgarden, ohne all den Pomp und Glanz der Majestät, der ihn sonst umgab, allein, müde und erschöpft in einem Coupé dritter Klasse dahinfahren sahen, da ertönte von allen Seiten her der Ruf: »Es lebe der Kaiser!«

Und diesmal mischten sich keine Laute des Zischens und Murrens in den Gruß, welcher den scheidenden Imperator begleitete.

Als dieser Ruf verklungen war, als die Lokomotive mit dem einzelnen Wagen aus dem Gesichtskreis des Bahnhofes verschwand, da war es, als ob dumpf die Erde dröhnte, als ob der rollende Donner aus weiter Ferne her durch die Luft zitterte.

»Das ist das Artilleriefeuer! Das ist der Donner schwerer Geschütze!« rief der Inspektor, welcher, dem kaiserlichen Wagen nachblickend, am Rande des Perrons stand, – »das kommt von der Richtung aus Metz her. Der Marschall Bazaine greift den Feind an, nachdem der Kaiser in Sicherheit ist. Das ist die Entscheidung, das ist hoffentlich der Sieg!«

439 »Der Sieg! Der Sieg!« rief es laut in den Gruppen der Umstehenden. »Der Sieg, der uns für Reichshofen rächen, welcher den Boden Frankreichs von diesen verwegenen Feinden befreien wird!«

Und in einem Augenblick erheiterten sich alle diese vorher so traurigen Gesichter. Alle diese Menschen glaubten nicht, daß die Göttin des Sieges sich dauernd von den Fahnen Frankreichs abwenden könne. Die Gewißheit des Kampfes schien ihnen auch die Gewißheit des endlichen Erfolges zu geben.

»Es ist Bazaine, der dort schlägt! Bazaine, der Frankreich retten wird! Es lebe Bazaine!« rief eine Stimme.

»Es lebe Bazaine!« ertönte es in begeistertem Ruf über den Perron hin, während alle Hüte sich erhoben und alle Frauen ihre Tücher wehen ließen.

Es waren die Kanonen der Schlacht von Gravelotte, deren dumpfe Stimme zu diesen siegesfreudigen Gruppen herüberdrang, welche diesmal es übernommen hatten, die Salven zu ersetzen, mit denen am Tage der heiligen Jungfrau, dem Napoleon I. auf der stolzen Siegeshöhe seines Ruhms seinen Namen gab, sonst Frankreich seinen Kaiser begrüßte.

Mit aller Spannkraft der Maschine riß die Lokomotive den offenen Wagen, der die Gegenwart und Zukunft der kaiserlichen Dynastie von Frankreich in sich schloß, durch die im hellen Sonnenlicht daliegenden Felder dahin, auf welchen die reifen Feldfrüchte hin und her wogten, diese Hoffnungen einer reichen Ernte, die so bald von dem vernichtenden Schritt der Kriegsfurie zertreten werden sollten.

Der kaiserliche Prinz, welcher zuerst, erquickt und gestärkt, mit heiteren Blicken in die Landschaft hinausgesehen hatte, und welcher erleichtert aufatmete beim Anblick dieser Ruhe und dieses Friedens, nachdem er so lange von allen Schrecken und Aufregungen des Krieges umgeben gewesen war, sank allmählich wieder zusammen. Die Natur forderte ihr Recht. Er legte sich auf die hölzerne Bank des Waggons, stützte den Kopf auf seinen Arm und versank in einen tiefen Schlaf, welcher ihm freundliche Traumbilder vorführen mochte, denn auf seinen leichtgeöffneten Lippen, 440 aus denen tiefe, regelmäßige Atemzüge hervordrangen, erschien von Zeit zu Zeit ein glückliches Lächeln. Dann aber wieder zuckte er zusammen wie in plötzlichem, jähem Schreck, und wie eine feindliche, drohende Erscheinung abwehrend, hob er wie in unwillkürlicher Bewegung die Hand.

Der Kaiser saß ihm gegenüber zusammengebeugt in der Ecke des Waggons. Hoffnungslose Trauer lag auf den schlaffen Zügen seines Gesichts, und die brennenden Blicke seiner krankhaften, glänzenden Augen ruhten starr aus dem schlafenden Kinde.

»Man sagt,« flüsterte er leise vor sich hin, »daß das Schicksal die Bilder der Zukunft zuweilen den kindlichen Seelen im Traume vorführt. Wäre es mir vergönnt, zu sehen, was jetzt in der Seele dieses armen Kindes sich zeigt, vielleicht würde ich erkennen können, was das Los des unerbittlichen Fatums über mich und mein Haus verhängt hat. Und wäre es das Schwerste, das Schlimmste,« sagte er in dumpfem Ton, »ich wäre glücklicher, wenn ich es in klarer, faßbarer Gestalt vor mir sähe, als daß ich so verhüllten Blickes der ungewissen Zukunft entgegensehe, getrieben, fortgerissen von den Ereignissen, ohne die Kraft, sie zu beherrschen und zu lenken. Die Zügel sind meinen Händen entfallen, und hier in dem Lande, dessen Regierung meinen Namen trägt, zwischen den Armeen, auf deren Fahnen meine Adler glänzen, ziehe ich einher, ein Machtloser, Verbannter! Machtloser noch als damals, da ich in dies von der Revolution bewegte Frankreich zurückkehrte, um den Thron aufzurichten, der heute in allen seinen Fugen erbebt – denn damals hatte ich die Jugend, die Kraft, die Hoffnung! Und heute? – Die Jugend ist dahin, die Kraft ist gebrochen, und statt der Hoffnung habe ich die Erinnerung, deren glänzende Bilder mein Elend nur noch qualvoller machen.«

Er senkte das Haupt tief auf die Brust und schloß die Augen.

Dahin brauste die Lokomotive, an allen Stationen nur wenige Sekunden anhaltend, um den Führer zu vergewissern, daß bis zur nächsten Station die Schienen in Ordnung und der Weg frei sei.

441 Schweigend und unbeweglich saß der Kaiser in seiner Ecke, ruhig schlief der Erbe der noch vor wenigen Wochen so glänzenden Krone auf der harten Bank dieses Waggons, auf welcher sonst arme Landleute Platz genommen hatten, welche die Erzeugnisse ihrer Felder und Gärten nach den nächsten Städten brachten.

Man war auf der letzten Station vor dem Mourmelon angekommen.

Der Kaiser richtete sich aus seinem brütenden Schweigen auf, – nachdem er den Prinzen einige Augenblicke mit liebevollem Mitleid betrachtet hatte, beugte er sich über ihn, küßte leicht seine Stirn und richtete dann, die Hand unter seinen Nacken legend, das Haupt des Kindes empor.

Der Prinz öffnete die Augen und sah mit großen, erstaunten Blicken um sich her. Er schien nicht zu begreifen, wo er sich befände, die Bilder des Traumes hatten die Wirklichkeit in seinem Geist verschwinden lassen.

»Wir kommen sogleich nach Chalons«, sagte der Kaiser. »Du mußt jetzt wach sein, mein Sohn, ich hoffe, der Schlaf hat dich gestärkt.«

»Vollkommen, Papa«, rief der kaiserliche Prinz, indem er zum vollen Bewußtsein der Situation zurückkehrte. »Wie freue ich mich, das Lager wiederzusehen, dort werden wir unsere braven Soldaten des Marschall Mac Mahon finden, welche sich gesammelt haben und bereit sind, gegen den Feind zu marschieren und ihn zu schlagen!«

Trübe blickte der Kaiser vor sich nieder. Diese zuversichtlich ausgesprochene Siegeshoffnung des Prinzen rief keinen Schimmer von Freude und Hoffnung auf seinem Gesicht hervor, er schwieg und wagte nicht, auch nur durch ein leises Wort die Hoffnung seines Sohnes zu erschüttern.

Der Prinz blickte aus dem mit großer Schnelligkeit dahinfahrenden Waggon hinaus.

»Ah, ich kenne die Gegend,« rief er, »wir sind gleich am Mourmelon, dort hinten sehe ich schon die Zelte!«

Die Lokomotive ließ einen gellenden, langen Pfiff ertönen, langsamer und langsamer rollten die Räder, und der kleine Zug hielt am Bahnhof des Mourmelon.

442 Zahlreiche Gruppen von Soldaten aller Waffen standen umher bis zum Perron hin; die Kantinieren in ihren koketten, kleidsamen Uniformen hatten ihre kleinen Tische aufgeschlagen und verkauften den lebhaft sprechenden Soldaten ihren roten Wein und ihr kleines Glas Kognak mit den so beliebten kleinen Brötchen von Pastetenteig, in deren Mitte ein Stück Farce von Kalbfleisch eingebacken ist und welches eines der hauptsächlichsten Nahrungsmittel der Arbeiter und Soldaten bildet.

Offiziere aller Grade gingen auf dem Perron auf und nieder; alle Gesichter waren trübe und düster, während die Soldaten versucht hatten, ihre Stimmung durch den Einfluß der Getränke zu erhöhen.

Als die Lokomotive mit dem unscheinbaren Wagen dritter Klasse an den Perron heranfuhr, wandten die Offiziere kaum den Kopf nach diesem kleinen, gleichgültigen, nichtsbedeutenden Zuge hin, der bestimmt schien, irgendeine Botschaft im Interesse des Eisenbahndienstes zu bringen.

Der Kaiser öffnete selbst mit einiger Mühe den Schlag des Waggons und stieg das Trittbrett herunter, und der kaiserliche Prinz folgte ihm.

Die nächste Gruppe der Offiziere blickte ganz erstaunt auf, als sie aus diesem einzelnen Wagen dritter Klasse ohne alle Begleitung den Kaiser und den kaiserlichen Prinzen heraussteigen und auf den Perron treten sahen. Fast schienen sie ihren Blicken zu mißtrauen, und langsam nähertretend, als wollten sie diese außergewöhnlichen Erscheinungen näher prüfen und deren Wirklichkeit feststellen, stellten sie sich, als sie keinen Zweifel mehr hegen konnten, daß es wirklich der Kaiser sei, der da aus dem Waggon gestiegen, ihre Käppis abnehmend, in militärischer Haltung auf.

Auch die übrigen wurden aufmerksam und blieben ebenfalls stehen, den Kaiser begrüßend, der sein Käppi ebenfalls abnahm und erst nach allen Seiten hin den Kopf neigte.

Wenn er sonst an dieser Stelle den prachtvollen kaiserlichen Salonwagen verlassen hatte, so hatten ihn schmetternde 443 Fanfaren und laute Jubelrufe begrüßt. Heute empfing ihn ernstes, kaltes Schweigen, und die Blicke aller dieser Offiziere ruhten finster, zum Teil feindlich auf ihm. Der Lorbeerkranz war von dem Haupt des Imperators gesunken, das Schwert war seiner Hand entfallen.

Durch die Bewegung in den Gruppen der Offiziere aufmerksam gemacht, näherten sich einzelne Soldaten dem Perron, und einen Augenblick sahen sie schweigend zu dem Kaiser hinüber; dann hörte man ein lautes, höhnisches Lachen, und eine Stimme rief: »Badinguet! Da ist Badinguet – Badinguet, Vater und Sohn«, ertönte es weiter aus den Reihen der Soldaten, welche, durch den Ruf aufmerksam gemacht, näher herantraten – immer lauter wurde das höhnische Lachen, immer zahlreicher die Rufe, die diesen Spottnamen des Kaisers wiederholten.

Gellende Pfiffe durchzitterten die Luft, Murren, zischende, drohende Laute ließen sich von allen Seiten vernehmen. Immer näher drängten die aufgeregten Soldaten heran – schon waren sie wenige Schritte vom Kaiser entfernt und: »Badinguet! Nieder mit Badinguet!« rief man rings um ihn her, fast unmittelbar in seine Ohren hinein.

Der Kaiser wurde totenbleich, er richtete sich aus seiner matten, gebrochenen Haltung empor, seine Augen sprühten Blitze gegen diese zügellosen Soldaten, welche alle seine Uniform trugen, welche seinen Adlern Treue geschworen. Er wich keinen Schritt zurück, starr und unbeweglich stand er da, indem er seinen Arm um die Schultern des Prinzen legte, der sich zitternd und wie Hilfe suchend an ihn anschmiegte.

Ein graubärtiger Offizier in der Oberstenuniform trat aus der nächsten Gruppe heran und stellte sich vor den Kaiser.

»Zurück!« rief er mit fester Stimme den Soldaten zu. »Vergeßt nicht, was ihr der Disziplin, was ihr der Ehre der Armee schuldig seid!«

Einen Augenblick hielt die aufgeregte Menge, welche gegen den Kaiser herandrängte, an. Noch andere Offiziere eilten heran und bildeten eine Linie zwischen dem Kaiser und den drohenden Soldaten.

444 Wenige Augenblicke aber nur dauerte das Schweigen, dann drang diese wilde, aufgeregte Masse auch gegen die Offiziere vor. Man erhob die geballten Fäuste und: »Badinguet! Nieder mit Badinguet!« erscholl es abermals mit wildem Geheul. »Er soll uns die Kürassiere von Reichshofen wieder geben, welche nutzlos geopfert wurden. Er soll uns seinen Le Boeuf ausliefern, damit wir ihn zerreißen können, ihn, der uns an die Feinde verraten hat!«

Immer wütender, immer drohender wurden die Gesichter und Gebärden, immer wilder der Lärm der Stimmen, welche dem Kaiser ihre Verwünschungen zuriefen.

Der alte Oberst legte die Hand an seinen Degen.

Sanft legte der Kaiser seine Hand auf seinen Arm.

»Sie sind zu wenig gegen diese Menge, mein Herr Oberst«, sagte er. »Was ich hier sehe, ist schmerzlicher als verlorene Schlachten; wenn ein solcher Geist in der Armee sich verbreiten kann, dann werden wir keinen Sieg mehr zu verzeichnen haben. Schützen Sie den Prinzen,« sagte er zu den umstehenden Offizieren, »lassen Sie mich allein mit diesen Wütenden.«

»Ich verlasse dich nicht, Papa!« rief der kaiserliche Prinz, indem er sich fester an den Arm des Kaisers klammerte.

Der Kaiser suchte sich sanft von den Händen des Kindes loszumachen.

Die Soldaten begannen bereits unmittelbar gegen die Offiziere heranzudrängen.

Da hörte man die Hufschläge einer heransprengenden Kavallerieabteilung, man hörte das Rasseln ihrer Waffen, und vom Lager her sah man zwei Schwadronen Kürassiere im scharfen Trabe heranreiten, vor ihnen her der Marschall Mac Mahon mit seinem Stabe.

Das Falkenauge des Marschalls schien die Situation zu erkennen, man sah sein schwarzes Pferd in mächtiger Lançade emporsteigen, und in voller Karriere, seinem Stabe und den Schwadronen weit voraus, jagte er gegen den Mourmelon heran, den er in wenigen Sekunden erreicht hatte. Mit einem mächtigen Ruck parierte er sein Pferd und war in demselben Augenblick aus dem Sattel gesprungen, indem er den Zügel über den Hals seines Pferdes 445 warf. Aus seinen vergißmeinnichtblauen Augen flammte es wie Wetterstrahl, seine magere, nervige Gestalt richtete sich so stolz empor, daß er höher und größer erschien, als die größten Gestalten in seiner Nähe.

»Platz, ihr Elenden!« rief er mit einer Stimme, deren eherner Ton durch all das Heulen, Pfeifen und Zischen mächtig hindurchdrang. Und alle diese wütenden, aufgeregten und berauschten Gestalten zuckten zusammen, als sie den Ton dieser gewaltigen Stimme hörten. Erschrocken blickten sie sich um. Sie sahen das bleiche, von Zorn und Entrüstung zitternde Gesicht des Marschalls, sie sahen seine wetterleuchtenden Blicke, und im Nu war eine Gasse geöffnet zwischen ihnen und dem Kaiser.

Mit festem Schritt trat der Marschall vor. Die Linien der Offiziere öffneten sich, den Hut in der Hand näherte er sich dem Kaiser und sprach mit einer Stimme, die noch vor Aufregung zitterte:

»Ich habe die Ehre, Eure Majestät in meinem Hauptquartier zu begrüßen. Alles ist zu Ihrer Aufnahme bereit. Wenn ich leider einen Augenblick zu spät zu Ihrem Empfang hier erschienen bin, so bitte ich, das mit der Langsamkeit der Depeschenbeförderung zu entschuldigen. Die Linien sind unterbrochen, und soeben erst habe ich die Nachricht von der Ankunft Eurer Majestät erhalten. Die schwere Verletzung der Disziplin,« fügte er hinzu, »welche hier stattgefunden zu haben scheint, wird auf das schwerste und schärfste bestraft werden.«

»Nicht doch, Herr Marschall,« sagte der Kaiser, »verzeihen Sie diesen Armen, denn das Unglück Frankreichs hat ihre Sinne verwirrt. Führen Sie sie gegen den Feind – dort mögen sie zeigen, daß sie würdig sind, die Uniform der französischen Armee zu tragen.«

Der Stab des Marschalls und die Kürassiere waren inzwischen auch herangekommen. Die Offiziere des Stabes stiegen ab und traten heran, um ebenfalls den Kaiser zu begrüßen.

Der Marschall wandte sich um.

Noch standen die Massen der Soldaten, welche den Kaiser bedroht hatten, ganz erstaunt und erschrocken in unmittelbarer Nähe umher.

446 »Machen Sie den Platz frei!« rief der Marschall dem kommandierenden Offizier der Kürassiere zu.

In einem Augenblick formierten sich die Schwadronen in breiten Linien, die Pallasche rasselten aus den Scheiden, diese ehernen Reihen sprengten vor, und die ganze Menge zerstob nach allen Seiten.

Der Platz vor dem Perron war leer, die Kürassiere bildeten ein großes Viereck.

»Wenn es Eurer Majestät gefällig ist,« sagte der Marschall, »nach dem kaiserlichen Pavillon aufzubrechen.«

Man führte das Pferd für den Kaiser und eines für den kaiserlichen Prinzen vor. Ein Ordonnanzoffizier sprang heran und hielt dem Kaiser den Steigbügel, der Marschall stand neben ihm, bis er und der kaiserliche Prinz im Sattel saßen, dann stieg auch er zu Pferde. Die Offiziere seines Stabes umgaben den Kaiser, und eine Schwadron der Kürassiere ritt voraus, die anderen folgten; und so bewegte sich der Zug durch das Lager nach dem kaiserlichen Pavillon hin.

Überall, wo man durch die Zelte ritt, standen die Truppen in dichten Reihen, aber ein eisiges Schweigen herrschte, und der einzige Ruf, den man zuweilen hörte, war:

»Es lebe der Marschall Mac Mahon! Die Hoffnung Frankreichs.«

Der Kaiser sprach kein Wort. Stumm und vornüber gebeugt saß er auf seinem Pferde da. Man sah keine Spur mehr von jener eleganten, sichern und ritterlichen Haltung, welche ihm einst den Namen des besten Reiters von Frankreich verschafft hatte. Mit Mühe nur schien er sich im Sattel zu halten, und die nervösen Zuckungen seines Gesichtes schienen noch mehr von körperlichen Schmerzen als von moralischen Leiden zu zeugen.

Ebenso ernst und schweigend ritt der Marschall neben ihm, ehrerbietig sein Pferd um eines Kopfes Länge hinter dem des Kaisers zurückhaltend.

Der kaiserliche Prinz blickte traurig und verwundert auf alle diese Soldaten hin. Er schien nicht zu begreifen, warum heute nicht wie sonst der laute Ruf: »Es lebe der Kaiser!« ihm entgegentönte, warum die Musikkorps ihn 447 nicht mit den Klängen des »Partant pour la Syrie« und dem kaiserlichen Grenadiermarsch begrüßten.

Endlich ritt man in das weite Viereck des kaiserlichen Pavillons. Hier war noch alles wie sonst. Unbeweglich standen die doppelten Reiterposten vor dem Eingang, die Trikolore wehte auf dem Mittelbau des Pavillons und die Elitetruppe, welche hier die Wache besetzt hatte, begrüßte den Kaiser mit einem kräftigen und lauttönenden »Vive l'Empereur!«

Der Kaiser atmete auf, als er in diesen geschlossenen Raum einritt, in welchem wie in einer Oase noch der alte Glanz der kaiserlichen Macht und Herrlichkeit seinen Augen sich zeigte.

Der kaiserliche Prinz winkte freudig und lächelnd mit der Hand den Truppen zu, welche ihn begrüßten.

Auf der Mitteltreppe des Pavillons trat der Prinz Napoleon dem Kaiser entgegen, welcher vom Pferde gestiegen war und, vom Marschall und seinem Stabe begleitet, langsam die Stufen hinaufstieg. Der Kaiser reichte dem Prinzen, welcher finster und bleich dastand, die Hand.

»Ich habe bei der Abfahrt von Verdun«, sagte er dann, sich zum Marschall wendend, »Kanonendonner gehört. Haben Sie Nachrichten von Bazaine?«

»Keine bestimmten,« erwiderte der Marschall, »er ist mit seiner ganzen Armee engagiert. Nach den Telegrammen, die bisher gekommen sind, scheint die Schlacht einen ungünstigen Verlauf zu nehmen. Er ist von allen Seiten gefaßt, und ich fürchte, er wird nach Metz zurückgeworfen werden.«

»Ich bin dessen gewiß!« rief der Prinz Napoleon lebhaft – »das ist die Folge von diesem unseligen Zögern, die Folge davon, daß man sich nicht längst entschlossen hat, die Armee hierher zurückzuführen, solange der Rückzug noch möglich war. Das Verhängnis geht seinen Weg,« fügte er, die Zähne auf die Lippen beißend, hinzu, »dieser so wahnsinnig begonnene Krieg muß zum Verderben führen.«

»Ich bin unendlich ermüdet,« sagte der Kaiser, »ich möchte einige Stunden ruhen, bis dahin werden vielleicht ausführliche und sichere Nachrichten von Bazaine da sein. 448 Dann wollen wir einen Kriegsrat halten, um zu überlegen, was zu tun ist. Jetzt bin ich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sobald meine Equipagen und mein Gefolge ankommen, senden Sie Nélaton und Larrey zu mir. Bis dahin muß ich ruhen und schlafen«, fügte er in leisem, halb fragendem Tone hinzu. »Auf Wiedersehen, mein Vetter«, sagte der Kaiser zum Prinzen Napoleon und begab sich, vom Marschall begleitet, nach seinen Appartements, während der Prinz sich zu den Offizieren des Stabes wandte.

Napoleon folgte seinem Sohn in dessen Schlafzimmer, das man neben demjenigen des Kaisers hergerichtet hatte. Mit zärtlicher und liebevoller Sorgfalt half er dem Prinzen sich entkleiden, legte einen Augenblick wie segnend die Hand auf seine Stirn, als das arme, ermüdete Kind sein Haupt in die Kissen des frischen Bettes gesenkt hatte, und begab sich dann in sein eigenes Schlafzimmer, wo er seinen Überrock abwarf und sich im Übrigen völlig angekleidet auf sein Bett legte.

Die tiefe körperliche Ermüdung brachte ihm die Wohltat des Schlafes und nach kurzer Zeit zeigten seine ruhigen Atemzüge, daß er wenigstens aus dieser Quelle des Trostes und der Stärkung für die sterbliche Menschheit die Vergessenheit all des Jammers geschöpft habe, der sich so furchtbar aus sein Haupt gehäuft.

 

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