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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

König Georg V. war im Sommer 1869 wieder nach Gmunden gezogen und bewohnte dort wie im vorhergehenden Jahre die Villa Thun auf der Höhe vor der Stadt.

32 Der König saß in seinem Arbeitszimmer neben dem großen Speisesaal im Erdgeschoß der Villa. Die Fenster waren geöffnet und ließen die würzige Luft der hohen Waldungen mit dem frischen Hauch des Sees in das Zimmer dringen, dessen Wand einige von den früheren Bewohnern dort aufgehängte so schlechte Bilder verunzierten, daß der König, wenn er sie je hätte sehen können, gewiß sofort ihre Entfernung würde befohlen haben.

Vor dem Könige saß der Geheime Kabinettsrat, der in den letzten Jahren, wenn möglich, noch etwas kleiner, noch etwas trockener und noch etwas mürrischer geworden zu sein schien, beschäftigt, ein Paket Papiere, aus welchen er dem Könige soeben vorgelesen hatte, mit einem roten Band wieder zusammenzubinden.

Der König hatte einen Augenblick nachdenkend den Kopf sinken lassen, dann wandte er sein Gesicht mit dem so lebhaft bewegten geistigen Ausdruck nach der Seite des Kabinettsrats hin und sagte:

»Wie schwer ist es doch, den Ereignissen in dieser politischen Welt zu folgen, sie richtig zu würdigen und aus ihnen die Gestaltung der Zukunft zu kombinieren! Sie haben mir die Berichte aus Paris vorgelesen, und fast möchte ich sagen, daß ich durch dieselben noch unsicherer, noch unklarer geworden bin als vorher. Meding schreibt mir, daß der Ausbruch des Krieges wie das Schwert des Damokles an einem dünnen Faden über der politischen Welt hängt, daß dieser Faden immer dünner und schwächer wird und daß, trotz dem inneren Widerstreben des Kaisers, mit mathemetischer Gewißheit der Ausbruch urplötzlich, unvorbereitet und überraschend erfolgen werde in einem, wenn auch nicht ganz genau vorher zu bestimmenden, so doch gewiß nicht mehr sehr fernen Augenblick. Der Graf Breda dagegen«, fuhr er fort, »versichert, daß der Kaiser nie etwas unternehmen werde, daß seine Macht vollständig unterwühlt sei, und daß die Orleans die Erben dieser Macht und der Aufgaben sein würden, welche das Kaiserreich ungelöst gelassen habe. Nach dieser Richtung hin müsse man also Fäden und Verbindungen anknüpfen, denn dort seien die Führer der Aktion der Zukunft, welche dem Kampf für mein Recht 33 Raum und Gelegenheit würden bieten müssen. Wie schwer ist es, bei so verschiedenen und von beiden Seiten mit Bestimmtheit ausgesprochenen Auffassungen die wahre Lage der Dinge zu erkennen!«

»Diese Verschiedenheit der Auffassung scheint mir natürlich, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat mit seiner dünnen scharfen Stimme, »denn die beiden Herren sehen aus ganz verschiedenen Kreisen heraus die Verhältnisse in Paris an. Der Graf Breda lebt wesentlich unter den, dem Kaiser und Kaiserreich feindlichen Elementen, während der Regierungsrat Meding vorzugsweise mit der Regierung und der diplomatischen Welt in Beziehung steht. Jedenfalls ist es gut, von allen Seiten informiert zu sein.«

Der König schüttelte den Kopf.

»Das verwirrt aber,« sagte er, – »was ich um so mehr beklage, als es gerade in meiner Lage das Wichtigste ist, genau und wirklich wahr unterrichtet zu sein über das, was vorgeht. Ich bedaure eigentlich,« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, »daß ich mich, vom Grafen Platen veranlaßt, mit diesem Grafen Breda eingelassen habe. Der Kronprinz war so eingenommen von ihm, der Graf Breda hatte ihm Wunderdinge von seinen persönlichen Relationen in Paris erzählt, die sich doch nun auf sehr enge und beschränkte Kreise reduziert haben – und dann sollten seine Dienste so wohlfeil sein,« fügte er mit leichtem Sarkasmus hinzu, »und davon spüre ich auch nichts, denn ich habe durch Elster nicht ganz unerhebliche Summen für ihn anweisen lassen. Freilich«, fuhr er fort, »dieser Punkt kommt jetzt, Gott sei Dank, weniger in Betracht, da ja die vortrefflichen Geschäfte der Wiener Bank meine finanzielle Lage so unendlich verbessert haben, und ich, wenn die Sache weiter so günstig verläuft, bald in die Lage kommen werde, ohne alle Rücksicht und Einschränkung die ganze große Macht der Geldmittel für meine Rechte in die Wagschale werfen zu können. Nicht wahr, die Aktien der Wiener Bank stehen jetzt hoch? Über Zweihundert?«

»Zweihundertundfünfundsiebzig, Majestät«, erwiderte der Geheime Kabinettsrat kurz und trocken.

»Es ist doch eine ganz vortreffliche Idee gewesen,« sagte 34 der König, indem er rasch die Hände aneinanderrieb, »dieses große Geldinstitut zu gründen und damit die wesentlichste und wichtigste Macht, welche heute die Welt regiert, mir dienstbar zu machen. Wer hätte«, fuhr er dann fort, »in diesem unscheinbaren und bescheidenen Elster ein solches Finanzgenie gesucht! – So bringen immer außergewöhnliche Zeiten außergewöhnliche Menschen hervor, und wenn ich wieder in mein Reich zurückkehre, so wird es mir ein großer Gewinn sein, solche Begabung in der Zeit der Not und des Exils erkannt zu haben. Dieser Elster, der einen so großen Teil seines Lebens in der untergeordneten Tätigkeit des subalternen Bureaudienstes zugebracht hat, entpuppt sich da plötzlich als eine finanzielle Kapazität ersten Ranges, welche von den Matadoren der Wiener Börse als eine Autorität betrachtet wird, und welche man mir schon abwendig zu machen sucht, denn er hat mir vor kurzem geschrieben, daß die neugegründete Forstbank ihm bedeutende Offerten gemacht habe, wenn er in ihren Verwaltungsrat eintreten wolle, was er aber abgelehnt habe, um meinem Dienst seine ganze Kraft zu erhalten.«

Der Geheime Kabinettsrat schwieg. Ein eigentümliches skeptisches Lächeln spielte um seinen kleinen, faltig zusammengepreßten Mund.

Der König sah dies Lächeln nicht, aber er schien betroffen durch das Stillschweigen seines langjährigen, vertrauten Sekretärs, von dem er eine zustimmende Antwort erwartet haben mochte.

»Sie teilen meine Ansicht über die Nützlichkeit der Wiener Bank nicht, mein lieber Lex,« sagte er dann im Ton zögernder Frage, »Sie sind noch nicht von Ihrem Vorurteil gegen dieses Institut zurückgekommen?«

»Eure Majestät«, sagte der Geheime Kabinettsrat, »haben die Sache lange und eingehend geprüft, Sie haben dieselbe beschlossen und ins Leben gerufen. Was würden jene retrospektiven Bedenken und Gründe helfen? Ich habe ja seinerzeit meine Ansichten Eurer Majestät aufrichtig und einfach ausgesprochen, und da Allerhöchstdieselben mich fragen, muß ich Ihnen gestehen, daß ich auch heute noch mich von meinem tiefen Mißtrauen gegen alle solche Bank- und Kreditinstitute 35 nicht freimachen kann, deren Basis ja doch nur auf imaginärem Wert beruht. Für den Augenblick sind allerdings bedeutende Erfolge erzielt, aber es wird immer wesentlich Glückssache sein, ob dieselben für die Zukunft erhalten werden können und dauernde Resultate liefern. Das Glück aber, Majestät, beruht auf Zufall, und es erfüllt mich mit einiger Besorgnis, einen so großen Teil des ohnehin schon beschränkten königlichen Vermögens den Chancen des Zufalls preisgegeben zu sehen.«

Der König lachte.

»Wissen Sie, lieber Lex,« sagte er, »daß es ein wahres Glück, eine segensreiche Fügung der Vorsehung ist, daß ich Sie gefunden habe?«

»Ein Glück für mich jedenfalls, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat, sich verneigend, im Ton aufrichtigster Überzeugung, »denn wie hätte ich einen glücklicheren Beruf finden können, als einem so edlen und gnädigen Herrn meine geringen und bescheidenen Kräfte zu widmen!«

»Ich meine«, sagte der König, »nicht Sie, sondern mich. Für mich ist es ein Glück daß ich Sie gefunden habe, und abgesehen von Ihrer Treue und Hingebung, welche Sie mir stets in so unermüdlicher Weise bewiesen haben, ergänzen sich unsere Naturen auf wunderbare Weise. Ich bin geneigt zu raschen Entschlüssen, zu Illusionen und zu kühnen Handlungen, zu raschem Vertrauen in das Schicksal und in die Menschen. Sie sind das lebendige Korrelativ für meine Eigenschaften mit Ihrem unzerstörbaren Mißtrauen, mit Ihrer stets vorsichtigen Bedenklichkeit, mit Ihrer logischen und scharfen Erwägung aller Hindernisse und Gegengründe, – ich muß wirklich der Vorsehung danken, daß sie mich Sie hat finden lassen, und ich bitte Gott, Sie mir lange zu erhalten«, fügte er mit innigherzlichem Ton hinzu, indem der Ausdruck eines tiefen Gefühls sein Gesicht erleuchtete.

Er reichte dem Kabinettsrat seine Hand hin, welche dieser, sich auf dieselbe herabbeugend, mit seinen Lippen berührte.

»Haben Sie noch etwas?« fragte er nach einer augenblicklichen Pause.

Der Geheime Kabinettsrat zog einen zusammengefalteten Bogen aus der Tasche seines Rockes hervor und sagte mit einer gewissen leichten Ironie in seinem Ton:

36 »Graf Platen, Majestät, berichtet über eine Unterredung, die er mit dem Grafen Beust gehabt habe.«

»Nun?« fragte der König gespannt.

»Graf Platen will aus dieser Unterredung wahrgenommen haben, daß Herr von Beust unzufrieden mit Eurer Majestät Vertretung in Paris sei, und daß er es für zweckmäßig halte, wenn Eure Majestät dort Ihre offizielle und quasi persönliche Repräsentation ganz aufhören ließen, da dieselbe zu sehr die Aufmerksamkeit Ihrer Gegner auf sich zöge und dadurch Ihren Interessen mehr schadete als nützte, da es ja doch viel zweckmäßiger sei, alles, was dort geschehe, mit der Stille des tiefsten Geheimnisses zu umgeben.«

Der König stützte den Kopf in die Hand und versank einige Sekunden in schweigendes Nachdenken.

»Sollte der Reichskanzler«, sagte er dann leise, wie zu sich selber sprechend, »wirklich mit dem Grafen Platen eingehend über meine Angelegenheiten und die Zukunft meiner Sache gesprochen haben? Freilich«, fuhr er dann in demselben Ton fort, »in der Staatskanzlei würde man es vielleicht lieber sehen, wenn meine Entschlüsse und Handlungen nur von dort aus inspiriert würden, wenn ich nur den Staatsrat Klindworth allein hörte und meine eigenen, mir wirklich ergebenen Diener von mir entfernte.«

Er dachte abermals schweigend nach.

»Wollen Sie, mein lieber Lex,« sagte er dann, den Kopf aufrichtend, »ein Schreiben an den Grafen Platen aufsetzen, in welchem ich ihm sage, daß ich ihm für seine Mitteilung danke, daß mich dieselbe aber etwas habe befremden müssen, da gerade von derselben Seite, von welcher jetzt nach seinem Bericht ein abfälliges Urteil über meine Vertretung in Paris ausgesprochen sein solle, im Laufe dieses Sommers mehrfach und sehr nachdrücklich mir der Wunsch zu erkennen gegeben worden sei, ihn, Graf Platen, selbst von der Leitung meiner Geschäfte zu entfernen. Ebensowenig wie ich solchem, seine Person betreffenden Wunsch nachgegeben hätte, – ebensowenig könne und werde ich auch jetzt auf das ihm ausgesprochene Urteil, das ich nicht teilen könne, irgendwelche Rücksicht nehmen.«

Der Kabinettsrat hatte sich rasch, mit den Zügen des 37 Bleistifts den Worten des Königs folgend, einige kurze Notizen gemacht.

Georg V. rieb sich mit heiterem Gesichtsausdruck und leicht pfeifend die Hände.

»Das ist sehr gut, sehr gut,« sagte er, »das wird diesem Dinge hoffentlich ein für allemal ein Ende machen.«

Der Kammerdiener meldete den Hofmarschall Grafen Wedel.

Der Geheime Kabinettsrat erhob sich.

»Guten Morgen, lieber Wedel«, rief der König dem Grafen mit herzlichem Ton entgegen, welcher unmittelbar darauf in das Kabinett trat. »Was haben Sie vor allem für Nachrichten von der Gräfin und von Ihrem kleinen neugeborenen Kind?«

»Es geht bis jetzt alles gut,« sagte Graf Wedel, – »ich danke Eurer Majestät für Ihre gnädige Teilnahme. Meine Frau ist wieder vollkommen wohl, und ich sehe in einigen Tagen ihrer Ankunft entgegen. Ich werde dann Eure Majestät um die Erlaubnis bitten, ihr nach Wien entgegenreisen und einige Tage abwesend sein zu dürfen.«

»Gewiß, gewiß, lieber Graf,« rief der König, »ich hoffe Ihre Frau mit den Kindern bald hier zu sehen. Je schneller sie in diese schöne, reine Luft kommt, um so eher wird sie sich ganz erholen. Es ist recht traurig,« fuhr er ernst fort, »daß das schwere Schicksal meines Hauses und meines Landes auch Sie in Ihrem Familienleben betrifft und Sie zwingt, jetzt von der Gräfin getrennt zu sein.«

»Die Ehre und Freude, Eurer Majestät in dieser Zeit zur Seite zu stehen,« erwiderte Graf Wedel, »muß auch mit einem kleinen Opfer erkauft werden, das ich doch außerdem«, fuhr er mit einem Anflug von schmerzlichem Humor fort, »sehr erheblich mir selbst bringe, denn ich kann Eurer Majestät versichern, daß ich gar keine Neigung habe, nach Hannover zurückzukehren und mich dort als Sträfling auf zehn Jahre einsperren zu lassen. Unter diesen Verhältnissen vereinige ich hier in Gmunden das Angenehme mit dem Nützlichen, die schöne Luft und Natur mit meiner persönlichen Freiheit und Sicherheit, – doch«, sagte er abbrechend, »ich bin gekommen, um Eurer Majestät mitzuteilen, daß der 38 Staatsrat Klindworth angekommen ist. Ich habe dem alten Herrn ein Zimmer in meiner Wohnung gegeben, wo er ganz unbeachtet und ungestört ist, und wo Eure Majestät ihn ohne jedes Aufsehen sprechen können, da Allerhöchstdieselben ja wünschten, daß Ihre Beziehungen zu dem Staatsrat Klindworth so wenig wie möglich bekannt werden, was auch gewiß mit Rücksicht auf die vielen Indiskretionen, welche leider fortwährend vorgehen, sehr wünschenswert und notwendig ist.«

»Das ist vortrefflich,« rief der König lebhaft, »vortrefflich, daß der Staatsrat gerade angekommen ist. Er schreibt nicht gern und hat mich in betreff seiner Tätigkeit in Paris auf die mündlichen Mitteilungen, die er mir machen würde, verwiesen. Soeben noch sagte ich dem Geheimen Kabinettsrat, wie schwer es sei, unter den verschiedenen Mitteilungen, die von dem großen Mittelpunkt der Weltpolitik an mich gelangen, das Richtige und Wahre zu unterscheiden, und gerade jetzt kommt der Staatsrat an, der mir, wie ich hoffe, den bestimmt leitenden Faden dieses Labyrinths in die Hand geben wird.«

»Der Staatsrat Klindworth, Majestät,« sagte der Geheime Kabinettsrat mit seiner feinen, scharfen Stimme, »hat gewiß sehr gute Beziehungen und sehr viel Scharfblick in politischen Dingen, aber Eure Majestät dürfen nach meiner unvorgreiflichen Ansicht nicht vergessen, daß dieser Herr in seinem bewegten Leben schon sehr vielen Interessen gedient hat, und daß man nicht immer ganz sicher sein kann, welches denn das eigentlich bestimmende Prinzip für seine Handlungen ist. Ich komme wieder mit meiner Vorsicht und meinem Mißtrauen,« fuhr er ein wenig lächelnd fort, »aber Allerhöchstdieselben haben ja gerade dies Mißtrauen soeben an mir gebilligt.«

»Und ich werde es immer billigen, mein lieber Lex«, sagte der König aufstehend, – »immer, obgleich ich glaube, daß es diesmal nicht ganz gerechtfertigt sein möchte, denn das Interesse seines eigenen Vorteils fesselt den Staatsrat sehr fest und unmittelbar an meine Sache und an den Sieg meines Rechts.«

Der Kabinettsrat schüttelte leicht den Kopf, doch sagte er nichts mehr.

39 »Ich will sogleich mit Ihnen nach Ihrer Wohnung gehen, mein lieber Alfred«, sagte der König, indem er die kleine goldene Glocke auf seinem Tisch stark bewegte.

Der Kammerdiener trat ein, reichte dem Könige die Handschuhe von dänischem Leder, ein großes spanisches Rohr mit goldenem Knopf und einen runden schwarzen Hut.

Georg V. streckte die Hand aus, Graf Wedel reichte ihm seinen Arm und fast unmerklich auf denselben sich stützend, verließ der König die Villa, während der Geheime Kabinettsrat sich nach seiner im Nebengebäude belegenen Wohnung zurückzog.

Der König stieg, immer auf den Arm seines Hofmarschalls gestützt, den langsam abfallenden Abhang vor der Villa Thun nieder; alle ihm begegnenden Bewohner der Stadt grüßten ihn ehrerbietig, denn alle kannten die hohe ritterliche Erscheinung des unglücklichen Herrn, der durch seine liebenswürdige Leutseligkeit und Natürlichkeit, wo er auch immer sein mochte, alle Herzen für sich gewann.

Nach kurzer Zeit hatten sie das Landhaus erreicht, welches der Graf Wedel bewohnte. Der Graf führte den König durch das Vestibüle in seinen Salon, rollte einen großen Lehnstuhl in die Nähe des Fensters und bat dann um die Erlaubnis, sich entfernen und den Staatsrat Klindworth zu Seiner Majestät führen zu dürfen.

Nach einigen Augenblicken kehrte er mit dem alten Herrn zurück, dessen Erscheinung unverändert dieselbe war, und auf den weder Reisen, Ermüdung und Arbeiten, noch selbst die alles beherrschende Zeit irgendeinen Einfluß ausüben zu können schienen.

Der Graf stellte einen Sessel für den Staatsrat neben den König hin und entfernte sich dann, während Herr Klindworth, nachdem er die freundliche Begrüßung des Königs mit einer tiefen und demütigen Verbeugung erwidert hatte, sich Seiner Majestät gegenüber niederließ.

»Ich bin unendlich gespannt, mein lieber Staatsrat,« sagte der König, »was Sie mir für Nachrichten aus Paris bringen werden. Sie haben mir in Ihrem letzten Brief nur ganz im allgemeinen mitgeteilt, daß alles gut steht, und schon dieses Wort aus Ihrem Munde hat mich beruhigt, 40 denn ich weiß,« sagte er mit verbindlichem Neigen des Hauptes, »wie scharf Sie zu sehen und zu beurteilen verstehen. Aber ich vermag aus der äußeren Beobachtung der Verhältnisse nicht so recht einzusehen, woher jetzt eine günstige Wendung kommen soll, da alle europäischen Mächte sich vor dem Erfolg zu beugen scheinen, da sogar das schwer gedemütigte Österreich die Freundschaft der Macht sucht, welche alle seine historischen Rechte und Traditionen vernichtet hat, und da man in Frankreich nichts anderes zu tun zu haben scheint, als fortwährend das Berliner Kabinett mit Freundschafts- und Ergebenheitsbeweisen zu überhäufen.«

»Gerade dies, Majestät,« sagte der Staatsrat, indem er von untenherauf in das freie, offene und edle Gesicht des Königs blickte, »gerade dies sollte Eurer Majestät den Beweis liefern, daß unter der Oberfläche etwas Ernstes sich vorbereitet, denn die Freundschafts- und Friedensversicherungen, welche wie die Tauben mit den Ölzweigen die Welt durchfliegen, sind nie zahlreicher und nie inniger und herzlicher als einige Zeit vor dem Ausbruch großer Konflikte. Wenn man lange Zeit zwischen zwei Staaten gereizte und scharfe Erörterungen stattfinden sieht, so wird nach meiner Erfahrung selten etwas Ernstes daraus, – und das, was sich diesmal vorbereitet, wird allerdings eine der ernstesten Katastrophen sein, welche seit lange die Welt erschüttert haben –«

»Warum,« sagte der König düster vor sich hinblickend, »warum muß es so sein, warum muß ich Erschütterungen herbeiwünschen, die so viel Blut kosten und so viele Menschenleben zerstören werden – um mein Recht zu verteidigen, das zugleich das Recht meines Hauses und meines Volkes ist, und das ich nicht aufgeben kann, mag darüber zugrunde gehen, was da wolle!«

Er seufzte tief.

»Eure Majestät«, sagte der Staatsrat, »haben mir vor einiger Zeit ein sehr großes und wahres Wort gesagt, – ein Fürst, der regieren und seine Pflicht erfüllen will, muß die Furcht nicht kennen.«

Der König nickte lebhaft mit dem Kopf.

41 »Das ist wahr,« rief er, »und ich habe immer an diesem Grundsatz festgehalten.«

»Erlauben mir Eure Majestät,« fuhr der Staatsrat fort, »Ihren Satz zu ergänzen und zu der Furcht noch ein Zweites hinzuzufügen, das einem Fürsten stets unbekannt bleiben muß, – und dieses Zweite, Majestät, ist das Mitleid.«

»Das ist wahr,« sagte der König abermals tief seufzend, »wahr, aber auch recht traurig. – Sie glauben also,« sprach er dann weiter, »daß zu seiner Zeit Ereignisse eintreten werden, welche mir Spielraum und die Möglichkeit geben können, wirksam für die Wiedereroberung meines Rechts einzutreten?«

»Ich kann Eurer Majestät,« erwiderte der Staatsrat, indem ein eigentümlicher Blick aus seinen Augenwinkeln zu dem in gespannter Aufmerksamkeit sich etwas vorbeugenden König hinüberzuckte, – »ich kann Eurer Majestät die bestimmteste Garantie dafür geben, daß in weniger als einem Jahr ein großer europäischer Kampf das unvollendete und in seinen Fugen noch zitternde Gebäude von 1866 niederwerfen wird –«

»Niederwerfen?« fragte der König. »Glauben Sie des Sieges gewiß zu sein?«

»Gewiß, Majestät,« erwiderte Klindworth, »da die Sache so eingeleitet werden wird, daß ein Mißerfolg unmöglich ist. Alles, was ich Ihnen sagen werde, Majestät,« fuhr er dann mit leiser Stimme fort, indem er ein wenig näher zum König heranrückte und einen schnellen Blick durch das Zimmer schweifen ließ, »ist natürlich nur für Allerhöchstdieselben bestimmt. Vor allen Dingen dürfte, wie ich schon früher hervorzuheben die Ehre hatte, nichts von allem dem nach Hietzing gelangen –«

»Ich weiß, ich weiß,« sagte der König lebhaft, »Sie können ganz beruhigt sein. Außer meinem Geheimen Kabinettsrat erfährt niemand etwas von Ihren Mitteilungen, und selbst Ihre Beziehungen zu mir sind nur den wenigen Personen bekannt, welche notwendig sind, um dieselben zu unterhalten.«

»Ich habe also«, fuhr der Staatsrat fort, »den Kaiser Napoleon gesprochen und alle politischen Elemente in Paris, 42 welche für die Situation maßgebend sind, genau beobachtet. Der Kaiser, Majestät, empfindet tiefer und tiefer, daß er die Herrschaft, deren Zügel sogar seinen Händen schon zu entschlüpfen beginnen, für seinen Sohn nur erhalten kann, wenn er noch einmal große militärische Erfolge erzielt und die in diesem Augenblick sehr zweifelhaft gewordene Stellung Frankreichs als erste Macht in Europa von neuem wieder fest begründet, denn den Thron, vor welchem die europäischen Mächte sich beugen, werden die Franzosen sich immer gefallen lassen, – die nationale Eitelkeit ist und bleibt immer der Grundzug dieses merkwürdigen, so hochbegabten und doch wieder in manchen Beziehungen so kleinlich beschränkten Volkes. Zwar,« sprach er weiter, während der König sich immer mehr zu ihm herüberneigte, um jedes Wort genau aufzupassen, »zwar scheut der Kaiser auf das äußerste vor dem Krieg zurück aus allen möglichen Gründen, die sich aus fatalistischem Aberglauben, aus nervöser Abneigung gegen lärmende und blutige Szenen, wesentlich aber aus dem Bewußtsein seiner körperlichen Schwäche zusammensetzen, welche es ihm schwer machen wird, die Anstrengungen eines Feldzugs zu ertragen. Dennoch aber erkennt und fühlt er die Notwendigkeit, er bereitet alles vor, und im letzten Augenblick werden, wenn ihm der eigene Entschluß fehlt, die ihn umgebenden Elemente das entscheidende Wort von seinen Lippen zu ziehen wissen.«

»Aber«, sagte der König, als der Staatsrat einen Augenblick schwieg mit einem gewissen Zögern in der Stimme, »Sie wissen, daß es für mich eine Hauptbedingung meiner Beteiligung an der Aktion gegen Preußen ist, daß Frankreich eine solche nicht zu Eroberungen in Deutschland benutzt. Preußen hat mein Recht zwar schwer gekränkt,« fuhr er lebhaft fort, »und ich werde vor keinem Mittel zurückschrecken, um mein heiliges und unanfechtbares Recht wieder zu gewinnen, darum aber bleibe ich doch ein deutscher Fürst, und niemals würde ich direkt oder indirekt meine Hand dazu bieten können, deutsches Gebiet fremder Eroberung preiszugeben.«

Der Staatsrat kreuzte die Arme über der Brust, sein breiter Mund verzog sich zu einem sarkastischen Lächeln, und 43 seine scharfen, stechenden Blicke ruhten mit fast mitleidigem Ausdruck auf dem König.

»Ich kenne vollkommen«, sagte er dann, »die Intentionen Eurer Majestät und die Instruktionen, welche Sie mir so bestimmt gegeben haben. Dieselben Rücksichten, welche Eure Majestät leiten, müssen auch für Österreich bestimmend sein, selbst wenn der Kaiser Franz Joseph in seinem persönlichen Gefühl nicht so ausschließlich deutscher Fürst wäre, – denn auch durch den entscheidendsten Sieg würde Österreich niemals einen maßgebenden Einfluß in Deutschland wiedergewinnen können, wenn unter seiner Mitwirkung oder mit seiner Zustimmung deutsches Gebiet in erheblicher Ausdehnung« – fügte er mit einer gewissen Betonung hinzu, »an Frankreich verloren gehen sollte. Auch der Kaiser Napoleon«, fuhr er fort, »ist ein viel zu klarer politischer Kopf, um dies nicht zu begreifen. Er sieht vollkommen ein, daß alle Eroberungen, welche ohnehin dem von ihm proklamierten nationalen Prinzip widersprechen würden, Frankreich nie einen Machtzuwachs, wohl aber große Verlegenheiten schaffen könnten, – ist Frankreich in einem großen Kriege siegreich gewesen, so wird es immerhin fast die erste Macht in Europa sein und allen Glanz wiedergewonnen haben, der durch die mexikanische Expedition und durch die Schlacht von Sadowa allmählich sich zu verdunkeln angefangen hat. Doch, Majestät, der Kaiser Napoleon ist nicht vollkommen frei, nach seiner eigenen Erkenntnis zu handeln. Er ist mehr noch als ein anderer Souverän abhängig von der öffentlichen Meinung und von der Stimme des Volkes, das ihn auf den Thron berufen, und ich kann Eurer Majestät nicht verhehlen, daß der Kaiser vielleicht der einzige ist, welcher klar und richtig über die Frage der Eroberungspolitik denkt. Das ganze Volk, Majestät, ist von dem Chauvinismus beherrscht, der Glanz und die Macht Frankreichs sind in seinen Ideen unzertrennlich von dem Prinzip des ersten Kaiserreichs, welches Eroberungen auf Eroberungen häufte und in souveräner Oberherrlichkeit über die Kronen von Europa verfügte. Es wird notwendig sein,« sagte er mit einem lauernden Blick auf den König, »diesem chauvinistischen Geist wenigstens eine 44 Befriedigung zu geben, und ich glaube, daß sich dieselbe sehr leicht in einer Grenzkorrektion finden lassen könnte, welche Frankreich die Grenzen von 1814 zurückgibt, die sich ja doch nur sehr wenig von den heutigen unterscheiden und deren Wiederherstellung kaum eine Eroberung genannt werden könnte. Was das koalisierte Europa damals dem vollkommen besiegten Frankreich zugestand, das würde man heute dem siegreichen Frankreich kaum versagen können, und ich glaube auch, daß das nationale Gefühl in Deutschland, namentlich unter denjenigen Stämmen, welche durch den sich vorbereitenden Kampf ihre ersehnte Selbständigkeit und Unabhängigkeit wiedergewinnen wollen, würde in einer solchen Kombination kaum eine Beunruhigung finden können.«

Der König neigte einen Augenblick seinen Kopf auf die Brust.

»Bei einer solchen Kombination,« sagte er mit leiser Stimme, »wenn dieselbe von den übrigen europäischen Mächten gebilligt würde, käme die Zustimmung oder Nichtzustimmung eines deutschen Fürsten kaum in Betracht.«

Er sann abermals einen Augenblick nach.

»Dagegen«, fuhr der Staatsrat schnell fort, »glaube ich, daß der Kaiser, einer stets von ihm mit Vorliebe gehegten Idee entsprechend, einen sehr großen Wert darauf legen würde, an den Ufern des Rheins ein neutrales Gebiet herzustellen, welches die beiden großen Nationen von Deutschland und Frankreich so voneinander zu trennen berufen wäre, daß nie eine unmittelbare Berührung der Interessen beider Staaten stattfinden könnte.«

»Das ist ein Gegenstand europäischer Erwägung,« rief der König wie erleichtert aufatmend, »bei welchem die nationale Würde nicht in Frage kommt, und die Ausführung dieser Idee könnte ja beiden Nationen nützlich und förderlich sein, denn es liegt in der Tat viel Wahres in dem Gedanken, daß ein noch so kleines neutrales Gebiet zwischen zwei rivalisierenden Mächten den Frieden besser und sicherer erhält, als die stärkste Festung und die strategisch gesichertsten Grenzen.«

»Was nun die neue Konstituierung von Deutschland betrifft,« fuhr der Staatsrat fort, »wenn der gegenwärtige 45 unnatürliche und halbe Zustand wiederaufgehoben sein wird, so ist der Kaiser der Ansicht, daß ein unbedingtes Übergewicht Österreichs den wahren nationalen Interessen Deutschlands ebenso schädlich sei, als eine einseitige Sympathie Preußens.«

»Wem sagen Sie das?« rief der König lebhaft, »Deutschlands Lebensprinzip ist die Föderation mit der autonomen Selbständigkeit seiner einzelnen Länder – der Cäsarismus ist stets verhängnisvoll für Deutschland gewesen, und die Welfen sind es vor allem, welche stets ihre ganze Macht gegen den Cäsarismus eingesetzt haben.«

»Es liegt also«, sprach der Staatsrat weiter, »in der Absicht des Kaisers Napoleon, daß die zukünftige Gestaltung Deutschlands ganz dem von Eurer Majestät betonten Föderationsprinzip entspreche und daß die einseitige Suprematie der einen oder der anderen der beiden Großmächte durch starke und widerstandsfähige Mittelreiche dauernd ausgeschlossen werde. Für Süddeutschland würde Bayern in dieser Beziehung den Schwerpunkt bilden, für Norddeutschland Hannover, das natürlich erheblich vergrößert und verstärkt werden müßte, um seine so hochbegünstigte geographische Lage am freien Meer, an der deutschen Nordsee, im vollen Maße benutzen und geltend machen zu können. Zu einer solchen Vergrößerung von Hannover«, fuhr er fort, indem er sich ein wenig zum König hinüberneigte und die Stimme etwas dämpfte, »bieten sich nun sehr verschiedene Objekte, und es würden in dieser Beziehung die auf althistorische Traditionen gestützten Wünsche Eurer Majestät das vollste Entgegenkommen finden, da es nur im Interesse des europäischen Friedens liegen kann, wenn Preußen, das ja in Mitteldeutschland volle Entschädigung finden könnte, möglichst weit von den deutschen Westgrenzen zurückgedrängt würde. Ich möchte mir erlauben, Eure Majestät um die Mitteilung des Memoires über die alten welfischen Besitzungen zu bitten, da dieses Memoire ein sehr wertvolles Material zur späteren Beurteilung und Entscheidung über die Frage der Gestaltung des künftigen Königreichs Hannover darbieten wird.«

»Ich werde mir«, erwiderte der König rasch, »alles 46 zusammenstellen lassen, und werde Ihnen das Memoire selbst sogleich zuschicken.«

Der Staatsrat verneigte sich, während ein leichtes Lächeln der Befriedigung auf seinem Gesicht erschien.

»Ich kann Eurer Majestät ferner«, sagte er dann, »die Mitteilung machen, daß ich auch in London gewesen bin und dieselben Gesichtspunkte, über welche ich mit dem Kaiser Napoleon vollständig übereinstimmte, in einer ausführlichen Unterredung mit dem Grafen Clarendon erörtert habe.«

»Nun,« fragte der König mit lebhafter Spannung, »und was sagte Lord Clarendon?«

»Der Graf, Majestät,« erwiderte Klindworth, »ist einer jener alten Engländer, deren es leider nur noch wenige gibt –«

Der König seufzte tief auf.

»Ja,« sagte er, »es hat sich vieles verändert in England, viel verändert, aber leider nicht gebessert.«

»Graf Clarendon«, fuhr der Staatsrat fort, »steht noch vollständig auf dem Boden der Traditionen der großen Geschichte des früheren Englands. Er kann zwar unter den gegenwärtigen Verhältnissen und in der gegenwärtigen Regierung nicht jenen Traditionen gemäß handeln, aber wenn der Augenblick kommen sollte, in welchem durch große Ereignisse die Wiederherstellung des Throns Eurer Majestät möglich werden würde, so wird der Graf mit aller Entschiedenheit und Energie dahin wirken, daß dieselbe in einer Weise erfolge, welche jede künftige Gefahr für Eurer Majestät Recht ausschließt, und daß dem welfischen Kontinentalreich die Garantie innerer und äußerer Widerstandskraft gegeben werde. Graf Clarendon wird in dieser Beziehung, das kann ich Eurer Majestät versichern, alles tun, um Allerhöchstihre Wünsche und die Ideen des Kaisers Napoleon in der nachdrücklichsten Weise zu unterstützen.«

»Er hat gewiß Grund dazu,« sagte der König halbleise, wie zu sich selbst sprechend, – »denn sein dringender Rat war es im Jahre 1866, mich auf die Seite Österreichs zu stellen –«

Der Staatsrat hatte diese halblaut gesprochenen Worte des Königs scharf erfaßt.

47 »Graf Clarendon«, sprach er schnell, »fühlt vollständig die persönliche und moralische Verpflichtung, welche er Eurer Majestät gegenüber hat, und ich kann nur wiederholt versichern, daß er derselben gemäß handeln wird. Ich werde mir erlauben«, sagte er dann, »nach den Notizen, die ich mir über meine Verabredungen mit dem Kaiser Napoleon und über die Äußerungen des englischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten gemacht habe, einen bestimmten Vertragsentwurf aufzusetzen und denselben Eurer Majestät vorzulegen, sobald«, fügte er mit lauerndem Blick hinzu, »das Memoire über die welfischen Besitzungen in meinen Händen sein wird. Von Eurer Majestät würde man wesentlich erwarten, daß die Wiener Bank einen Teil der für die Aktion nötigen Mittel herbeischafft, und daß ferner ein hannöverisches Korps von angemessener Stärke in diese Aktion eintrete, – für die Bewaffnung und Ausrüstung könnte der Kaiser Napoleon –«

»Das wird alles besorgt werden,« rief der König lebhaft, indem er das Haupt hoch emporrichtete, – »ich werde in dieser Beziehung keine Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn ich für mein Recht in den Kampf trete, so darf und soll nicht Frankreich mir die Waffen dazu reichen.«

»Ich werde also«, sagte der Staatsrat, »das alles sorgfältig formulieren und Eurer Majestät vorlegen, nicht daß ich es für nötig oder selbst nützlich hielte, jetzt schon irgendeinen Vertrag mit Frankreich zu schließen, aber es ist gut, daß die Sache in allen Punkten völlig fertig sei, um im gegebenen Moment, der vielleicht ziemlich schnell und unerwartet eintreten könnte, nur der Unterzeichnung zu bedürfen.«

Der König neigte schweigend den Kopf. Es schien, als habe er noch einen Gedanken, der ihn beschäftigte.

Der Staatsrat blickte ihn einige Sekunden erwartungsvoll an.

»Ich muß nun«, sprach er dann, als der König noch immer schwieg, »Eure Majestät noch besonders darauf aufmerksam machen, daß sowohl in Paris wie in London bei dem Gedanken über die mögliche zukünftige Gestaltung Deutschlands eine Restauration des Kurfürstentums Hessen 48 vollständig ausgeschlossen ist. Der Kurfürst hat keine Deszendenz und seine präsumtiven Erben stehen in solchen Beziehungen zu Preußen, daß man gewiß kein Interesse hat, ihre Rechte und Ansprüche irgendwie zu berücksichtigen. Die darmstädtische Linie würde auch ein größere Berechtigung haben, sich durch einzelne Gebiete zu arrondieren, während die übrigen Landesteile Kurhessens«, fügte er mit Betonung hinzu, »nach anderer Seite hin zur Verwendung kommen könnten. Ich kannte diese Dispositionen im allgemeinen und habe Eurer Majestät deswegen dringend die Ausschließung des Kurfürsten von der Wiener Bank, namentlich durch die Vermittlung des Prinzen von Hanau, anraten müssen. Heute habe ich über diesen Punkt bestimmte Gewißheit, ich bitte Eure Majestät dringend, sich jetzt und künftig möglichst von jeder Verbindung mit dem Kurfürsten von Hessen fernzuhalten und den Verkehr mit ihm ausschließlich auf die äußeren Höflichkeiten zu beschränken.«

Der König schwieg.

»Und wie steht Herr von Beust«, fragte er dann, »zu allem, was Sie mir soeben gesagt haben?«

»Graf Beust«, erwiderte er, indem er die Spitzen seiner kurzen Finger schnell gegeneinander schlug, »ist kein Mann der Initiative und der Entschlüsse – in diesem Falle paßt seine persönliche vorsichtige Zurückhaltung vollständig mit den Interessen Österreichs zusammen. Die Haltung Österreichs wird im gegebenen Falle mit innerer Notwendigkeit vorgezeichnet sein, und auch der Augenblick seines Eintritts in die Aktion wird sich aus den Ereignissen selbst, und zwar dann mit zwingender Gewalt bestimmen. Für jetzt ist es nur nötig, die allgemeinen Ideen, welche ich soeben Eurer Majestät entwickelt habe, und welche auch in Paris und London maßgebend sind, in den Anschauungen des Grafen Beust und des Kaisers Franz Joseph befestigt zu sehen. Das ist meine Sache. Weitere Details zu erörtern und festzustellen, würde in diesem Augenblick nur bedenklich sein. Ich werde ja jetzt in Wien bleiben und dort mit Sorgfalt und unter steter Beobachtung der Verhältnisse Eurer Majestät Interessen vertreten –«

»Und sie könnten in keinen besseren Händen sein«, fiel 49 der König in verbindlichem Ton ein. »Ich muß Ihnen gestehen,« sagte er dann, »daß ich mich der Staatskanzlei gegenüber stets in einer gewissen Unklarheit befinde. Soeben hat mir Graf Platen noch mitgeteilt, daß man dort mit meiner Vertretung in Paris sehr unzufrieden sei.«

Staatsrat Klindworth zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob zwischen Graf Platen und der Staatskanzlei ein vertraulicher Verkehr stattfindet. Aber ich glaube, Eurer Majestät, wie ich das schon früher getan, den bestimmten Rat geben zu sollen, Allerhöchstihre Vertretung in Paris ganz in derselben Weise bestehen zu lassen, wie bisher. Das ist gerade für meine Tätigkeit sehr wichtig und förderlich. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird dadurch beschäftigt, die Nachforschungen Preußens werden abgelenkt, und ich kann um so wirksamer im geheimen für Eure Majestät handeln. Da aber Eure Majestät«, fuhr er fort, »soeben die Gnade gehabt haben, des Grafen Platen zu erwähnen, so glaube ich Ihnen meine persönliche und bestimmte Meinung dahin aussprechen zu müssen, daß es mir dringend wünschenswert erscheint, einen anderen Leiter für Eure Majestät Geschäfte und insbesondere für Eurer Majestät auswärtige Beziehungen zu finden, und zwar eine Persönlichkeit, welcher die Kabinette der Großmächte, wie ich glaube, mit weniger Zurückhaltung entgegentreten würden. Jedenfalls wäre es nötig, eine solche Persönlichkeit ins Auge zu fassen und zu designieren, um sie sofort bei der Hand zu haben, wenn die Ereignisse sich weiter entwickeln und der Augenblick fester Abschlüsse und bestimmter Aktionen herankommen wird. Ich bin so lange nicht in Hannover gewesen und habe wenig Kenntnis unter den dortigen politischen Persönlichkeiten. Aber Eure Majestät müssen ja darüber besser unterrichtet sein und sich klar werden können, bei welchem von Ihren Untertanen sich die Eigenschaften finden könnten, welche die Leitung der Geschäfte und der auswärtigen Politik in so schwierigen Zeiten erfordert. Und diese Eigenschaften sind vor allem Diskretion, Mut und feste Beharrlichkeit; Eigenschaften, welche ich bis jetzt in der Behandlung der Angelegenheiten Eurer Majestät nicht eben in hervorragender Weise bemerken konnte.«

50 Der König seufzte tief auf.

»Mein Gott,« rief er, »ich weiß ja vollkommen, was mir not tut. Aber welch eine Disette von Staatsmännern herrscht in der heutigen Welt! Fast scheint es, als ob alle großen politischen Eigenschaften nur bei dem einen Mann vereinigt wären, der mir und meinem Recht feindlich gegenübersteht. Ich wüßte in ganz Hannover nur einen, der an Geist und Charakter einer solchen Aufgabe gewachsen wäre – Bacmeister – er hat den hellen Geist, den großen, ruhigen Blick, das feste, mutige Herz – aber er ist krank und gebrochen –«

»Ich habe so viel von Windhorst gehört,« sagte der Staatsrat, »sollte er nicht –«

»Windhorst ist ein feiner Geist,« erwiderte der König, »zu fein vielleicht – aber – nein, nein, das würde nicht gehen – ich werde darüber nachdenken,« sagte er dann, – »jetzt etwas zu ändern, halte ich für bedenklich. Denn wenn man ändert, muß man auch das Bessere – das relativ Beste an die Stelle setzen.«

»Sie gehen nach Wien zurück?« fragte er dann, das Gespräch abbrechend.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte der Staatsrat, »ich denke mich dort zu etablieren, um unausgesetzt für Ihre Sache tätig sein zu können. Meine Gesundheit hat sich durch die Kur in Marienbad, die ich vor meiner Reise nach Paris gebraucht habe, wieder vollkommen befestigt, und ich werde auch körperlich den Anstrengungen, welche meine Aufgabe erfordert, gewachsen sein.«

»Ich habe«, sagte der König, »vor kurzem die Freude gehabt, Ihre Tochter, Madame Street, hier zu empfangen, mit welcher Sie ja in Marienbad zusammengetroffen waren und welche mir bereits erzählte, wie vortrefflich der dortige Brunnen auf Sie gewirkt.«

»Eure Majestät sind sehr gnädig,« sagte der Staatsrat, indem seine Stimme einen gewissen salbungsvollen Ton annahm, »ich war sehr glücklich, mit meiner Tochter zusammenzutreffen, welche mit ihrer Freundin, der Prinzessin de la Tremoille, dorthin gekommen war. Es tut meinem alten Herzen so wohl, mich an der kindlichen Liebe und Aufrichtigkeit meiner einzigen Tochter zu erwärmen.«

51 »Eine ausgezeichnet liebenswürdige Dame,« fiel der König ein, »sie hat mir unendlich viel Interessantes erzählt. Sie hat ein ungemein feines Verständnis für Musik, und ich erfuhr durch sie viele sehr merkwürdige und interessante Züge von Liszt.«

»Abbé Liszt würdigte meine Tochter seiner ganz besonderen Freundschaft«, sagte der Staatsrat Klindworth, »und besuchte während seines Aufenthaltes in Paris häufig ihre Salons –«

»In welchen sich ja«, fiel Georg V. ein, »die größten musikalischen Autoritäten von Paris regelmäßig versammelten. Solche Salons sind der unberechenbare Vorzug von Paris. Das werden wir hier bei uns schwerlich jemals haben – vielleicht weil unsere Damen bei all ihren vortrefflichen Eigenschaften und bei all ihren Vorzügen es nicht verstehen, den Mittelpunkt einer Konversation zu bilden.«

»Oder vielleicht,« sagte der Staatsrat, »weil die Herren in Deutschland zu starr und zu ungefüge sind, um ihre Gedanken in das leichte und anmutige Gewand einer Salonkonversation zu kleiden. Meine Tochter«, sagte er dann, »ist mir übrigens auch in politischer Beziehung sehr nützlich und wird für die Sache Eurer Majestät in Paris mit Eifer tätig sein, während ich nun hier von Wien aus im stillen weiter arbeite. – Eure Majestät hatten die Gnade,« sprach er nach einer augenblicklichen Pause, »mir die materielle Grundlage für diese Arbeit mit so königlicher Großmut in Aussicht zu stellen, Eure Majestät mögen es mir verzeihen, wenn ich mir erlaube, den Gegenstand zur Sprache zu bringen – die Notwendigkeit zwingt mich dazu – ich bin ein armer Mann, ich habe immer nur die Sachen im Auge gehabt, denen ich diente – niemals meine Interessen –«

»Mein Gott,« rief der König, »das versteht sich ja von selbst. Ordnen Sie das mit Elster. Sprechen Sie ihm Ihre Wünsche aus. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich Ihre Dienste nach ihrem vollen Wert zu würdigen weiß.«

Der Staatsrat verneigte sich.

»Und nehmen Sie vor allen Dingen nochmal meinen Dank«, rief der König, indem er aufstand, »für die Umsicht und den Eifer, mit welchem Sie in Paris und London für 52 mich gewirkt haben, und für die so hochinteressanten und erfreulichen Nachrichten, die Sie mir von dort überbrachten. Ich hoffe Sie bald und mit immer erfreulicheren Mitteilungen hier wiederzusehen. Ist Graf Wedel da?«

Der Staatsrat eilte zur Tür hin, und von dem im Vorzimmer wartenden Diener gerufen, erschien der Graf nach wenigen Minuten.

Sein sonst so heiteres und lebensfrisches Gesicht war bleich und zeigte einen Ausdruck schmerzvoller Erregung. Tränen standen in seinen Augen, und in fast schwankender Bewegung näherte er sich dem Könige.

»Lassen Sie uns zurückgehen, lieber Alfred,« sagte der König, indem er seinen Arm ausstreckte, »meine Konferenz mit dem Herrn Staatsrat ist zu Ende, und ich habe denselben nur noch, solange er hier ist, Ihrer ganz besonderen Pflege und Sorgfalt zu empfehlen.«

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung,« sagte Graf Wedel mit bebender, beinahe von Tränen erstickter Stimme, »daß ich in einem fast unzurechnungsfähigen Zustand vor Allerhöchstdenselben erscheine. Ich habe soeben eine Nachricht erhalten, welche wohl geeignet ist, auch das kräftigste und mutigste Herz zu beugen.«

»Mein Gott, was ist geschehen?!« rief der König erschrocken über den Ton der Stimme des Grafen.

»Meine älteste Tochter, Majestät, ist plötzlich gestorben,« sagte Graf Wedel, indem ein unwillkürliches Schluchzen seine Worte unterbrach, »und mein letztes Kind ist so krank, daß sein Tod fast mit Gewißheit vorherzusehen ist. Und meine arme Frau, Majestät, ist durch den namenlosen Kummer so elend, daß die Ärzte für ihren Verstand fürchten.«

Die starke Gestalt des großen, kräftigen Mannes zitterte vor schmerzlicher Erschütterung.

Der König faltete die Hände und sprach mit leiser, fast tonloser Stimme:

»Ruht denn des Unglücks Hand unerbittlich auf allen, die mich umgeben? Ist es denn nicht genug an dem zertrümmerten Throne und der Not des Vaterlandes? Müssen meine Getreuen auch in ihrem menschlichen Leben und Lieben so hart getroffen werden? Mut, mein lieber Wedel«, 53 sagte er dann, indem er seine Hand erhob und mit einer sanften, fast väterlich zärtlichen Bewegung auf die Schulter des Grafen legte, »Mut und Vertrauen! – Gott allein vermag zu erkennen, warum er schlägt und prüft, seine ewige Gnade allein vermag aufzurichten und zu trösten.«

»Majestät,« rief der Graf, »der tiefste Schmerz in all meinem Kummer ist der, daß ich nicht hineilen kann zu meiner armen, verzweifelten Frau. Mir sind ja die preußischen Grenzen verschlossen, das Zuchthaus erwartet mich dort, wo einst meine Heimat war, und wo jetzt die Hand des Todes auf meinem Hause ruht.«

»Mein Gott,« rief der König, »das ist wahr, das ist entsetzlich hart, – und das leiden Sie für mich«, sagte er dumpf, indem er die Hand auf seine Augen drückte.

»Das, Majestät,« rief der Graf mit durch Tränen leuchtenden Blicken, »das ist das einzige, was mich in meinem Kummer tröstet, – daß ich leide für einen so edlen Herrn und sein heiliges Recht.«

Schweigend streckte der König die Hand dem Grafen entgegen, dieser ergriff dieselbe und drückte sie lange an seine Lippen.

Der Staatsrat Klindworth stand zur Seite und selbst auf seinem starren und kalten, meist so gleichgültigen, skeptischen Gesicht zuckte es wie in unwillkürlicher Rührung bei dem Anblick dieses verbannten Fürsten und seines Dieners, den seine Treue von der Leiche seines Kindes, von dem Krankenbett seiner Gattin trennte.

»Sobald meine Frau reisen kann,« sagte der Graf, »und sobald«, fügte er mit kaum hörbarer Stimme hinzu, »über Leben oder Tod meines letzten Kindes entschieden sein wird, soll meine Frau auf den Rat der Ärzte nach Franzensbad gehen, um sich dort fern von der Umgebung voll schmerzlicher Erinnerungen zu erholen. Ich möchte Eure Majestät um die Erlaubnis bitten, dann ebenfalls dorthingehen zu dürfen.«

»Dazu bedarf es kaum der Erlaubnis,« sagte der König mit sanfter Stimme, »ich bitte Gott, daß Ihre Frau bald, bald so weit kommt, um mit Ihnen vereint Trost für einen so schweren Schlag zu suchen. Sie werden jetzt nicht 54 ausgehen wollen,« sagte er dann, »wollen Sie nach der Villa senden und Hauptmann von Adelebsen holen lassen, um mich zurückzuführen.«

»Wenn Eure Majestät die Gnade haben wollen, meine Begleitung anzunehmen,« erwiderte Graf Wedel, – »ein Gang in frischer Luft wird mir besser sein, als wenn ich hier mit meinem Kummer allein bleibe.«

»So lassen Sie uns gehen«, sagte der König ernst und still.

Graf Wedel reichte ihm seinen Hut und sein spanisches Rohr.

»Auf Wiedersehen, Herr Staatsrat«, rief Georg V. dem sich tiefverneigenden Herrn Klindworth zu und verließ dann, auf den Arm des Grafen Wedel gestützt, das Zimmer.

Der Staatsrat blieb stehen, faltete die Hände über der Brust und blickte nachdenklich vor sich hin. Auf seinem Gesicht erschien ein Zug von Rührung mit einem gewissen verwunderten Erstaunen gemischt.

»Ich bin schon lange gewöhnt,« sagte er leise, »die Verhältnisse des Lebens nur mit der logischen Schärfe des Verstandes zu beurteilen – und die Menschen durch ihre Schwächen und ihre schlechten Eigenschaften zu lenken, – mit wunderbar ungewohnter Neuheit berühren mich diese Zustände hier, – diese Hingebung eines Mannes an seinen Fürsten, der ihm nichts mehr bieten kann, – dem er vielmehr alles opfert, was das Leben Schönes und Reizvolles gewährt, – und doch wird das alles – alles vergebens sein, denn so wie hier Politik gemacht wird, ist ja nichts zu erreichen! – Ich bin auf neuem Terrain,« sagte er nach einer Pause, – »ich muß hier mit den guten Eigenschaften des menschlichen Herzens rechnen, an welche ich schon lange den Glauben verloren hatte, – nun wenigstens wird die Wiener Bank diesem armen Könige einen großen und festen materiellen Besitz schaffen, – aus dessen Boden«, fügte er mit einem zufriedenen Lächeln hinzu, – »ja auch für mich eine ergiebige Quelle fließen wird, – so werde ich dann ein wirklich gutes Werk getan – und ein gutes Geschäft zugleich gemacht haben.«

55 Er ging langsam in das für ihn eingerichtete Zimmer, vertauschte seinen weiten braunen Rock mit einem Ärmelkamisol von gestreiftem Leinen, setzte sich in einen Lehnstuhl und versank, den Kopf auf die Brust fallen lassend, in gerader Haltung gegen die Rücklehne des Sessels gestützt, in einen leichten und ruhigen Schlummer.

 

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