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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel

Der Erzbischof war in Rensenheim angekommen; mit seinem schönsten Viergespann hatte Graf Spangendorf ihn von der Bahnstation abgeholt und durch das blumen- und fahnengeschmückte Dorf, durch die zahlreiche, von allen Nachbarorten herbeigeströmte Menschenmenge nach dem Schlosse gefahren, wo der Kirchenfürst von der ganzen Familie, den Hausbeamten und der Dienerschaft am Tor des Schloßhofes empfangen und dann von dem Grafen und der Gräfin Spangendorf ehrfurchtsvoll in seine Zimmer geführt ward, während die Söhne des Hauses den geistlichen Rat, der den Erzbischof begleitete, nach der für ihn bestimmten Wohnung geleiteten. Der Erzbischof hatte mit der ganzen Familie eine Messe in der kleinen Schloßkapelle gehört, welche der Kaplan Haug gelesen, dann hatte er verschiedene Ortsgeistliche der Umgegend empfangen und all den zahlreichen Bittstellern soviel als möglich Gehör gegeben, welche sich gemeldet hatten, um ihm, dem obersten Hirten der Diözese, ihr bekümmertes und sorgenvolles Herz zu öffnen und von ihm Rat oder Trost zu erbitten.

Mit unermüdlicher Freundlichkeit und Güte hatte der 263 hohe Diener der Kirche sie alle angehört, die sich an ihn wendeten; jeder war erfreut, getröstet und gestärkt von ihm gegangen und seine klaren, einfachen Worte hatten den bekümmerten Herzen reiche Wohltaten gebracht. Es war ein schönes Bild, diesen Mann zu sehen, der aus dem preußischen Justizdienst sich verhältnismäßig spät erst dem geistlichen Beruf zugewendet hatte, und der in seiner Erscheinung die Würde und den Ernst des Priesters mit der Feinheit und anmutigen Liebenswürdigkeit des Weltmannes vereinigte, – wie er dastand in dem reich ausgestatteten Zimmer seiner Wohnung im Schlosse Rensenheim, bald eines gebrochenen Greises oder eines zitternden Mütterchens lange Erzählung mit unermüdlicher Geduld anhörend, bald eines unglücklichen Mädchens oder einer trauernden Witwe leidenschaftlich bewegte Ergießungen sanft und milde beruhigend. Wer den Erzbischof einmal gesehen, konnte dessen so eigentümlich anziehende und bedeutende Erscheinung gewiß nicht leicht wieder vergessen. Er stand hoch aufgerichtet, fest, sicher und gebietend da, und doch lag in der Haltung dieser schlanken Gestalt in dem anschließenden bischöflichen Gewand zugleich wieder eine gewisse demütige Bescheidenheit. Sein Kopf war etwas vorgeneigt nach der Brust hin, auf welcher das bischöfliche Kreuz funkelte; sein Gesicht von scharfem Schnitt mit stark vorspringender Nase, seinen Lippen, etwas eingefallenen Wangen und breiter, hoher Stirn mit dünnen, grauen Haaren erschien beim ersten Anblick fast streng und hart, und die klaren, hellen Augen blickten so scharf und durchdringend, daß sie bis in das Innerste desjenigen sich zu senken schienen, mit dem der Erzbischof sprach. Wenn aber diese Augen und diese strengen Züge zuerst den einfachen Landleuten, die sich dem Erzbischof nahten, eine unwillkürliche Scheu einflößten, wenn seine kurzen, klaren und bestimmten Fragen leicht eine ängstliche Befangenheit hervorriefen, – so verschwand das alles wieder, sobald der milde Glanz herzlicher und inniger Teilnahme seine Züge erleuchtete, sobald das ihm eigentümliche weiche, fast kindliche Lächeln seine Lippen öffnete, sobald seine tiefe, sanfte Stimme ruhig freundliche Worte voll Klarheit und Wärme sprach.

264 Der Erzbischof hatte alle empfangen, die sich bei ihm um Gehör bittend gemeldet; etwas erschöpft saß er in einem weiten, alten Lehnstuhl von geschnitztem Eichenholz mit dunkelviolettem Seidenpolster, das Haupt gegen die hohe Rücklehne gestützt, die Hände gefaltet und den Blick mit dankbarem Ausdruck aufwärts gerichtet, – als freue er sich, daß es ihm vergönnt gewesen, in der Ausübung seines priesterlichen Hirtenamtes so viel Segen zu spenden, so viel Trost und Erquickung in leidende und sorgende Menschenherzen zu gießen.

Der Graf Spangendorf hatte ihm auch seine Sorgen mitgeteilt. Er hatte ihm gesagt, daß sein Sohn Franz von ihm die Erlaubnis zu seiner Heirat mit einer unbekannten Römerin aus niederem Stand erbeten, – und so groß das Vertrauen des Grafen zu dem ernsten und tiefreligiösen jungen Manne war, so hatte er doch seine Besorgnis nicht verschwiegen, daß dessen jugendliche Begeisterung ihn über die Würdigkeit der von ihm Erwählten täuschen könnte. Mit noch tieferer Sorge und Bekümmernis hatte dann der Graf von dem Entschluß Gabrielens gesprochen, sich in das Klosterleben zurückzuziehen: als guter Katholik hatte er zwar nicht gewagt, gegen diesen Entschluß Einwendungen zu erheben, allein er hatte dem tiefen Schmerz darüber Worte gegeben, daß seine einzige Tochter der Welt, die ihr so viel Genuß bot, und der Familie, die ihr so viel Liebe entgegentrug, sich für immer entziehen wolle, um sich vielleicht in später und vergeblicher Reue einst zu verzehren. Der Erzbischof hatte dem Grafen versprochen, die Sache zu erwägen und dann seinen Rat zu erteilen, auch zur Ausführung desselben, wenn es nötig sein sollte, seinen Einfluß eintreten zu lassen.

Nachdem er längere Zeit nachdenkend dagesessen, nahmen seine Züge den Ausdruck eines ruhigen, festen Entschlusses an, – er öffnete die Tür seines Vorzimmers und befahl dem dort zu seinem Dienste bereitstehenden Lakai, den Kaplan Haug zu rufen.

Nach wenigen Augenblicken trat der Pater in demütig unterwürfiger Haltung in das Zimmer, näherte sich dem Erzbischof und küßte den Ring an dessen Finger. Dann 265 trat er einige Schritte zurück und blieb, die Hände über der Brust gefaltet, in demütiger Haltung stehen.

»Sie haben,« sagte der Erzbischof sanft und freundlich, aber doch im Ton einer gewissen hoheitsvollen Zurückhaltung, – »Sie haben das Glück, im Kreise einer vortrefflichen und fromm gläubigen Familie zu leben, – Ihr Beruf muß leicht sein und Ihnen Freude machen?«

»Ich danke Gott, hochwürdigster Herr,« erwiderte der Pater mit niedergeschlagenen Augen, »daß er mir diesen Beruf gegeben, und suche ihn nach meinen schwachen Kräften würdig auszufüllen. – Auch hat,« fuhr er fort, »der Herr meine Bemühungen gesegnet und es mir vergönnt, eine junge, reine und fromme Seele aus der Unruhe, Sorge und Versuchung der Welt dem reinen Dienste des Himmels zuzuführen.«

Er neigte das Haupt auf seine gefalteten Hände.

Der Erzbischof zog die Augenbrauen ein wenig zusammen.

»Der Graf Spangendorf hat mir von dem Entschluß seiner Tochter gesprochen, ihr Leben der klösterlichen Einsamkeit zu weihen, und er hat mir zugleich seinen Kummer darüber nicht verhehlt, wenn er auch ihrem freien Willen keine Schranke ziehen will, – ich habe mir vorbehalten, mit dem jungen Mädchen zu sprechen, wenn ich erst von Ihnen, der Sie ja der Beichtvater und geistige Beistand der Damen des Hauses sind, über den Seelenzustand und die Gründe des Entschlusses der jungen Gräfin unterrichtet sein werde.«

Der Kaplan richtete langsam den Kopf empor. Ein schneller, fragender Blick schoß aus seinen Augen zu dem Erzbischof hin, – dann senkte er denselben wieder zu Boden und sprach mit leiser, demütig bescheidener Stimme:

»Die junge Gräfin, hochwürdigster Herr, ist eine fein und zart empfindende Natur mit einer wunderbar tiefen Glaubenskraft und mit einem Blick, der besonders geöffnet ist für die höchsten Geheimnisse der Religion. Sie hat kein Verständnis und Gefühl für die Freuden der Welt, ihr Herz sehnt sich nach dem Himmel, – und ich habe diese ihre Richtung sorgfältig gepflegt und entwickelt, um ein 266 so reich für den Dienst der Kirche begabtes Wesen in seiner jungfräulichen Reinheit der sündigen Welt zu entziehen, – ich bin überzeugt, daß sie einst ein hochbegnadigtes Werkzeug im Dienste der heiligsten Jungfrau werden wird, – ein auserlesenes Gefäß für die Offenbarungen des Heiligen Geistes.«

Der Erzbischof schwieg einen Augenblick. In Gedanken versunken sah er vor sich nieder und bemerkte den stechenden, durchdringenden Blick nicht, mit welchem der Kaplan an seinen sinnenden Zügen hing.

»Sie wissen,« sagte er dann, »daß es ein hochernster Entschluß ist, wenn ein junges Mädchen den Schoß seiner Familie verläßt und dem irdischen Beruf des Weibes entsagt, um sich und alles das, was die Welt Glück nennt, dem Dienste der Kirche zu opfern.«

Ein Strahl düsterer Glut zuckte aus dem Auge des Kaplans hervor.

»Ich habe geglaubt, hochwürdigster Herr,« sagte er, das Haupt tief niederneigend, mit noch demütigerem Ton, »daß dies Opfer das edelste und zugleich Gott wohlgefälligste sei, das der Mensch darzubringen vermag.«

»Gewiß«, erwiderte der Erzbischof ruhig und würdevoll, »ist es das edelste, höchste und reinste Opfer, sich selbst mit allen irdischen Wünschen, mit allen Hoffnungen auf irdisches Glück dem Himmel zu weihen. – Doch kann Gott an einem solchen Opfer nur dann Wohlgefallen haben, wenn es frei und freudig in voller Erkenntnis dessen, was man dahingibt, gebracht wird. Gott hat keine Freude an einem gebrochenen, verzagenden Herzen; ein Herz, das später mit Reue und Verzweiflung sein Opfer zurückkaufen möchte, kann dem Dienste der Kirche keinen Nutzen bringen und für sich die Krone der himmlischen Verklärung nicht erringen. – Haben Sie die junge Gräfin ernst geprüft,« fragte er, – »haben Sie ihr die ganze folgenschwere Wichtigkeit ihres Entschlusses klargemacht, – damit die Kirche gewiß sein kann, ein freudiges, wohlgefälliges Opfer dem Himmel darzubringen?«

Der Kaplan schlug die Augen vor dem fragenden Blick des Erzbischofs nicht auf und blieb unbeweglich in seiner gebeugten Haltung.

267 »Ich habe geglaubt,« erwiderte er bescheiden, aber mit einem etwas festeren Ton der Stimme, »nichts tun oder sagen zu sollen, was dies junge und reine Herz in seinem Entschluß beirren könnte, den ich als eine Eingebung des Heiligen Geistes verehrte, welcher ja den jungfräulichen Seelen oft vorzugsweise in unmittelbarer Berührung nahetritt. Ich habe geglaubt, daß ein Herz, welches sich Gott darbringt, nirgends besser bewahrt sein könne, als in dessen allmächtigen Händen.«

So einfach diese Worte gesagt waren, so demütig der junge Priester dastand, so schien der Erzbischof doch betroffen durch einen gewissen eigentümlich selbstbewußten Klang der Stimme des Sprechenden.

Er blickte den Kaplan ernst und streng an.

Dieser stand, ohne eine Bewegung zu machen, vor ihm.

»Man kann Gott auf viele Weise und in jedem Lebensberufe dienen,« sagte der Erzbischof, »wenn man die Pflichten erfüllt, welche die Gebote der Religion festsetzen, – aber man dient ihm am mindesten, wenn man Pflichten übernimmt, welche zu erfüllen die Kraft fehlt. – Hat die junge Gräfin«, sagte er dann, »irgendeinen Kummer, der ihr Herz belastet, der sie dazu treibt, Trost und Erleichterung in der Einsamkeit des Klosterlebens zu suchen? – ist etwa ihre Stellung in der Familie –«

»Gräfin Gabriele wird von ihrem Vater und auch von ihrer Mutter, obgleich diese kälter und zurückhaltender ist, mit der zärtlichsten Liebe auf den Händen getragen«, fiel der Kaplan schnell ein.

»Oder hat sie«, fragte der Erzbischof weiter, »eine Neigung im Herzen, welcher unbesiegbare Hindernisse entgegenstehen?«

»Mir ist von einer solchen Neigung nichts bekannt geworden«, erwiderte der Kaplan, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne den Kopf zu erheben und ohne eine Bewegung zu machen.

Der Erzbischof machte einige Schritte durch das Zimmer.

»Dann geht also der Entschluß nur aus der wirklichen Begeisterung für die Religion und den Dienst der Kirche 268 hervor,« sagte er, vor dem Kaplan stehenbleibend, der seinen Bewegungen mit beobachtenden Blicken gefolgt war, – »und das ist«, fuhr er fort, »der reinste, edelste und Gott wohlgefälligste Beweggrund eines solchen Entschlusses, – besser als Kummer, Verzweiflung und Lebensüberdruß, – aber«, sagte er, den Kopf langsam neigend, – »sie ist noch sehr jung, ein Kind fast, sie darf noch keinen Entschluß fassen, der über ihr ganzes Leben entscheidet, – sie muß Zeit haben, sich ernstlich zu prüfen.«

Er setzte sich nachdenklich in seinen Lehnstuhl nieder.

Ein feindlicher Blick schoß aus den Augen des Kaplans nach dem Erzbischof hin, – seine Lippen zuckten und verzogen sich zu einem häßlichen Lächeln, während er immer gebeugt dastand und mit unruhiger Spannung erwartete, daß der Erzbischof seine Rede fortsetzen würde.

Dieser schien nach einigen Augenblicken seine Gedanken geordnet zu haben.

»Das junge Mädchen soll noch ein volles Jahr«, sagte er, »im Hause ihrer Eltern bleiben und in ihren bisherigen Verhältnissen unverändert fortleben, – ich werde den Grafen bitten, daß er sie während des Winters in die Welt und die Gesellschaft führe und der einsamen Zurückgezogenheit entziehe, – sie soll die volle Empfindung dessen haben, was sie aufgeben will, und auch ihr Herz prüfen, ob es die Kraft habe, dem Reiz der irdischen Liebe, die ohne Zweifel an sie herantreten wird, zu widerstehen, und wenn sie nach Ablauf dieses Jahres, nachdem sie im vollen Strom des weltlichen Lebens gestanden hat, – wenn sie dann noch bei ihrem Entschlusse beharrt, dann mag sie ihr Haupt mit dem Schleier verhüllen, der sie für immer für die Welt sterben läßt, – dann wird ihr Herz stark und freudig sich dem Himmel weihen. Sie aber sollen während dieser Zeit«, fügte er hinzu, »diese kindliche Seele sich selbst überlassen und auf keine Weise auf ihre Entschlüsse einwirken, – nach Ablauf des Jahres werde ich prüfen und entscheiden.«

Der Kaplan zuckte zusammen, sein Gesicht war bleich geworden, seine Lippen zitterten, – mit gewaltsamer Willensanstrengung hielt er sich in seiner gebeugten Stellung und heftete seine Augen fest auf den Boden.

269 »Hochwürdigster Herr,« sagte er mit einem Ton, der schneidend und scharf aus seinem häßlich verzogenen Munde hervordrang, – »wenn nun im Lauf dieses Jahres die Lockungen der Welt Macht gewinnen über dieses junge, jetzt so reine und gottbegeisterte Herz, – wenn dem Himmel ein Rüstzeug verloren ginge, das er sich, wie ich überzeugt bin, ausersehen hat zu großen, herrlichen Offenbarungen, – wenn«, fügte er mit bebender Stimme hinzu, – »die Arbeit verloren wäre, die ich in gläubigem Eifer an die Entwickelung und Bildung dieser Seele gewendet habe! –«

Der Erzbischof sah ihn befremdet an.

»Wenn in diesem Jahre der Selbstprüfung, das ich für die junge Gräfin angeordnet habe,« sagte er mit Betonung, »die Welt mit ihren Freuden und Sorgen wieder Macht über ihre Seele gewinnt, – dann hat sie niemals den wahren Beruf für den Dienst des Himmels gehabt, – dann ist es besser, sie bleibt in ihrem Lebenskreise und sucht sich durch die Ausübung der irdischen Pflichten des Weibes der Gnade Gottes würdig zu machen.«

Er hatte ruhig und sanft, aber doch mit einer gewissen befehlenden Bestimmtheit gesprochen, welche andeutete, daß er sein letztes Wort gesagt und daß die Unterredung beendet sei.

Aber der Kaplan veränderte seine Stellung nicht. Auf seinem tief herabgeneigten Gesicht zuckten Blitze leidenschaftlichen Hasses und Zornes, – er atmete einige Male tief und schwer, als wolle er die mächtige Gährung in seinem Innern gewaltsam beherrschen, dann sprach er, die Stimme noch mehr als sonst dämpfend, um deren feindlichen, fast grimmigen Ausdruck nicht hervortönen zu lassen:

»Darf ein guter Hirt ein Lamm, das er in seiner Obhut hat, den Wölfen preisgeben und dann erwarten, daß Gott ein Wunder tun solle, um es zu retten? – Wenn nun der Keim einer irdischen Liebe in dem Herzen der Gräfin ruhte, – müßte er nicht wachsen und treiben, wenn sie in die Welt eintritt, und wenn dort dieser Keim täglich neuen Sonnenschein und neue Nahrung erhielte, – während im kühlen Schatten heiliger Einsamkeit ihre Seele frei bliebe von allem Einfluß weltlicher Gefühle?«

270 »Sie haben mir gesagt,« erwiderte der Erzbischof kurz, – »daß das Herz der Gräfin frei von aller Neigung sei.«

Der Kaplan preßte einen Augenblick die Lippen aufeinander, als suche er eine Antwort.

»Wer vermag die innersten Tiefen eines jungen weiblichen Herzens vollständig zu ergründen?« sagte er dann, – »der Keim irdischer Lust liegt in jeder Menschenbrust, – und ich habe geglaubt,« fuhr er mit lauterem und bestimmterem Ton fort, »daß es die heilige Aufgabe der Diener der Kirche wäre, aus würdigen und auserwählten Herzen solche Keime, die ja zugleich auch Keime der Sünde sind, zu entfernen, um dem Dienste des Himmels würdige Gefäße zu bilden. Ich habe geglaubt,« sprach er, das Haupt erhebend und den bisher niedergeschlagenen Blick scharf und durchdringend auf den Erzbischof richtend, »daß in unseren Zeiten, in welchen von allen Seiten her die Feinde der Kirche heranstürmen, in welchen alle weltlichen Mächte, untereinander verbündet, die Tempel und Altäre bedrohen, – daß in diesen Zeiten die Priester der Kirche alles aufbieten müssen, um immer mehr glaubensstarke Seelen für den unmittelbaren Dienst Gottes zu gewinnen, – ich habe geglaubt, daß es meine Pflicht als Priester sei, da eine solche reine und begeisterte Seele mir entgegentrat, sie so viel, als ich es vermochte, vor der Berührung der Welt zu hüten und sie so schnell als möglich ihrem heiligen Berufe zuzuführen.«

Der Erzbischof blickte kalt und streng auf den Kaplan, der weiche und sanfte Ausdruck verschwand vollständig von seinen scharfgeschnittenen Zügen und er sprach mit einem Ton, der jeden Widerspruch ausschloß:

»Sie haben geirrt, – in gutem Glauben geirrt, – unsichere und unklare Seelen in übereiltem Entschluß dem Dienste der Kirche zuzuführen, bringt derselben keinen Gewinn, – ich habe Ihnen meinen Willen verkündet, – ich werde auch dem jungen Mädchen und ihren Eltern dasselbe sagen, – gehen Sie hin und tun Sie, wie ich geboten.«

Der Kaplan richtete den Kopf empor, über sein vom Zorn verzerrtes Gesicht flammte eine helle Röte, seine 271 blitzenden Augen sprühten Flammen, seine weißen Zähne traten spitz und scharf unter den geöffneten schmalen Lippen hervor und mit einer rauh und heiser klingenden Stimme sprach er:

»Und wenn nun diese Seele, die ich für den Himmel gewann, an die Welt verloren geht, – wenn meine Arbeit umsonst war und ich ihre Frucht nicht aufweisen kann, wie wird man in Rom vor dem Stuhle des Heiligen Vaters darüber urteilen? Wollen eure erzbischöfliche Gnaden dort die Verantwortung für den Verlust tragen, den die Kirche erleiden kann und den ich nicht verschuldet habe, – wollen Sie, hochwürdigster Herr, dort mein Verdienst, das Verdienst eines armen, niedrigen Priesters, das Sie mir heute nehmen, zu Anerkennung und Geltung bringen?«

Der Erzbischof richtete sich hoch auf. Ein durchbohrender Blick voll Hoheit und Würde traf den vor Erregung bebenden Pater, und er sprach, leicht die Hand mit dem Fischerring gegen ihn erhebend:

»Großer Eifer im Dienst der Kirche ist löblich, – selbst wenn er zu weit geht in glaubensvoller Begeisterung, – wenn dieser Eifer aber sich selbst als Verdienst betrachtet, – wenn er Lohn und Anerkennung sucht, – wenn er zur Verletzung der ersten und heiligsten Priesterpflicht, des Gehorsams, führt, – dann ist er fehlsam und strafbar.«

Der Kaplan hatte seine Aufregung gewaltsam niedergekämpft, – er wollte sprechen.

»Schweigen Sie!« rief der Erzbischof laut und befehlend, – »erwarten Sie die Buße, die ich über Sie verhängen werde, – und hüten Sie sich, – hüten Sie sich, gegen meine Befehle zu handeln!«

Er winkte mit der Hand, – der Kaplan verbeugte sich, die Hände über der Brust gefaltet, demütig und ging hinaus.

Als sich die Tür des Vorzimmers hinter ihm geschlossen, blieb er einen Augenblick stehen. Ohne sich ganz aus seiner gebeugten Haltung aufzurichten, wendete er den Kopf zurück, ein unbeschreibliches Lächeln fuhr wie ein düsteres Wetterleuchten über sein Gesicht, – er erhob die geballte Hand und flüsterte mit leiser, zischend aus den Lippen hervordringender Stimme.

272 »Den Gehorsam für uns, – die wir die Fußschemel ihrer Macht und Herrlichkeit sein sollen; – nur Geduld, ihr stolzen Kirchenfürsten, – der übermütige Trotz auf eure bischöfliche Gewalt wird auch gebrochen werden, eure hochgetragenen Häupter werden in den Staub gebeugt werden, wenn man von euch auch den Gehorsam fordern wird, – es ist wahrlich Zeit, daß die Geißel der Zucht über euch geschwungen werde!

»Und diese Seele,« fuhr er, mit glühenden Blicken, tief aufatmend fort, – »die ich mir gebildet und geformt, – die ich mir erzogen zu einer schönen, süßen und verborgenen Blüte meines Lebens, – sie sollte mir entrissen werden, – sie sollte in dem großen Garten der Welt für andere blühen, – für andere, denen das Leben alle seine Freuden bietet, während mir nur die Entbehrung, die Entsagung bleibt! –

»Nein, – nein,« sagte er, die Hände auf die Brust pressend und seinen schlanken Körper in sich zusammenschmiegend, – »nein, – sie ist mein, – und niemand soll sie mir entreißen!«

Er warf noch einen Blick voll Haß und wilder Drohung nach der Tür zurück und ging dann leisen Schrittes über den Korridor nach seiner Wohnung hin.

Der Erzbischof hatte seinen Beschluß der Gräfin Gabriele mitgeteilt und sie hatte denselben mit der demütigen Ergebung entgegengenommen, welche bei dieser frommen und tiefgläubigen Seele dem Willen des hohen Kirchenfürsten gegenüber natürlich war.

Der Graf und die Gräfin Spangendorf dankten dem Erzbischof auf das innigste für die von ihm getroffene Entscheidung, welche wenigstens die Möglichkeit offen ließ, daß ihr geliebtes Kind von seinem düsteren Entschluß zurückkäme und dem Leben der Welt und der Familie erhalten bliebe.

Bevor man sich zu dem späten Diner begab, zu welchem mehrere der Familie nahestehende große Grundbesitzer der Umgegend und einzelne Freunde aus Düsseldorf geladen waren, hatte der Erzbischof den Grafen Franz aufgefordert, mit ihm einen Spaziergang durch den Park zu machen, um, 273 dem Wunsche der Eltern entsprechend, auch in der Herzensangelegenheit des jungen Mannes seinen Rat geben zu können.

Graf Franz stieg mit sehr gemischten und durcheinander wogenden Gefühlen an der Seite des hohen Prälaten die Schloßtreppe nach dem Park hinab. Er fühlte, daß der Erzbischof, dem sein Vater jedenfalls alles, was seine Familiensorgen betraf, anvertraut hatte, mit ihm über seine Liebe und deren Wünsche und Hoffnungen sprechen würde, – er scheute dies nicht, denn er fühlte sich kräftig und stark, auch selbst der Ermahnung aus so ehrwürdigem Munde gegenüber das Gefühl seines Herzens zu verteidigen. Dann aber gedachte er auch des Auftrags, welchen der Kardinal Monaco ihm gegeben und zu dessen Ausführung sich hier eine so unmittelbare Gelegenheit bot. Aber gerade dieser Auftrag, der ihm früher so ehrenvoll erschienen war, der seinen Geist so freudig beschäftigt hatte, drückte ihn jetzt nieder und engte sein Herz in angstvoller Beklemmung ein. Es erschien ihm fast als ein vermessener Frevel, daß er, der junge Mensch ohne Weltkenntnis und Erfahrung, prüfend und urteilend diesem hochbegabten Würdenträger der Kirche gegenübertreten sollte in einer der hochwichtigsten Fragen des kirchlichen Lebens. Er zweifelte, daß er jemals die Kühnheit haben werde, das Gespräch mit dem Erzbischof auf die Gegenstände zu führen, über welche er in Rom berichten sollte, und er zweifelte noch mehr daran, daß dieser in Alter und Stellung ihm so hoch überlegene Mann jemals ihm, dem geistig fast Unmündigen gegenüber ein solches Gespräch annehmen werde.

Mit würdevoller Freundlichkeit nahm der Erzbischof, als sie unter die Allee des Parks getreten waren, die Herzensangelegenheit des jungen Mannes auf. Er ließ sich von demselben genau und eingehend über das Leben, die Vergangenheit und Verhältnisse seiner Geliebten berichten, er ermahnte ihn ernst, seine Gefühle scharf zu prüfen und auch über die Würdigkeit seiner Geliebten, welche er aus fremden Verhältnissen, aus einem fremden Lande in seine Familie einführen wolle, ohne Leidenschaft, ohne Illusion sich Klarheit zu verschaffen.

274 Und der junge Graf schilderte in so glühender Begeisterung, mit so tiefinnigem Gefühl alle Eigenschaften derjenigen, welcher er die ganze Liebe seines Herzens geweiht hatte, er erzählte so ausführlich, so eingehend von ihrem Leben und all ihren Verhältnissen, zeigte so viel festes und unerschütterliches Vertrauen zu seiner Geliebten, daß der Erzbischof, indem sein Blick wohlgefällig auf dem schönen jungen Mann ruhte, mehrmals leise das Haupt neigte, als ob in seinem Inneren die Zustimmung zu dem Wunsche des Grafen mehr und mehr Platz gewänne.

Als der junge Mann seine Mitteilung beendet, sagte der Erzbischof mit sanfter Stimme:

»Einem so wahren, innigen und tiefen Gefühl, wie es aus Ihren Worten spricht, entgegenzutreten, mag ich nicht unternehmen. Ein solches Gefühl muß seinen eigenen Weg gehen, und wenn es zu Schmerzen und Leiden führt, so kommen dieselben aus der Hand desjenigen, der die Gefühle der guten, frommen und gläubigen Herzen beherrscht, und werden auch bei ihm Trost und Linderung finden. Ich will also nicht weiter gegen Ihren Wunsch sprechen, aber auf eins muß ich Sie aufmerksam machen, nicht, als ob es ein unübersteigliches Hindernis wäre, aber dennoch muß es beachtet und erwogen werden: das ist die tiefe Kluft des Standesunterschiedes zwischen dem Sohne des Grafen Spangendorf und der Tochter des niederen Volks eines fremden Landes. Ich bin ein Priester der Kirche, vor deren heiligem Altar die Bettler und die Könige gleich sind, und welche mit gleicher Liebe alle Stände umfaßt, dennoch aber haben die Unterschiede, welche tausendjährige Rechte, Sitten und Gewohnheiten zwischen den verschiedenen Menschenklassen aufgerichtet, ihre berechtigte Bedeutung. Und Sie müssen sich prüfen, ob Sie sich stark genug fühlen, auf die Dauer allen den Vorurteilen gegenüberzutreten, denen Sie auch bei der Zustimmung Ihres Vaters und Ihrer Familie in der Welt begegnen werden, in der Sie geboren sind und bis jetzt gelebt haben.«

»Hochwürdigster Herr,« erwiderte Graf Franz, »nach dem Erbrecht der Erstgeburt, welches in meiner Familie herrscht und welches ich als ein segenvolles Mittel zur 275 Erhaltung der Familie verehre, fällt die ganze Besitzung unseres Hauses an meinen Bruder, und was mein Vater mir hinterlassen, was mein Bruder mir gewähren kann, ist nur wenig, sehr wenig im Verhältnis zu dem Namen, den ich trage, – ich muß, um diesem Namen Ehre zu machen und ihn auch äußerlich würdig zu vertreten, mir selbst eine Stellung in der Welt erwerben. Damit aber, wie ich glaube, hochwürdigster Herr, erwächst mir auch das Recht, mein Glück mir selbst zu gründen und aufzubauen, wie ich es verstehe und erfasse, und mich nicht von Vorurteilen beengen und beschränken zu lassen, für welche in meiner Lebensstellung mir kein Ersatz geboten wird. Ich stehe im Dienst Seiner Heiligkeit des Papstes und ich hoffe, in diesem Dienst mir eine Karriere und eine geachtete und würdige Stellung zu schaffen. Darin wird mir meine Verbindung mit der Tochter des römischen Volkes nicht hinderlich sein und ich darf sogar annehmen,« fügte er schnell hinzu, »daß meine Wünsche in den dort maßgebenden Kreisen Billigung und Unterstützung finden werden, – eine Andeutung des Kardinals Monaco läßt mich das hoffen.«

Der Erzbischof warf einen schnellen, scharfen Blick auf das bewegte Gesicht des jungen Mannes. Ein Gedanke schien in ihm aufzusteigen.

»Sie stehen dem Kardinal Monaco näher?« fragte er langsam.

»Nicht näher,« sagte Graf Franz mit einer gewissen Verlegenheit, »wie könnte das der Fall sein zwischen dem jungen, unbedeutenden Offizier und dem so hochstehenden Fürsten der Kirche? Der Kardinal ist gnädig gegen mich und hat mir zuweilen die Ehre erzeigt, sich mit mir zu unterhalten. Und das macht mich glücklich,« fuhr er in warmem Tone fort, während der Blick des Erzbischofs forschend auf ihm ruhte, denn ich bin tief durchdrungen von Bewunderung und Verehrung für jene gewaltige, die Geister beherrschende und die Herzen durchdringende Macht, welche in Rom, diesem heiligen Mittelpunkt der die Welt umfassenden Kirche, sich vereint. Als ich zuerst dorthin kam, war ich geblendet von dem hellen, schimmernden Licht, das mir entgegenstrahlte. Allmählich habe ich mehr und mehr gelernt, 276 dieses Licht wie durch ein Prisma zu betrachten, sein mächtig überwältigender Strom teilt sich in verschiedene Strahlen, und diese Strahlen, wenn sie reiner und schärfer erkennbar werden, sind doch darum nicht minder glänzend, nicht minder erwärmend und belebend. Und, hochwürdigster Herr,« fuhr er in überströmendem Gefühl fort, »wenn die ganze Welt dieses so vielfarbige, herrliche Licht empfinden könnte, das von dem Thron des Heiligen Vaters ausstrahlt, wie bald würde aller Zweifel, aller Abfall verschwinden! Aber,« sagte er traurig, »wie matt, wie gebrochen dringt dieses Licht durch die auf und nieder wallenden Nebel nach den Fernen hin! Welcher Segen, welches Glück wird die Welt durchströmen, wenn alle Hirten der katholischen Völker sich um den Stuhl St. Peters vereinigt haben werden, um sich selbst mit seiner heiligen Ausströmung zu erfüllen und dieselbe wieder zurückzutragen in ihre Gebiete!«

Der Erzbischof blickte in tiefem Ernst sinnend zu Boden.

»Mein junger Freund,« sagte er dann, indem er einen Augenblick stehenblieb und das Auge mit einem liebevollen, fast wehmütigen Blick auf den Grafen richtete, »ich freue mich Ihrer jugendlichen Begeisterung für unsere heilige Kirche und für den glänzenden Mittelpunkt ihrer Gliederung, aber ich glaube nicht, daß das reine, ewige Himmelslicht des Glaubens durch die Entfernung gebrochen und geschwächt werde. Dies Licht strahlt uns hier im kalten Norden ebenso hell und warm als dort, wo der reine blaue Himmel sich über der Kuppel von St. Peter wölbt. Aber freilich,« fuhr er fort, indem er, wie seinen eigenen Gedanken folgend, zu den hohen, herbstlichkahlen Bäumen hinaufblickte, »jene vielfarbigen, blendenden und schimmernden Lichter, welche den Thron des Apostelfürsten umspielen, sie dringen nicht bis zu uns her, sie sind nicht für unsere Sinne und unsere Luft gemacht, darum aber ist der Glaube hier nicht schwächer, – vielleicht ist er noch inniger, noch treuer und überzeugungsvoller.«

»Aber wenn erst,« rief Graf Franz, wie von einem plötzlichen Entschluß bewegt, »wenn erst, hochwürdigster Herr, durch das Konzil die volle Einheit der Kirche wiederhergestellt sein wird, wenn das Wort des Heiligen Vaters mit 277 seiner unfehlbaren Wahrheit von neuem die ganze katholische Welt durchdringen wird und jene herrlichen, das Herz erwärmenden und begeisternden Strahlen die ganze Welt erfüllen, dann werden die Mächte der Welt sich wieder von neuem in Demut beugen dem siegreichen Gebot der festgeeinigten Kirche.«

Es zuckte einen Augenblick in eigentümlicher Bewegung über das Gesicht des Erzbischofs. Er erhob leicht die Hand und schien ein ernstes Wort der Erwiderung sprechen zu wollen, da fiel sein Blick auf das jugendliche, fast noch kindliche Gesicht des Grafen – und seine Lippen schlossen sich wieder, seine Hand sank herab und seine Augen ruhten lange mit sinnendem Ausdruck auf dem jungen Mann.

»Die Kirche, mein junger Freund,« sagte er dann, »ist einig und gleich für die ganze Erde, und ihr Mittelpunkt ist der Heilige Vater auf dem Stuhl des Apostelfürsten, der erste unter den Bischöfen, den Priester und Laien in tiefer Demut verehren als den obersten Hirten, als den Wächter und Beschützer des Glaubenshortes und der Gnadenmittel der Kirche, – so«, fuhr er fort, indem sein Blick sich zum Himmel erhob, – »so ist auch die Sonne nur ein einziges und einiges Gestirn, dessen Strahlen aus dem einen brennenden Herd auf die Urwälder der Tropen und auf die Eisberge des Pols herableuchten, in die tiefen Schluchten sich senken und die Gipfel der Berge vergolden. Überall rufen diese Strahlen treibendes und blühendes Leben hervor, – aber dies Leben gestaltet sich verschieden, – so tausendfältig anders und verschieden, je nach dem Boden, aus dem es hervorwächst. Derselbe Strahl desselben Tagesgestirns, der den Keim der schlanken Palme weckt, daß er den zum Himmel aufwachsenden Riesenbaum emportreibt, – der den Kelch der Lotosblume öffnet, – er ruft auch unsere Bäume und Blumen aus dem Schoß der Erde, – er läßt auf den Schneeflächen des Nordens die zierlichen Moose wachsen und schmückt die starrenden Gipfel der Felsen mit Alpenrosen und Edelweiß. Der himmlische Lichtstrahl erweckt überall das Leben, überall blüht es aus dem irdischen Staub unter dem Kuß des Lichts dem Himmel entgegen, – aber es kann nur treiben und blühen, was der 278 Schöpfer in seiner ewigen, unerforschlichen Weisheit in den Staub als Lebenskeim gelegt hat, – er aber, der große Herr und Vater der Welt, hat an des Mooses unscheinbar niedrigem Gewächs die gleiche Freude wie an der glühenden Pracht der Blätter und Blüten des reichen Südens.

»Sehen Sie,« sprach er weiter, »diese mächtige Eiche, – den Baum unseres deutschen Vaterlandes, – der fest und stark seine Wurzeln in unsere Erde treibt, können Sie ihn behandeln wie die Orangenbäume, die unter dem sonnigen Himmel Italiens wachsen, – oder können Sie jene Bäume hier in das Land der rauhen Winde verpflanzen?«

In tiefer Bewegung hörte Graf Franz dem Erzbischof zu; bei dessen letzten Worten wendete er sich zu der mächtigen tausendjährigen Eiche, welche an der Seite der Allee stand und ihre breiten Zweige mit dem wenigen gelben Laube weit umher ausdehnte. Er sah den großen königlichen Baum in tiefe Gedanken versunken an, als fände er in dessen kräftiger Verästung die Erläuterung zu den Worten des Erzbischofs.

Dieser, den der Gegenstand über die Grenzen des Raums und des Augenblicks fortgerissen zu haben schien, fuhr langsam fort:

»Die Sonne mit ihren belebenden Licht- und Wärmestrahlen, das ist die einige heilige katholische Kirche, der Boden mit den so verschiedenartigen Keimen, den sie bestrahlt und befruchtet, – das sind die Völker der Erde, – ebenso tausendfach verschieden in ihrem Wesen wie die Erde, auf der sie leben, und wie die Bäume und Blumen, welche diese Erde emportreibt. Wie die Sonne nichts anderes aus dem im irdischen Staube ruhenden Keim hervorziehen kann, als was des Schöpfers Hand in denselben hineingelegt, so kann auch die Kirche nur das aus den Völkern machen, wozu sie ihrer Natur nach berufen sind, – auch die Blüten der menschlichen Seelen sind verschieden, – und auch über alle diese so verschiedenen Blüten hat Gott die gleiche Freude«, sprach er, indem ein mildes, liebevolles Licht von seinem Gesicht strahlte.

»Und über diese Keime, über ihre Entwicklung zu wachen, sie nach ihrer Eigenart zu pflegen und zu behüten,« 279 fuhr er dann fort, – »das ist die Aufgabe der Bischöfe, die wie kluge und sorgsame Gärtner jeder Pflanze die Bedingungen ihres Lebens, ihrer schönsten und reichsten Entfaltung gewähren müssen, – aber die niemals imstande sein werden, sie alle nach einer gleichen und unabänderlichen Art zu behandeln.«

»Hochwürdigster Herr,« rief Graf Franz lebhaft, – »wie soll ich Eurer erzbischöflichen Gnaden danken, daß Sie von Ihrer Höhe zu mir herabsteigen und mit so einfachen und doch so lichterfüllten Worten mir den Blick für die heiligen Wahrheiten öffnen, die mir verborgen waren?«

Der Erzbischof ließ das Auge, das noch immer aufwärts gerichtet zum Himmel emporgeblickt hatte, sanft auf den jungen Mann herabsinken.

Mit eindringendem, warmem Ton sagte er:

»Das Licht der Kirche, mein Sohn, welches überall die menschlichen Seelen zur Blüte des Glaubens und der christlichen Liebe entwickeln soll, strömt von dem Stuhl des Heiligen Vaters aus, – aber dieser lichtvolle Mittelpunkt der Kirche ist umgeben von so vielen Elementen, welche die Lebensbedingungen ihrer eigenen Existenz auf weitentfernte, selbständige und eigenartige Verhältnisse übertragen möchten und welche die Macht der Kirche zu stärken glauben, indem sie das Leben der Völker überall nach gleicher Norm und Regel lenken, – indem sie die Bischöfe aus freien Hirten der Kirche zu willenlosen Werkzeugen ihrer Herrschaft machen wollen, – indem sie versuchen,« fügte er mit einem Lächeln voll sanfter, feiner Ironie hinzu, »den Eichbaum zu behandeln wie die Orangen und die Palmen.«

Er trat zu dem Grafen heran und legte die Hand auf dessen Schulter.

»Sie sind,« sagte er, »vor vielen anderen ausgerüstet mit heiliger, eifriger Glaubenstreue, und wo der rechte, wahre und lebendige Glaube ein Herz erfüllt, da ist auch Erleuchtung und klarer Blick vorhanden, – darum glaube ich, daß Sie ein Verständnis haben für die Lage und das Bedürfnis der Kirche in unserer Zeit. Sie haben mit Ihrem jungen, empfänglichen Blick den Farbenschimmer gesehen, der das strahlende Licht der Kirche in seinem Mittelpunkt 280 umgibt, – Sie sind geblendet worden von dem so vielschimmernden Glanz, – aber Sie haben noch die reine Empfindung nicht verloren für das einfache, wirklich belebende und erwärmende Licht der ewigen Wahrheit, Sie werden es verstehen, daß die katholischen Völker und ihre Hirten sich zwar in tiefer Demut beugen vor dem Regiment, das der Heilige Vater über die Kirche führt als Nachfolger des Apostels, zu dem der Herr sprach: ›Weide meine Schafe!‹ – aber Sie werden auch verstehen,« fuhr er mit erhöhtem Ton fort, indem sein Auge in stolzem Feuer aufleuchtete, »daß die Völker von ihren eigenen Hirten jenem ewigen Licht zugeführt werden müssen, und daß diese Hirten nicht in der schwierigen Ausübung ihrer Pflichten bis in die kleinsten Dinge hinein von denen beaufsichtigt und gemeistert werden dürfen, welche sich zu ausschließlichen Trägern und Vertretern des in den Händen des heiligen Vaters ruhenden Kirchenregiments machen möchten, – und welche«, sprach er noch lebhafter, indem eine leichte Röte sein bleiches Gesicht überflog, – »die dogmatische Unfehlbarkeit der Aussprüche des Heiligen Vaters verkünden wollen, um unter dem Schilde dieser Unfehlbarkeit die freien Hirten der Kirche, – die nationalen Bischöfe zu widerstandslosen Dienern der römischen, der italienischen Kurie zu machen.

»Ich freue mich,« sprach er dann in sanfterem Ton, »daß Sie mehr wie sonst junge Leute Ihres Alters und Standes mit Ihren Gedanken in das innere Wesen des kirchlichen Völkerlebens einzudringen versucht haben, daß Sie sich so tief haben durchdringen lassen von der Überzeugung der Notwendigkeit einer einigen, die Welt umfassenden Kirche, – aber, mein junger Freund, – vergessen Sie niemals, daß nur das einfache, reine Licht der Kirche gemeinsam sein kann, nicht das bunte prismatische Farbenspiel, welches den Herd jenes Lichtes umgibt, und,« – fügte er ernst und feierlich hinzu, »vergessen Sie nie, daß unsere deutsche Eiche deutschen Boden und deutsche Luft verlangt und niemals von römischer Gartenkunst nach den Regeln behandelt werden kann, welche für Myrten und Orangen gelten, – wenn sie nicht verkümmern, – von Wucherpflanzen erstickt werden – und absterben soll.«

281 Graf Franz ergriff in tiefer Bewegung ehrfurchtsvoll die Hand des Erzbischofs und drückte seine Lippen auf den Fischerring.

»O ehrwürdigster Herr,« rief er, – »tief und unauslöschlich gräbt sich Ihr Wort in meine Seele, – ich werde niemals diesen Augenblick vergessen, – ich werde der Eiche treu bleiben und dem heiligen Boden des Vaterlandes, auf dem sie erwächst! – und, – o mein Gott!« rief er in überströmendem Gefühl, – »ich kam hierher, – um – ich muß Ihnen sagen –«

Der Erzbischof wehrte mit der Hand ab.

»Sagen Sie mir nichts, mein Sohn, – denken Sie über alles nach, was ich Ihnen gesagt, – ich habe Ihnen viel Wichtiges und hoch Bedeutungsvolles ausgesprochen, was noch nie einem Jüngling gegenüber auf meine Lippen getreten ist, weil ich Sie für hochbegnadigt an Glauben wie an der aus dem Glauben sprießenden Erkenntniskraft halte. Durchdringen Sie sich mit den Wahrheiten, für welche ich Ihnen den Blick geöffnet, – und wenn Sie,« fügte er mit kaum merklicher Betonung hinzu, – »wenn Sie Gelegenheit haben, – wie Sie mir gesagt, – von großen Würdenträgern in der Umgebung des Heiligen Stuhles gehört zu werden, – so sprechen Sie die Wahrheit, welche Ihre Seele durchdringt, frei und offen aus, – Gott wirkt oft Großes durch die Schwachen, – wenn jene Wahrheit dort erkannt wird, so wird großes Unheil, große Bedrängnis von der Kirche abgewendet werden können.«

Graf Franz legte wie beteuernd die Hand auf die Brust, – der Erzbischof machte segnend das Zeichen des Kreuzes gegen ihn, – dann wendete er sich zur Rückkehr nach dem Schlosse und berührte auf dem ganzen Wege die bisherigen Gegenstände ihrer Unterhaltung nicht mehr, sondern sprach in leichter, gefälliger Weise von allen möglichen verschiedenen Gegenständen in kurzen, treffenden Bemerkungen, bald ernst, bald heiter, – immer aber das Nachdenken des jungen Mannes anregend und dessen Blicken neue und interessante Gesichtspunkte öffnend.

Eine Stunde später versammelte sich die Familie mit ihren Gästen zum Diner in dem großen Saale des Schlosses, 282 und was das sonst so einfache gräfliche Haus an Pracht und Glanz entwickeln konnte, war aufgeboten worden zu Ehren des hochverehrten Erzbischofs. Alles war heiter und glücklich, – der Graf und die Gräfin, weil sie ohne Zweifel und Bedenken ihre Zustimmung zu den Wünschen ihres jüngeren Sohnes hatten geben können, nachdem ihr ältester Erbe ihnen die seit lange wie ein eigenes Kind geliebte Nichte als seine künftige Gemahlin zugeführt, – weil sie sicher waren, ihre Tochter Gabriele wenigstens ein Jahr noch bei sich zu behalten, und weil sie hoffen konnten, dieselbe während dieser Zeit von ihrem entsagungsvollen Entschluß zurückzubringen. Graf Franz war glücklich über die Erfüllung seiner Wünsche, – aber über seinem von reiner Freude strahlenden Gesicht lag eine Art von ernster, feierlicher Verklärung und oft blickte er, in tiefem Nachsinnen leise die Lippen bewegend, vor sich nieder, – auf wiederholte Anrede erst emporfahrend und die an ihn gerichteten Worte beantwortend.

Graf Xaver und Fräulein Josephine aber, deren Verlobung vor dem Diner proklamiert war und deren Ringe der Erzbischof mit wenigen herzlichen Worten geweiht hatte, waren ein Bild lachenden, sonnigen Glückes, sie flüsterten miteinander in scherzender Neckerei, – oft in fröhlichem Streit sich entzweiend und ebenso oft wieder mit liebevollen Blicken und flüchtig verstohlenem Händedruck sich versöhnend.

Der Leutnant von Rothenstein war auf die dringende Einladung des Grafen zum Diner wieder herausgekommen, – er saß in düsterem Ernst da, seufzend blickte er auf das junge glückliche Paar hinüber, und nur selten streifte sein traurig verschleiertes Auge die junge Gräfin Gabriele, welche, ganz weiß gekleidet, ruhig, still und ergeben dasaß und die Blicke nur aufschlug, um sie voll andächtiger Verehrung auf den Erzbischof zu richten, der in der Mitte der Tafel durch seine in reicher, geistvoller Vielseitigkeit und mit feinem, attischem Witze geführte Unterhaltung alle entzückte und belebte.

Der Kaplan saß stumm und demütig am unteren Ende der Tafel, kaum die Speisen berührend und nur von Zeit zu Zeit ein Glas mit klarem Wasser an seine Lippen führend.

283 Als die Tafel beendet war, strahlte Fackelglanz vom Garten herauf. Es waren die Einwohner von Rensenheim und den umliegenden Ortschaften, welche gekommen waren, um dem Oberhirten ihrer Diözese ihre Verehrung zu bezeigen.

Zugleich begann ein vollstimmiger Männerchor, verschiedene Lieder zu singen, welche in ihrem Inhalt mehr oder weniger Bezug auf die Anwesenheit des Kirchenfürsten hatten.

Der Erzbischof trat aus Fenster, den in ihrer einfachen Ausführung so schönen und so innig ergreifenden Klängen lauschend. Die übrigen gruppierten sich hinter ihm.

Da ertönte nach einer vorhergehenden kurzen Pause die volle vierstimmige, allbekannte Melodie des Arndtschen Liedes: »Was ist des Deutschen Vaterland?« – die Töne drangen voll und rein herauf, – und laut und deutlich stieg es zum dunklen Abendhimmel empor:

»Das ganze Deutschland soll es sein!«

In leichter, wie unwillkürlicher Bewegung wendete der Erzbischof sein Haupt und eine Sekunde ruhte sein Blick auf dem Grafen Franz, der in seiner Nähe stand.

In dem Auge des jungen Mannes leuchtete ein Blitz des Verständnisses auf, – er neigte den Kopf und leise wiederholten seine kaum bewegten Lippen die Worte:

»Das ganze Deutschland soll es sein!«

Dann schwieg der Gesang.

Der Erzbischof trat ganz an die Brüstung des Fensters vor und erhob die Hand.

Alle diese Männer, Weiber und Kinder da unten auf dem Plan vor dem Schlosse in ihren Sonntagskleidern, überstrahlt von dem roten Licht der Fackeln, sanken auf die Knie nieder und langsam, würdevoll und feierlich machte der Erzbischof das Segenszeichen des Kreuzes über die kniende Menge.

Dann erloschen die Fackeln, der Platz vor dem Schloß wurde leer, – der Erzbischof zog sich zurück und die Gäste, welche nicht über Nacht in Rensenheim blieben, verabschiedeten sich von ihren Wirten.

284 Herr von Rothenstein trat zu Gabriele.

»Ich sage Ihnen Lebewohl, Gräfin,« sprach er mit bebender Stimme, – »die Verhältnisse meiner Güter in Schlesien erfordern meine Anwesenheit dort, – ich habe einen Urlaub genommen, – denke aber nicht mehr zurückzukehren und mich zu dem ersten Kürassierregiment in Breslau versetzen zu lassen, um meinen Besitzungen näher zu sein. Ihr Bruder, der nächste Freund, den ich bei dem hiesigen Regiment hatte, wird sich verheiraten und in Rensenheim wohnen, – ich würde also hier wieder einsam sein, – einsam,« fügte er düster hinzu, – »wie ich es immer war – und immer sein werde –«

»Leben Sie wohl, Gräfin,« sagte er abbrechend, – »und seien Sie glücklich, – mögen Sie alle Freude des Lebens dort finden, wohin Ihr Herz sich gewendet.«

Sie hatte zitternd, mit niedergeschlagenen Augen ihm zugehört.

Bei seinen letzten Worten schlug sie die Augen erstaunt und fragend zu ihm auf, als verstehe sie nicht, was er sagen wolle.

»Leben Sie wohl«,wiederholte er und reichte ihr die Hand.

Diese Hand war kalt, – kalt die ihrige, die sie zögernd erhob und in die seinige legte.

Er drückte einen Augenblick ihre schlanken Finger so heftig, daß sie fast schmerzhaft zusammenzuckte, – sie schloß die Augen, – ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie sprechen – aber schon hatte er ihre Hand losgelassen und mit tiefer Verbeugung sich abgewendet. Er sah den Blick nicht, den sie ihm nachsendete und der ihn vielleicht zurückgerufen hätte, – er fühlte nur den kalten, eisigen Händedruck, – er fühlte die weiße Rose auf seiner Brust, die wie eine Totenblume auf dem Grabe seiner Hoffnungen ruhte, – er konnte es nicht sehen, daß in der Tiefe ihres Herzens die rote Rose der Liebe ihren Kelch öffnete, diese rote Rose, welche Gott erblühen ließ und welche gebrochen werden sollte, um sie tot und welk auf den Altar ihres Schöpfers als Opfer niederzulegen.

Einsam, in starrem Schweigen, ritt er durch die Nacht nach Düsseldorf zurück, – einsam lag das junge Mädchen auf ihrem Lager, ihre Tränen benetzten das Kissen, – in 285 ihren unruhigen Träumen erschien ihr das Bild der heiligen Jungfrau mit den Schwertern im Busen, – sie legte eine rote Rose zu den Füßen der Mutter Gottes nieder, – aber diese Rose war ihr Herz, ihr zuckendes Herz, all ihr Blut hatte sein purpurnes Leben in dies aus der Brust gerissene Herz geströmt und von eisiger Todeskälte durchdrungen sank sie vor der Heiligen zu Boden.

 

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