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Kreuz und Schwert

Oskar Meding: Kreuz und Schwert - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleKreuz und Schwert
authorGregor Samarow
year1920
firstpub1875
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleKreuz und Schwert
pages672
created20100906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Der Graf Wedel saß einige Tage darauf in seinem Zimmer im Hotel de l'Europe an der Ecke der Asperngasse zu Wien mit seiner Gemahlin beim Frühstück.

Die Gräfin, eine schlanke junge Dame von feinen, geistvollen Gesichtszügen, mit dunklen, unter scharfen und schöngeschwungenen Brauen hervorblickenden Augen, lag, in einen weiten Morgenrock gehüllt, auf dem Sofa, an welchem der elegant servierte Frühstückstisch stand. Ihr bleiches Gesicht trug die Spuren schwer überstandener Krankheit: körperliches Leiden und der Kummer über den Verlust ihrer Kinder hatten schmerzvolle Linien um ihren Mund gezogen, aber ihre Augen blickten glänzend und voll Mut und Entschlossenheit zu ihrem Gemahl hinüber, der ihr gegenübersaß und mehrmals schon die Tasse mit dem duftenden Tee erhoben hatte, ohne sie an die Lippen zu bringen.

Die hohe, kräftige Gestalt des Grafen schien gebrochen, düster blickte er vor sich nieder, eine fast gleichgültige, schmerzliche Resignation lag auf seinen gramvollen Zügen.

»Laß dich nicht niederdrücken, laß den Mut nicht sinken«, sagte die Gräfin mit einer durch ihre Krankheit etwas matten, 210 aber doch festen und energischen Stimme. »Die Hand des Schicksals hat uns schwer getroffen, wir haben die Freude unseres Lebens, unsere Kinder, verloren, aber du hast alle Klarheit deines Geistes, alle Festigkeit deines Willens nötig, um den Kampf für deinen Namen und deine Ehre durchzuführen. Du darfst in diesem Augenblick nicht an unseren persönlichen Schmerz denken, Gott hat ihn uns auferlegt, Gott wird uns Trost senden, aber in dem Kampf gegen die Feinde, die deine Ehre angreifen, kann niemand dir helfen als du selbst. Darum sei fest und mutig, du wirst und mußt siegen, denn das Recht ist auf deiner Seite, – ich werde nicht müde werden, dir Trost und Mut einzusprechen.«

Sie reichte, sich etwas aufrichtend, ihre zarte, krankhaft durchsichtige Hand dem Grafen über den Tisch hin, die derselbe mit inniger Zärtlichkeit an die Lippen führte.

»Du hast recht,« sagte er, »ich darf mich nicht beugen lassen, ich muß alle meine Kraft zusammennehmen, um diesen Kampf durchzuführen. Aber,« fuhr er fort, indem er aufstand, und mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, »es gehört wahrlich eine fast übermenschliche Anstrengung dazu, um nach so schweren Erschütterungen unter diesen neuen Schlägen nicht zusammenzubrechen. Was ist in diesen wenigen Jahren aus uns geworden?« rief er, an das Fenster tretend und mit starren Blicken in das lebhafte Menschentreiben auf der Jägerzeile hinausblickend. »Wir lebten glücklich in unserer Heimat, in unserem Hause, und nun verbannt, vernichtet, in den Staub getreten von denen, von denen ich doch wenigstens Rücksicht und Teilnahme zu erwarten berechtigt gewesen wäre. Oh, wäre ich daheimgeblieben, wie so viele andere, hätte ich mich schweigend gebeugt unter die neuen Verhältnisse!«

»Kannst du bereuen,« fragte die Gräfin mit leicht vorwurfsvollem Ton, »getan zu haben, was die Pflicht der Dankbarkeit, was deine Ehre von dir forderte? Kannst du bereuen, dem Könige, dem du im Glück so nahe standest, in die Verbannung gefolgt zu sein?«

»Ja,« rief der Graf mit lauter Stimme, indem die starken Züge seines schönen Gesichts in mächtiger Erregung zitterten, »ja, ich bereue es, – denn wohin hat es mich 211 geführt? Ich habe gehandelt,« fuhr er mit bitterem Ton fort, »wie meine Ehre mir zu handeln gebot. Wohin ist meine Ehre vor der Welt gekommen? Ich habe getan, wozu die Dankbarkeit mich verpflichtete, ich habe meine Heimat, mein Glück geopfert, – und welchen Dank gibt man mir dafür? – Doch das wollte ich verschmerzen, denn ich habe nicht Lohn und Anerkennung gesucht, aber daß man es wagt, meine Ehre und meinen guten Namen anzutasten, das ist zuviel, das bricht meine Kraft, das wirft mich nieder.«

Er trat an den Tisch, seiner Gemahlin gegenüber, und indem seine Blicke starr und schmerzvoll auf ihrer zarten Gestalt ruhten, fuhr er mit dumpfem Ton fort:

»Wohin hat es mich geführt, daß ich der Stimme der Ehre allein Gehör gab gegen alle Rücksicht auf meine persönlichen Interessen, gegen den Rat vieler Freunde? Ich bin meinem Könige ins Unglück gefolgt, dafür bin ich von den preußischen Gerichten zu zehnjährigem Zuchthaus verurteilt, und soweit die preußische Macht reicht, bin ich geächtet unter der Last einer entehrenden Strafe, und nun sendet der König, dem ich alles geopfert, mir meinen Abschied auf Grund einer Untersuchung, die ein früherer Subalternbeamter und ein junger Professor geführt haben, – man gibt mich damit jeder Verdächtigung, jeder Verleumdung preis, und während ich auf preußischem Gebiet wenigstens von einem ordentlichen Gerichtshof verurteilt bin, gegen dessen Spruch ich noch rekurrieren kann, wenn ich mich persönlich stelle, so bin ich durch dies Verfahren in den Augen der übrigen Welt moralisch verurteilt, ohne ein Mittel der Rechtfertigung, ohne eine Appellation.«

Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder und stützte den Kopf in die Hände.

»Und es wäre besser,« fragte die Gräfin mit sanftem Ton, »wenn das alles nicht geschehen wäre, wenn du den inneren Vorwurf in dir tragen müßtest, die Pflicht versäumt zu haben, welche ein treuer Diener seinem Herrn, welche ein wahrer Edelmann seinem Könige schuldig ist? Glaube mir, mein teurer Freund,« sagte sie mit strahlendem Blick, »solange du das Bewußtsein in dir trägst, recht gehandelt zu haben, kannst du stolz und frei dein Haupt 212 erheben. Der wahre Wert eines Mannes wird nicht durch das Urteil der Welt bestimmt, nur in seiner eigenen Brust finden seine Taten ihre Richter, und besser ist es bei Gott, von der ganzen Welt verkannt und verleumdet zu sein, als vor sich selber erröten zu müssen.«

Der Graf stand auf, trat zu seiner Gemahlin hin und faßte ihre beiden Hände in die seinigen.

»Ich danke dir,« sagte er mit tiefbewegter Stimme, »du gibst mir den Mut und den Glauben an mich selbst wieder. Und ich danke Gott,« fügte er mit tiefem Gefühl hinzu, indem er die Hände der Gräfin an seine Lippen führte, »daß er dich mir gegeben, denn allein würde ich der schweren Last erliegen, welche diese Zeit auf mich wälzt.«

Er stand einige Augenblicke schweigend vor der Gräfin, welche mit glücklichem Lächeln leuchtenden Blickes zu ihm hinübersah.

»Noch ist ja nicht alles verloren,« sagte sie dann, »der König hat ja das von dir beantragte Ehrengericht genehmigt, – wenn dasselbe zusammentritt, so wird sein Spruch dich vor jeder Verdächtigung und Verleumdung schützen, und wenn du aus der Verbannung zurückkehren willst in die Heimat, so bin ich überzeugt, daß auch das preußische Gericht bei einer Wiederaufnahme deines Prozesses den harten Spruch aufheben wird, der über dich in deiner Abwesenheit gefällt worden ist. Laß uns also Mut und Gottvertrauen haben; solange wir zusammenstehen und aneinander glauben, läßt sich auch das Schwerste ertragen.«

Ein Kellner des Hotels trat ein.

»Es sind zwei Herren da, welche den Herrn Grafen zu sprechen wünschen«, sagte er.

Erstaunt blickte Graf Wedel auf. Er hatte sich in dieser Zeit von aller Welt isoliert und schien nicht begreifen zu können, wer ihn, den vom Unglück so schwer Getroffenen, jetzt aufsuchen könnte.

»Lassen Sie die Herren eintreten«, sprach er.

Der Kellner öffnete die Tür und der Bankier Leo Herzel, ein Mann von feinen, intelligenten und scharfen Zügen, trat in das Zimmer. Ihm folgte der Rechtsanwalt Doktor Mauthner.

213 Beide verneigten sich tief vor der Gräfin, welche sich ein wenig aufrichtete, um ihren Gruß zu erwidern, und drückten dann dem Grafen herzlich die Hand.

»Wir kommen«, sagte der Bankier Herzel, »im Auftrage des Verwaltungsrats der Wiener Bank, um Ihnen, Herr Graf, die aufrichtige Teilnahme desselben an dem schmerzlichen Unglück auszusprechen, welches Sie durch den Verlust Ihrer Kinder betroffen. Wir sind glücklich,« fügte er hinzu, »daß wir die Ehre haben, die Frau Gräfin hier zu finden, um auch ihr unsere aufrichtigste und innigste Teilnahme ausdrücken zu können.«

Die Gräfin neigte dankend den Kopf und warf ihrem Gemahl einen Blick zu, welcher ihre ganze Freude über die kundgegebene Teilnahme ausdrückte.

Graf Wedel rollte zwei Sessel für die Herren heran. Dieselben setzten sich neben den Tisch und Doktor Mauthner fuhr fort:

»Wir wollten Sie zugleich bitten, Herr Graf, daß Sie zur Bank kommen möchten und sich an unseren Geschäften beteiligen. Dies wird das beste Mittel sein, um Sie von Ihrem Schmerz abzuziehen, Tätigkeit und Arbeit stärken die Seele und bewahren sie vor dem Versinken in Trauer und Schwermut.«

»Sie wissen, meine Herren,« erwiderte Graf Wedel, »daß ich mich an der Bank nur im Auftrage und Vertretung des Königs von Hannover beteiligt habe. Ich habe nach den letzten traurigen Ereignissen meinen Dienst beim Könige aufgegeben und bin daher nicht mehr in der Lage, die von ihm mir übertragenen Funktionen eines Verwaltungsrats auszuüben. Ich denke mich vollständig von den Geschäften und von der Welt zurückzuziehen,« fügte er seufzend hinzu. »Doch«, sagte er dann, »bin ich ein wenig erstaunt über Ihre gütige Aufforderung, mich weiter an den Geschäften der Wiener Bank zu beteiligen. Besteht denn die Bank noch, oder vielmehr, wird sie weiter bestehen? Ich glaubte, daß die über dieselbe hereingebrochene Katastrophe ihr ein Ende machen würde und daß es sich nur noch um die Form der Abwicklung der Geschäfte handle.«

»Wir haben die Hoffnung,« erwiderte Herr Herzel, »die 214 Existenz der Bank zu sichern oder dieselbe wenigstens zu einer für alle Teile befriedigenden Liquidation zu führen. Und auch über diese Geschäfte wollten wir mit Ihnen sprechen, Herr Graf«, fügte er mit einem Seitenblick auf die Gräfin hinzu.

»Wenn ich die Herren störe –« sagte diese, indem sie einen Versuch machte, sich zu erheben.

»Nicht doch,« rief der Graf, »ich habe vor meiner Frau keine Geheimnisse. Meine Herren, sprechen Sie offen, was haben Sie mir zu sagen?«

»Wir stehen in Unterhandlung mit dem Könige,« sagte Doktor Mauthner, sich gegen die Gräfin verneigend, »er hat sich geneigt erklärt, zehntausend Stück Aktien von den zwanzigtausend, welche wir auf Ihren Protest hin freigegeben haben, uns zur Disposition zu stellen.«

»Und damit läßt sich alles ausgleichen?« fragte Graf Wedel.

»Ich fürchte, nicht«, erwiderte Herr Herzel. »Wir werden vielmehr, wie ich besorge, noch eine größere Summe vom Könige verlangen müssen, bevor wir den Vergleich mit ihm abschließen. Außer der Verlegenheit, in welche uns die Zurückziehung Ihres persönlichen Guthabens, Herr Graf, setzt, haben wir noch einen bedeutenden Ausfall dadurch zu erleiden, daß der Zahnarzt Faber sich entschieden weigert, das Defizit zu zahlen, welches ihm nach den von ihm gemachten Geschäften der Bank gegenüber zur Last fällt, – ein Defizit, das sich etwa auf siebenmalhunderttausend Gulden beläuft. Wir tragen nach unseren Verhandlungen mit dem Könige und nach dessen uns kundgegebenen Intentionen Bedenken, diese Forderung gegen Herrn Faber mit den äußersten Mitteln geltend zu machen.«

»Um Gottes willen,« rief Graf Wedel rasch, indem er die Hand ausstreckte, »nein, nein, das geht nicht, das darf nicht geschehen, – lieber alles andere, –Sie wissen nicht –«

»Wir wissen genug,« sagte Doktor Mauthner mit ruhiger Stimme, »um in dieser ganzen Sache mit der äußersten Rücksicht vorzugehen. Indessen auf irgendeine Weise müssen die Verlegenheiten beseitigt werden, und mit den zehntausend Aktien, welche der König uns zur 215 Disposition stellt, wird das nicht in genügender Weise geschehen können. Indessen«, fuhr er fort, »wissen wir auch sehr wohl, daß der König der Bank helfen muß, daß er es nicht zum Einschreiten der Gerichte kommen lassen darf. Denn«, fügte er hinzu, »im äußersten Falle haben wir genügendes Material in den Händen, um, so leid es uns tun würde, eine sehr entschieden zwingende Pression auszuüben.«

Graf Wedel blickte einen Augenblick sinnend vor sich nieder, dann schlug er den Blick zu seiner Gemahlin auf, welche demselben entgegenkam, und glänzenden Auges, als habe sie den Gedanken ihres Mannes verstanden, leicht den Kopf neigte.

»Und glauben Sie,« fragte der Graf, »daß die Bank sich halten oder daß wenigstens ein Eklat vermieden werden kann, wenn ich den Protest wegen meines persönlichen Guthabens fallen lasse?«

»Wir würden dann«, erwiderte der Bankier Herzel, »den Ausfall der Faberschen Forderung leichter ertragen können und uns dem Könige gegenüber mit den zehntausend Aktien, die er zur Disposition gestellt hat, zu begnügen in der Lage sein.«

»Nun wohl,« sagte Graf Wedel schnell, »so lasse ich denn meinen Protest fallen. Ich kann unter keiner Bedingung zugeben, daß der König noch irgendwelche Verluste in dieser Sache habe. Ich will nicht, daß die Welt sagen könne, der König habe Opfer gebracht, während ich mir Vorteile vorbehalte. Ich erkläre mich mit Freuden bereit, alle meine Forderungen an die Wiener Bank fallen zu lassen und meine bei der Bank deponierten Kapitalien zum Besten des Instituts zu verwenden, wenn die Herren mir im Namen des Verwaltungsrats versprechen wollen, keine Ansprüche irgendwelcher Art an den König mehr zu machen. Es ist meine Pflicht, den König vor jedem Verlust zu schützen und zugleich meiner Verantwortung den Aktionären gegenüber, denen mein Name im Verwaltungsrat eine Garantie bieten sollte, im weitesten Sinne nachzukommen. Ich bitte Sie, meine Herren, diese meine Erklärung als bestimmt und gültig anzunehmen. Haben Sie 216 die Güte, dieselbe in rechtsverbindlicher Form aufzusetzen, ich werde sie sofort vollziehen. Dieselbe muß aber an die ausdrückliche und bestimmte Bedingung geknüpft sein, daß die Bank vom Könige nichts mehr zu fordern sich verpflichtet.«

»Doktor Mauthner wird die Erklärung sogleich aufsetzen und Ihnen zusenden«, sagte Bankier Herzel, indem er aufstand und dem Grafen die Hand reichte. »Erlauben Sie mir, Herr Graf,« fuhr er mit bewegter Stimme fort, »Ihnen meine aufrichtigste Anerkennung Ihrer so noblen Handlungsweise auszusprechen. Was Sie soeben getan haben, ist nicht geschäftsmäßig, aber obgleich ich ein reiner Geschäftsmann bin, so habe ich doch Verständnis für die hochherzige Handlungsweise eines Kavaliers wie Sie, und ich muß Ihnen sagen, daß ich in meiner ganzen finanziellen Erfahrung noch nie einer ähnlichen Handlung begegnet bin. Der König von Hannover ist wahrhaft glücklich zu preisen, daß er solche Diener hat wie Sie, die ihm in die Verbannung gefolgt sind. Viele Herrscher auf dem Thron können sich solcher Hingebung und Aufopferung nicht rühmen.«

Graf Wedel seufzte tief und schmerzlich.

»Ich hätte besser der ganzen Finanzwelt fernbleiben sollen; da ich mich aber einmal in diese Sache gemischt habe und in diese Katastrophe geraten bin, muß ich mich auch aus derselben so herausziehen, daß mein Gewissen mir das Zeugnis gibt, der Pflicht und Ehre gemäß gehandelt zu haben.«

Die Gräfin blickte mit dem Ausdruck freudiger Zustimmung zu ihrem Gemahl hinüber.

Die beiden Herren wechselten noch einige Worte und empfahlen sich dann.

»Wie glücklich trifft es sich,« sagte die Gräfin, als sie das Zimmer verlassen, »daß diese Gelegenheit sich bietet, um deine Ehrenpflicht dem Könige und den Aktionären gegenüber so voll und ganz zu erfüllen, daß auch nicht der leiseste Vorwurf dich treffen kann! Jetzt muß wenigstens jedermann sehen, daß keine eigennützigen Motive dich geleitet haben. Und wenn du wirklich in der Form etwas versäumt haben solltest, wenn das Ehrengericht 217 zusammentritt, wird dein Name von jedem Makel, von jedem Schatten eines Verdachts gereinigt dastehen.«

Graf Wedel ging in finstern Gedanken auf und nieder.

»Und wenn man nun,« sagte er, vor seiner Gemahlin stehenbleibend, »wenn man nun in Hietzing vielleicht gerade diesen meinen Verzicht so zu deuten versuchte, als habe ich durch denselben meine Verschuldung wieder gutmachen wollen, als hätte ich etwas abzubüßen?« –

»Welcher Gedanke!« rief die Gräfin, »du siehst zu schwarz! Wenn es Menschen gäbe, die niedrig genug dächten, eine solche Insiunation zu versuchen, glaubst du, daß der König derselben zugänglich sein könnte?«

Graf Wedel schwieg.

»Früher hätte ich nein geantwortet,« sagte er dann, »die letzte Zeit hat meine Gedanken und Anschauungen verwirrt. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, ich weiß nicht, ob Briefe und Darstellungen an den König richtig gelangen. Er scheint mir wie mit einer chinesischen Mauer umgeben und niemand kann zu ihm herandringen. Der arme Herr – wenn es so fort geht, wird er bald allein dastehen, von allen getrennt, die ihn geliebt und ihm gefolgt sind.«

Ein Schlag gegen die Tür ertönte. Einer der jungen hannöverischen Emigranten, welche den Ordonnanzdienst in Hietzing versahen, trat ein und überbrachte dem Grafen ein großes versiegeltes Schreiben.

»Ein Brief aus Gmunden,« sprach er, »der soeben angekommen und sogleich dem Herrn Grafen überbracht werden soll.«

Und mit kurzem militärischen Gruß entfernte sich der Soldat wieder.

Fast zitternd hielt Graf Wedel das Schreiben in seiner Hand. Dann öffnete er langsam das Siegel und durchflog den kurzen Brief, der eine größere Anlage hatte.

»Der Geheime Kabinettsrat teilt mir mit,« sagte er, nachdem er den Inhalt des Schreibens durchflogen, »daß der König das von mir beantragte Ehrengericht genehmige und sendet mir das von Seiner Majestät festgestellte Statut über die Zusammensetzung desselben.«

Er reichte der Gräfin das Schreiben, während er selbst 218 die Anlage entfaltete und neben dem Tisch sich niedersetzend aufmerksam deren Inhalt durchlas.

»Siehst du,« sagte die Gräfin, »daß mein Vertrauen gerechtfertigt war? Der König bietet dir bereitwilligst den Ausweg, um deine Ehre von jedem Vorwurf zu reinigen – es konnte ja nicht anders sein.«

Forschend und erwartungsvoll blickte sie auf ihren Gemahl, welcher in die Lektüre des Schriftstückes vertieft war.

Immer finsterer zogen sich seine Augenbrauen zusammen, sein Gesicht wurde bleich, seine Lippen bebten, in raschen Zügen stieß er den Atem aus seiner schwer arbeitenden Brust, mehrmals fuhr er mit der Hand über die Stirn und blickte starr auf das Papier in seiner Hand, als traue er seinen Augen nicht.

»Nun,« fragte die Gräfin unruhig und besorgt, »was hast du, was bewegt dich? Es ist ja doch der beste, ja vielleicht der einzige und von dir selbst vorgeschlagene Ausweg, um alles ins gleiche zu bringen.«

Der Graf warf das Papier heftig auf den Frühstückstisch.

»Das ist eine Komödie,« rief er, »eine unwürdige Komödie, welche ersonnen ist, um den Mord meiner Ehre zu sanktionieren!«

»Mein Gott,« rief die Gräfin erschrocken, »wie ist das möglich? Du täuschest dich.«

»Ich täusche mich?« rief der Graf mit bitterem Hohn, – »nun, ich werde dies Statut Mauthner vorlegen – ich bin selbst nicht Jurist, – er wird das besser erkennen – du wirst sehen, was er sagt.«

Traurig blickte die Gräfin vor sich nieder, indem sie ihre zarten weißen Hände faltete.

»Und wenn deine Besorgnis gerechtfertigt ist, – wenn das Vertrauen, das mich bis zu diesem Augenblick erfüllte, getäuscht ist, – was denkst du zu tun?« fragte sie.

»Was ich zu tun denke?« rief der Graf heftig, »nach Hannover will ich zurückkehren, ich will mich den preußischen Gerichten stellen und meinen Hochverratsprozeß wieder aufnehmen lassen. Ich will bei den Feinden die Gerechtigkeit suchen, die ich bei dem Könige nicht finden kann, mit dem ich Verbannung und Unglück geteilt. Aber meinen 219 Protest,« rief er dann in heftiger Aufwallung, »will ich nicht zurücknehmen. Ich will diesem Hohn gegenüber, mit dem man mich behandelt, keine Opfer bringen. Ich will –«

»Halt, mein Freund,« sagte die Gräfin, »deine Erbitterung reißt dich hin. Sie ist gerecht, sie ist natürlich, aber sie darf deine Handlungen nicht bestimmen, und sie wird es nicht, sobald du ruhig darüber nachdenkst. Daß du nach Hannover zurückkehren willst, um dich den preußischen Gerichten zu stellen, ist recht. Niemand kann es dir verdenken, nach dem, was vorgefallen ist. Ich bin überzeugt, daß man dir, wenn du zurückkehrst, freundlich entgegenkommt und kein hartes Urteil über dich sprechen wird, und wir werden die alte Heimat, die Ruhe und den Frieden wiedergewinnen, – aber deinen Verzicht zurücknehmen, – das wirst du nicht, – das kannst du nicht wollen.«

»Und warum nicht?« rief er, »was bin ich dem König schuldig, der mich so behandelt, der mir höhnisch einen Stein statt des Brotes reicht, der meine Ehre vernichten will, nachdem ich ihm meine Lebensstellung und mein Vaterland geopfert?«

»Frage nicht, was du dem Könige schuldig bist,« sagte die Gräfin sanft, »frage nur, was du dir selber schuldig bist. Dir aber bist du schuldig, deiner würdig zu bleiben, und wenn der König, durch seine Umgebung verblendet, nicht als König handelt, so mußt du als braver Edelmann handeln, und was für dich bestimmend war, als du vorhin mit den Herren sprachst, das muß es auch jetzt noch sein, nachdem der König dein Recht dir verweigert. ›L'honneur pour moi‹, heißt der alte Spruch, ihm gemäß mußt du handeln. Und du wirst es,« sagte sie mit zuversichtlichem Ton, indem sie sich mit einiger Mühe aufrichtete und auf den Arm stützte, »dein feines und richtiges Gefühl für alles, was groß und gut ist, kann auf einen Augenblick von gerechter Entrüstung verwirrt werden, aber es wird sich stets wieder zurechtfinden.«

»Das wird es,« rief der Graf, indem ein warmes Licht seine Züge überstrahlte, »das wird es, wenn ich eine solche Führerin zur Seite habe.«

220 Und er eilte zu ihr hin und drückte mit inniger Zärtlichkeit die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, an seine Brust.

Nach einem kurzen Klopfen trat der Doktor Mauthner wieder in das Zimmer.

»Ich bringe die Urkunde, Herr Graf,« sagte er, »durch welche Sie die Wiener Bank autorisieren, Ihre bei derselben deponierten Kapitalien zum Besten der Bank zu verwenden, und darf Sie bitten, dieselbe zu unterzeichnen.«

»Ist die Bedingung darin aufgenommen,« fragte der Graf, »daß man keine Ansprüche irgendwelcher Art mehr an den König erheben will?«

»Deutlich und bestimmt,« erwiderte Doktor Mauthner, »wie Sie es verlangt haben.«

Er reichte das Schriftstück dem Grafen Wedel.

»Sie wissen,« sagte dieser, »daß ich von dem Könige ein Ehrengericht verlangt habe, um über mein Verhalten bei der Bankangelegenheit zu urteilen, welches den böswilligsten Verdächtigungen ausgesetzt ist, die von Hietzing aus immer neu genährt werden. Man hat mir dieses Ehrengericht gewährt,« fuhr er mit kaltem, ruhigen Ton fort, »hier ist das Statut desselben, wollen Sie die Güte haben, es durchzulesen und mir Ihre Meinung darüber zu sagen.«

Er reichte dem Doktor Mauthner das Statut des Ehrengerichts und durchlas dann seinerseits aufmerksam das ihm überbrachte Verzichtsdokument. Dann trat er an einen neben dem Fenster stehenden Schreibtisch, ergriff eine Feder und setzte mit festen kräftigen Zügen seinen Namen unter dasselbe.

Doktor Mauthner hatte das Statut durchflogen.

»Um Gottes willen,« rief er, »Sie werden sich doch keinem Ehrengericht nach diesem Statut unterwerfen! Sie sind von vornherein verurteilt, wenn Sie das tun, das ist ja ein wahres Kunstwerk spitzfindig ersonnener Fallen für Sie.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, mit dem Finger auf einzelne Stellen des Schriftstücks deutend, »man gewährt Ihnen ein Ehrengericht, aber die Personen, welche dasselbe bilden, sollen von Hietzing ernannt werden und sollen 221 nach den ihnen dort vorgelegten Akten urteilen, ohne daß Ihnen die Möglichkeit einer eingehenden Verteidigung gelassen wird, ohne daß Sie Ihrerseits das Recht haben, die Vorlegung von Akten und Dokumenten zu verlangen, welche man«, fügte er höhnisch hinzu, »dort etwa nicht zu produzieren für gut finden sollte. Doch damit nicht genug,« fuhr er fort, indem das Papier in seiner vor Aufregung bebenden Hand zitterte, »die Fragen, welche dem Ehrengericht vorgelegt werden sollen, beziehen sich auf keinen bestimmt bezeichneten Tatbestand, auf keine klar ausgesprochenen Anschuldigungen. Das Gericht soll nur ganz allgemein sich darüber erklären, ob Ihr Verhalten den Anforderungen der Ehre Ihres Standes entspreche. In der Tat sehr klug ausgesonnen,« sagte er mit immer steigender Bitterkeit, »damit werden Sie vollkommen dem subjektiven und persönlichen Urteil der von Hietzing ausgewählten Personen unterworfen. Es wird nicht eine bestimmte Handlung, nicht eine bestimmte Verschuldung festgestellt, über die die Welt ebenfalls zu urteilen imstande sein würde, wenn sie tatsächlich erwiesen ist, sondern es wird eben nur eine Beurteilung ausgesprochen, deren Fundament niemand kennt.

Doch es kommt noch besser. Sie sollen sich vorher durch Ehrenwort und Unterschrift verpflichten, gegen jedermann über alles, was bei dem Ehrengericht verhandelt wird, zu schweigen. Wenn Sie also freigesprochen würden, und man es in Hietzing nicht für gut fände, dies bekannt zu machen, so würden Sie Ihrerseits niemals in der Lage sein, ein freisprechendes Urteil veröffentlichen zu können. Diese geheime Verhandlung, dies geheime Urteil, das Ihnen auch die Appellation an die Öffentlichkeit und an den gesunden Menschenverstand abschneidet, ist in der Tat die Krone des ganzen Machwerks, das in seinem Abgrund von Raffinerie, Tücke und Arglist alles überbietet, was man je den Schülern des heiligen Ignaz von Loyola zugeschrieben hat.«

»Nein, lieber Doktor,« sagte der Graf, »seien Sie ganz ruhig, ich werde mich einem solchen Ehrengericht nicht unterwerfen, – ohne Jurist zu sein, habe ich doch sofort 222 erkannt, daß ich dadurch für immer vernichtet würde. Ich werde nach Hannover zurückkehren und mich den preußischen Gerichten stellen,« fügte er mit bitterem Hohn hinzu, »dort werde ich wenigstens klares Recht und Gesetz und Freiheit für meine Verteidigung finden.«

»Aber alles, was die Bankangelegenheit betrifft,« rief der Doktor Mauthner, »und alle Verdächtigungen, denen Sie ausgesetzt sind und die sich noch immer steigern werden, dies alles muß an die weiteste Öffentlichkeit gehen, – wenn man so mit Ihnen verfährt, haben Sie wahrlich keinen Grund, irgend etwas zu schonen.«

»Wenn man mich zum Äußersten treibt,« sagte Graf Wedel still und traurig, »werde ich freilich auch das tun müssen und meine Handlungsweise vor den Richterstuhl der Öffentlichkeit und aller ehrlichen Leute stellen, aber bis es zum Äußersten kommt, werde ich noch alles versuchen, was in meinen Kräften steht, um Recht von meinem Könige zu erlangen. Es wird ja vielleicht doch noch möglich sein, den ehernen Ring zu durchbrechen, den man um ihn gezogen, und den Weg zu seinem Ohr und zu seinem Herzen zu finden.

Hier das Verzichtsdokument.«

Erstaunt nahm Doktor Mauthner das Papier.

»Sie haben es vollzogen?« fragte er, auf die Unterschrift des Grafen blickend.

»Gewiß,« erwiderte Graf Wedel, »es enthält ja alles, was es nach unserer Verabredung enthalten sollte.«

»Sie haben dies Verzichtsdokument vollzogen?« fragte Doktor Mauthner, indem er den Grafen mit großen Augen ansah, »vollzogen, nachdem Sie dies Statut erhalten haben? Herr Graf,« sagte er, indem er mit seinen beiden Händen die Hand des Grafen ergriff, »wenn Sie je meiner bedürfen, wenn ich Ihnen je nützlich sein kann, gebieten Sie über mich. Meine ganze Kraft, meine ganze Tätigkeit steht Ihnen zu Diensten.«

Er sagte nichts weiter. Die Stimme des sonst so ruhigen, kaltblütigen Geschäftsmannes zitterte vor Bewegung. Ein feuchter Schimmer glänzte in seinen Augen. Noch einmal drückte er die Hand des Grafen, dann verbeugte er sich tief vor der Gräfin und ging hinaus.

223 »Und nun«, sagte der Graf zu seiner Gemahlin, »laß uns den Staub von den Füßen schütteln, und so schnell als möglich nach der Heimat zurückkehren. Dort will ich, und wenn es sein muß, im Gefängnis, die bitteren Erfahrungen zu vergessen suchen, die ich hier habe machen müssen; du wirst hoffentlich bald stark genug sein, um die Reise zu ertragen?«

»Morgen, wenn du willst, mein Freund«, antwortete die Gräfin, indem sie mit freundlich schimmerndem Blick das Haupt erhob. »Und laß uns Gott danken, daß er nach all dem Schmerz und dem Kummer dieser Tage uns beieinander gelassen hat und daß wir den stolzen Trost haben, uns sagen zu können, daß wir gehandelt, wie es unsere Pflicht war.«

 

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