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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 7
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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V. Weitere Schriftstellerische Tätigkeit Salzmanns – Konrad Kiefer, der »Deutsche Emil.«

In Schnepfenthal setzt Salzmann trotz seiner starken Belastung als Anstaltsleiter seine schriftstellerische Tätigkeit fort. 1797 erschien von ihm die Schrift »Der Himmel auf Erden«, die besonders beachtet wurde. In ihr will Salzmann nachweisen, daß der Mensch schon auf Erden wahres und reines Glück finden kann, wenn er hier seine Pflicht erfüllt und auf Gott vertraut, das Gute, was er gegenwärtig genießt, nicht verkennt und den lebendigen Glauben besitzt, »daß auch das härteste Schicksal eine Fügung der göttlichen Liebe, ein Erziehungsmittel sei, wodurch Gott des Menschen Geist auszubilden und zum Genuß der Seligkeit immer fähiger zu machen suche«.

Unter seinen zahlreichen in Schnepfenthal verfaßten pädagogischen Schriften ist das in dieser Ausgabe abgedruckte »Ameisenbüchlein« am bedeutendsten. Als deutsches Gegenstück zu Rousseaus »Emil« ist Salzmanns Erziehungsroman »Konrad Kiefer oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Kinder« interessant. Dies Buch soll die positive Ergänzung zu Salzmanns »Krebsbüchlein« sein. Konrad Kiefer ist aber nicht ein Sohn vornehmer Eltern, wie Emil, sondern ein Bauernsohn, dessen Erziehung von der Geburt bis zur Hochzeit geschildert wird. Im Gegensatz zu Emil wächst er mitten in der Gemeinschaft auf, in der er einmal wirken soll, also dem Dorfe. Kein fremder Erzieher leitet ihn, sondern seine Eltern, besonders sein Vater, der von dem einsichtigen Pfarrer des Dorfes beraten wird; während Rousseau ohne eigene größere praktische Erfahrung in der Erziehung eigener und fremder Kinder sein berühmtes Buch schrieb, merkt man auf jeder Seite des »Konrad Kiefer«, daß sein Verfasser in der Erziehung seiner eigenen und der ihm anvertrauten Kinder immer seine liebste Pflicht erblickt hat und über eine reiche pädagogische Praxis verfügt. –

Konrad Kiefer wird – wie Emil – von Jugend an planmäßig abgehärtet und naturgemäß einfach ernährt. Sinne und Verstand übt er im vertrauten Umgang mit der Natur, besonders mit den Tieren. Sein Wille wird möglichst durch die natürlichen Folgen seiner Taten gelenkt, doch verschmäht Salzmann nicht ganz positive Strafen. In diesem Roman nimmt Salzmann – hier sichtlich von dem Domherrn von Rochow beeinflußt, dessen ländliche Musterschule in Rekahn er selbst besucht hat und mit dem er in Briefwechsel stand – – Stellung zum Problem der Volksschule. Dazu einige Proben aus »Konrad Kiefer«: Aus Kapitel 25: – Mein Konrad wurde nun 5 Jahre alt, und ich glaubte, daß es Zeit sei, ihn in die Schule zu schicken. Meines Nachbarn Sohn konnte schon buchstabieren, und Konrad kannte das große A noch nicht. Dies war mir verdrießlich.

Ich ging also geschwind zum Herrn Pfarrer und fragte ihn, ob er es nicht für gut hielte, daß ich meinen Sohn in die Schule schickte, damit er das ABC, das Buchstabieren und Lesen lerne.

Der Pfarrer antwortete: Meine Kinder lasse ich vor dem 6. Jahre noch nicht das große A lernen. Kinder müssen erst gewöhnt werden, aus der Natur sich zu unterrichten, ehe man ihnen Bücher in die Hand gibt. Dies geschieht aber in den gewöhnlichen Schulen, auch der unsrigen, nicht. Denn wollte ich die Kinder in der Schule mit der Natur bekannt machen, so würde man aussprengen, ich sei ein Naturalist. Ich gebe daher meinen Kindern den ersten Unterricht selbst, und da ich einen Knaben habe, der mit seinem Konrad im gleichen Alter ist, so wäre es wohl das Beste, wenn er ihn mir zum Unterricht schickte.

Ich ging mit Freuden auf den Vorschlag ein, und der Unterricht ging herrlich von statten. Alle Tage wurde etwas aus der Natur vorgezeigt, betrachtet und darüber gesprochen; bald ein Tier, bald eine Pflanze, bald ein Stein. Es währte nicht lange, so war um unsern ganzen Ort herum fast keine Pflanze, noch Tier, noch Stein, die Konrad nicht zu nennen, wovon er nicht etwas zu erzählen wußte. Dabei bekam er Augen wie ein Falke und sah Dinge, die hundert Leute nicht bemerkten. Zur Abwechslung gab der Herr Pfarrer auch Unterricht über Bilder, wodurch die Seele ganz artig in Tätigkeit gesetzt wurde.

Aus Kapitel 29: Einführung eines neuen Kantors.

Über die Schulzucht. – –
Aus der Einführungsrede des Pfarrers. – Über die Schulzucht in der Volksschule:

»– Der zweite Fehler, den die Schullehrer oft begehen, ist dieser, daß sie die Schuld von dem Ungehorsam der Kinder geradezu ihnen, nicht auch sich selbst beimessen. – Wie ist es denn möglich, daß ein Lehrer mit Vergnügen in der Schule arbeiten kann, der seine Schüler für eine Rotte Bösewichter hält? Lieber Herr Kantor, glauben Sie mir als einem Manne, der viel Kinder erzogen hat, die Kinder sind von Natur keine Bösewichte, der Schöpfer hat sie gut gemacht, vieles, was den Anschein von Ungehorsam, Starrsinn oder Bosheit hat, ist, wenn man es genauer untersucht, weiter nichts als Mutwille und Flatterhaftigkeit, die der Jugend eigen sind, und darüber sich ein vernünftiger Lehrer nie ärgert. Wenn sie aber wirklich ungehorsam und boshaft sind, so muß man die Ursache davon immer in der Art suchen, wie sie von den Erwachsenen behandelt werden. Daß die Kinder oft verdorben in die Schule gebracht werden, daß es dann dem Lehrer sehr schwer fällt, solche Kinder zur Folgsamkeit zu bringen, das ist bekannt. Aber – gar vielmals sind die Lehrer selbst daran Ursache, wenn die Kinder ungehorsam und halsstarrig sind. Wenn die Befehle, die sie gaben, unüberlegt sind, so sträubt sich die menschliche Natur dagegen, und der Mensch, er mag groß oder klein, alt oder jung sein, weigert sich, albernen Befehlen zu gehorchen. – Springen und Laufen ist den Kindern natürlich, es ihnen geradezu verbieten, ist unnatürlich. Die Natur der Kinder empört sich dagegen. Ferner ist es unbedachtsam, daß der Lehrer einen Befehl gibt, den er nicht überwachen kann. Das sicherste Mittel, einen Menschen verstockt und boshaft zu machen, ist – daß man ihm Unrecht tut. –

Freilich weiß ich wohl, daß unerfahrene Schullehrer gegen meinen Rat einwenden werden, man dürfe den Kindern nicht zu viel einräumen, man müsse sich bei ihnen in Autorität setzen; allein das beste Mittel, sich bei Kindern in Autorität zu setzen, ist zuverlässig dieses, daß man sie mit Vernunft behandelt und ihnen nicht eher eine Strafe zuerkennt, bis man sie überzeugt hat, daß sie dieselbe verdient haben. Ich habe Lehrer gekannt, die ihre Kinder braun und blau schlugen, um gewisse Absichten zu erreichen, die sie nie erreichten! und wieder andere, die nach der oben angegebenen Methode ihre Schulkinder behandelten und mit ein paar Worten ihren Zweck sogleich erreichten. Wer Menschen regieren will, lieber Herr Kantor, er sei Kaiser oder König oder Kantor, der muß durch Überzeugung sie zu regieren wissen.

Noch eins muß ich Ihnen sagen, lieber Herr Kantor! Es betrifft die Strafmittel. Das gewöhnliche Strafmittel in der Schule ist der Stock. Dies ist ein sehr hartes Mittel, dessen sich eigentlich niemand bedienen sollte als diejenigen, die Hunde oder Pferde erziehen. Ein Menschenerzieher muß danach streben, immer mehr Herr über seinen Zorn zu werden und eben deswegen muß er es vermeiden, die Kinder zu schlagen. Denn wenn man auf sich selbst Achtung gibt, so wird man finden, daß man durch Schläge den Zorn noch mehr reizt. Wenn der erste Schlag geschehen ist, so kocht das Blut noch heftiger, es folgen gewiß noch zehn andere Schläge, die immer stärker ausfallen. Ist das Schlagen zu Ende, so sieht man gewöhnlich ein, daß man zu hitzig gewesen sei – – –

Ich weiß es gar wohl, daß, solange die Kinder im Elternhause geschlagen werden, sie sich auch schwerlich ohne Schläge in der Schule ziehen lassen. Sie sind stöckisch geworden, achten Vorstellungen, freundliche Worte und Verweise wenig und folgen nur erst dann dem Willen ihrer Vorgesetzten, wenn diese durch einige Hiebe ihnen ihre Stärke fühlen lassen. Unterdessen muß ein guter Schulmann danach streben, daß er die Schläge nach und nach aus seiner Schule wegschaffe.«

Aus Kapitel 32: Reform der Volksschule – Die Schule in Kiefers Heimatdorfe wird mit Zustimmung der Eltern verbessert.

– In der folgenden Woche wurde die Verbesserung eingeführt. Da wurde zuerst gelehrt Naturgeschichte. Die Kinder wurden bekannt gemacht mit den Tieren, Pflanzen, Steinen und Erdarten, die in der Gegend waren. Jedes Kind schrieb dann zu Hause seine Bemerkungen nieder und brachte sie den folgenden Tag zur Durchsicht. Dadurch bekam der Lehrer Gelegenheit, die Kinder in der Rechtschreibung zu üben und ihnen den Nutzen von vielen Pflanzen usw. zu zeigen. Ferner legten etliche Nachbarn Geld zusammen und kauften dafür Landkarten für die Schule. Diese wurden den Kindern erklärt und ihnen die merkwürdigsten Städte, Flüsse, Gewächse und Sitten jenes Landes gesagt.

Endlich wurde ihnen die Geschichte der Deutschen und alles Merkwürdige, was sich sonst in unserem Vaterlande zugetragen hat, erzählt. Die Religion wurde ihnen nach einem gewissen Lehrbuche vorgetragen und mit Historien und Beispielen erläutert, auch wurden hierzu schickliche Verschen diktiert, die sie auswendig lernen mußten. Darüber freuten sich nun jung und alt. Die Kinder gingen noch einmal so gern in die Schule. – – –

Aus Kap. 33. Einführung der Leibesübungen.

Nach der öffentlichen Schulprüfung macht der Pfarrer den Schulinspektoren (Hausvätern aus der Gemeinde!) folgenden Vorschlag: – – –

Wenn wir den Kindern zusehen, so bemerken wir, daß sie selten langsam gehen. Gemeiniglich laufen oder springen sie. Diesen Trieb hat ihnen der Schöpfer eingepflanzt, damit sie sich gehörige Bewegung verschaffen, ihr Blut in Umlauf bringen und alle Gelenke und Muskeln in Tätigkeit setzen sollten. Diesen Trieb sollten wir begünstigen und ihnen recht viel Gelegenheit zum Laufen und Springen verschaffen. Dies geschieht aber gewöhnlich nicht. Wenn Sie nichts dagegen haben, wollen wir der Jugend Gelegenheit zum Laufen, Springen und anderen Leibesübungen verschaffen, und morgen damit den Anfang machen, da eben Examensferien sind. –

Am folgenden Tage kamen fast alle Kinder. Zuerst schlug der Pfarrer vor, daß sie ein Wettlaufen anstellen sollten. Er teilte sie in vier Parteien und zwar so, daß in jede Partei solche kamen, von denen er glaubte, daß sie einander im Laufen ziemlich gleich wären. Dann wurde ein gewisser Baum zum Ziele bestimmt, nach welchem sie laufen sollten. Die erste Partei mußte sich dann in eine Linie stellen, der Herr Pfarrer trat an das Ziel und rief: eins! zwei! drei! dann liefen alle, die zur ersten Partei gehörten, so geschwind sie laufen konnten, und der erste, der zum Ziele kam, erhielt einen kleinen Eichenzweig.

Vom Laufen ging es zum Springen. Die Kinder stellten sich in eine Reihe nacheinander, und auf ein gegebenes Zeichen fingen sie an so zu springen, wie wenn sie über einen Graben setzen wollten. Wer am weitesten springen konnte, erhielt wieder eine Belohnung von Eichenlaub. – – –

In der Folge wurden immer mehr Übungen eingeführt. Es wurden z. B. zwei Stäbe ein paar Schritte weit voneinander gestellt, in die Stäbe waren Löcher gebohrt. In zwei derselben, die gleich hoch von der Erde entfernt waren, wurden Pflöckchen gesteckt und auf diese eine Gerte gelegt. Über diese mußten die Kinder nun springen. –

Die Kinder bekamen darauf auch Springstöcke, mit welchen sie sich in die Höhe heben, viel höher springen und über Gräben setzen konnten; sie lernten ferner auch klettern und an einem dicken Stricke hinaufsteigen. Endlich wurden sie auch im Schwimmen unterrichtet. –

Im Winter mußten diese Übungen freilich eingestellt werden; dagegen wurde desto mehr auf dem Schlitten gefahren und auf dem Eise gelaufen. Wenn dies in einer Stunde geschah, die zu Leibesübungen bestimmt war, so führte ein Lehrer die Aufsicht, und Herr Lindenbaum (der junge Lehrer!) fuhr und lief wohl selbst mit. Es geschah dies auf Anraten des Pfarrers, der immer zu sagen pflegte; Ein Lehrer, der die Liebe und das Zutrauen der Kinder haben will, muß an ihrem Vergnügen so viel als möglich teilnehmen.

Aus Kapitel 40: Fortbildung der schulentlassenen Jugend.

Es ist ein großer Fehler, den man bei allen Handwerksleuten und Bauern antrifft, daß sie glauben, wenn sie aus der Schule wären, so brauchten sie nichts mehr zu lernen und in der Schule lernen sie gemeiniglich so wenig! so wenig! daher kommt die große Unwissenheit, die man gewöhnlich in diesen Ständen findet. Diese große Unwissenheit ist die Ursache, warum sie sich in den meisten Fällen weder zu raten, noch zu helfen wissen; daher rühren ihre Sorgen, ihre Armut, die meisten ihrer Krankheiten, daher kommt es auch, daß sie sich hier und da so gewaltiglich müssen drücken lassen.

(Auf den Rat des Pfarrers bildet sich Konrad durch Lektüre fort.) Der Pfarrer gab die Bücher Konraden in Gegenwart des Vaters und sagte: »Dies ist Nahrung für die Seele. Wir nehmen täglich Nahrung für den Körper zu und tun wohl daran. Denn wenn wir dem Körper nicht immer Nahrung reichten, so würde er bald kraftlos und zu seinen Geschäften untüchtig werden. Mit der Seele ist es ebenso. In diesen Büchern steht viel Gutes, und wenn er es recht versteht und anwendet, so kann er einmal ein wohlhabender Mann werden. Aber – mit Vernunft muß er alles tun. – Es steht auch vieles in den Büchern, was nicht wahr ist, und mancher schreibt von Hopfen – und Flachsbau, der in seinem Leben weder Hopfen noch Flachs gebaut hat. Wenn er also etwas Neues liest, so denke er darüber nach, ob es wahr sein möchte, und – versuche er es erst im kleinen, ob es gut tut, so kann er es nach und nach immer ins Größere treiben.« Die Fortbildung erfolgt außer durch Lektüre auch durch kleine Reisen, die Konrad mit seinen Freunden an Sonntagen unternimmt. – Aus Kap. 42: – Bisweilen reisten diese jungen Leute nun auch in der Nachbarschaft umher und besuchten die umliegenden Dörfer und Güter, gaben Achtung, wie da und dort der Acker- und Gartenbau und die Viehzucht getrieben wurden, und jeder schrieb in ein besonderes Buch, was er auf jeder Reise Neues und Merkwürdiges gelernt hatte. – Konrad kam niemals nach Hause, ohne klüger geworden zu sein. Bald hatte er einen neuen Vorteil bei Trocknung des Klees oder eine andere Art der Düngung usw. wahrgenommen. – Wenn nun die jungen Leute zusammenkamen, so diskutierten sie über das, was sie gesehen und bemerkt hatten und überlegten miteinander, ob es wohl gut und wert sei, daß man es nachtue. So wurden sie immer klüger und trieben ihre Wirtschaft wie vernünftige Menschen, die über alles nachdenken und alles besser zu machen suchen.

Der Roman schließt mit der Hochzeit Konrad Kiefers.

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