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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 6
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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IV. In Schnepfenthal

1784 übersiedelt er mit seiner Familie nach Schnepfenthal. Der Anfang war schwer. Seine Geldmittel sind fast erschöpft, dabei muß er sofort bauen. Alle Arbeit liegt auf ihm. Er ist Erzieher seiner zahlreichen eigenen Kinder (Salzmann hat 13 eigene Kinder großgezogen), Baumeister, Landwirt und Schriftsteller. Noch hatte kein Vater sein Kind der neuen Anstalt anvertraut. Aber mit Zähigkeit, großer Menschenkenntnis und Geschick überwindet er alle Schwierigkeiten. Der Herzog Ernst II. hat ihm vielfach geholfen. Seine Anstalt soll nicht nur eine Schule, sondern vor allem Erziehungsanstalt sein. Die geistigen und körperlichen Anlagen der Zöglinge sollen möglichst harmonisch entwickelt und die Herzen der Kinder in der Ausübung der Tugend geübt und befestigt werden. Gesunde und frohe, verständige und gute Menschen will Salzmann bilden, sie dadurch an sich glücklich machen und sie befähigen, zur Förderung des Wohles der Mitmenschen kräftig mitzuwirken. Salzmann ist wie Rochow der Überzeugung, daß »bis auf ein gewisses Alter der Sohn des Großfürsten wie der des Bauern auf einerlei Art geleitet werden müssen«. Schnepfenthal soll darum nicht auf einen bestimmten Beruf vorbereiten, sondern alles lehren, was ein junger Mann wissen muß, der sich zu den gebildeten Ständen rechnet. Doch nimmt Salzmann bei über zehn Jahre alten Schülern Rücksicht auf Elternwünsche, Anlagen und künftigen Beruf. Künftige Gelehrte können so in die griechische Sprache, Kaufleute in die Buchführung eingeführt werden. Der Religionsunterricht war christlich, aber zunächst für die Angehörigen aller Konfessionen gemeinsam. Erst als Abschluß des Religionsunterrichts gibt es – von Geistlichen der betr. Konfession erteilt – getrennten konfessionellen Unterricht.

Für das Gemeinschaftsleben der Anstalt waren die Schüler in drei Erziehungsklassen eingeteilt: die der Kinder, der Knaben und Jünglinge. »Aus der Klasse der Kinder wird man versetzt, sobald man sich in 30 Minuten fertig anziehen, waschen und kämmen kann, nicht mehr bei jeder Kleinigkeit weint, nicht mehr naschhaft und den Vorgesetzten ungehorsam ist und gut lesen und schreiben kann.« Aus der Klasse der Knaben kam man in die Klasse der Jünglinge, wenn man auf der Meritentafel im Betsaal neben seinem Namen 50 goldene Nägel aufweisen konnte. So ein goldener Nagel wurde feierlich eingeschlagen, wenn der Knabe 50 Fleißbillets aufweisen konnte, die die Lehrer für besondere Beweise von Fleiß und Aufmerksamkeit ausstellten. Jede dieser Ordnungen hatte besondere Rechte und Pflichten, sonst gab es in Schnepfenthal keinerlei Unterschiede zwischen Schülern, während in Dessau an Standes- und Reichtumstagen die Kinder vornehmer oder besonders begüterter Eltern besondere Vorrechte genossen. Über die Grundsätze, nach denen im übrigen die Schnepfenthaler Anstalt aufgebaut und geführt wurde, gibt Salzmann 1784 in seiner Werbeschrift » Noch etwas über Erziehung nebst Ankündigung einer Erziehungsanstalt« Auskunft. Bei einem Vergleich dieser Pläne mit der pädagogischen Wirklichkeit in Schnepfenthal, wie er in der Folge angestellt wird, zeigt sich, wie genau Salzmann seine Pläne zur Ausführung gebracht hat und wie wenig er doch dem Projektenmacher Basedow gleicht.

In den bisherigen Erziehungsanstalten vermißt er

a) die körperliche Erziehung.

»Der Mensch ist kein solches Geschöpf, wie wir die Engel uns denken, sondern ein Wesen, das alle seine Begriffe durch den Körper bekommt und alles, was er hervorbringt, vermittels des Körpers wirkt.«

So wird in Schnepfenthal eine besondere Sorgfalt auf die Förderung der Gesundheit und die Ausbildung des Körpers gelegt. Die gesunde Lage des Ortes, die einfache, aber angemessene Kost, Wanderungen und mannigfache gymnastische Übungen aller Art wie Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen, Reiten usw.: alles trug dazu bei, die Zöglinge zu gesunden und kräftigen Jünglingen heranzubilden; Salzmann kann 1808 mit Genugtuung feststellen, daß kein Zögling bisher in Schnepfenthal gestorben ist. Guts-Muths ist seit 1885, in welchem Jahre er der neuen Erziehungsanstalt in Karl Ritter, dem späteren großen Geographen, den ersten Zögling zuführt, der Gymnastiklehrer der Anstalt. In welchem Geist die körperliche Ausbildung in Schnepfenthal geschah, zeigen die folgenden Ausführungen Guts-Muths: »Wir sind weder Griechen, welche ihr kleines Gebiet unaufhörlich gegen die Anfälle der Nachbarn und der Barbaren zu verteidigen haben, noch Römer, die sich auf die elende Kunst legen, nahe und ferne Nationen zu unterjochen. – Wir sind aber auch keine Athleten, und, unsere Jugend soll sich weder die Zähne einstoßen, noch die Rippen zerschmettern. Wir streben bei diesen Übungen nach Gesundheit, nicht nach Vernichtung derselben, nach Abhärtung, nicht nach der Unempfindlichkeit der Kannibalen; wir ringen nach männlichem Sinne und Mute, nicht nach roher Wildheit und Unbändigkeit. Gymnastik ist die Arbeit im Gewande jugendlicher Freude

b) Die alten Schulen machten die Jugend zu wenig mit der Natur bekannt.

Nur in der Erforschung der Natur kann der Wahrheitssinn entwickelt werden, das Vermögen, sich die Sachen so vorzustellen, wie sie sind. »Ein sechsspänniger Wagen voll Lexica und Kommentarien kann den Mangel dieses Wahrheitssinnes so wenig ersetzen wie Krücken den Mangel gesunder Schenkel.« In Schnepfenthal wird die Jugend in engste Verbindung mit der Natur gebracht. Das entspricht dem angeborenen Trieb der Jugend, die Natur zu beobachten. »Wenn andere Kinder von der Natur gar nichts wissen wollen, so kommt das daher, weil man ihren heftigen Trieb, sie kennen zu lernen, durch allerlei Künsteleien z. B. Vokabeln, Grammatik, Katechismus erstickt hat.«

»An der Natur können alle Kräfte, die Gott uns gab, am sichersten und nützlichsten geübt werden. Willst du dein Gesicht üben, so betrachte aufmerksam bald den Bau der Blume oder eines Insekts, bald eine geräumige Landschaft. Soll dein Ohr vollkommen werden, so lausche auf den Gesang der Vögel und lerne sie an ihren Tönen unterscheiden! Willst du dem Gerüche mehr Vollkommenheit geben, so verschließe die Augen und versuche, ob du nicht eingesammelte Kräuter durch den Geruch voneinander unterscheiden kannst! Strebst du nach körperlicher Stärke, so bearbeite den Garten; wünschest du aber geschickte Finger, so zeichne die Blumen, die in demselben wachsen. Willst du deine Einbildungskraft stärken, so fasse eine schöne Gegend in die Augen, beobachte genau die Mannigfaltigkeiten derselben und die Ordnung, in der sie miteinander verbunden sind! Dann wende dich um und gib dir Mühe, dies Bild in deiner Seele wieder herzustellen. Willst du Ordnung in deinen Gedanken lernen, so beschreibe alles, was du in einer gewissen Gegend bemerkt hast! – Willst du Scharfsinn lernen, so übe dich, die Merkmale zu suchen, durch welche die Gattungen der Dinge voneinander unterschieden sind! Verlangst du Übung in der Abstraktion, so untersuche erst die Ähnlichkeit zwischen dem Roßkäfer und dem Maikäfer, dann zwischen dem Käfer und dem Krebse; weiter zwischen dem Insekt und dem Fische, dann zwischen dem Tiere und der Pflanze u. dgl. Willst du die wahre Philosophie des Lebens erlernen, so spüre den Ursachen nach, aus welchen die Wirkungen der Natur entspringen.« Schnepfenthal ist für einen solchen Anschauungsunterricht durch seine Lage besonders geeignet. »Ich habe ein prächtiges Naturalienkabinett, gegen welches das schönste königliche Naturalienkabinett gar nichts sagen will. – Mein Naturalienkabinett ist die Natur selbst. – Alle Tage gehe ich hinein und suche, was das Merkwürdigste ist.« »Ich habe mein Gebäude sorgfältig so anlegen lassen, daß ich aus demselben den Auf- und Untergang der Sonne und des Monds und der Sterne, die Annäherung des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters sehr bequem beobachten kann. Unsere Wiesen, Äcker, Gärten, Teiche und Bäche, vorzüglich unser Thüringer Wald, liefern uns eine solche Menge von betrachtungswürdigen Gegenständen, daß wir uns nie über Mangel derselben, wohl aber über Mangel der Zeit, sie hinlänglich betrachten zu können, beklagen dürfen. Aus diesem großen Naturalienkabinett extrahieren wir langsam ein kleineres, damit wir von jeder Gattung der Werke Gottes etwas gegenwärtig haben, um es, so oft es nötig ist, betrachten zu können.«

c) Der dritte Hauptmangel in den meisten Schulen und Erziehungsanstalten ist dieser, daß der ganze Unterricht dahin abzielt, die Aufmerksamkeit der Kinder von dem Gegenwärtigen abzuziehen und auf das Abwesende zu lenken.

Fast jeder Unterricht scheint dies zur Absicht zu haben, so Religion, selbst Erdkunde in dem herkömmlichen Betriebe. »Auch die Geschichte legt die letzte Hand an, um die Aufmerksamkeit der Kinder von der Welt, in der sie leben, ganz abzureißen. Sie hebt sie aus der Gesellschaft der Lebendigen und versetzt sie in die Gesellschaft der Toten. Sie lehrt sie, was vor Jahrtausenden geschehen ist, ohne ihnen zu sagen, was gegenwärtig in dem Lande, wo sie wohnen, für Projekte durchgesetzt werden.«

In Schnepfenthal wird dieser Mangel schon durch die enge Verbindung der Zöglinge mit der Natur behoben. »Ein Mensch, der sich früh gewöhnt hat, jede merkwürdige Erscheinung in der Natur, jedes merkwürdige Tier usw. zu bemerken, den kahlsten Berg mit forschenden Augen zu betrachten, ist immer in der Welt, in der er wirklich lebt und webt, hat Empfänglichkeit für jedes gegenwärtige Vergnügen, weiß alles, was um ihn ist, zu seinem Vorteile zu benutzen und erhält seine Gedanken leicht bei den Geschäften, die er verrichtet. »Das hoffe ich dadurch noch sicherer zu bewirken, daß ich die Aufmerksamkeit der Zöglinge, wenn sie eine Zeitlang auf die Natur gerichtet gewesen sind, auch auf die Beschäftigungen der Menschen richte, mit ihnen bald den Arbeiten des Ackermanns, bald des Maurers oder Zimmermanns, Tischlers oder Schmiedes zusehe, bald Bergwerke, bald Schmelzhütten oder Eisenwerke besuche, welches alles ich sehr nahe um mich haben kann; mit jedem Handwerksmanne oder Künstler mich in ein Gespräch einlasse, ihn frage, warum er das so mache und nicht anders.« Damit der Gesichtskreis der Schüler auch über die nächste Heimat hinaus erweitert wird, unternimmt Salzmann mit den älteren Zöglingen längere Reisen (Fußwanderungen), die ihn etwa über Gotha, Langensalza, Mühlhausen nach Eisenach oder über Erfurt, Weimar, Jena, Gera nach Rudolstadt führen. Auf diesen Reisen wurden Geographisches, Naturkundliches, Historisches und Technologisches genau studiert und zugleich Beziehungen mit Personen angeknüpft, von denen Salzmann selbst bei einem kurzen Verkehr einen vorteilhaften Einfluß auf seine Zöglinge erhofft. Von der Heimat und der Gegenwart geht aller Unterricht in Schnepfenthal aus. »Ehe meine Zöglinge sich um die Produkte von Ost- und Westindien bekümmern, sollen sie erst die Produkte unseres Landgutes und des Thüringer Waldes kennen lernen. Ehe wir vom Karpathischen Gebirge plaudern, müssen wir schon mit der Kette von Gebirgen, an deren Fuße wir wohnen, bekannt sein, den Inselsberg besucht, nach Franken, Hessen und Thüringen gesehen, wenigstens einige Dörfer, Städtchen und Städte besehen haben, damit sie sich bei den Worten Gebirge, Berg, Dorf, Städtchen, Stadt, Provinz etwas Richtiges denken können. Ehe sie die Statistik von Spanien lernen, sollen sie sich erst mit der Statistik von Gotha bekannt machen. Denn alles Plaudern eines Kindes, das noch keine deutlichen Begriffe von der natürlichen und politischen Verfassung der Provinz hat, in der erzogen wird, von dem Karpathischen Gebirge, von der Regierungsform und den Einkünften in Frankreich oder China, ist weiter nichts als Starengeschwätz und noch weit weniger, der Star denkt sich gar nichts, wenn er spricht, ein solches Kind aber etwas ganz Falsches, wenn es vom Parlamente oder den Mandarinen spricht.

Ehe wir die Geschichte der Assyrer und Perser, Griechen und Römer lernen, wollen wir erst die Geschichte eines benachbarten Orts kennen lernen. – Vor der Hand habe ich mir dazu das berühmte Kloster Reinhardsbrunn ausgesucht; wir wollen es oft besuchen. – So bereiten wir uns zur Erlernung der Geschichte vor, bekommen Begriffe von Jahrhunderten, Altertum, Dokumenten u. dgl. und nun erst ist es Zeit, auch die Geschichte anderer Länder sich bekannt zu machen. – Denn die Geschichte muß noch später als die Geographie getrieben werden. Diese versetzt uns in entfernte Länder, jene aber nicht nur in entfernte Länder, sondern auch in entfernte Zeiten.« (Für Salzmann als radikalen Aufklärer ist die ganze Mythologie »wahrer Unsinn«, über den »wir spotten würden, wenn er nicht durch Dichter, Bildhauer und Maler so schön vorgestellt wäre«. Auch für die Wunderwelt des Märchens hat Salzmann kein Verständnis.) – »Den Unterricht in den schönen Wissenschaften werde ich weit früher anfangen. Wenn ich früh den Sinn für Wahrheit zu entwickeln suche, ist das nicht schon Unterricht in den schönen Wissenschaften? Alles wahre Schöne in der Kunst ist Nachahmung der Natur. Wenn ich nun meine Zöglinge die Natur kennen lehre, setze ich sie nicht dadurch in den Stand zu beurteilen, inwiefern sie gut oder schlecht nachgeahmt sei? Sobald sie von der Natur einigermaßen unterrichtet sind, werde ich sie weiterführen und ihnen die Nachahmung derselben zeigen, sie darüber urteilen lassen und ihr Urteil zu berichtigen suchen. Ich werde ihnen schöne Stellen aus deutschen, lateinischen und französischen Schriftstellern in die Hände geben und von ihnen erforschen, ob und warum sie dieselben schön finden. Ich werde ihnen Anleitung geben lassen, das, was sie gesehen haben, zu zeichnen und sie ermuntern, zuweilen Szenen, die sie vorzüglich rührten, zu schildern, auch nicht ermangeln, sie dazu anführen zu lassen, daß sie ihre Empfindungen musikalisch ausdrücken können ...«

Wer die Grenzen der Fähigkeiten eines Menschen von zehn bis sechzehn Jahren kennt, wird auch nicht mehr von mir fordern. Wo Anlage zum Maler, Bildhauer, Redner, Dichter oder Virtuosen ist, da entwickelt sich diese von selbst, wenn man durch eine verkehrte Behandlung die Entwicklung nicht verhindert. Wo diese Anlage aber fehlt, da bringt sie der beste Pädagoge nicht hinein.«

d) Einen vierten Hauptmangel der bestehenden Schulen findet Salzmann darin, daß die Kinder beim Lernen mehr fremde als ihre eigene Kräfte brauchen.

»Es gibt noch sehr wenige Anleitung zum eigenen Beobachten, eigener Erforschung, eigener Erwerbung der Kenntnisse, sondern der Lehrer arbeitet den Kindern vor, unterrichtet sie von dem, was er durch seine mühsamen Kenntnisse herausgebracht hat, und das Kind verhält sich dabei mehrenteils ganz leidend. – Bei dem ewigen Unterrichten leidet der Lehrer wie der Schüler ... Die traurigen Folgen von der Gewöhnung, andere für sich denken und arbeiten zu lassen, äußern sich lebenslang. Man traut sich nicht zu urteilen, wenn der Meister nicht vorgeurteilt und vorgetan hat, und die Ursache von der beklagenswerten Unempfänglichkeit gegen ausgemachte sonnenklare Wahrheiten, die man bei vielen Menschen bemerkt, ist wohl vorzüglich hierin zu suchen ...

Wie schwer hält es, unsere Aufmerksamkeit eine Stunde lang auf den Vortrag eines andern zu richten, der nicht eine außerordentlich gute Lehrgabe besitzt, und wie leicht ist es uns, halbe Tage selbst zu arbeiten. Kinder haben dasselbe Gefühl: sie sitzen schläfrig in der Lehrstunde und sind munter und tätig, sobald sie dahin gebracht werden, ihre eigenen Kräfte zu gebrauchen.«

In Schnepfenthal werden die Kinder zur Selbsttätigkeit erzogen. Das geschieht zunächst im Unterricht.

Naturkunde: »Meine Geschäfte erlauben mir nicht, daß ich die zu jeder Unterredung nötigen Materialien selbst in unserm großen Naturalienkabinett zusammensuche. Die älteren meiner Zöglinge übernehmen dies Geschäft mit Vergnügen. Sie bringen mir alles, was ihnen merkwürdig ist, und ich bezeuge mein Vergnügen bei jeder Merkwürdigkeit, die sie entdeckt haben, ich bringe sie mit in das Lehrzimmer, wir unterreden uns darüber miteinander; ich zeige es an, wem wir diese Unterredung zu danken haben, wir schreiben etwas über unsere Unterredung nieder und merken es an, wer dazu Veranlassung gegeben hat. So wird die Begierde aller angeflammt, auch etwas Merkwürdiges beizubringen, sie werden alle gereizt, zu beobachten und zu sammeln.

Wenn nun das Gesammelte vor uns liegt, so hüte ich mich sehr, darüber eine Vorlesung zu halten. Ich frage vielmehr, ob die Kinder mir nichts davon zu sagen wüßten, und jedes beeifert sich, es dem andern zuvor zu tun. Ich bin bloß Zuhörer, gebe da meinen Beifall, berichtige dort und sage am Ende auch, was ich von der Sache weiß.

Was wir bei der Unterredung gelernt haben, wird niedergeschrieben, entweder durch einen Zögling oder durch mich. Jeder von uns macht orthographische Fehler. Jener aus Unwissenheit, ich mit Vorsatz. Alle haben die Begierde, diese Fehler zu verbessern und erbitten dazu von mir die Erlaubnis. Ich (bei dem Worte »Ich« muß man immer auch an meine Gehilfen denken) gestehe sie dem zu, der sich am besten verhalten hat. Er tritt sein Amt an, forscht nach den Fehlern so begierig wie der Spürhund nach der Bahn des Wildes. Wenn er einen Fehler ausgespürt hat, so entsteht ein Disput; er wird aufgefordert zu sagen, warum er dies für einen Fehler halte, und so wird Orthographie, beinahe ohne Unterricht, getrieben.

Lektüre. Wir beobachten nicht nur, sondern lesen auch, bald etwas Französisches, bald etwas Deutsches, bald etwas Lateinisches. ... Nun wird gelesen; ich bin Zuhörer; das Lesen ist zu Ende und veranlaßt eine Unterredung, die auch kein eigentlicher Unterricht ist. Wer von dieser Unterredung sich einen Begriff machen will, der besuche die Schule zu Rekahn (Rochows berühmte Muster-Landschule!) und die sogenannte Lesestunde des Dessauischen Instituts, die eigentlich Übung des Verstandes und des Nachdenkens heißen sollte, so sieht er das Original, wovon meine Lehrstunde Kopie ist.

Erdkunde. Wir haben, wenn wir Geographie treiben wollen, Landkarten nötig. Es wäre für uns alle bequemer, wenn jeder eine Karte für sich hätte. Einer meiner Gehilfen hat den Einfall, ob wir uns nicht selbst Kärtchen machen könnten. Er macht einen Versuch, heftet ein Blatt Zeichenpapier auf eine Karte, hält beides an das Fenster, fährt mit dem Bleistift auf den abgezeichneten Grenzen und Flüssen hin, bemerkt Berge und Wälder, nimmt das Papier herab, und die Zöglinge sehen mit Verwunderung die Hauptmerkmale der Karte abgezeichnet. Er fängt an, die neue Karte zu illuminieren, schreibt in dieselbe die Namen der Länder, Städte, Meere und Flüsse hin, die Zöglinge sehen sie mit Vergnügen und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht schon am folgenden Tag jeder seinen Bleistift in der Hand hätte und sich damit beschäftigte, selbst ein Kärtchen zu verfertigen. Die ersten Versuche, werden nicht gut ausfallen. Was liegt daran? Wer eine Sache gut machen will, muß sie zuerst schlecht machen. Während das Kind seine Karte verfertigt, werden doch wieder mancherlei Kräfte in Tätigkeit gesetzt. Wenn es – mit der Karte in der Hand – zum Unterricht kommt, so können wir von der Karte, die erklärt werden soll, als von einer bekannten Sache sprechen, und wenn ich den Namen einer Stadt, eines Flusses nenne, so ist sein Finger schon auf demselben, und wir sind alle des mühsamen Suchens überhoben.

Auf eben diese Art werden Sprachen, Geschichte, Mathematik u. dgl. erlernt. Wer das bisher Gesagte begriffen hat, wird auch leicht glauben, daß und wie dies bei der Erwerbung jeder Art von Erkenntnis und Geschicklichkeit möglich sei, ohne daß ich nötig habe, mich weiter darüber auszubreiten.«

Der Drang der Kinder zum selbständigen Handeln wird in Salzmanns Erziehungsanstalt weiter gefördert und für die Erziehung nutzbar gemacht durch Heranziehung der Kinder bei der Verwaltung der Anstalt. »Endlich bringe ich meine Zöglinge noch auf andre Art in Tätigkeit. Jeder von ihnen bekommt ein Amt, das seinen Fähigkeiten angemessen ist und das ich absichtlich so wähle, daß er die erworbenen Kenntnisse dabei anwenden kann. Ich habe z. B. Kopisten, Rechnungsführer, Korrektors, Sekretärs, Naturalieninspektors und eine Menge andere Leute nötig, um meine Arbeiten zu vollenden. Alle diese Ämter werden unter meine Zöglinge verteilt und es ist unmöglich, daß sie dieselben verwalten können, ohne dabei zu lernen. –

Sind nun alle diese Arbeiten nicht den Kräften der Kinder angemessen? Machen sie ihnen nicht weit mehr Vergnügen und weit weniger Mißvergnügen als das beständige Zuhören? Wird durch die beständige Tätigkeit der Kinder nicht jede Kraft geübt, und werden nicht eine Menge Bosheiten, die allesamt Kinder der Untätigkeit sind, verhindert? Ist dies nicht die beste Vorbereitung zur Ertragung der Beschwerden und dem tätigen Leben, wozu sie bestimmt sind?«

Salzmann erkennt auch den großen erziehlichen Wert des Handfertigkeitsunterrichts für Knaben und führt ihn in seiner Anstalt ein. Anfänglich werden allerlei »Spielereien aus Papier« angefertigt, später gibt es Schnitzunterricht, Korbflechten, Papparbeiten, Lackieren, Schreinern und Drechseln. –

e) Der fünfte Hauptmangel der bisherigen Schulen ist der geringe Gebrauch, der von der unmittelbaren Belohnung der jugendlichen Leistungen und Handlungen gemacht wird.

Damit kommen wir auf die Handhabung der Zucht in Schnepfenthal. Sie war dem Geiste des Philanthropismus entsprechend milde. » Man behandle die Menschen edler, so werden sie auch edler!« Nach dieser Überzeugung handelte Salzmann bei der Erziehung seiner Schüler. Züchtigungen fielen allmählich ganz fort. In Übereinstimmung mit Rousseau wird von den »natürlichen Strafen« viel erwartet. Wer in der Lesestunde Störungen verursacht, wird an einen besonderen Tisch gesetzt; wer eine schlechte Ausarbeitung liefert, muß sie noch einmal machen; wer unreinlich zu Tisch kommt wird fortgeschickt, um sich zu waschen. Doch gibt es auch positive Strafen, Geldstrafen (die Schüler erwerben durch die Verwaltung der »Ämter« selbst Geld und erhalten von ihren Eltern grundsätzlich kein Taschengeld), Verlust einiger Fleißbillets (siehe Seite 11!), öffentliche Verweise usw. Ausgiebigen Gebrauch macht Salzmann von den Belohnungen. »Das Kind lebt nur für das Gegenwärtige, für die Zukunft hat es wenig Sinn. Von den Kindern erwarten, daß sie aufmerksam lernen, arbeiten sollen in Hoffnung der Belohnung, die ihnen nach einigen Jahren werden wird, heißt Kinder zu Männern umbilden wollen und der Natur vorgreifen. – Man sollte eine solche Einrichtung zu treffen zu suchen, daß die Vorteile, die sich Kinder durch gute Anwendung ihrer Kräfte verschaffen, ihnen immer anschaulich und sie in Lagen versetzen, wo sie von ihren erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten sogleich zu ihrem Vorteile Gebrauch machen könnten.

Dafür ist wenig gesorgt. Man hat eine Menge unmittelbarer Strafen, findet man aber unmittelbare Belohnungen? Auch dafür glaube ich hinlänglich gesorgt zu haben. Die gewöhnlichen Belohnungen: Beifall u. dgl. werde ich alle gebrauchen. Natürliche Belohnungen sind ferner das Recht, die Arbeiten anderer zu korrigieren bei besonderem Fleiß und erfreulichen Fortschritten, die Erteilung der Aufsicht über andere an die, die einen festen energischen Charakter zeigten.« Positive Belohnungen sind die Erteilung von Fleißbillets und die Übertragung der bereits erwähnten Ämter in der Verwaltung der Anstalt, die mit einer kleinen Besoldung verbunden waren. Durch die Übertragung besonderer Pflichten will Salzmann das Selbstbewußtsein seiner Schüler stärken und zur Treue im Kleinen erziehen. »Wer unter uns mehr gelten will, muß von innen heraus seinen Wert nach unveränderlichen Gesetzen höher bestimmen und er kann sich dann unserer größeren Achtung versichert halten. – –«

Gemeinschaftsleben im Schnepfenthal

Im ganzen herrschte in Schnepfenthal ein guter »Familienton«. Vieles trug dazu bei, diesen familiären Charakter des Anstaltslebens zu stärken. Die abgeschlossene Lage wies die Insassen der Anstalt auf innigen Verkehr untereinander an. Es war eine große Familie. Die Lehrer wußte Salzmann mit großem Geschick auszuwählen und sie durch richtige Behandlung, die jedem ein hohes Maß von Selbständigkeit ließ, zu halten. »Sie verfahren in allen ihren Gedanken, Worten und Werken so, als wenn sie nur der Kinder wegen und nicht die Kinder ihretwegen da wären.« Salzmann kann sagen: »Gleiche Grundsätze beseelen uns alle! Wir sind keine Schulmonarchen im Reiche der Pedanterie und Allgenügsamkeit!« Unter den Zöglingen waren immer einige der zahlreichen Kinder Salzmanns, die zum Teil später wie auch seine Schwiegersöhne als Lehrer der Anstalt angehörten. Man sucht der Jugend die Arbeit nicht nur leicht zu machen, sondern auch sonst ihr Leben zu verschönern. Gesang und musikalische Ausbildung wurden eifrig gepflegt; es gab theatralische Aufführungen, bei Tisch wurden interessante Sachen vorgelesen und endlich erweckten und erhielten mannigfache Feste Heiterkeit und Frohsinn unter der Jugend. Als das größte Fest galt die Feier des Geburtstages von Salzmanns Vater, bei der Salzmann durch das eigene Beispiel den Zöglingen die Pflicht der Dankbarkeit gegen ihre Eltern einprägen wollte. Mit Vorliebe wurden diese Feste im Freien gefeiert. Am »Kasualtage« (einem Tage, andern wahrscheinlich die Schüler lernen sollten, mit unerwarteten Zwischenfällen fertig zu werden) wandert die ganze Kolonie aus und lagert sich an einem benachbarten Berge, wo Trauben gebaut werden. Hier werden zur Mittagszeit allerlei von den Schülern selbst bereitete Speisen gegessen. So gab es das Kirschfest, das Kartoffelfest usw.

Entwicklung der Anstalt

Die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal erwirbt sich nach schwierigen Anfangsjahren bald einen guten Ruf, der sich über ganz Europa verbreitet. Ursprünglich war sie nur für zwölf Zöglinge geplant; aber sie wird immer mehr vergrößert; 1803 zählt sie 61 Zöglinge. Erst in den letzten Lebensjahren Salzmanns nahm die Schülerzahl infolge der Kriegswirren erheblich ab, da viele Eltern ihre Söhne nicht von Hause wegzuschicken wagten, auch wohl das hohe Schulgeld infolge der allgemeinen Verarmung nicht aufzubringen vermochten. (Es waren an Schul- und Pensionsgeld jährlich 64 Friedrichsd'ors und 60–80 Taler für Bücher, Bett und Wäsche zu zahlen.) Die Anstalt ist als einzige philanthropistische Erziehungsanstalt nicht mit ihrem Gründer verschwunden, sondern bis in die Gegenwart hinein bestehen geblieben.

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