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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 33
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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correctorreuters@abc.de
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Allgemeine Mittel, die Kinder um Gesundheit und Leben zu bringen

I.

Verzärtle sie!

1. Eine zärtliche Mutter stand in der Meinung, daß ihrem Kinde nichts zuträglicher sei, als die Wärme. Viel, dachte sie, hilft viel. Deswegen ließ sie ihr Zimmer immer so unmäßig heizen, daß jeder, der aus der frischen Luft in dasselbe trat, hätte ersticken mögen. Das Heizen nahm gewöhnlich seinen Anfang in der Mitte des September und dauerte bis zu Anfang des Juni. In diesem Zimmer mußte das Kind schlafen, bekam auch wohl noch eine Wärmflasche und wurde in Kissen so fest eingewickelt, daß es gewöhnlich vom Schweiß troff, wenn es herausgenommen wurde. Dann sagte die Mutter: Das Kind muß doch recht gut gedeihen, weil es so gut schwitzt. Aber zu ihrem größten Mißvergnügen bemerkte sie, daß es immer kraftloser wurde. Seine Farbe wurde zitronengelb, die Arme hingen ohne Leben herab, der Kopf schlappte immer auf eine Seite; endlich, da die Magd es einmal aus Versehen in die Zugluft getragen hatte, bekam es einen Steckfluß und – starb. Es war ein Pflänzchen, das in der Stube erzogen war, das verwelkt, sobald es in die freie Luft kommt.

2. Davor, dachte ihre Schwester, will ich mich hüten. Meine Kinder sollen frühzeitig an die Kälte gewöhnt werden. Sie ließ daher ihr Söhnchen bei der strengsten Witterung austragen und badete es bisweilen in eiskaltem Wasser. Im übrigen heizte sie ihr Zimmer ebenso stark wie ihre Schwester, und das Söhnchen hatte eben nicht leichtere Betten als ihrer Schwester Kinder. Bei dieser Lebensart troff Fritzchen am ganzen Leibe oft so sehr vom Schweiße, daß notwendig jede Erkältung ihm schädlich sein mußte.

Als ihn daher einmal seine Mutter, nachdem sie ihm das vom Schweiße nasse Hemd ausgezogen hatte, in einen Kübel voll kalten Wassers hielt, verdrehte er die Augen, machte eine Verbeugung und folgte seinem kleinen Vetter in die Ewigkeit nach.

II.

Entziehe ihnen die frische Luft!

1. Ehrwürdiger Herr, sagte einst eine Frau zu dem Geistlichen, der sie besuchte, der liebe Gott hat mir ein recht schweres Kreuz aufgelegt! Da sehen Sie nur die drei Würmer! Sie haben weder Mut noch Blut! Wie die gebackenen Heiligen sehen sie aus! Dem sind die Augen zugeschworen, das hat geschwollene Beine, und das dritte hat Schmerzen in den Ohren. Es schreit oft, daß man es über vier Häuser weg hört.

Ei, ei, meine Liebe! antwortete der Geistliche, das ist kein Kreuz, das ist eine Plage, die ihr euch selbst macht. Was soll diese Waschgölte Siehe Anmerk. Seite 99 in einer Kinderstube? Das muß ja die ganze Stube voll Feuchtigkeit machen. Seht, wie naß die Wände sind, wie die Fenster triefen! Könnt ihr nicht begreifen, daß ihr eure armen Kinder dadurch um ihre Gesundheit bringt? Ich bin noch keine Viertelstunde bei euch, und schon fühle ich Kopfschmerzen. Ich dächte, ich müßte sterben, wenn ich acht Tage in dieser Waschstube wohnen sollte. Und was sollen diese Betten? Eure Kinder schlafen wirklich darin? Ach, gute Frau! Versündigt euch doch ja nicht an dem lieben Gott und gebt ihm schuld, als wenn er eure Kinder elend mache. Ihr seid die Mörderin eurer Kinder, weil ihr ihnen die gesunde Luft, die Gott allen Tieren genießen läßt, nicht einzuatmen erlaubt, sondern sie mit eurer Waschgölte und mit dem Trocknen eurer Wäsche vergiftet. Wenn ihr waschen wollt, so tut es im Hofe oder in der Küche! Die Wäsche hängt in den Hof oder auf den Boden! Lasset eure Kinder in einer Kammer schlafen und öffnet täglich die Fenster, daß die Luft sie einige Stunden durchstreichen kann! Was gilt's, ihr werdet gesunde Kinder bekommen? Nun, Gott behüte euch, ich kann unmöglich länger in dieser Waschstube aushalten!

2. Eben diesem Geistlichen begegnete einmal eine Frau, die im Begriffe war, zu dem Scharfrichter zu gehen, um bei ihm wegen ihres kleinen Mädchens einen guten Rat zu holen, dem, wie sie sagte, böse Leute etwas angetan hätten, daß es nicht gedeihen könnte; sie habe es schon etlichemal auf einen Kreuzweg gelegt und mit Beruf, Widerruf und Aller-Mann-Harnisch Eine zur Familie der Liliaceen gehörige Pflanze ( allium victorialis). geräuchert, es wollte aber alles nichts helfen.

Der Geistliche bezeugte hierüber seine Verwunderung, bat sie aber, den Gang zum Scharfrichter einstweilen auszusetzen. Ich will, sprach er, das Kind erst selbst sehen, und wenn die Krankheit von bösen Leuten ist, so will ich sie euch gewiß nennen.

Die Frau kehrte mit ihm um. Als er in die Stube treten wollte, kam ihm ein so widriger, fauler, modernder Geruch entgegen, daß er hätte ersticken mögen. Er verbarg seinen Unwillen und ging gerade auf das Kind los, das freilich sehr blaß aussah, im übrigen aber keine Merkmale einer wirklichen Krankheit an sich hatte.

Durch welche Gasse seid ihr denn gegangen, fragte er, da ihr das letzte Mal das Kind austruget?

Ach, das weiß ich nicht mehr. Es ist wohl in einem Vierteljahre nicht vor die Tür gekommen.

Wann habt ihr denn das letzte Mal die Fenster geöffnet?

Wohl in einem Jahr nicht.

Nun habe ich genug. Wißt ihr wohl, wer die böse Frau ist, die eurem Kinde etwas angetan hat?

Nun, wer denn?

Das seid ihr selbst!

I, vor den Kuckuck, ich dächte, Sie schämten sich! Wenn mir das ein anderer sagte, ich wüßte, was ich ihm tun wollte. Ich wohne nun so lange da, und kann mir kein Nachbar etwas Böses nachreden.

Wie gesagt, ihr selbst, und sonst niemand macht euer Kind ungesund. Habt ihr sonst weiter keine Stube?

Ja, droben! Da haben wir aber unser bischen Geprassele. Man kann hier nichts haben, weil alles beschlägt und schimmelt.

So – wer ist euch aber lieber, euer bischen Geprassele oder das Kind?

Freilich das Kind.

Nun, so bringt das Kind in die obere Stube. Diese liegt zu tief und geht in eine enge Gasse, in welche weder Sonne noch Mond scheint. Es ist eine beständige Feuchtigkeit da, die eurem Kinde so schädlich als eurem Geprassel ist. Macht ferner täglich die Fenster auf, daß frische Luft hineinkommen kann, denn in dieser Stube ist der Brodem von all den Erbsen, Klößen und Buttermilchsuppen, die ihr seit einem Jahre gegessen habt, alle die Ausdünstungen, die von euch, von eurem Manne und von eurem Kinde seit einem Jahre gegangen sind. Die sind alle nach und nach faul geworden. Wollt ihr eurem Kinde Mistpfütze zu trinken geben? Wirklich nicht? Nun, so dürft ihr ihm auch diese Luft, die noch ein bischen schlimmer als die ärgste Mistpfütze riecht, nicht einatmen lassen. Stinkende Luft ist dem Menschen so schädlich, als stinkendes Wasser.

Folgt mir, liebe Frau! Bringt euren kleinen Kranken in eine andere Stube, lasset täglich in derselben die Fenster öffnen, gewöhnt ihn nach und nach wieder an die frische Luft! Ich denke, es soll bald mit ihm besser werden.

Hilft es aber in vier Wochen nicht, so kommt wieder zu mir, so will ich euch, ehe ihr noch zu dem Scharfrichter geht, erst an einen braven Arzt weisen, der euch schon guten Rat geben wird.

Wie mir aber gesagt worden ist, soll es sich mit dem Kinde täglich gebessert haben, sobald die Mutter diesen guten Rat befolgt hatte.

III.

Gewöhne die Kinder an weiche, leckerhafte Speisen!

Wenn jemals ein Mann gewesen ist, der seine Kinder lieb hatte, so war es gewiß Herr Weichlich. Sie wären sein größter Reichtum, und wenn er bedachte, daß ihm über lang oder kurz eins sterben könnte, so war er untröstlich. Deswegen wählte er alle ihre Nahrungsmittel sehr sorgfältig, und weil er gehört hatte, daß manche Speisen und Getränke den Kindern schädlich wären, so hätte er ihnen lieber gar nichts zu essen und zu trinken gegeben, wenn er nicht besorgt hätte, sie möchten vor Hunger sterben.

Milch, pflegte er zu sagen, darf man den Kindern bei Leibe nicht geben, die schleimt. Ein paar Schälchen Kaffee des Morgens, das ist das Gesündeste, das befördert die Öffnung und Ausdünstung. Obst – das führt zu viel Schärfe bei sich. Man hat Beispiele, daß Kinder, die Obst gegessen haben, an der Ruhr gestorben sind. Marie, daß ihr euch nicht etwa untersteht und gebt den Kindern Obst zu essen! So etwas leide ich in meinem Hause nicht. Und mit den Butterschnitten ist's auch bedenklich. Die Butter ist doch, ein öliges Wesen, die könnte leicht den Magen verderben. Trockenes Brot macht dicke Leiber und erzeugt Würmer. Ein Mandelherzchen oder Mandelringelchen ist wohl das beste Frühstück für Kinder. Die Mandeln sind eine nahrhafte Sache, und das Gewürz erwärmt den Magen. Zur Abwechselung können sie auch etwas Buttergebackenes essen. Dies ist unschädlich, die Butter ist doch darin gebraten. Bei Leibe dürfen die Kinder kein Gemüse genießen. Das bläht und verursacht Drücken im Magen. Ich lasse es gelten bei Bauernkindern, die haben die Magen dazu, aber mit Bürgerskindern ist es eine ganz andere Sache! Eine gut gewürzte Suppe, ein Stückchen Lamm- oder Kalbfleisch, ein Täubchen oder Hühnchen oder sonst etwas Weiches mit einer kräftigen Brühe, das schickt sich für Kinder am besten. Wasser schwächt den Magen, aber Wein und Bier geben Kräfte. Nur glaube ich, muß man die Vorsicht gebrauchen, daß man es am Ofen oder an der Sonne etwas laulich werden lasse, weil kaltes Getränk Husten verursacht und den Magen erkältet. Deswegen ist es auch gut, wenn man den Kindern allemal nach Tische ein paar Schälchen Tee machen läßt.

So pflegte Herr Weichlich zu sagen, so pflegte er auch wirklich seine Kinder aufzuziehen. Und doch hat er an ihnen wenig Freude erlebt. Es war bei ihnen kein Wachstum. Im zwölften Jahre waren sie kaum so groß als andere, wenn sie acht Jahre alt sind. Ihre Farbe war bleich, ihre Glieder waren kraftlos. Sie sahen die Kinder des Nachbars vor ihrer Türe herumspringen und nur selten wandelte sie die Lust an, sich in ihre Spiele zu mischen. Wagten sie es ja bisweilen, so hielten sie es kaum eine Viertelstunde aus, dann fielen sie so matt auf das Kanapee, als wenn sie eine weite Reise gemacht hätten.

Das eine starb an einem kalten Trunke, und das andere lebt noch, wenn anders das leben heißt, wenn man zu aller Arbeit untüchtig ist, von den meisten Nahrungsmitteln, an denen andere Menschen sich erquicken, nichts genießen darf, bald von Kopfschmerzen, bald von Magenkrämpfen geplagt wird, und vor einer Scheibe Schinken und einer sauern Gurke wie vor Gift sich fürchten muß. >

IV.

Gib deinem Kinde recht viele Arzeneien!

Philipp war das einzige Kind, welches Herr Dämon seiner lieben Frau hinterlassen hatte. Man kann also leicht erraten, daß sie es wie ihre Seele liebte und sehnlich wünschte, das einzige Denkmal der zärtlichsten Ehe behalten zu können. Ihr Bruder, der wohl sah, daß ihre ganze Zufriedenheit von dem Leben dieses Kindes abhänge, gab ihr deswegen den Rat, daß sie es an ungekünstelte Nahrungsmittel gewöhnen, seine Glieder durch kaltes Wasser stärken, vorzüglich ihm eine reine, gesunde Luft in seinem Wohn- und Schlafzimmer erhalten, es fein frühzeitig zur Tätigkeit gewöhnen, ihm täglich ein Spiel erlauben sollte, das mit Bewegung verknüpft wäre. Arzeneien sollte sie ja nie gebrauchen, bis es die höchste Not erfordere. Dies, liebe Schwester, sagte er, sind die sichersten Mittel, Kindern einen festen und dauerhaften Körper zu verschaffen. Helfen diese nichts, so ist auch alle Künstelei umsonst.

Aber Frau Dämon glaubte, diese Mittel wären viel zu einfältig, als daß sie helfen sollten. Sie kam sogar auf den schrecklichen Argwohn, als wenn ihr Bruder es nicht redlich mit ihr meinte und den Tod des Kindes wünschte, um einmal zu dem Besitze ihres Vermögens zu kommen.

Gewissenshalber ging sie also zu einem Arzte, um guten Rat bei ihm zu holen. Philipp war zwar munter wie ein junges Reh; sie glaubte aber doch, es sei besser, in der Zeit für seine Gesundheit und sein Leben zu sorgen.

In ihrer Nachbarschaft wohnte ein geschickter Arzt, den sie zuerst bat, ihr Kind zu besuchen. Er kam, befühlte Philipps Puls, lächelte und sagte: Ihr Kind ist gesund. Ich müßte Sie und Ihr Kind nicht lieb haben, wenn ich ihm nur einen Tropfen Arzenei geben wollte.

Aber, erwiderte Frau Damon, das Kind hat ja den Schnupfen, hier zeigt sich ja auch ein Ausschlag.

Das lassen Sie gehen, liebe Frau! versetzte der Arzt. Das sind Auswürfe der Natur, die zur Gesundheit dienen. Es wäre grausam, wenn man durch Arzeneien die Natur in ihren Wirkungen stören wollte.

Du magst mir, dachte Frau Damon, wohl der Rechte sein!

Sie ging also zu einem andern und kam gerade zu einem von den Männern, die darauf ausgehen, sich eine unumschränkte Herrschaft über das Vermögen, die Gesundheit und das Leben ihrer Mitbürger anzumaßen, die wie die Tyrannen ihnen den Genuß der unschädlichsten Dinge untersagen, ihnen Abneigung gegen einfache Gesundheitsmittel und Liebe zum Gekünstelten einzuflößen suchen, die die Gesunden krank machen, damit sie bei ihnen Hilfe suchen mögen, die Krankheiten verlängern, die Schwächlichen wegen ihres Zustandes ängstlich machen, damit sie dieselben länger in Kontribution setzen können, kurz, die ihre Kunst nicht treiben, um ihren leidenden Nebenmenschen zu helfen, sondern von ihnen nach ihrem Belieben einen jährlichen Tribut heben zu können.

Zu diesem Manne, Herr Doktor Digestivus Digestion = Verdauung. hieß er, ging Frau Damon, und er versprach, sie den folgenden Tag zu besuchen.

Und er besuchte sie wirklich. Er fühlte Philipps Puls, er besah seinen Urin, er erkundigte sich, wie der Appetit, wie der Schlaf wäre. Und da er hörte, daß er sich in der letzten Nacht ein paarmal unruhig umhergeworfen habe, schüttelte er den Kopf und machte eine bedenkliche Miene.

Um des Himmels willen, schrie Frau Damon, was gibt's? was gibt's? Herr Doktor, gehen Sie mit der Sprache heraus!

Es ist halt eine bedenkliche Sache.

Und was denn?

Die ganze Natur des Kindes ist in Unordnung. Mit Gottes Hilfe denke ich es aber doch wieder herzustellen.

O, tun Sie es doch ja, bester Mann! Und wenn es hundert Taler kosten sollte, so will ich es gern bezahlen.

Die Kinder, die am gesundesten aussehen, sind insgemein in den gefährlichsten Umständen. Die roten Äpfel sind gewöhnlich wurmstichig. Tausendmal lieber ist mir ein schwächliches Kind. Seit wann haben Sie das Kind laxiert? Laxieren = abführen.

Ich glaube in einem Jahre nicht. Mein seliger Mann sagte immer, Kinder dürften nicht mit Arzeneien geplagt werden, so lange sie gesund wären.

Ja, Ihr seliger Mann mag wohl verstanden haben, wie man eine Rechnung machen muß, aber um die Arzeneikunde hätte er sich unbekümmert lassen sollen. Überlegen Sie nur, wieviel ein Kind das Jahr lang zu sich nimmt! Das wird mehrenteils zu Schleim. In den meisten Speisen befindet sich eine schädliche Säure. Wenn nun dieses Zeug nicht abgeführt wird, so müssen ja daraus die schrecklichsten Zufälle entspringen. Eine Zeitlang merkt man nichts; aber hernach bricht es auf einmal los. Da kommen Krebsschäden, Steckflüsse, Schlagflüsse – hernach, wenn das Messer an der Kehle steht, da kommen denn die Leute zu uns gelaufen, da sollen wir gleich helfen, aber gewöhnlich ist es zu spät. Da haben wir ja das lebendige Beispiel an dem Friedrichschen Kinde, das sie die vorige Woche begraben haben. Die Leute wollten auch nichts brauchen! nun haben sie das Unglück. Mir darf kein Patient sterben, wenn man meinen Rat beizeiten sucht und befolgt.

Ach gern, gern will ich folgen. Sagen Sie nur, wie dem Kinde zu helfen ist.

Sehen Sie, liebe Frau, das Kind hat eine zusammengesetzte Krankheit, die wir Ärzte morbum mixtum nennen. Es will Zeit haben, wenn sie aus dem Grunde soll gehoben werden. Der Fluß aus der Nase zeigt ganz deutlich von einer Verschleimung, die wir erst zu heben suchen müssen. Wir müssen erst etwas Abführendes brauchen, daß wir nur die Brust verwahren, sonst könnte uns ein Steckfluß den Kram verderben. Observieren Sie einmal die Exkretion des Kindes, wenn es meine Latwerge eingenommen hat! Sie werden Wunder sehen. Sind wir hiermit zustande, dann – sehen Sie hier diesen Ausschlag? Ja, der wird mir auch noch ein Stück Arbeit machen! Die ganze Blutmasse ist verdorben. Ein paar Monate können wir weiter nichts tun, als Palliativkuren gebrauchen. Wenn wir aber unsern Patienten erst bis zum Frühjahr haben, dann soll es frisch darauf losgehen; da bekommen wir Kräutersäfte. Wollen Sie noch etwas sehen? Da schauen Sie nur den Urin! Was das für ein Spektakel ist! Sie sehen nichts! Ja, wenn Sie wüßten, was der Ringel bedeutete, Sie würden in die Hände schlagen. Das bedeutet Würmer. Wenn Sie in den Leib des Kindes sehen sollten, Sie würden erschrecken. Da muß Wurm an Wurm sitzen, und zwar nicht die gewöhnlichen ascari, sondern lumbric. Ascaris lumbricoides = Spulwurm. Ja, ich will nicht ehrlich sein, wenn ich mir nicht in acht Tagen ein paar hundert lumbricos abzutreiben getraue. Doch dazu ist die Zeit jetzt noch nicht. Wir müssen erst über ein Übel Herr werden. Nun wußte Frau Damon, was sie so gern hatte wissen wollen. Sie übergab ihren lieben Philipp ganz und gar den Händen des Herrn Doktor Digestivus, der gleich den folgenden Tag die Kur anfing.

Es war eine grausame Kur, die sich ohne Tränen nicht wohl beschreiben läßt. Obst und Gemüse und was sonst Kindern gut schmeckt und Nahrung gibt, wurden dem armen Philipp gänzlich untersagt, und wenn er ein paar Kirschen essen wollte, so mußte er erst des Herrn Doktor Digestivus Einwilligung suchen. Desto mehr Latwerge, Schüttelgläser, Kräutertee und Pulver bekam er. Die Röte seines Gesichts, das Mark in seinen Gebeinen verschwand, der Appetit verlor sich. Umsonst weinte die Mutter vor dem Barbaren. Das ist mir eben recht, sagte er, so muß es kommen. Wir müssen erst alles abführen, ehe wir roborieren Roborieren = kräftigen. wollen.

So dauerte die Kur drei Jahre, bis der barmherzige Gott Philipps Tränen ansah und ihn durch einen sanften Tod aus den Klauen seines barbarischen Peinigers befreite.

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