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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 32
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Noch ein Universalmittel, den Kindern allerlei Untugenden beizubringen

I.

Mache ihnen die Untugenden recht oft vor, die du ihnen beibringen willst.

1. Herr Robert behielt einmal einige Fremde zu Tische und erlaubte seinen Kindern, an der Gesellschaft teilzunehmen. Da betrugen sie sich so, daß die Gesellschaft mit ihnen äußerst unzufrieden war.

Sobald sie sich gesetzt hatten, fing Christoph an:

Das ist ja etwas recht Dummes und Albernes! Da ist einmal mein Messer nicht da. Ist's nicht wahr, Kaspar, du hast es mir vertragen?

K.: Halt den Rachen, du Tonkopf! Was schiert mich denn dein Messer!

Ch.: Freilich! Du hast es doch genommen, du störst alle Drecker Gemeint ist das niederdeutsche Wort »Trecker«, herzuleiten von trecken = ziehen; hier Schublade. aus!

K.: Mutter! Christoph spricht, ich hätte sein Messer genommen

M.: Stille, stille, Kinder! Da, Christoph, hast du ein anderes Messer.

Ch.: Das ist auch ein rechtes Ding. Mit dem Schindermesser mag ich auch nicht essen.

K.: Nun? was soll denn das sein? Da hat der dumme Junge, der Christoph, mein Brot unter den Tisch geworfen!

M.: Er wird es ja nicht gern getan haben. Christoph, heb' es wieder auf!

Ch.: Da hat es der infame Racker, der Hund, schon in seinem Schinderrachen.

Die Gesellschaft sah einander an und gab einander durch Mienen ihren Unwillen ziemlich deutlich zu verstehen.

Herr Robert und Frau Robert, die sonst in der Aufführung ihrer Kinder nichts Ungebührliches bemerkt hatten, fühlten doch jetzt, daß ein solches Betragen nicht gar zu schicklich sei. Sie wurden rot, schlugen die Augen nieder, gaben den Kindern bald gute Worte, bald drohten sie mit dem Finger. Das half aber alles nichts, es kam immer eine Grobheit nach der andern zum Vorscheine. Jeder ihrer Ausdrücke war so plump und roh, wie man ihn kaum vom niedrigsten Pöbel erwartet.

Herr Robert fing endlich mit einer weisen Miene an: Es ist äußerst betrübt, daß man seine Kinder vor böser Gesellschaft nicht verwahren kann. Sie hören und sehen in unserem Hause nichts Böses; wenn sie aber unter die wilden Gassenjungen kommen, so lernen sie eine Ungezogenheit nach der andern. Behüte Gott, über die Ausdrücke! Solche Worte werden niemals in meinem Hause gehört.

Einer von den Fremden zuckte die Achseln, gab ihm Beifall und sagte, dies sei freilich unangenehm.

Nach Tische aber setzte er sich in eine Ecke, nahm Christoph vor sich und fragte: Aber höre doch, Christoph! Von wem hörst du denn die garstigen Worte?

Christoph steckte den Finger in den Mund und antwortete nichts.

Nun? was schämst du dich denn? Von wem hast du denn das Wort gehört: infamer Racker?

Von meinem Papa.

Aber von wem hast du denn das Wort gehört: Schindermesser?

Von meiner Mama.

Hier kam Frau Robert gänzlich aus der Fassung. Du Schinderknecht! sagte sie, von wem hättest du es gelernt? Von mir? Wart', laß nur die Herren fort sein, ich will dir die Gosche zerklopfen! – Der Flegel da! Denk', spricht, von seiner Mama habe er diese Ungezogenheiten gelernt. Hast du in deinem Leben so ein Wort von mir gehört?

2. Orbil war sehr scherzhaft, aber zu nichts mehr als einer Art von Scherzen aufgelegt und dies waren – Zoten. Er hatte eine Sammlung von wenigstens dreitausend unzüchtigen Anekdoten im Kopfe, mit denen er in Gesellschaften zu belustigen wußte, und ungeachtet, daß die meisten davon so beschaffen waren, daß man hätte glauben sollen, wer davon Gebrauch machen wollte, müsse notwendig ein Matrosenherz und eine Matrosenzunge haben, so besaß er doch Dreistigkeit genug, sie bei jeder Gelegenheit vorzubringen. Die Schmeicheleien, die er den Frauenzimmern sagte, waren allemal schmutzig, und wenn er neben dem blassesten Frauenzimmer saß, so wußte er doch von allen Gerichten, die auf den Tisch kamen, ihm so etwas Witziges zuzuflüstern, daß die Blässe sich in das höchste Rot verwandelte.

Und des Vaters Beispiel wirkte auf die Kinder mächtig. Der Junge wußte schon in seinem sechzehnten Jahre von sich selbst ein Dutzend, wie er sie nannte, Liebeshändel zu erzählen, und die Töchter waren so reich an zweideutigen Scherzen, daß selbst ein Postillon rühmte, von ihnen auf einer Lustreise noch gelernt zu haben.

3. Meister Fahrauf hatte den Grundsatz, daß ein freundliches, gefälliges Betragen etwas Weibisches sei, hingegen ein finsteres Gesicht und hämisches Wesen einem Manne gezieme. Und er hatte nicht nur diesen Grundsatz, sondern er handelte auch danach.

Wenn er des Morgens durch das Haus ging, so hörte man ein so fürchterliches Brummen, daß man einen Bär hätte vermuten sollen, wenn nicht das Auf- und Zuwerfen der Türen hinlänglich bewiesen hätte, daß das Getöse von einem Menschen herrühren müsse.

Stieß eine seiner Töchter an ihn oder trat ihm aus Versehen auf den Fuß, so gab er ihr mit der Faust einen so heftigen Stoß in die Seite, daß sie gegen die Wand taumelte; er sagte: Dummes Mensch, kannst du dich nicht vorsehen?

Die Erinnerungen, die er den Seinigen gab, waren lauter Fragen, die so bitter waren, daß sie, außer seinen Hausgenossen, die schon daran gewöhnt waren, jedem anderen durch Mark und Bein gehen mußten.

Was sollen die Schuhe da? Du willst gewiß damit putzen? Du kannst sie ja lieber ein andermal auf den Tisch setzen!

Wann wirst du denn fertig? Du willst gewiß einmal eine Edelfrau werden, daß du so kommode bist!

Was für ein Fraß ist denn das? Ist das auch Manier, einem ehrlichen Meister so ein Gesudel aufzutragen?

Dies war der Ton, in welchem Meister Fahrauf seinen Hausgenossen Erinnerungen gab.

Die Befehle, die er erteilte, waren ebenso auffallend. Und wenn er sich mit ihnen besprach, so war es, als wenn man einen Schiffer mit seinen Matrosen reden hörte.

Dafür hatte er auch die Freude, daß alle seine Kinder sich nach ihm bildeten. Niemals forderte eins von dem andern etwas in einem gelassenen Tone. Margarete riß Katharine das Messer, die Nähnadel, die Schere oder was sie sonst haben wollte, mit Gewalt aus den Händen, und diese hielt es fest, stampfte und schrie. Ihre Spiele dauerten nicht länger als zwei Minuten, dann fuhren sie aufeinander hinein wie die Katzen, schnaubten, machten verzogene Gesichter, drohten mit den Fäusten und fielen einander in die Haare. Bei Tische stampften sie einander mit den Füßen und Ellenbogen.

Ihre verzogenen Gesichter sind die strengsten Wächter ihrer Keuschheit, weil sie jede Mannsperson, die sich ihnen nähert, zurückscheuchen.

4. Frau Gertrud ließ sich nie anders sehen als mit dem Kinde auf dem Arme. Mit dem Kinde auf dem Arme spazierte sie stundenlang vor ihrer Tür auf und ab; mit dem Kinde auf dem Arme saß sie etliche Stunden auf dem Stuhle, und mit dem Kinde im Arme verschlummerte sie den vierten Teil des Tages auf dem Bette.

Mit dem Kinde auf dem Arme trat sie aus dem Schlafzimmer ohne es sich einfallen zu lassen, für die Aufschüttelung der Betten und Wegschaffung der Auswürfe der Natur Sorge zu tragen. Mit dem Kinde auf dem Arme setzte sie sich zu Tische, stand von demselben in eben dieser Figur wieder auf und ließ den Tisch gedeckt, bis es wieder Tischzeit war. Mit dem Kinde auf dem Arme ging sie in die Küche und den Hof, trat auf Löffel und Messer, stolperte über Gülten Gülte oder Gelte: Waschgefäß, Melkeimer. und Eimer und niemals fiel es ihr ein, etwas wegzuräumen.

Und in ihrem ganzen Hause sah es aus wie in dem Hause einer Frau, die vom Morgen bis zum Abend das Kind auf dem Arme hat.

Ihr Mann war mit dieser Lebensart oft unzufrieden, glaubte Unordnung und Unreinigkeit zu bemerken, drang auf Abstellung des Unwesens, bekam aber allezeit zur Antwort: Unverständiger Mann! Wie kann ich mich denn um den Haushalt bekümmern, da ich den ganzen Tag das Kind nicht los werde!

Mathildis, die einzige Tochter, die sie großgebracht hat, ist jetzt verheiratet und sieht schon in dem ersten Vierteljahre ihres Ehestandes aus wie eine Frau, die den ganzen Tag das Kind nicht los wird. Bis jetzt hat die natürliche Farbe ihrer Haut nicht entdeckt werden können, weil ein ewiger Schmutz ihre Wangen und Hände bedeckte. Desgleichen ist ihr Haar immer in Unordnung. Ihren Anzug weiß sie gut zu wählen, indem die Farbe der Wäsche und der Kleidung mit der Farbe des Gesichts vollkommen übereinstimmt. Die Strümpfe sind durchlöchert und die Schuhe krumm getreten.

Wie es in der Stube aussieht, kann ich nicht sagen, weil, außer ihrem Ehemann, sich nicht leicht ein Sterblicher hineinzuwagen pflegt. Die Ausdünstungen modernder Speisen, Kleidungen und Auswürfe der Natur schrecken jeden zurück, der an die Schwelle kommt.

5. Ganz anders betrug sich Frau Hedwig. Diese tat den ganzen Tag nichts anderes als aufräumen, in Ordnung stellen, putzen und waschen. Die Reinlichkeit in ihrem Hause erstreckte sich bis auf das heimliche Gemach.

So sehr liebte sie die Reinlichkeit im Hause, in der Wäsche und Kleidung, daß sie sich dabei selbst vergaß. An das Abschneiden der Nägel dachte sie nicht eher, bis sie einen abstieß. Der Fußboden ihres Zimmers war lieblicher anzusehen als ihr Hals und Busen, und die Ausdünstungen ihres heimlichen Gemachs waren erträglicher als der Odem ihres Mundes.

Und Mamsell Hedwig ist das lebendige Bild der Mutter. Die Reinlichkeit ihres Hauses und Anzugs muß man bewundern, sie selbst aber – sie scheint sich als ein Nebenwerk zu betrachten.

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