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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 30
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, Kindern den Geiz beizubringen

Mache ihnen, sobald als möglich, hohe Vorstellungen von dem Werte des Geldes.

Ob Herr Harpax, wie einige behaupten wollen, wirklich geizig gewesen sei, will ich nicht entscheiden. Soviel ist gewiß, er hatte das Geld sehr lieb. Die seligsten Stunden seines Lebens waren die, da er Geld zählte, und diejenigen Tage glaubte er am nützlichsten angewendet zu haben, da er das meiste erworben hatte. Glücklich und reich hielt er für gleich viel geltende Worte.

Diese Weisheit suchte er nun auch dem kleinen Gottfried einzuflößen. Wenn er in seiner Gegenwart vom Gelde sprach, so geschah es allemal mit dem größten Entzücken, und wenn die Rede auf den vorigen Krieg gelenkt wurde, da er mit dem Fruchthandel hundert Prozent erworben hatte, so funkelten die Augen, die Wangen glühten und über sein ganzes Gesicht ergoß sich eine Heiterkeit, wie sie der Menschenfreund empfindet, wenn er auf seinen Reisen an einen Ort kommt, wo er vor etlichen Jahren eine edle Tat verrichtet hat. Hörte er von jemand, daß er eine reiche Frau bekommen oder eine gute Erbschaft getan habe, so sagte er allemal: Nun, das ist wahr! Das lasse ich gelten! Das heiße ich glücklich sein!

Das war nun ebensoviel, als wenn er gesagt hätte: O mein Gottfried, je mehr Geld du besitzest, desto glücklicher bist du! Was man von Rechtschaffenheit, Menschenliebe, den stillen Freuden der Tugend sagt, sind lauter Possen: ich habe, das glaube mir, lange gelebt, aber nie süßere Freuden empfunden, als die der Klang des Geldes verschafft. Deine Hauptabsicht bei allen deinen Handlungen muß also dahin gehen, Geld zu erwerben. Alles andere mußt du als Nebenwerk betrachten.

Er eiferte gegen alles, was Aufwand erforderte. Jede Spazierreise, jedes Gastmahl, das seine Mitbürger anstellten, erklärte er für eine Todsünde, die zu seiner Zeit gewiß noch würde gestraft werden. Er wollte, sagte er oft, es wohl noch erleben, daß dergleichen leichtfertige Leute ihr Brot vor den Türen suchen müßten; er habe schon mehrere dergleichen Zeisige gekannt, denen es am Ende ebenso gegangen wäre. Die Almosen verwarf er nicht ganz, doch setzte er, wenn er davon sprach, allemal wohlbedächtig hinzu, die Liebe finge an sich selbst an, man dürfe nicht eher geben, bis man selbst etwas übrig habe, und sich ja vorsehen, daß man denen nur Gutes täte, die es verdienten. Da er aber niemals etwas übrig zu haben glaubte, auch an allen Armen, die in seiner Stadt wohnten, Fehler wußte, die sie des Genusses einer Guttat, nach seiner Meinung, unwürdig machten, so bekam Gottfried niemals eine wirklich wohltätige Handlung zu sehen.

Herr Harpax gab seinem Sohne schon im achten Jahre seines Alters Anleitung, diese guten Lehren in Ausübung zu bringen. Er gab ihm eine Sparbüchse und wöchentlich einige Groschen Taschengeld. Am Ende der Woche mußte er allemal Rechnung ablegen, und wenn er gar nichts ausgegeben hatte, so umarmte ihn der zärtliche Vater, lobte seine Sparsamkeit und gab ihm auch wohl noch ein paar Pfennige zur Belohnung. Oft baten ihn seine Schulkameraden, daß er mit ihnen einen Spaziergang machen, oder reizten ihn, daß er mit ihnen von dem Obste etwas kaufen sollte, was die Jahreszeit mit sich brachte. Aber sein Vater widerriet es ihm allemal. Wenn er nun folgsam war, so lobte er ihn den andern Tag und sagte: Sieh', wenn du gestern mit deinen Kameraden dich vergnügt oder genascht hättest, so wäre heute die Freude hin. Da du aber mir gefolgt hast, so hast du dein Geld noch, daran du noch lange deine Freude haben kannst. Die Sparbüchse wurde oft durchzählt, und so oft die Scheidemünze zunahm, wechselte sie der Vater gegen schöne neugeprägte Viergroschenstücke oder halbe Gulden aus, damit Gottfried ja niemals die Lust anwandeln möchte, etwas davon auszugeben. So oft die Sparbüchse durchzählt wurde, stellte ihm Herr Harpax vor, was das für ein Glück sein würde, wenn er erst fünfzig Taler gesammelt hätte; dann könnte er sie als ein Kapital ausleihen und jährlich zum wenigsten zwei und einen halben Taler davon einstreichen.

Herr Hapax hatte das Vergnügen, zu sehen, daß seine guten Lehren nicht umsonst gegeben worden waren. Gottfried sah gar bald ein, daß Geld das einzig wahre Gut sei, das ein vernünftiger Mensch erlangen könne. Sein ganzes Bestreben ging dahin, dasselbe zu bekommen. Er versagte sich alle die Erquickungen, welche die Natur mit jedem Monate darbot, und verkaufte auch wohl die guten Bissen, die ihm bisweilen seine Großmutter schenkte, an seine Schulfreunde. In seinem zehnten Jahre trieb er schon einen ziemlich einträglichen Handel, indem er durch allerhand List anderen Kindern ihr Spielwerk abzulocken wußte und es hernach wieder bei Gelegenheit zu Gelde zu machen suchte.

Hierdurch brachte er es nun wirklich so weit, daß er dem Vater im zwölften Jahre fünfzig Taler zum Ausleihen herzählen konnte und ihm dadurch eine solche Freude machte, daß der gute Mann Tränen vergoß.

Gottfried übertraf mit der Zeit seinen Vater. Seine Achtung gegen das Geld wurde so groß, daß er ihr alles aufopferte, was anderen Menschenkindern Vergnügen machte.

In seinem vierundzwanzigsten Jahr sah er ein liebes, schwarzäugiges Mädchen, bei deren Anblick ihm warm ums Herz wurde und in ihm der Wunsch aufstieg, mit ihr näher verbunden zu sein. Da er aber erfuhr, daß ihr Vermögen sich nicht über zweihundert Taler erstreckte, so sah er gleich das Ungereimte seines Wunsches ein, bekämpfte den heftigen Trieb des Herzens, besiegte ihn glücklich und schenkte seine Liebe einer reichen sechzig jährigen Witwe.

Sein Tisch war immer mit den wohlfeilsten Gerichten besetzt, und wenn er hörte, daß ein Käsehändler ein Faß voll Käse oder ein Fleischhauer ein Faß voll Pökelfleisch, weil es anfing zu verderben, um einen niedrigen Preis losschlagen mußte, so kaufte er allemal davon einen Vorrat auf etliche Wochen ein. Der Gedanke, daß er bei jeder solchen Mahlzeit etliche Pfennige gewänne, überwand allen Ekel, der dabei leicht hätte entstehen können.

Überhaupt hatte er den Grundsatz, jeder gute Hauswirt müsse erst das Fleisch riechend werden lassen, ehe er es auf den Tisch brächte, weil er aus Erfahrung gelernt hätte, daß das Gesinde von Nahrungsmitteln, die schon der Verwesung nahe wären, kaum halb soviel genösse als von guten, schmackhaften Mahlzeiten.

Vor allen menschlichen Gesellschaften bezeigte er einen großen Abscheu – aber doch war er nicht ohne Gesellschaft. Die goldenen und silbernen Männerchen, die er in seinem Kasten verwahrte, verschafften ihm die angenehmste Unterhaltung, und nichts erquickte ihn mehr, als der Gedanke, daß er täglich mit den größten Potentaten umgehen könne, ohne daß ihm dieser Umgang einen Pfennig koste.

Den Freuden, die aus der Religion entspringen, versagte er allen Zutritt zu seinem Herzen, weil er besorgte, er möchte dadurch in dem Genüsse süßerer Freuden gestört werden. Die Zeit, die er in der Kirche zubringen mußte, wandte er dazu an, daß er neue Entwürfe, Geld zu gewinnen, machte, und sein Beichtvater will angemerkt haben, daß er oft während der Absolution mit den Fingern zählte, und also vermutlich eine Rechnung verfertigte.

So ging Gottfried aus der Welt als ein Herr von siebenzigtausend Talern. Er hatte zwar von alledem, was andere Menschen labt, nichts geschmeckt: weder die Freuden der Natur, noch die Religion hatten in sein Herz dringen können – dafür war er aber auch ein Herr von siebenzigtausend Talern.

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