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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 26
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, Kinder naschhaftig zu machen

I.

Versage ihrer Lüsternheit nichts!

Friederikchen mußte von allem, was auf den Tisch kam, zuerst haben. Das war in ihrem Hause nun einmal so hergebracht. Wenn die Mutter einen Teller voll Kuchen in die Stube trug, so schrie sie ihr nach: Mutter, ich will auch Kuchen! Gib mir Kuchen! Und die zärtliche Mutter sagte: Ja, Friederikchen, gleich sollst du Kuchen haben; warte nur eine Minute, ich will erst ein Messer holen! Aber Friederikchen hielt nicht viel vom Warten, sie forderte mit Ungestüm: Ich will jetzt Kuchen haben! Da riß ihr denn die Mutter einstweilen ein Stück mit den Händen ab.

Kam die Mahlzeit auf den Tisch, so rückte Friederike gleich den Stuhl herbei, schob den Teller an die Schüssel, und die Mutter legte ihr vor, ohne das Tischgebet abzuwarten. Der Mann wollte sie zwar bisweilen versichern, daß dieses höchst unschicklich sei, Kindern müsse zuletzt vorgelegt werden, damit sie ihre Begierde mäßigen lernten, sie wies ihn aber immer mit der Antwort zurück: Es ist ja nur ein Kind! Wenn es erst zu Verstände kommt, so wird es sich von selbst geben.

Bekamen die Eltern Besuch, so verstand es sich von selbst, daß der Tochter die erste Tasse eingeschenkt wurde und die Gäste so lange warten mußten, bis Friederikchens Forderungen befriedigt worden waren. Dann hing sie sich an die Mutter und fragte einmal über das andere: Bringst du bald Konfekt? Sobald dieses hereingebracht wurde, mußte Friederikchen ihr Stück haben. Dies war nun bald verzehrt. Dann zupfte sie an der Mutter Schürze, wies nach dem Teller, sagte auch wohl, wenn es die Mutter nicht verstehen wollte: Ich will Konfekt! Konfekt will ich haben! Und die gütige Mutter reichte ihr ein Stück nach dem andern hinter den Stuhl.

Nach und nach hörte Frederikchen auf, ein Kind zu sein, und wurde eine Mamsell. Es gab sich aber mit der Lüsternheit doch nicht von selbst, wie die Mutter geglaubt hatte. So oft sie etwas Leckerhaftes sah, so lief ihr der Mund voll Wasser und sie sann auf Ränke, desselben habhaft zu werden. Die Mutter mußte alles vor ihr verschließen; denn wenn sie den Rücken wendete, so war Mamsell Friederikchen darüber her und benaschte es. Sie hatte z. B. einmal einen Aschkuchen gebacken, um damit eine Gesellschaft zu bewirten. Mamsell Friederikchen konnte die Zeit nicht erwarten, bis er aufgeschnitten wurde; sie schlich in die Speisekammer, riß das Braune herunter und schloß eine Katze hinein, die alsdann den Zorn der aufgebrachten Mutter erfahren mußte.

Dergleichen Stückchen machte nun Mamsell Friederikchen viele, die nach und nach alle der Mutter bekannt wurden. Diese grübelte darüber nach, woher doch die unbändige Naschhaftigkeit des Mädchens kommen möchte; aber den eigentlichen Grund, welcher in der fehlerhaften Erziehung des Kindes zu suchen war, fand sie nicht.

II.

Gib ihnen Geld unter die Hände, ohne dich zu erkundigen, wie sie es angewendet haben.

Herr Anton hatte gehört, daß es in vornehmen Häusern Mode sei, Kindern Taschengeld zu geben. Da er nun auch gern zu den Vornehmen gerechnet sein wollte, so gab er seinen Kindern ebenfalls am Sonntage ihr Taschengeld, und wenn der Sonntag wieder herbeikam, so zahlte er die bewilligte Summe wieder aus, ohne sich nur mit einem Worte danach zu erkundigen, wie sie das vorige angewendet hätten.

Dieses wendeten sie nun zu lauter Leckerbissen an. Rosinen, Mandeln, Morsellen Vom lat: morsuli = Bissen; hier Zuckerstückchen. und andere dergleichen Waren führten sie beständig bei sich.

In den ersten Wochen war ihr Taschengeld hinlänglich, diesen Aufwand zu bestreiten. Da aber ihre Lüsternheit immer mehr gereizt wurde und sie in der Folge immer teureres Naschwerk kennen lernten, so war es gewöhnlich am Montag schon verzehrt.

Nun sollten die guten Kinder die ganze Woche durch leben, ohne etwas aus der Tasche knaupern zu können. Dies ging doch unmöglich an. Sie mußten also auf Mittel sinnen; diesem Mangel abzuhelfen. Anfänglich borgten sie und bezahlten von dem Gelde, das für die künftige Woche bestimmt war. Das konnte aber nicht lange Bestand haben. Es kam bald so weit, daß sie ihr Taschengeld schon auf ein Vierteljahr voraus verzehrt hatten.

Was war also zu tun? Sie legten sich auf das Stehlen und wußten ihre Rolle dabei recht gut zu spielen. Da ihr Vater eine starke Einnahme hatte und selbst nicht wußte, wieviel Geld er in der Kasse habe, so konnten sie ihm unter der Hand einen Gulden nach dem andern entwenden, ohne daß er es gemerkt hätte.

Der liederliche Student, der alle seine Sachen versetzt hatte und vor etlichen Wochen Schulden halber in das Gefängnis gesetzt wurde, ist ein junger Anton. Und die Frau, die deswegen so berüchtigt ist, daß sie Wäsche und Kleider versetzt, um sich heimlich allerlei gutes Backwerk machen zu können, ist das Julchen, von dem ich jetzt geredet habe.

Der gute Anton grämt sich darüber fast zu Tode und will nun durchaus wissen, wer seine Kinder verführt habe. An ihm, sagte er, läge die Schuld nicht, er habe sie zu allem Guten erzogen.

III.

Male ihnen die Leckerbissen recht süß vor!

Meister Hiob hatte eine starke Verwandtschaft, in der es immer etwas zu schmausen gab. Bald wurde er zu einer Hochzeit, bald zu einer Kindtaufe, bald zu einem andern Gastmahle eingeladen, wovon gewöhnlich den andern Tag etwas Konfekt und Gebackenes für die Kinder nachgeschickt wurde. Dieses teilte Meister Hiob unter sie mit so einer wichtigen Miene aus, als wenn er ihnen Sachen von unschätzbarem Werte zu geben hätte. Wenn er dem kleinen Ferdinand ein Stück Torte geben wollte, so hielt er es erst eine halbe Viertelstunde in die Höhe und sagte: Gucke, Ferdinandchen, was ich dir mitgebracht habe! Das ist was Delikates; das wird schmecken! Tausend, wirst du das Mäulchen nicht lecken, wenn du so etwas Süßes bekommst: Du willst es doch wohl annehmen?

Da wurde dann Ferdinands Begierde recht heiß. Er streckte die Hände aus und sagte: Ach ja, ja, lieber Vater! Gib es mir nur! Wenn dann Ferdinandchen so eine Zeit lang geschmachtet hatte, so bekam es endlich die Torte. Und nun kam es an die übrigen Kinder, mit denen er es ebenso machte.

Niemals machte er es aber so, wenn er ihnen Erbsen oder Wasserbrei vorsetzte.

Kam etwas Leckerhaftes auf den Tisch, so gebärdete er sich auch wunderbar. Ach! pflegte er zu sagen, das ist ja etwas Vortreffliches; heute wollen wir uns auch etwas Rechtes zu gute tun.

Auf diese Art wurden die Kinder belehrt, daß es kein größeres Glück für den Menschen gäbe, als wenn er etwas Leckerhaftes genießen könne, und daß Backwerk und gekünstelte Speisen einem einfachen Gemüse vorzuziehen wären.

Da nun jeder Mensch ein Verlangen nach Glückseligkeit hat, so mußte notwendig bei Meister Hiobs Kindern eine heiße Sehnsucht nach Leckerbissen entstehen, die sie verleitete, jede Gelegenheit zu ihrer Befriedigung aufzusuchen. Auf diese Art wurden sie naschhaftig.

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