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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 24
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, Kinder verdrießlich und mit ihrem Zustande mißvergnügt zu machen

I.

Zeige ihnen alle Dinge von der schlimmen Seite!

Wenn Amalie speiste, so zog sie gewöhnlich ein Mäulchen, als ob sie Pillen kaute, und fand an dem besten Essen etwas zu tadeln. Bei jedem Gericht Rindfleisch erinnerte sie, daß es unausstehlich wäre, daß keine polnischen Ochsen mehr ins Land gebracht würden; das Gemüse hatte ihrer Meinung nach den Geschmack gar nicht wie das, welches sie zu ihrer seligen Mutter Zeit gegessen hätte. Da war es, wie sie sagte, ganz andere Zeit; – da war das Kraut so mürbe, daß es auf der Zunge zerging, aber jetzt fand sie weder Geschmack noch Geruch daran. Das Fischwerk schmeckte ihr immer faulig und die Brühen machte ihr die Köchin niemals recht. Sie legte vor Verdruß oft Messer und Gabel hin und trat an das Fenster.

Wenn sie sich anzog, um Besuch zu geben oder anzunehmen, so war ihr, kurz gesagt, alles nicht recht. In dem seidenen Zeuge, in dem Bande, das sie anlegte, war nicht für einen Pfennig Geschmack, und ihre Kleider schienen ihr so dumm zugeschnitten zu sein, als ob sie für die plumpste Bauerfrau gemacht worden wären.

Sie kam dann mißvergnügt aus der Gesellschaft und beklagte sich über Mangel an Lebensart, den sie bei dieser oder jener Person wollte bemerkt haben, und wünschte tausendmal, daß sie mit solchen Leuten gar keinen Umgang haben dürfte.

Bis jetzt hat ihr der liebe Gott selbst noch gar nichts recht gemacht. Regnet es ein paar Tage, so heißt es: O, über das unausstehliche Wetter! Melancholisch möchte man werden! Ist es heiß, so möchte sie von Sinnen kommen, und ist es kalt, so seufzt sie: Der böse Winter! Er wird doch einmal ein Ende nehmen! Wenn wir doch nur erst Ostern erlebt hätten!

Kurz, auch da, wo alles vergnügt ist, findet Amalie Ursache, sich zu beklagen.

Und nirgends beklagt sie sich lieber als in Gegenwart ihrer Kinder.

Daher hat sie auch lauter Kinder, die ihrem Bilde ähnlich sind. Wenn sie des Morgens aufstehen, so weinen sie. Dem fehlt ein Strumpfband, dem andern eine Schnalle, dem dritten ist das Wasser zu kalt, in dem es sich waschen soll. Auf diese Art ist in diesem Hause immer eine solche Wehklage, daß oft die Vorübergehenden geglaubt haben, es wäre jemand im Hause krank oder gar gestorben.

Wird die Schokolade aufgetragen, so geht das Pimpeln von neuem an. Wer es nicht weiß, sollte meinen, sie müßten alle Rhabarber einnehmen. Dem einen ist sie nicht süß genug, dem andern ist sie zu heiß, das dritte beklagt sich, daß ihm die Tasse zu voll geschenkt worden wäre.

So geht es bei Tische, so geht es den ganzen Tag über. Das Winseln hört nicht eher auf, bis sie eingeschlafen sind.

Vor einigen Wochen konnte es Amalie nicht mehr ausstehen. Sie trat mit einer Rute unter sie und sagte: Ihr gottlosen Kinder! Wird denn das Heulen niemals alle? Ihr habt euer warmes Bett, eure Kleidung, eure Schokolade, euren guten Tisch – und doch winselt ihr, als wenn es euch an allem fehlte! Wenn es doch arme Kinder so gut wie ihr hätten! Gregorius, gleich sei vergnügt oder ich will mit der Rute über dich kommen! Und du, Hermann, du, Karoline, merk' es auch, oder es setzt gewiß derbe Schläge!

Und doch wurden die Kinder nie vergnügt. Wie das wohl zugehen muß?

II.

Stelle ihnen Dinge recht süß vor, die sie nicht haben können.

Meister Stephan verdiente durch seinen Fleiß so viel, daß in seinem Hause nie Mangel war. Täglich stand eine große Schüssel voll Gemüse zu Mittag auf dem Tische, des Abends war Butter und Käse da. Seine Kinder waren gesund, und da die Mutter sehr arbeitsam war, so hatten sie jederzeit reine Wäsche und ganze Kleider. Auch bescherte der liebe Gott immer so viel, daß sie sich bisweilen eine Veränderung machen und auf den benachbarten Dörfern einen Teller voll Schinken und einen Krug Bier genießen konnten.

Was das, wird man denken, für vergnügte Leute gewesen sein müssen!

Nichts weniger als dieses. Meister Stephan wußte seine Kinder immer so zu unterhalten, daß sie glaubten, sie wären die unglücklichsten Leute auf dem Erdboden. Er bemühte sich immer, ihre Aufmerksamkeit von dem abzuziehen, was sie genossen, und ihnen alles als süß vorzumalen, was sie entbehren mußten.

Wenn sie sich an einem Teller voll Sauerkraut labten, sagte er gewöhnlich: Heute wird es in jenem Hause hoch hergehen. Da wird es Wildbret, Fisch und Wein geben. Ach! so etwas kommt freilich an unsereinen nicht, da muß man das Maul wischen! Sogleich wollte den Kindern das Sauerkraut nicht mehr schmecken. Ging ein schön gekleidetes Kind vorbei, so rief er seine Kinder, zeigte ihnen dasselbe und sagte: Seht ihr, wie das Kind geputzt ist? wie ein Engel. Ihr armen Kinder – wenn ich eure Lümpchen dagegen halte! – Wenn mich doch nur einmal der liebe Gott in bessere Umstände versetzte, so wüßte ich wohl, was ich tun wollte, und die Kinder sahen nun auf einmal ein, daß sie sich ihrer Kleider schämen müßten.

Ging er spazieren und es rollte eine Kutsche vorbei, so hieß es: Ja, ja, die können fahren! Wir armen Leute müssen gehen.

Wollte seinen Kindern auf dem Dorfe bisweilen ein Vergnügen anwandeln, wenn sie guten Schinken und gutes Bier genossen, so zeigte er nach der Gesellschaft, die neben ihm speiste, und sagte: Wer es doch auch so gut hätte! Wer doch auch ein Gläschen Wein trinken könnte! Und die Kinder verzogen den Mund, so oft sie das Glas ansetzten.

Ohne Zweifel hatte Meister Stephan zur Absicht, durch dergleichen Gespräche den Kindern die Welt recht zuwider zu machen, und diese Absicht erreichte er. Sie sind alle wohl versorgt und doch alle äußerst mißvergnügt. Sie freuen sich nie über das Gute, das sie genießen, aber immer betrüben sie sich über das, was sie nicht haben können.

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