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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 23
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, Kinder fein frühzeitig an Verleumdung zu gewöhnen

Muntere deine Kinder auf, anderen recht viel Böses nachzureden!

Meister Jörge war im höchsten Grade neugierig. Er hätte gar zu gern wissen mögen, was täglich in allen Häusern seiner Nachbarn vorging. Da er nun nicht wußte, wie er es erfahren sollte, so fiel er endlich darauf, seinen Sohn zum Spione zu gebrauchen.

Kaspar, so hieß Meister Jörgens Sohn, bekam allemal, so oft Meister Jörge hörte, daß einer seiner Nachbarn verreist war, den Auftrag, vor dem Hause desselben auf- und abzugehen und zu beobachten, wer in des Mannes Abwesenheit aus- und einginge. Hörte er, daß in einem Hause die Magd stark auf- und ablief oder daß die Lichter hell brannten oder die Vorhänge zugezogen waren oder stark geredet wurde, so wurde Kaspar abgeschickt, um zu erforschen, was da passiere. War es am Tage, so mußte er etwas aus dem Hause borgen oder sich nach etwas erkundigen; war es aber abends, so mußte er unter dem Fenster horchen, oder, wenn es möglich war, wohl gar hineinlauschen.

Anfänglich erzählte Kaspar alles treulich wieder, was er gesehen oder gehört hatte.

Da er aber in der Folge merkte, daß sein Vater vorzüglich neugierig war, daß er zehnmal fragte, wie? wer? wirklich? daß sein ganzes Gesicht sich aufheiterte, wenn er von den Leuten recht viel Übles redete, so ließ es sich Kaspar sehr angelegen sein, sich in seinen Erzählungen nach des lieben Vaters Geschmack zu richten.

Sagte er, daß eine Frau in ihres Mannes Abwesenheit Besuch von einer andern Frau gehabt habe, so erfolgte nichts, als ein trockenes – So so! Erzählte er aber, daß eine Mannesperson zu ihr gegangen wäre, daß sie mit ihm gelacht und gescherzt habe, da spitzte er die Ohren und wollte immer mehr wissen.

Nichts hörte er lieber, als wenn sich ein paar Eheleute entzweit hatten oder sonst eine Unordnung bei ihnen vorgefallen war.

Kinder haben gewöhnlich eine Begierde, anderen gefällig zu werden. Kaspar hatte sie auch, und da er sah, daß er sich durch nichts bei seinem Vater beliebter machen konnte, als dadurch, daß er anderen Übles nachredete, so brachte er es in dieser Kunst in kurzem sehr weit. Sein Vater bekam aus allen Häusern durch ihn die schlimmsten Nachrichten; kein Nachbar und keine Nachbarin behielten vor diesem Buben ihren ehrlichen Namen.

Das Verleumden ist ihm nach und nach so geläufig geworden, daß er es noch jetzt nicht lassen kann. Von niemand spricht er Gutes, von allen will er etwas Böses gesehen oder gehört haben. Es vergeht so leicht keine Woche, da er nicht ein paar Nachbarn, Freunde oder Eheleute durch seine Verleumdungen zusammenhetzt. Bisweilen wird nun freilich seine Tücke entdeckt. Er hat schon einigemal Strafe erlegen müssen, hat auch ein paarmal von seinen Kameraden Schläge bekommen; aber jung gewohnt, alt getan. Er ist und bleibt noch immer in seinem zwanzigsten Jahre der Verleumder, der er in seinem zehnten war.

Von niemand spricht er mehr Böses als von seinem eigenen Vater. Der ist, nach seiner Aussage, ein Erzknauser, ein Erbsenzähler, ein dummer, einfältiger Mann.

Meister Jörge soll unter der Hand etwas davon erfahren und ihm deswegen den Kopf tüchtig gewaschen haben. Ist das der Lohn, soll er unter anderem gesagt haben, für die Erziehung, die ich dir gegeben habe, mich alten Mann so in Schimpf und Schande zu bringen? Du Ranke! wart' – wart' – in deinem Leben kann es dir nicht wohl gehen, du Lästermaul! Hast du nicht im Sirach gelesen: Ein Dieb ist ein schändlich Ding, aber ein Verleumder ist noch viel schändlicher!?

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