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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 19
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, wie man Kindern lehren kann, Gespenster zu sehen

Erzähle deinen Kindern recht viel von Gespenstern.

Wenn Meister Martin Feierabend gemacht hatte, so versammelten sich seine Kinder um ihn und baten, daß er ihnen etwas erzählen möchte. Da stopfte er sich dann sein Pfeifchen, setzte sich an den Ofen, seine Kinder drängten sich um ihn, dann fing er an zu erzählen, fast von nichts, als von – Gespenstern; teils weil er nichts anderes wußte, teils weil er bemerkte, daß seine Kinder nichts lieber hörten!

Er wußte ihnen vierundzwanzig Orte in seiner eigenen Gegend zu nennen, wo es nicht geheuer war. An dem einen sollte ein Kloster gestanden haben, wo sich noch bis jetzt, im Advent und in den Fasten, eine Nonne sehen ließe.

Im Riede, unweit der großen Pappel, die gleich unter der Mühle steht, sollte sich ein Mann ertränkt haben, der noch immer umgehe. Kurios wäre es auch, daß allemal punkt elf auf dem Gottesacker sich ein schwarzer Hund mit feurigen Augen, so groß wie ein Kochlöffel, zeigte, und Glocke zwölf wieder auf dem Grabe eines alten schwedischen Hauptmanns verschwände. Bei dem Klosterturm in der Vorstadt wäre ihm einmal etwas auf den Rücken geplumpt wie ein Mehlsack, das habe er bis vor seine Haustür tragen müssen. In seinem Leben wolle er des Nachts vor diesem Tore nicht wieder vorbeigehen. Unter dem großen Stein, am Markte rechter Hand, wenn man nach der Schule zu geht, sollte ein großer Schatz liegen, der mit einem schwarzen Bocke versetzt wäre. Seine Großmutter habe von ihm erzählt, daß sie von ihrer Großmutter gehört hätte, daß sich einmal ein paar Wagehälse daran gewagt hätten, hätten auch wirklich das Geld schon funkeln sehen; weil aber der eine gerufen hätte: da ist der Schatz! so wäre er gleich wieder versunken. In dem alten Schlosse oben auf dem Berg solle ein verwünschtes Fräulein wohnen, das sich alle hundert Jahre in der Gestalt einer Eidechse sehen ließe und nicht eher könne erlöst werden, bis ihr ein reiner Junggeselle den Kopf abhiebe u.s.w.

Wenn er auf den Kyffhäuser Berg, auf den Brocken, auf Rübezahl oder Doktor Faust zu reden kam, so war er unerschöpflich.

Die alte Marie, die er bei sich hatte, war freilich eine Magd, mit der nicht viel anzufangen war; weil sie aber den Kindern so hübsch zu erzählen wußte und er selbst von ihr noch manches Gespensterhistörchen, das ihm noch unbekannt war, lernen konnte, so behielt er sie doch.

Durch diese Art des Unterrichts brachte Meister Martin seine Kinder in kurzer Zeit sehr weit. Sie behielten alles wohl und bekamen den Kopf so voll Gespenster, daß, wenn die Nacht einbrach, sie Erscheinungen erwarteten. Hierdurch wurden sie oft so vorsichtig gemacht, daß sie in der Dunkelheit sich nicht trauten einen Schritt vor die Tür zu tun. Gingen sie zu Bette, so mußte Marie bei ihnen sitzen bleiben, bis sie eingeschlafen waren.

Mußten sie, da sie größer wurden, in der Dunkelheit durch das Feld gehen, so sahen sie jeden Baum für einen schwarzen Mann, jede Sternschnuppe für einen fliegenden Drachen und jeden Hamster, der ihnen begegnete, für ein Ding an, mit dem der Böse sein Spiel habe.

Peter, der älteste Sohn, brachte es in der Kunst, Geister zu sehen, vorzüglich weit. Schon in seinem achtzehnten Jahre wußte er von siebenundsiebenzig Gespenstern zu erzählen, die er mit seinen eigenen Augen gesehen hatte. Sein Vater meinte, es käme dies daher, weil er ein Sonntagskind wäre, und glaubte, daß dem Burschen noch ein großes Glück bevorstände.

Wer weiß auch, was nicht noch mit der Zeit geschieht. Er ist freilich schon durch mutwillige Leute in großen Schaden gekommen! – Er ging, zum Beispiel, einmal des Abends von einer Dorfkirmes nach Hause, sah auf dem Wege eine Pfanne voll glühender Kohlen stehen, hörte aus einem Busch kläglich rufen: Erlöse mich, erlöse mich! Und in der gewissen Meinung, daß die Kohlen ein Schatz wären, warf er seine Pudelmütze darauf, die sogleich lichterloh brannte, weil ein loser Vogel aus der Gesellschaft, in der er gewesen war, wirkliche Kohlen hingesetzt hatte. Seine Magd nimmt auch allerhand Spukereien vor und bestiehlt seine Speisekammer. Bei alledem kann man nicht wissen, was sich zwischen hier und Michaelis zuträgt.

Er weiß ja von sicherer Hand, daß in einem gewissen Kreuzwege ein großer Schatz steht, der dem zufallen soll, der ein pechschwarzes Kaninchen, das aber, wohl zu merken, in der Walpurgisnacht ist gestohlen worden, unter gewissen Zeremonien, hinter die er nun auch gekommen ist, mit einem dreikreuzigen Messer auf diesem Kreuzwege abschlachtet. Er hat auch wirklich bei einem Mitmeister schwarze Kaninchen gesehen und ist fest entschlossen, in nächster Walpurgisnacht eins zu stehlen. Da wird man nun sehen, wie das Ding ablaufen wird.

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