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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 14
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, Kindern die Grausamkeit zu lehren

Bringe ihnen frühzeitig ein Vergnügen an den Schmerzen und Qualen unschuldiger Geschöpfe bei.

Nachbar Kilian war nach der einstimmigen Aussage des ganzen Dorfes ein rechter Barbar. Kein größeres Vergnügen kannte er, als seine Mitgeschöpfe zu peinigen. Während der Kirchenmusik schlief er gewöhnlich; wenn er aber das Winseln eines Leidenden hörte – dann lächelte er, dann labte er sich.

Nach Tisch war sein gewöhnlicher Zeitvertreib, daß er seinen Hund bei den Ohren in die Höhe zog und ihn heftig schüttelte; je jämmerlicher dieser winselte, desto mehr funkelten Kilians Augen; er biß die Zähne zusammen und schüttelte so lange, bis er außer Atem war. Wenn er nur eine Stunde weit ritt, so mußte das Pferd Schaum haben, und bei seinem Herabsteigen besah er allemal die blutigen Spornen. Auf seinen Wagen lud er stets noch einmal so viel als andere Bauern, und kaum stellten sich die Pferde an, als wenn sie stille stehen wollten, so sprang er herbei, schlug mit einem armdicken Prügel auf sie so wütend los, daß alle Anwesenden vor Jammer ihr Gesicht abwenden mußten. Daher hatten seine Pferde immer rohe Flecke, so groß wie eine Teeschale. Von diesen verwendete er kein Auge, wenn er neben den Pferden herging, so daß es schien, als wenn dieser betrübte Anblick seine Augenweide wäre.

Auch seine Frau war von Schlägen und Schrecken krank und gebrechlich geworden. Strafte er seine Kinder, und dies geschah sehr oft, so band er ihnen die Hände, hing sie in die Höhe und prügelte sie mit einem geflochtenen Stricke so unmenschlich, daß ihnen oft der Schaum vor den Mund trat.

Eine Magd, die er auf seiner Wiese grasend antraf, mißhandelte er so, daß sie wirklich halbtot liegen blieb und nur mit vieler Mühe beim Leben erhalten werden konnte.

Da er merkte, daß ihm etwas Obst entwendet worden war, legte er Selbstschüsse und ärgerte sich alle Morgen, wenn er sah, daß sich niemand erschossen hatte.

Seine gewöhnliche Drohung war: wart', ich will dich in Kochstücke zerhacken! Krieg ich dich nur einmal, wohin ich dich haben will, so will ich dir das Messer im Leibe umwenden.

Wenn seine Verwandten ihm vorstellten, daß es keinen guten Ausgang mit ihm nehmen würde, wenn er sein barbarisches Wesen nicht ablegte, so wies er sie allemal mit den Worten zurück: mag es doch hin! einmal sterbe ich doch. Ist's auf dem Bette oder am Galgen oder auf dem Rabensteine – das gilt mir gleichviel!

Ein so außerordentlicher Mann mußte wohl eine außerordentliche Erziehung gehabt haben. Denn obgleich bei der gewöhnlichen Erziehung viele seltsame Geschöpfe gebildet werden, so hört man doch selten von einem so sonderbaren Mann, wie Kilian war.

Nachdem ich mich lange umsonst bemüht hatte, von seiner Erziehung nähere Nachrichten einzuziehen, so traf ich endlich einen alten Schulkameraden von ihm an, den ich fragte, ob er denn gar nicht wüßte, woher es denn käme, daß Nachbar Kilian ein so schrecklicher Unmensch wäre?

Das läßt sich leicht erraten, antwortete er, wie will es denn anders kommen? An seinem Vater, Gott hab' ihn selig, war auch kein gutes Haar. Er tat auch nichts lieber, als die Leute turbieren (quälen). Zwei von seinen Söhnen konnten es nicht bei ihm ausstehen und sind aufs Wasser gegangen.

Nun, da läßt es sich leicht begreifen, woher Kilians Grausamkeit kommt.

Aber könnt ihr, fragte ich, euch nicht mehr besinnen, was der Vater mit ihm vorgenommen hat, da er noch klein war?

Ich denke, ja. Ich bin ja immer in dem Hause ein- und ausgegangen, wir waren Nachbarskinder. Das weiß ich wohl noch, daß Kilianchen das Nesthöckchen war, und daß sein Vater alles zusammenschleppte, womit er ihm eine Freude machen konnte.

Und was war das?

Er störte alle Vogelnester aus und brachte die Jungen dem Kilian. Der nahm sie und rupfte sie, schnitt ihnen die Flügel und Beine ab und wollte sich totlachen, wenn sie im Blute sich wälzten und piepten. Alle jungen Hunde schleppte er ihm zu und ließ sie von ihm martern; es hat mich selbst gedauert, das arme Vieh! Er ließ keine Taube abschneiden, er verdrehte ihr erst die Flügel und gab sie Kilian zum Spielen. Und wenn er eine Henne abschnitt, so ließ er sie allemal mit der durchschnittenen Kehle wieder laufen, setzte sich mit seinem Jungen dabei und wollte sich totlachen über die Purzelbäume, die das arme Tier machte.

So! so! Wenn Kilian so erzogen wurde, so ist es kein Wunder, wenn er ein solcher Tyrann geworden ist. Wer erst so ausgeartet ist, daß er sein Vergnügen an der Angst und an dem Piepsen eines jungen Vogels und an dem Winseln eines jungen Hundes findet, wird sicher, wenn er größer wird, ein Peiniger von Menschen und Vieh.

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