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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 13
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, bei den Kindern die Menschenliebe zu ersticken

Sprich von den Menschen in deiner Kinder Gegenwart recht viel Böses.

1. Herr Orgon hatte sich seinen Lehnstuhl so setzen lassen, daß er von da aus die ganze Straße übersehen und alle Vorbeigehenden beobachten konnte. Da er nun weiter nichts zu tun hatte, so beschäftigte er sich damit, daß er die Vorübergehenden beurteilte und mit diesen Beurteilungen sein Weibchen und seine Kinder unterhielt. Die Urteile fielen durchgängig sehr hämisch aus.

Wie doch das Käthchen so keck davon geht, als wenn sie kein Wässerchen trübte! Sie denkt gewiß, die Stadt habe es schon vergessen, was im vorigen Jahre mit ihr und dem Nachbar vorging? – Hm!

Da kommt Meister Friedrichs Tochter – wer die zur Frau bekommt, der wird sich auch laben – wie sie sich herausgeputzt hat – wie sie schwänzelt!

Guckt alle her! wie sich der Herr Doktor N. brüstet! Tausend! es ist schade, daß die Gasse nicht ein bischen breiter ist. Wenn er doch an das Kapital dächte, das er noch an seinen Schwager zu bezahlen hat, da würde ihm der Mut bald vergehen!

Denk'! Denk! Meister Jörchens Gottfried – gar einen Haarbeutel – gar seidene Strümpfe! und hat doch wohl kein Hemd auf dem Leibe.

Wie doch die N-schen Kinder so zerlumpt hergehen! wie kläglich sie aussehen, als wenn ihnen die Hühner das Brot genommen hätten! Man soll zwar von den Toten nichts als Gutes reden, aber ihr Vater, tröst' ihn Gott, wenn er zu trösten ist! war ein infamer Mann. Was der in seinem Leben für Unheil gestiftet hat! Gottes Strafe bleibt doch nicht aus.

He Bauer! wie teuer gebt ihr das Korn? Acht Groschen die Metze! Seid ihr närrisch? (Zu seinen Kindern:) Das ist wahr, es ist doch kein gröberer Flegel in der Welt als ein Bauer. Wenn er dem Bürger etwas verkauft, so fordert er in das Gelag hinein, und das Beste behält er immer für sich. Seine faulen Eier, die Milch, wo die Mäuse darin ertrunken sind, seine kranken Hühner und Gänse – die trägt er alle zu Markte – die soll unsereins alle essen.

Meister Franz hat ja gar einen neuen Regenmantel! Er hat gewiß ein paar gute Brautkleider zu machen gehabt, daß er etliche Ellen Stoff hat können unterschlagen. Ich habe es meine Tage gehört: Schneider, Müller und Leineweber sind alle Spitzbuben.

Sieh'! jetzt vergeht doch Frau Marcipillen das Großtun! Wenn ich zurückdenke, wie das Weib sonst so hoch herfuhr! In keinem Laden war ihr etwas gut genug. Alle Sonntage mußte Braten – alle Tage zweimal Kaffee sein. Ha, ha! wenn sie doch jetzt satt Hering und Kofent hätte!

Geschwind, Kinder! seht ihr den Mann dort mit dem braunen Rock? Das ist der, den seine Magd im vorigen Jahre verklagte.

So hämisch und lieblos waren alle Urteile, die Herr Orgon von seinen Nebenmenschen fällte. Von niemandem sprach er Gutes. Aller Menschen Fehler, die zum Teil längst vergessen waren, deckte er auf, und wo er keine finden konnte, da suchte er doch wenigstens die Leute verdächtig zu machen.

Die Kinder, die dieses alles begierig anhörten, kamen nach und nach auf den Gedanken, daß alle Menschen Schurken und Narren wären, und daß es in der Welt, außer ihnen, ihrem Papa und ihrer Mama, keinen guten und vernünftigen Menschen gäbe; sie sahen das ganze Menschengeschlecht mit Verachtung an und gewöhnten sich an eine so alberne Miene, als wenn sie die ganze Welt übersehen könnten. Sie dachten nur immer an sich, ohne daß ihnen jemals der Gedanke angekommen wäre, zu anderer Menschen Glück etwas beizutragen.

2. Luischen kam einmal ganz wehmütig in die Stube und lief nach der Sparbüchse.

Nun, fragte der Vater, was soll das werden?

Ach! es ist eine gar zu arme Frau draußen. Sie sagte, sie hätte noch keinen Bissen Brot heute zu sich genommen und hätte die Gicht.

Hast du nicht gefragt, wie sie heißt?

Anna Barbe – es ist die Frau mit der Krücke, die ich dir schon einmal gezeigt habe.

So? Nun da kannst du dein Geld behalten. Das Mensch hat alles durchgebracht. Geh'! sag' ihr, wenn sie in der Jugend besser hausgehalten hätte, so brauchte sie jetzt nicht zu betteln.

Das kann ich wirklich nicht übers Herz bringen.

So will ich es tun. Mensch! schämt ihr euch nicht, andern Leuten zur Last zu fallen? Habt ihr nicht ein eigenes Haus, habt ihr nicht einen Garten gehabt ? Nicht wahr, das habt ihr durch die Gurgel –

Um Gottes willen, lieber Herr!

Was da! was da! Packt euch fort, oder ich will euch etwas anderes zeigen.

So lieblos behandelte dieser Mann alle Armen. Wenn er ihnen auch bisweilen seines Wohlstandes wegen einen Pfennig mitteilen mußte, so suchte er sich doch durch die hämische Beurteilung derselben für seinen Pfennig bezahlt zu machen. Bald sagte er, sie wären Faulenzer, Tagediebe, die nicht arbeiten wollten, müsse er doch auch arbeiten; bald versicherte er, sie hätten durch ihr voriges liederliches Leben sich in Armut gestürzt. Man müßte seine Sachen zurate halten (zusammenhalten), wenn man durch die Welt kommen wollte; er wüßte am besten, wie genau er sich sein Lebtag habe helfen müssen. Baten Verunglückte um seinen Beistand, die er weder der Faulheit noch der Verschwendung mit einigem Grunde beschuldigen konnte, so sagte er: Wer weiß, wo sie es verdient haben! Gott tut nichts ohne Ursache!

Durch dergleichen Reden wurde das wohltätige Luischen gegen die Not der Armen ganz unempfindlich gemacht, ja sie bekam nach und nach gegen dieselben einen wahren Abscheu. Wenn nach der Zeit die Armen wehmütig flehten, sich ihrer zu erbarmen, so ging sie unempfindlich vorbei und dachte: es ist an dem Lumpenvolke doch nichts angewendet, du kannst ja dein Geld besser brauchen.

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