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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 11
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, sich bei den Kindern verächtlich zu machen

I.

Macht eure Kinder mit euren Fehlern bekannt, und sie werden euch gewiß verachten.

1. Hans und Grete waren einander ziemlich gut, hatten aber beide ein so heftiges Temperament, daß eine Kleinigkeit, die man in anderen Häusern gar nicht achtet, sie so aufbrachte, daß sie alle Überlegung verloren. Oft umarmten sie einander des Morgens auf das zärtlichste und versicherten einander ihre Liebe; aber in eben derselben Stunde runzelten sie auch oft die Stirnen, die Augenbrauen zogen sich zusammen, die Zähne knirschten, die Mäuler öffneten sich und sprudelten einen Wust von pöbelhaften und beleidigenden Reden von sich.

So umarmte z. B. Hans einmal sein Gretchen auf das inbrünstigste und sprach: Bestes Gretchen!

Gr.: O du guter Hans!

H.: Wenn ich dir nur sagen könnte, wie lieb ich dich habe!

Gr.: O du gehst mir über alles in der Welt!

H.: Aber das Loch, das Christoph in der Jacke hat, hast du noch nicht zugestochen.

Gr.: Das dacht' ich wohl! Kaum bist du aus dem Bette, so geht das Knurren schon an! Das wird –

H.: Ho, ho! ich werde doch wohl reden dürfen, bin ich nicht Herr im Hause?

Gr.: Ha! ha! ha! Herr ? so ein Kerl, wie du bist? Wenn der nur nicht von Herrschaft reden wollte.

H.: Mensch, räsonniere nicht! Du mußt ja Gott danken, daß du mich bekommen hast.

Gr.: Ei denk' doch! so ein Lump, wie du bist, ist allenthalben zu haben.

H.: Du Käthe, was willst du reden! Du tust ja nichts, du fragst ja viel danach, ob deine Kinder wie die Bettelkinder umherlaufen. Deine Wäsche – Schimpf und Schande hat man nur, daß man sie einem ehrlichen Menschen soll sehen lassen.

Gr.: Pfui! über das Gerede. Wenn du dich doch nur um dich bekümmertest!

Die Kinder hörten gemeiniglich diesen Zänkereien sehr begierig zu.

Wenn es die Eltern bemerkten, so verdoppelten sie ihre Kräfte, um einander die empfindlichsten Schmachreden zu geben: weil jedes gerne die Kinder überzeugen wollte, daß es recht und das andere unrecht habe.

Die Kinder gaben in ihren Gedanken beiden recht und hielten beide für nichtswürdige Leute. Es kam am Ende so weit, daß sie auf ihrer Eltern Befehle gar nicht mehr achteten, und die Eltern konnten gar nicht begreifen, woher dies kommen möchte.

2. Es war einmal ein Mann, der den Fehler hatte, daß, wenn er in Gesellschaft seiner Freunde ein Gläschen Wein trank, er ohne Überlegung plauderte, was ihm auf die Zunge kam. Oft vergaß er sich so sehr, daß er alle seine jugendlichen Torheiten erzählte. Er wollte sich vor Lachen ausschütten, wenn es ihm einfiel, wie er in seiner Kindheit seiner Mutter über die Äpfelkammer geraten war, was für Mutwillen er mit seinen Schulkameraden getrieben und was für Ausschweifungen er auf seiner Wanderschaft bald in dieser, bald in jener Schenke begangen hatte.

Seine Kinder fanden in dergleichen Erzählungen so viel Vergnügen, daß sie oft Messer und Gabel liegen ließen, Essen und Trinken vergaßen, damit ihnen ja kein Wort entwischen möchte.

Wenn er das merkte, so hielt er freilich an sich und sagte: Wie man halter ist, wenn man jung ist! Jugend hat Untugend!

Da nun die Kinder wußten, daß sie auch jung waren, so glaubten sie, sie müßten auch Untugend haben, und erlaubten sich alle Ausschweifungen, die ihr Vater begangen hatte, und noch viel mehr.

Wenn ihnen dann der Vater dieses verwies, so richtete er insgemein wenig aus, denn sie dachten: du hast es ja eben nicht besser gemacht!

II.

Befiehl viel, ohne nachzufragen, wie es befolgt worden; drohe immer, ohne deine Drohungen zu erfüllen, und du wirst bald deiner Kinder Spott werden.

1. Wenn man nach den Anordnungen hätte urteilen sollen, die Kunigunde immer bei ihren Kindern machte, so hätte man meinen sollen, ihre Familie müßte ein Muster guter Ordnung sein.

Du, Christinchen! du sollst die Schlafkammer unter deiner Aufsicht haben und sie alle Morgen aufräumen! deine Kleider in diesen Schrank hängen! die Wäsche in diesen Kasten legen! Richte dich danach! Und du, Wilhelm, sollst dafür sorgen, daß die Gläser ausgespült und die Messer geputzt werden! Zehn Uhr und vier Uhr sollst du allemal nachfragen, ob ich dich wohin zu verschicken habe! Merke es!

Diese Sprache führte sie täglich, und täglich gab sie neue Gesetze, ohne sich zu erkundigen, wie die alten befolgt würden. Und Christinchen räumte die Schlafkammer nicht auf und warf ihre Kleider und Wäsche an den Ort hin, wo sie sie auszog; Wilhelm hingegen spülte weder die Gläser aus, noch putzte er die Messer und war um zehn und vier Uhr gewiß auf dem Spielplatze.

Endlich kam es so weit, daß die Kinder sich umdrehten und lachten, wenn die Mutter ihnen neue Gesetze geben wollte.

2. Untersteh' dich noch einmal und schlage mir die Tür wieder so zu, so sollst du sehen, was du gemacht hast! Wenn du noch einmal mit ungewaschenen Händen dich zu Tisch setzest, so sollst du gewiß trockenes Brot zu essen bekommen. Diesmal will, ich es dir noch verzeihen, aber das erste Mal, daß du es wieder tust, so will ich dir gewiß die Rute so derb geben, als du sie noch nie bekommen hast! Ja, sieh' mich nur an! Du denkst gewiß, es wäre Spaß? Nein, darauf wage es nicht! du wirst sehen, daß mit mir gar nicht zu spaßen ist.

Dies war der Ton, aus welchem der Vater fast täglich mit den Kindern sprach. Seine Unterredungen waren lauter Drohungen, die nie erfüllt wurden.

Das merkten die Kinder bald. Sie schlugen die Türen zu, kamen mit ungewaschenen Händen zu Tisch, trieben allerlei Mutwillen, ohne den drohenden Vater im geringsten zu scheuen.

Darüber kam nun der gute Mann oft in solchen Eifer, daß ihm alle Glieder zitterten, daß er auf den Tisch schlug, daß die Gläser klangen, und wohl schwur, er wolle einmal ein Exempel an seinen Kindern statuieren, das sie ihr lebelang nicht vergessen sollten.

Hm! dachten alsdann die Kinder, so geschwind geht es nicht.

3. Nun ist es bald Weihnachten! Wer von euch recht fromm gewesen ist, der soll auch etwas recht Schönes bekommen. Wer aber böse ist, dem wird eine derbe Rute beschert werden, und sonst nichts.

Diese Reden trieb Frau Lore gegen ihre Kinder vom ersten Adventsonntage an täglich. Konstant, der ohnedies ein guter folgsamer Junge war, ließ sich dies noch mehr zum Guten ermuntern; aber Klärchen, ein kleines flatterhaftes Ding, ließ sich dadurch im geringsten nicht reizen, ihren Leichtsinn abzulegen. Sie blieb so mutwillig, unfleißig und tückisch wie zuvor.

Konstant verwies es ihr oft und erinnerte sie, daß sie sich wohl noch um ihre Weihnachtsfreude bringen würde.

Hm! antwortete Klärchen, dafür ist gebeten; ehe Weihnachten kommt, hat die Mutter alles vergessen!

Nun kam Weihnachten. Was geschah? Der gute, folgsame Konstant bekam eine ganze Wanne voll Äpfel, Nüsse und ein paar neue Hosen; hingegen das ungehorsame Klärchen bekam einen ebenso großen Korb voll Äpfel und Nüsse, und noch überdies einen schönen Rock, der wohl noch einmal so viel kostete als Konstants Hosen.

Etsch, sagte sie zu ihm, habe ich dir es nicht gesagt? Daß ich doch kein Narr wäre und mich vor dem Schmälen der Mutter fürchtete!

Konstant merkte es sich. Frau Lore mochte hinfür von Rute oder Stock reden, so sah er Klärchen an und lachte.

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