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Krebsbüchlein - 1. Teil

Christian Gotthilf Salzmann: Krebsbüchlein - 1. Teil - Kapitel 10
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authorChristian Gotthilf Salzmann
titleKrebsbüchlein ? 1. Teil
publisher Thüringer Verlagsanstalt / Weimar
editorFriedrich Heilmann
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Mittel, sich bei den Kindern verhaßt zu machen.

I.

Man darf ihnen nur unrecht tun, so wird der Haß von selbst erfolgen.

1. Das kleine Lottchen war in den Grasgarten ihres Vaters gegangen. Da war alles voll von Veilchen! Hei! rief Lottchen vor Freuden aus, da gibt es schöne Blümchen! Davon will ich die ganze Schürze voll pflücken und der Mutter ein Sträußchen winden. Geschwind kniete sie nieder und pflückte mit der größten Emsigkeit ihr Schürzchen voll, dann setzte sie sich unter einen Apfelbaum und machte das Sträußchen fertig.

Da ist es! sagte sie, nun will ich geschwind zur lieben Mutter gehen und es ihr bringen. Das wird eine Freude sein! da will ich mir ein paar süße Mäulchen verdienen.

Um die Freude noch größer zu machen, schlich sie sich in die Küche, nahm einen porzellanenen Teller, legte das Sträußchen darauf, und nun ging es in vollem Springen die Treppe hinauf nach der Mutter zu. Da stolperte Lottchen – fiel – und pauz! da ging der porzellanene Teller in hundert Stücke und das Sträußchen flog eine ganze Strecke fort. Die Mutter, die in der Stube den Fall hörte, sprang sogleich zur Türe heraus. Und da sie den zerbrochenen Teller sah, lief sie zurück, holte eine dicke Rute, und, ohne sich nur mit einem Worte zu erkundigen, was das Kind mit dem Teller habe machen wollen, ging sie auf dasselbe zornig los.

Dieses war vor Schrecken über den Fall, über den zerbrochenen Teller und über die Rute halb tot und konnte weiter nichts vorbringen als: liebe Mutter! liebe Mutter! Das half aber alles nichts. Du kleine Bestie! sagte die Mutter, so einen schönen Teller zu zerbrechen! und gab ihr derbe Rutenstreiche.

Lottchen geriet in eine Art von Wut, da sie sah, daß ihr so offenbar unrecht geschah. Lange konnte sie es nicht vergessen, und niemals fiel es ihr wieder ein, der Mutter ein Sträußchen zu winden.

2. Luischen bekam von ihrer Pate ein kleines Schüsselbrett voll Zinn zum Weihnachtsgeschenke. Größere Freude hätte sie ihr nicht machen können. Sie stellte noch an dem Tage, an dem sie es bekam, alles in Ordnung. Wenn andere Kinder sie besuchten, so gab sie ihnen einen kleinen Schmaus, wobei allemal die Schüsselchen, Tellerchen und Leuchterchen gebraucht wurden, die auf dem Schüsselbrett standen. Sobald sie weggegangen waren, wurde alles wieder abgewaschen und an seinen Ort gestellt. Ihre Pate hatte darüber ein großes Vergnügen, weil sie es als ein Mittel ansah, das Kind früh zur Ordnung zu gewöhnen.

Die Freude dauerte aber nicht gar lange. Einst reichte Wilhelm, ihr kleiner Bruder, nach dem Zinn, und sogleich gab ihm der Vater ein Schüsselchen. Dann reichte er noch einmal und bekam auch ein Tellerchen. Beides verbog er im Augenblick. Luischen traten die Tränen in die Augen, als sie zurückkam und den Schaden sah, den ihr der Bruder zugefügt hatte. Weil sie aber hörte, daß der Vater es ihm gegeben hatte, so verbiß sie ihren Schmerz. Den andern Tag ging es aber wieder so, und es wurden zwei Leuchterchen verbogen.

Da konnte sich Luischen nicht länger halten. Voll Jammer lief sie zum Vater. Lieber Vater, sagte sie, weißt du auch, daß Wilhelm mir meine schönen Sachen verdirbt? Einfältiges Mädchen, bekam sie zur Antwort, was geht es denn dich an? Ich kann ja mit deinen Sachen machen, was ich will.

Luischen schwieg. In weniger als vier Wochen lag ihre ganze Freude im Auskehricht. Sie unterdrückte ihren Schmerz, wurde aber von der Zeit an auf ihren Vater so unwillig, daß sie ihm lange keinen recht freundlichen Blick geben konnte.

3. Ich habe einen wunderlichen Vater gekannt, der nicht vermögend war, seinen Kindern mit Gelassenheit etwas zu verweisen oder sie zu bestrafen. Zwar konnten die Kinder oft toben, sich zanken und schlagen, ohne daß er besonders dadurch wäre beunruhigt worden; wenn ihm aber bei der Arbeit etwas nicht nach Wunsch ging, oder die Frau oder sonst jemand ihn beleidigt hatte, so geriet er in einen heftigen Zorn.

Da er noch unverheiratet war, zertrat er im Zorn die Teetassen oder prügelte seinen Hund aus. Seitdem er aber Kinder hatte, suchte er insgemein an ihnen seine Wut zu kühlen. Um der geringsten Kleinigkeit willen behandelte er sie so barbarisch, daß ihnen oft das Blut aus Mund und Nase floß.

Konnten die Kinder wohl diesem Tyrannen gut bleiben?

4. »Sag' mir nur, was ich mit meiner Christiane anfangen soll? So ein hartnäckiges, verstocktes Mädchen kann es unter der Sonne nicht mehr geben! Wenn ich ihr etwas verweise, gleich belfert sie wider. Befehle ich ihr etwas, da solltest du nur sehen, wie sie mich ansieht, als ob sie mich erstechen wollte. Wenn ich das Kind nur nicht mehr vor Augen sehen sollte!« So redete eine Mutter zu ihrem Bruder.

Der Bruder, der ehedem in Christianchen die unschuldigste, gefälligste Seele bemerkt hatte, verwunderte sich über diese harte Anklage nicht wenig, verwies seine Schwester zur Geduld und versprach ihr in kurzem den Grund von der Ausartung ihrer Tochter aufzusuchen.

Die Gelegenheit fand sich bald. Frau Selbstin, so hieß Christianchens Mutter, bewirtete eine Gesellschaft von Freunden bei sich, unter denen sich auch ihr Bruder befand.

Da der Kaffee aufgetragen wurde, mußten die Kinder der Frau Selbstin herbeikommen.

Es waren ihrer drei. Zwei davon waren vorzüglich schön, und ihre ganze Gestalt hatte so etwas Angenehmes, daß sie notwendig jedem, der sie sah, gefallen mußten. Sie waren dreist und reich an Einfällen, die allemal belacht wurden, ob sie gleich nicht immer viel taugten. Christianchen war auch nicht häßlich. Sie verlor aber viel, wenn sie zwischen ihren schönen Schwestern stand. Sie hatte sehr artige Einfälle, war aber so schüchtern, daß sie, besonders in großer Gesellschaft, wenig sprach. Jene Mädchen waren auf das niedlichste angekleidet, und man sah es ihnen an, daß die Mutter recht darauf studiert hatte (bedacht war), ihre Reize durch den Anzug noch mehr zu erhöhen. Christianchen war äußerst nachlässig angezogen, und man merkte ganz deutlich, daß ihr ganzer Anzug aus Kleidungsstücken zusammengesetzt war, die ihre Mutter abgelegt hatte.

Ei die allerliebsten Kinder! rief die Gesellschaft, sobald dieselben in das Zimmer traten, und jedes küßte Christianchens Schwestern. Diese bekam nur ein paar kalte Mäulchen, dann ließ man sie stehen. Bei den andern konnte man des Küssens nicht satt werden. Man nahm sie auf den Schoß, man lobte ihren Putz, ihre Bänder, ihre Haarlocken; man ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein; aber das arme Christianchen wurde nicht bemerkt. Die Mutter, die einige Minuten mit größtem Wohlgefallen dieser Komödie zugesehen hatte, fing nun an, in das Lob dieser beiden Mädchen auszubrechen. »Was für drollige Kinder das sind, das kann ich Ihnen nicht sagen. Denken Sie nur, was die Lotte gestern für einen Streich machte! Ich hätte mich mögen entzwei lachen. Und die Luise, ja, die ist auch ein durchtriebenes Ding!«

So plauderte die Mutter wohl eine halbe Stunde lang. An Christianchen aber dachte gar niemand. Die stand in einer Ecke, wie wenn sie nicht ins Haus gehörte. Sie schlug beschämt die Augen nieder, besah die Nägel an den Fingern, knüpfte das Band an ihrer Schürze auf und zu – die Miene verzog sich endlich, da sie es nicht länger aushalten konnte; sie sprang hinaus und schlug die Tür ziemlich ungestüm zu.

Siehst du, Bruder, sagte die Mutter, was für ein abscheuliches Kind sie ist?

Aber der Bruder war außer aller Fassung. Hände und Füße zitterten ihm. Er mußte sich entfernen und in das Nebenzimmer gehen, wo er sich in einen Lehnstuhl warf.

Nun? sagte die Mutter, als sie ihn in diesem Zustande fand, was soll denn das sein?

Br.: O laß mich, grausame Mutter!

M.: Ich? grausam?

Br.: Das bist du.

M.: Gegen wen bin ich grausam ?

Br.: Gegen deine Kinder bist du grausam, und besonders gegen die arme Christiane.

M.: Ich weiß nicht, was für ein Gewäsche das sein soll. Erkläre dich deutlicher! Ist das vielleicht Grausamkeit, daß ich ihr nicht gleich die Hiebe zugezählt habe, die sie mit dem Zuschlagen der Tür verdient hat?

Br.: Ach! Daß doch eine Frau, die vernünftig sein will, so unbesonnen reden kann! Christiane ist nicht so schön als ihre Schwestern: dafür kann sie nichts. Anstatt nun, daß du etwa darauf denken solltest, ihr einen Anzug zu wählen, der doch ein bißchen ersetzte, was ihr die Natur versagt hat, so wirfst du ihr die Lumpen zu, die du abgelegt hast, und behängst die andern Kinder mit hunderterlei Pöschen, Putzgegenstände. damit ja alle Welt auf sie sehen und die Christiane nicht bemerken soll. Alles, was jene Kinder vorbringen, und wenn es noch so abgeschmackt ist, das wird bewundert und belacht. Anstatt daß du nun die Fremden, welche die guten Eigenschaften der Christiane nicht kennen, zurechtweisen und sie auf die Vorzüge derselben aufmerksam machen solltest – da trittst du selbst mit hin, und suchst alles für jene Kinder einzunehmen. Ist Christianchen vielleicht ein Klotz? Sollte sie dies nicht kränken? Machst du sie nicht selbst boshaft? Machst du nicht, daß sie dir gram, daß sie auf ihre Geschwister neidisch wird? Und Schwester! kurz und gut – ich nehme Christiane zu mir.

Und das tat er wirklich. Er nahm bei dem Abschiede Christiane mit nach Hause, und sie wurde unter seiner Aufsicht binnen wenig Wochen das beste, gefälligste Mädchen.

II.

Versage deinen Kindern unschuldige Ergötzlichkeiten, und sie werden dich verabscheuen.

Ein gewisser Mann hatte noch in seinem fünfzigsten Jahre die Freude, Vater zu werden. Seines Alters wegen war er gesetzt und ernsthaft in seinem Betragen und wollte nun, daß sein Gustav ebenso sein sollte.

Und er war nicht so. Da er seiner Füße mächtig wurde, fühlte er seine Kräfte und Munterkeit, hüpfte, scherzte und suchte Gespielen, um sich mit ihnen zu ergötzen.

Dies verursachte dem Vater großen Verdruß.

Er nahm Gustav bisweilen als Gesellschafter, wenn er auf das Feld spazierte. Wenn nun dieser den Schmetterlingen nachlief oder auf den Wiesen umherhüpfte, um Blumen zu suchen, so rief ihm der entrüstete Vater zu: Gustav! Gustav! wo läufst du denn umher? willst du gleich her? Pfui, der wilde Gassenjunge! Sieh doch, wie ich gehe! kannst du es nicht ebenso machen?

Das Kegelspiel, das Gustav von seinem Vetter zum Geschenke bekommen hatte, verbrannte er, und einen Ball, den er einmal nach Hause gebracht hatte, zerschnitt er und sagte, die Zeit, die er mit Spielen verderben wollte, könnte er besser anwenden, wenn er ein Hauptstück aus dem Katechismus lernte.

Wenn Gustav bei ihm auf der Stube war, so mußte er ganze Stunden sitzen, ohne daß er sich von seiner Stelle bewegen durfte.

Durch diese Art der Behandlung machte sich dieser Mann seinem Sohne so verhaßt, daß er bei den rohesten Leuten lieber als bei seinem Vater war.

Da der Vater starb, floß keine Träne der Wehmut aus seinen Augen. Gut, dachte er, daß ich dieser verdrießlichen Aufsicht los bin; nun kann ich doch leben, wie ich will.

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