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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 94
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Über dem Tale

Zwei Morgen hintereinander sah der Himmel über den hohen Zinnen giftgrün aus, und tückisch und falsch war das Morgenrot.

Heute steht die Sonne rund und rot im leichten Dunste. Sie wird den Tag über Wort halten und nicht schon bald wieder in graulichem Föhndampfe und weißem Schneetreiben verschwinden.

Rosenrot glühen die Flanken der verschneiten Schroffen auf, deren Gipfel sich noch nicht ganz von dem Nachtnebel befreit haben. Aber die Wälder an den Steilwänden stehen nicht so schwarz und gelb in dem Silberschnee wie sonst, denn der Frost hat den Atem der Nacht festgehalten und als Rauhreif über das Gezweig gesponnen, so daß sich die Bäume nur wenig hervortun können.

Das bedeutet für den morgigen Tag wiederum Föhn mit Regen oder Treibschnee; heute aber wird es einen hochherrlichen Tag geben, einen hellen, warmen, stillen Tag, an dem alles Gewild rege ist und sich nicht, wie letzthin, in den Laatschen birgt. So wird es mir vielleicht glücken, Anblick auf den alten Gamsbock zu haben, dem zu Lieb' und Leid' ich seit vier Tagen auf der Tödalp hause.

Gerade jetzt taucht sie aus dem Nebel hervor, ein golden blinkender Schneefleck zwischen den bereiften, rötlich schimmernden Waldungen, und rot wie Blut leuchtet in ihrer Mitte das Haus, das wir beide, der Leni und ich, verließen, lange bevor die Sonne sich vermuntert hatte. Langweilig und mühselig war trotz der Schneereifen der Anstieg zum Passe, aber es lohnt sich allein schon durch den Ausblick auf alle die Pracht um uns her, die Rosenglut des Himmels, den Goldglanz der Firnen und das Silbergefunkel der Zinnen.

Nun befreit sich auch der Talgrund aus dem Nebel. Der Turm wird zuerst sichtbar. Deutlich ist seine scharfe Kante zu erblicken, die er dem Hange zugedreht hat, um die Kirche und das Dorf, das sich unter ihr zusammendrängt, vor den Lawinen zu behüten, die sich an ihm die Köpfe zerbrechen müssen. Das ganze Dorf liegt jetzt in der Sonne da mit lodernden Fenstern in den rotbraunen Häusern, und hier und da ist in dem Schnee auch ein Stück des Baches zu sehen, und dahinter die Straße, auf der die Schlitten hin und her flitzen.

Mit den scharfen Gläsern suchen wir die hellblauen, goldrot besäumten Kämme über dem Walde ab, der unter den Sonnenstrahlen immer mehr Farbe bekennt. Schwärzer werden die Fichten, goldener die Lärchen, wärmer die Schneeflecken zwischen ihnen und heller die Hänge darunter. Aber nirgendswo zieht eine Gams, und so steigen wir, unsichtbar durch das weiße Überzeug und fast lautlos auf den Schneereifen über den blütenweißen, wie mit Diamanten besäten Neuschnee gehend, noch ein wenig höher, bis wir über der Runse sind, die in das Tal hineinfällt, der bitterbösen Schlucht, aus der um die Schneeschmelze die tückischen Rüfen hervorbrechen und mit ihrem Bergschlamm alles fortreißen und begraben, was ihnen im Wege steht.

Wir spähen jedes Fleckchen des Grabens ab, doch ohne Gewinn. Weiter steigen wir, schlagen einen großen Bogen um ein verdächtiges Schneebrett, das so aussieht, als führe es herzlich gern mit uns zu Tale, und stehen endlich, naß von Schweiß und mit hochklopfenden Herzen, auf der anderen Seite der Klamm unter den Resten des Waldes, den vor drei Jahren ein Schotterrutsch umbrachte. In den zerzausten, mit ellenlangen grauen Bärten behangenen Zweigen turnen schwarzköpfige Alpenmeisen lustig umher, Goldhähnchen piepsen schüchtern, Kreuzschnäbel locken, dünn pfeift der Flüevogel, der unter uns in den Zwergerlen umherhuscht, die von der Sonne mit goldenen Lichterchen geschmückt sind, und nach deren Kätzchen die Schneehühner, fast unsichtbar durch ihr Winterkleid, springen.

Drüber in dem halbverschneiten Laatschengestrüpp wird der Bock stecken, wenn er nicht unter uns steht. Wir spähen und spähen, bis uns die Augen überlaufen, geblendet von dem Geblitze und Geblinke des Schnees, aber wir sehen nichts als goldene Lärchen und dunkelgrüne Fichten und ihre himmelblauen Schlagschatten auf dem flimmernden Schnee, zwei Alpenkrähen, die mit schönem Schwalbenfluge dahinschweben, ein Reh, das nach Bergheide platzt, und weiter unten den Fuchs, der von seiner Streife nach den Heustadeln heimkehrt und dabei Schneebröckchen abtritt, die erst langsam und dann immer eiliger und an Größe fortwährend zunehmend in den Graben rollen, mit langen Furchen ihren Weg bezeichnend.

Die Sonne hat die Zinne, die ihren kalten blauen Schatten über die Schlucht wirft, unter sich gebracht und leuchtet auf einmal blank in die Runse hinein, daß die Lärchen noch einmal so hell leuchten und die Fichten sich begrünen, als wollte es Mai werden. Da stößt mich der Leni an und deutet mit der Pfeifenspitze nach dem Schneebord unter der aperen, von gelben Flechten bunt bemalten Felswand, die das Sonnenlicht so grell zurückwirft, als wäre sie reines Silber. An ihr schiebt sich ein dunkler Fleck entlang, verharrt hier ein Weilchen, steigt ein Endchen höher, macht wieder halt, steht, ohne daß ich ihm mit dem Glase das Kunststück absehen kann, über der silbernen Wand vor dem goldenen Firn, und erweist sich als der, den ich suche. Dann sieht der Leni mich an und ich ihn, und das heißt »Wären wir drüben gewesen, so zöge er uns gerade zu, und in einer Viertelstunde müßte es knallen. So aber heißt es: wieder nach drüben hin!«

Abermals umschlagen wir das verdächtige Schneebrett am Kopfe des Wildgrabens und stehen wiederum naß von Schweiß und mit abgehetzten Herzen da, von wo wir gekommen sind, unter den drei frechen Felsen, die ihre Nasen so hochmütig gegen den Himmel recken als bildeten sie sich etwas darauf ein, daß die Sonne sie ihnen vergoldete, und stehen da und lauern auf den schwarzen Kobold aus der Klamm, lauern, bis uns die Augen vom Hinstarren auf den Glitzerschnee überfließen und die Backen von der Sonne anfangen zu feuern, und bis uns schwach und elend inwendig wird, und der Magen deutlich vermeldet, daß wir uns seit der sechsten Stunde nicht um ihn gekümmert haben, weswegen wir ihn mit einem Stück Birnbrot und einem Schluck Enzian trösten.

Und die Firmen flimmern und die Schroffen glimmern, und die Sonne sengt mit Hochsommerglut, höhnisch rufen die Kolkraben über uns, spöttisch kichern die Meisen unter uns, die Ungeduld kribbelt und krabbelt mir hinter der Wollweste und unter der Wettermütze, der Schweiß tröpfelt mir auf die Stirn und rinnt mir über den Nacken, und dennoch ist es mir nicht bitter, hier zu harren mit knurrendem Magen, trockenem Halse und brennenden Backen, denn zum Aufjuchzen herrlich ist die Welt um mich, die strahlende, funkelnde, flimmernde Hochlandswelt, die mir heute so besonders gut gefällt, weil ich weiß, daß morgen der Sturm sie anbrüllen und Schnee über sie hinwirbeln wird, alle Farben verdeckend, das Sonnenlicht verlöschend und die Wärme von dannen scheuchend, so daß wir uns in der Almhütte bergen müssen und nicht vor die Tür treten können. Doch wird mich das weiter nicht kränken, habe ich doch ein offenes Feuer und die Pfeife und den Leni mit seiner Zither und seinen lauten und leisen Liedern, die doppelt schön anzuhören sind, trampelt der Sturm mit den genagelten Schuhen auf dem Schindeldache umher und trommelt er mit seinen groben Holzknechtsfäusten gegen die Fensterladen.

Ich sehe dem Falken nach, der, je nachdem er sich wendet, silberhell oder stahlschwarz unter dem klaren Himmel schwebt, und dann wieder nach dem Graben hin, und fühle auf einmal, daß ich ein lebendiges Herz im Leibe habe; es stellt sich an, als wolle es mir über die Zunge springen, denn hinter dem zerspellten Fichtenstamm hob sich ein Teufelshaupt mit krummen spitzen Krucken. Nur eine Blitzdauer sah ich es, und doch verdoppelte sich im Nu mein Puls, und die Büchse bebt mir in den zusammengekrampften Fingern. Auch dem Leni ist das gehörnte Haupt nicht entgangen; er vergißt an seiner Pfeife zu ziehen und macht Augen wie der böse Feind.

Noch einmal hebt sich der Grind des Gams von dem funkelnden Flimmerschnee ab, läßt mich lange auf sich warten, so lange, daß mir die Knie lose werden, und dann steht der Bock blank und breit und bloß vor dem gespenstigen Fichtengerippe, erst nach uns hin sichernd, und darauf der anderen Wand zu. Da bin ich auch schon mit der Büchse am Bergstocke, halte über den Vorderlauf hin und drücke, ehe mir das Herz wieder in die Hand hineinschlägt und den Kolben anrührt, vernehme, wie die Wand da drüben vor Wut brüllt, weil mein Schuß ihre Morgenruhe störte, schaue hinter dem Feuer her, sehe aber nichts als ein Schneewirbelchen, blicke den Leni an und bin beruhigt, denn sein Mund ist noch einmal so breit geworden, und indem er sein Pfeifchen wieder in Gang bringt, sagt er nichts als ein Wort, und das heißt: »G'schafft!« Dann gehen wir auf den Anschuß. Dort liegt purpurroter Schweiß und dunkelbrauner. Da holt der Leni einen Juchzer hinten aus dem Halse, daß die Wand drüben vor Ärger abermals an zu schimpfen fängt, einen Juchzer, so lang und so dick wie ein Roßschweif, »Tjuhu huhuhuh hu«, und schreit mir zu: »Der ist hin und nimmer weit; Lunge eini, Leber außi. Dös wär g'schfft meiner Seel'!« Und schnell wie ein Has und leicht wie der Fuchs hängt er der offenbaren Schweißfährte nach, und dicht vor dem Abfall des Grabens macht er Stand und heult einen Jodler heraus, daß die Wand da drüben zum dritten Male ihrem Ingrimm Luft macht; denn da liegt der Gams und rührt keinen Lauf mehr. Seine Lichter aber haben einen Blick, giftgrün wie tödlicher Haß. Über uns aber hallt ein heller Weidruf hin; der Wanderfalke ruft ihn uns zu, der mit einer Krähe in den Griffen sich nach den drei Zinnen hinschwingt.

Der Leni bricht den Bock auf, wobei er nicht vergißt, die Milz, ein Läpplein Leber, ein Fetzchen Lunge und einige Streifen Wildbret den Raben darzubringen, damit sie ein andermal das Wild nicht durch ihren Warnruf vergrämen, wobei er leise einen Ländler durch die Vorderzähne pfeift; ich aber schaue, auf den Bergstock gestützt, nach den glitzernden, glimmernden, gleißenden Bergen hin, denen die Sonne alle ihre Farben schenkt, und die sie ihr dankbar wieder zurückgeben, und ich weiß es: das beste, was ich heute erbeutete, ist nicht der alte Gams da, der einen schnellen Tod mitten im Sonnenlichte starb, den schönsten, den es gibt.

Lange bin ich im Tale gewesen, durch den Nebel gegangen und in der Nacht umhergestiegen; nun bin ich in der reinen Luft auf dem hohen Gebirg unter der hellen Hochlandssonne über dem Tal.

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