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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Auf dem Einlaufe

Hier oben bin ich und da unten ist die Welt. Sie schläft, denn es ist noch nicht sechs Uhr.

Vielleicht schliefe ich auch noch, wenn nicht einer der Polen vom Gute mich geweckt hätte.

Er ging unter meinem Fenster her und sang mit dünner Kopfstimme: »Es war ein reicher Kaufmannssohn, der diente dem König von Preußen schon; er bild'te sich ein, er möchte bald sein Offizier«.

Und nun bin ich hier oben unter dem Tannenmantel vor den Taubensteinen, sitze auf einem Baumstumpfe, warte auf den Morgen und wünsche mir nichts, als daß es immer so bleiben möchte, so wie es jetzt ist zwischen Nacht und Tag, Mond und Sonne, Herbst und Winter, in dieser lauen Kühle, in dieser hellen Dusterheit, in dieser klingenden Stille. Da bleibt das Herz so ganz für sich allein, da kann ich so schön an gar nichts denken und verstehe alles, was ich sonst nie begreife.

Unten im Felde schmält ein Altreh unermüdlich; da merke ich auf, denn es könnte sein, daß es mir die Sauen anmeldet. Nun bricht es bei mir; die Rehe ziehen durch den Buchenaufschlag. Fast meine ich, sie sehen zu können; doch ich weiß es, daß mir nur mein Gehör in die Augen gekommen ist und mir das weist, was ich vernommen habe. Das Stück, das da so hohl hustet, ist eine Ricke; ich will sie heute mittag, wenn sie sich von der Sonne bescheinen läßt, abschießen. Sie hat den Wurm in der Lunge.

Ich rauche langsam und denke an das wunderschöne alte Lied, das vorgestern abend der Schmied im Krug sang: »Der Jäger in dem grünen Wald will suchen seinen Aufenthalt. Er schickt seine Augen hin und her, er schickt seine Augen hin und her, ob auch, ob auch, ob auch nichts anzutreffen wär«. Ich schicke meine Augen hin und her in den Vormorgennebel. Hier sind sie und da, hüben und drüben, rufen das Gehör als Beistand, nehmen den Mund zur Hilfe, bis ich weiter nichts bin als eine einzige hungrige Begierde. Was ich vernehme, ist das Brechen und Blasen der einlaufenden Sauen. Das Hopsen der Maus im Altlaube, das Rascheln des Hasen im bereiften Grase, das Knistern des Blattes, das sich vom Zweige löst: die Sauen sind es. Und was ich gewahre, der graue Klumpen, der schwarze Knollen, der dunkle Schatten, Schwarzwild ist es.

In mir kribbelt ein Lächeln empor; es ist gegen mich selbst gerichtet. Und das alte Lied summt weiter: »Da ruft mir eine Stimme zu; ich weiß nicht, wo sie ist, ja ist.« Sie sagt mir, daß das alles Wahnbilder der überreizten Augen sind. Was steht, das bewegt sich was sich rührt, ist fest am Boden. Das Reh ist ein Busch, die Distel wurde zum Hasen, der Felsblock täuscht mir eine Sau vor. Der Laut, der dicht bei mir ist, kommt von da unten, und der Ton, der aus dem Tale heranweht, ist das Getrippel des Wiesels vor meinen Füßen, wenn nicht der Pulsschlag in meiner Schläfe. Aber dann sinke ich ganz in mich zusammen und ducke mich hinter die krause, vom Wild verbissene Fichte; denn links von mir knistert der Reif, knastert das Kraut, ich höre ein tiefes, langes Atmen, ein gereiztes Mahnen: Rotwild zieht zu Holze.

Nun aber zerkrähen drei Hähne im Dorfe da unten die Nacht. Ich sehe, was steht, und erkenne, was sich bewegt. Das da sind drei Rehe, hier rückt ein Hase zu Berg, dort stiehlt sich der Fuchs zu Baue. Schon ertönt der dünne Wanderpfiff einer Drossel und über mir in der Fichte schüttelt der Bussard den Schlaf aus den Federn. Meine Augen gehen hin und her, die Schwarzkittel erwartend. Aber was sie sehen, das sind Schlehenbüsche, blau von Früchten, feuerrote Hagebutten, scharlachfarbige Schneeballbeeren und die weißen Federschöpfe der Waldrebe, die die Haselbusch umspinnt, noch ein Hase, und abermals einer, dann ein Volk Rebhühner, das eilig nach dem Sturzacker hinrennt, und ein verspätetes Stück Rehwild, das in der Bachschlucht untertaucht.

Die Amsel schimpft, das Rotkehlchen zetert; der Zaunkönig hilft ihr dabei. Jetzt warnt auch die Braunelle. Ich hebe den Kolben der Büchse von den Knien und lasse meine Augen eifriger um und um gehen, denn aus dem Vorholze kam ein lautes Brechen. Das müssen die Sauen sein. Und ich lauere und lauere mit verhaltenem Atem, bis endlich das Brechen näher kommt und ich mir selber einen Esel bohre, denn das, was da aus der Dickung heraustritt, ist ein alter, feister Dachs. Er sticht hier, sticht da, setzt sich auf die Keulen und kratzt sich lange, und dann watschelt er in das hohe Holz, wo ihn der Häher mit gellendem Gekreische ein Stück den Berg hinauf begleitet. So habe ich wieder Muße, den Winterkrähen nachzustarren, die zu Tale fliegen, und den silbern bereiften Rispen des Sandhalmes zuzusehen, die der Frühwind auf und ab bewegt.

Ich recke mich und seufze tief auf, denn das Krummsitzen beengt mir die Brust. Die Sauen sind doch ein unbeständiges Volk. Drei Morgen habe ich hier schon gepaßt, und jedesmal nahmen sie einen anderen Wechsel. Aber da der Wind heute genau so ist wie vor vier Tagen, als sie hier zu Holze fuhren, so ist es möglich, daß sie ausnahmsweise Wort halten. Ich spähe hin und spähe her, aber der Frühnebel liegt noch zu fest. So vertreibe ich mir die Zeit mit Rauchen, sehe dem Dompfaffenpärchen zu, das die Mehlbeeren am Weißdornbusche zerklaubt, freue mich an dem Schwanzmeisentrüppchen, das die Birkenbüsche belebt, an der Eichkatze, die auf einem grün bemoosten Felsblocke einen Tannenzapfen zerraspelt, und dann bekomme ich es auf einmal mit der heißen Angst, denn zwischen den roten Jungbuchen unter mir steht eine Sau, und hinter ihr noch eine, und dahinter eine dritte und vierte. So leise, wie der Fuchs, sind sie gekommen.

Blitzschnell überlege ich. Die beiden vorderen Stücke sind schwache Überläufer, das dritte kann ich nicht erkennen, das vierte spreche ich für ein hauendes Schwein an. Sobald es vorrückt und das Blatt frei gibt, nehme ich es auf das Korn und trage ihm das Blei an. Ein Aufquieken kommt hinter dem Schusse her, und dann bricht und bläst es hier und da und rasselnd und rauschend stürmt die Rotte in der Schluppe den Berg hinauf, empfangen von dem schrillen Gekeife der Amsel, dem scharfen Warnrufe des Buntspechtes, dem langgezogenen Kreischen der Häher und dem hohlen Schmälen einer Ricke, das sich, immer schwächer werdend, auf dem Kamme verliert.

Ich lade den Zwilling wieder ganz und gehe mit gespannter Waffe auf den Anschuß. Auf dem bereiften Grase und dem weißgefrorenen Altlaube liegt der Schweiß wie hingegossen; die Sau aber ist nicht da. Ich folge der offenbaren Rotfährte, solange das Holz raum und sichtig bleibt; dann aber, als die Fährte da, wo die Bachschluppe in der Fichtendickung verschwindet, ausbleibt, umschlage ich das dichte Holz, suche im hellen Bestande weiter, bis ich die Wundfährte wieder habe. Doch nicht lange dauert es, und sie verliert sich abermals in einer Dickde, und die ist so ausgedehnt, daß ich keine Lust habe, sie zu umschlagen.

So steige ich denn bergab zum Gute, um mir von dem Förster den Schweißhund auszubitten. Die Sonne kommt über die Berge hinter dem Tale. Der Grauspecht jauchzt, Kuhtauben fallen zu Felde, der Wald klingt von Meisengepfeife, Bergfinkengequätsche und Ziemergeschnarre.

Ich schreite wacker aus und freue mich schon auf die Stunde, wo ich mit dem roten Hunde die Sau nachsuchen werde, und so flöte ich die Weise des alte Jägerliedes, in dem es also heißt: »Mein Hündlein wacht, mein Herz das lacht, mein Hündlein wacht, mein Herz das lacht; meine Augen, meine Augen, meine Augen gehen hin und her.«

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