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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Ein grüner Bruch

Es hat die ganze Nacht gegossen und so gestürmt, daß ich mehr als einmal aufwachte, wenn ein dürrer Ast neben der Kote niederprasselte.

Auch den Vormittag über jagte noch eine schwere Bö die andere. Jetzt ist das grobe Wetter vorüber. Die Fuhren und Fichten, die unter den Mißhandlungen des Sturmes kreischten und stöhnten, brummen nur noch unwillig, der Wind kommt stetig aus Süden, und die Sonne lacht ohne Tücke. An diesem lauen Spätnachmittag lohnt sich vielleicht der Pirschgang aus der freien Hand hier in der wilden Wohld.

Ich trete aus der Köte auf den Knüppeldamm und sehe mich um. Oben tritt das führerlose schwache Kitz, dessen Mutter die Wilddiebe strickten, über die Bahn; unten zieht die alte Geltricke nach dem Quergestell. Hinter ihr hoppelt ein Hase aus der Dickung und bleibt mitten auf dem Wege sitzen. Haubenmeisen trillern, Finken locken, Dompfaffen flöten, Zeisigschwärme und Kreuzschnäbelflüge streichen lustig lärmend über die Wipfel, hell schreit der Bussard über den Kronen und der Schwarzspecht läßt seinen Schönwetterruf erklingen. Heute ist Leben in der Wohld.

Ich pirsche, wie der Wind es will. Erst geht es ein Ende das Quergestell entlang, auf dem mir die hohen Moorhalme bis an die Hüften schlagen, und dann über den Graben in den alten Holzweg hinein, der auf den Bach zuführt. Ganz langsam schleiche ich und bleibe oft stehen, denn Hartsturm und Regen haben den hohen Adlerfarn rot gefärbt, und leicht verkennt sich darin ein Stück Wild, zumal die roten Gerippe der von der Nonne umgebrachten Jungfichten mit den roten Fuhrenstämmen und dem roten Farnlaub ganz zusammengehen. Aber ich erspähe doch die Ricke mit ihren beiden Kitzen, die nach den Bruchwiesen hinziehen, und den leidlichen Bock, der sich so eifrig an den Pilzen äst, daß ich an ihm vorbeikomme, ohne daß er mich gewahrt.

Hier an dem Bache hört endlich das welke Farngestrüpp auf und die toten Fichten bleiben zurück. Mächtige Fuhrenstämme recken sich aus hellgrünem Faulbaumgebüsch, das von schwarzen Beeren funkelt, Birken leuchten dazwischen, Eichen breiten ihre Kronen aus, und unter ihnen stehen ernst die Wacholder und unnahbar die Stechpalmen. Ich schleiche an dem Bach entlang, auf dessen buntem Kiesgrunde die Ellritzen dahinflitzen und in dessen goldbrauner Flut sich die stolzen Wedel des Edelfarns spiegeln. Überall zwischen den Weißmoospolstern quellen Pilze hervor, und jeder morsche Stumpf ist von ihnen überzogen. Viel von ihnen sind von dem Wilde abgeäst.

Ein feuerroter Fleck vor einem verrotteten Wurfboden läßt mich halten. Ich nehme ihn unter das Glas, werde aber nicht klug daraus. Ganz langsam pirsche ich mich unter Deckung heran, und dann lache ich mich selber aus; ein Schleimpilz hat den Stumpf des Wurfbodens in eine einzige knallrote Masse verwandelt. Schon will ich wieder nach dem Bache zurück, da bricht es in dem Brombeergestrüpp, der graue Kopf eines alten Bockes erhebt sich einen Augenblick und verschwindet wieder. Ich lauere wohl eine Viertelstunde lang, an den Wurfboden gelehnt, bekomme aber nur noch einmal den Spiegel des Bockes zwischen den Ellernbüschen zu sehen.

Ein wenig verdrossen gehe ich wieder an dem Bache entlang bis zu den großen schwarzen Kölken, die dem vermoorten Windbruche vorgelagert sind. Da steht vor mir die Fährte eines jagdbaren Hirsches in dem braunen Boden. Sie ist nagelfrisch; der Hirsch kann noch nicht eine Stunde hier vorbeigewechselt sein. Die Fährte steht auf den Windbruch zu. Ich wate durch den Bach und winde mich zwischen den vermorschten, von Moos überzogenen und mit leichenfarbigen Pilzen bedeckten Wurfböden hin, die Fährte haltend, bis sie sich endlich in dem hohen Gestrüpp verliert. Ich umschlage den Windbruch, finde sie aber nicht wieder. Noch verdrossener gehe ich den Knüppeldamm entlang, bis ich wieder einen alten Holzweg entdecke und auf ihm entlangschleiche.

Die Sonne steht schon tief über den Kronen, und die Luft wird dunkler zwischen den Stämmen. Eine Misteldrossel fliegt mit trocknem Geschnarre vor mir ab, die Rotkehlchen ticken im Unterholze. Ich gehe an dem oberen Bache entlang, dessen schwarzes Wasser träge dahinschleicht, und dessen Rand mit ganzen Haufen düsterblauer Pilze besetzt ist. Überall spüren sich Rehe, und auf einer nassen Grasblöße finde ich die Fährte eines alten Rottieres. Die Luft riecht nach Mulm und Moder und nach dem muffigen Dufte der Hirschtrüffeln, deren grobe Knollen massenhaft aus dem schwarzen Boden quellen. Bald hier, bald da treffe ich die Stellen an, wo Sauen gebrochen haben.

Ich pirsche ganz behutsam und leise, mehr aus Gewohnheit denn in der Hoffnung, ein Wild anzutreffen, das die Kugel lohnt. Da kreischt weit von mir im Unterholze der Häher. Mich kann er nicht eräugt haben, denn ich stehe schon ein Weilchen still, weil ich mir eine frische Pfeife stopfe, und bin in guter Deckung. Nun bricht es zwischen den Birken, und in eiliger Flucht kommt ein Hase an, überfällt den Bach, schlägt drei Haken und rasselt in die Himbeeren hinein. Ich stecke schnell Pfeife und Tabaksbeutel ein und nehme den Dreilauf in die Hände. Wieder bricht es, und laut schreckend kommt eine Ricke angestürmt, poltert durch die Farne und schreckt aus der Dickung anhaltend weiter. Und jetzt warnt der Buntspecht, der Zaunkönig schimpft und das Rotkehlchen zetert. Da ist etwas nicht in Ordnung. Entweder jagt ein Hund dort oder ein Wilderer schleicht da herum. Ich drücke mich hinter eine krumme Eiche und warte.

Es ist schon recht schummerig geworden. Die Sonne steht hinter den Kronen, und auf den Stämmen glühen hier und da rote Mäler auf; bleiche Motten fliegen, die Tauben fallen zu Holze, die Goldhähnchen suchen schon tiefer, und im Gekraut schrillen die Spitzmäuse. Ich nehme jedes Stück des Birkensumpfes genau unter das Glas, sehe aber nichts als weiße und schwarze Stämme, Farne und Faulbaumgewirre, und so mache ich mich von der Eiche los, schleiche bis zu dem halbtoten, hohen Wacholder, harre da eine Weile, pirsche bis zu einer mächtigen Fuhre, spähe wieder, trete dann ganz langsam durch den Bach, dessen schmieriges Wasser mir in die Stiefel hineinläuft, bleibe einige Zeit hinter einem Wurfboden und gebrauche das Glas so lange, bis meine Augen anfangen zu schwimmen, bekomme aber nichts Lebendes zu Blick.

Ich stecke mir vorsichtig die Pfeife an, um zu wissen, wie die Luft geht, und da höre ich ein ganz lautes Brechen vor mir, und dann ein Krachen und ein Quatschen, und hinterher ein Blasen. Mein Herz schlägt vor Freude schneller; Sauen sind vor mir. Es ist möglich, daß es die führende Bache ist, und dann bin ich betrogen; aber ich habe ehgestern außer ihr und ihren Frischlingen noch vier angehende Sauen und zwei Überläufer gespürt, und deren Fährten standen nach diesem Jagen. Wieder warnt das Rotkehlchen heftig, und der Zaunkönig steht ihm bei mit lautem Schimpfen. Und fortwährend bricht und kracht und quatscht und bläst es hinter den Wurfböden. Ich sehe mir fast die Augen aus dem Kopfe, aber keine Sau zeigt sich und dann ist es plötzlich still.

Mein Herz schlägt, ich höre meinen Atem im Halse pfeifen, und heiß wird es mir unter dem Hute, denn das Brechen geht von neuem los. Eine Schnepfe steht klappernd auf und streiche mit Angstgequätsche über mich hin. Mein Herz geht noch wilder, und dann tut es einen Sprung, denn vor der Zwillingsfichte steht auf einmal, sich gut von dem bleichen Torfmoose abhebend, eine Sau und sichert nach mir hin. Nur Augenblicke sind es, aber wie eine Stunde kommt mir die Zeit vor, bis daß sie eine Wendung macht und mir das Blatt zeigt, und da trage ich ihr die Kugel an, sehe sie stürzen und gebe ihr mit dem Fangschusse den Rest, während es ringsumher bricht und kracht unter den Fluchten der davonstürmenden Rotte und bald dort, bald da ein Reh schmält.

Es ist kein hauendes Schwein, das ich streckte, nur eine angehende Sau, ein Hosenflicker. Aber es ist mir lieber als der alte Bock mit dem kurzen, schweren Gehörn, den ich am Hellbache sah, und fast so lieb wie der Hirsch, dessen Fährte ich verlor. Und so breche ich ihn gelassen auf, so widerlich diese Arbeit auch ist, verblende ihn mit Taschentuch und Zeitungsfetzen, stecke mir die Pfeife an und stehle mich aus dem Birkenbruch auf das Hauptgestell, das schon im vollen Nebel liegt.

Ich habe einen langen, langen Weg durch die Wohld und über die Wiesen bis zum Dorfe, und naß und moorig ist er. Aber ich gehe ihn gern, trage ich doch einen grünen, mit rotem Schweiße getränkten Fichtenbruch am Hute.

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