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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Im gelben Bent

Das Moor ist abgeblüht. Hier und da steht noch ein rosiges Büschelchen, leuchtet noch ein blutrotes Glöckchen, doch verschwindet das ganz unter dem gelben Bent.

Das ist der Moorhalm, der jetzt die Herrschaft antrat und dem Moor die Farbe gibt. Kein Gras ist so wie er. Drei bis vier Fuß hoch wird er und hat keinen Knoten. Spät kommt er und lange hält er aus. Den Ammern, Finken und Mäusen geben seine Körner Nahrung, und seine hohen Halme und dichten Blätter der Birkwilde Deckung.

Ich liebe ihn. Wäre der Bent nicht, so wäre die Pirsch im Moore unmöglich, denn nur hier und da steht eine Krüppelkiefer, ein Machandel oder ein Birkenbusch, der mir etwas Deckung gibt, schleiche ich hier umher. Er hat seine Tücken und Nücken, der Bent. Als ich gestern früh vor dem Bauernwald entlangpirschte, um zu sehen, ob ich den lahmen Bock nicht anträfe, wurde ich bis an den Leib naß, so fest hatten die Halme den Nebel gehalten, und so lang und so dicht stand er da, daß ich den Bock überpirschte und ihn erst zu sehen bekam, als er hinter mir absprang. Gleich darauf knallte es; ich hatte ihn dem Nachbarn zugedrückt.

Der Schmerz ist zu ertragen; der Bock hatte ein elendes Gehörn und mit dem Nachbarn stehe ich gut. Aber nun ist es hier aus mit der Pirsch; die beiden guten Böcke, die hier noch wechseln, sollen stehen bleiben. So will ich sehen, was es denn sonst noch hier gibt im Bent. Ein Volk Hühner ist im Moore ausgekommen; Holzböcke sind es; sobald man sie anrührt, schlagen sie sich in die Büsche. Und dann ist noch Birkwild da und vielleicht treffe ich auch Enten in den Abstichen an.

Dieses ist ein Tag, der mir gefällt. Die Sonne ist warm, der Wind ist kühl, der Bent schimmert wie seidenes Gewebe, die Birken bewegen ihre stahlgrün und goldgelb gescheckten Kronen, die Brombeerbüsche an den Grabenbörden prahlen mit blutrotem Laube und feuerrot leuchten die Espenbüsche. Noch sind nicht alle Blumen tot. Hier stehen blaue Knaulen, da weiße Schafgarben, dort ein goldener Ulant, und um die alten Stucken blühen die Kronsbeeren zum zweiten Male. Sogar Bienen summen noch und kleine blaue Falter suchen nach blühenden Heidbüschen. Auch die Heuschrecken sind fleißig am Geigen.

»Voran, mein Hund, voran!« Freudig setzt der Schwarztiger über den Graben und sucht in weitläufiger Weise. Fortwährend fliegen, ängstlich lockend Pieper vor ihm auf, oder eine Rohrammer. Ab und zu bleibt der Hund stehen und dreht die Nase in dem Heidkraut umher, um die Spinneweben abzuwischen, die ihm das Gesicht überziehen, oder schüttelt sich, um die Bentkörner loszuwerden, die ihm in die Auge gefallen sind. Jetzt, wo er den Graben genommen hat, zieht er an, steht einen Augenblick, und sucht dann weiter. Ich finde Hühnergestüber; die Hühner aber sind nicht da.

Diesen Birkenbusch wollen wir vorsichtig nehmen; denn das Birkwild liegt da gern. »Langsam, Greif, ganz langsam!« Er verschwindet in dem dichten hohen Grase bis an die Rute, die bald hier, bald da darin herumwedelt. Die Schwanzmeisen warnen ärgerlich in den Birken, und mit großem Lärm flattern drei Häher davon. Wo ist der Hund? Ich sehe nichts als hohe gelbe Halme und gelb und grün gefleckte Büsche. Endlich habe ich ihn; er steht wie gemauert. Ich gehe näher. »Voran, Greif!« Er springt ein und da schnurrt es heraus, ein Dutzend Hühner. Eins fehle ich, eins fällt, die anderen machen sofort den Bogen nach dem Bauernwalde und fallen da ein. Ich will sie nachher wieder über die Grenze rufen.

Noch einmal muß der Hund die Büsche absuchen, aber kein Huhn steht mehr auf. Ich rufe ihn ab. Ich will über das blanke Moor nach den Abstichen hin. Aber da steht der Hund schon wieder zwischen den blutroten und goldgelben Brombeerbüschen, die über und über voller Früchte hängen. »Zu, Greif!« Birkwild steht auf; ein, zwei, drei, vier, fünf Stück sind es, aber lauter Hennen, und die müssen leben bleiben. Sie streichen nach dem hohen Moore, goldig in der Sonne blitzend. Mit dummem Gesichte sieht der Hund mich an; er versteht es nicht, daß ich den Hahn in Ruhe ließ.

Langsam gehe ich den Abstichen zu. Vor mir flattert der Raubwürger, bald auf einer Krüppelfuhre, bald auf einem Wacholder fußend und, sobald ich näher komme, mit schrillem Schrei weiterstreichend. So, da wären wir! »Ganz langsam, Greif, ganz sachte!« Kaum taucht er in den Weidenbüschen unter, da rumpelt es und ein mächtiger Kasten von Ricke, von zwei Kitzen gefolgt, stürmt heraus und flieht nach dem Moore hin. Ich sehe den Rehen nach, da poltert Birkwild heraus, drei Hähne. Auf den ersten Schuß kommt einer herunter; die anderen wollen keinen Hagel annehmen und schlagen sich dahin, wo die Hennen einfielen.

Kreuz und quer geht es nun durch den gelben Bent; über trockene Stellen, durch nasse Sinken, an frische Abstichen vorüber, und an alten, die von jungem Torfmoose erfüllt sind, das durch sein Aussehen deutlich verrät, daß über Nacht die Enten darauf waren. Einmal stößt der Hund einen Hasen auf, dann jagt er aus den krausen Fuhren ein Schmalreh fort, doch Hühner und Birkwild findet er nicht. So lasse ich ihn denn suchen, wie er will, und so viel Feld nehmen, wie er Lust hat. Eine ganze Weile treibt er es so, bis er vor die krausen Fuhren kommt; da schlägt er zur Seite, sucht und steht dann wie ein Bild. Ich gehe ganz dicht heran, aber da sucht der Hund schon wieder, und sucht und sucht in der langen Heide und dem hohen Grase und endlich poltert mühsam ein alter Hahn hoch, läßt einige Federn im Schusse und fällt weiter oben ein. Der ist schwer krank und muß sofort nachgesucht werden.

Heute ist viel Leben im Moore; es ist ein Hauptzugtag. Überall, wohin ich blicke, sehe ich einen reisenden Bussard. Hunderte von Hähern wandern in losem Verbande von Nordost nach Südwest. Auf Schritt und Tritt stehen nordische Pieper auf, und allerorts locken die Dompaffen. Am Ende sind schon fremde Enten da; ich will doch einmal bei der Brandkuhle zusehen. »Greif, zurück! Leg dich!« Er macht ein beleidigtes Gesicht, setzt sich aber doch hin und bewacht Rucksack und Hut. Ich aber gehe schlankweg auf die drei krummen Fuhren zu, doch dann muß ich kriechen, denn bis zur Kuhle ist weiter keine Deckung als der Bent. Bis auf fünfzig Gänge krabbele ich heran und feuchte mir Knie und Ellbogen auf dem Torfmoose gründlich durch, dann werde ich hoch, spanne und springe in großen Sätzen bis an das große Wasserloch heran. Hurrdiburr, geht es da aber los. Ein halbes Hundert Enten steht mit Angstgeplärre auf und läßt mir drei davon zurück, zwei Kricken und eine Stockente. Ich sehe dem Fluge lange nach; aber er streicht über die Forst fort.

»Komm, Greif; jetzt wollen wir den alten Hahn suchen!« Das ist ein schweres Stück Arbeit, denn die Heide ist hier hüftenhoch. Wir finden allerlei, die Reste von Enten, Birkhennen und Häher, die der Habicht schlug, eine noch frische Patrone von der Art, wie ich sie hier und da in der Jagd finde, und die nur von einem Freischützen herrühren kann, einen Spießbock, der den Hund bis auf fünf Schritte aushält und dann wie wahnsinnig dahinflüchtet, einen Hasen, der so aus dem Brombeerbusch herausfährt, daß die Wolle nur so fliegt, aber den Hahn finden wir nicht. Schließlich wird mir ganz dumm vor den Augen von dem ewigen Geflirre des Bentes und der Herbstseide, die mir im Gesicht klebt, und einschläfernd wirkt das Geruschel der Halme und das Geschrille der Heuschrecken. Endlich bleibt der Hund vor einem alten breiten Wacholder stehen. Ich lasse ihn einspringen, doch steht nichts auf, und da bringt er mir auch schon den verendeten Hahn.

Beim Bauernwalde knallt es fortwährend; der Nachbar ist an den Hühnern. Mir ist es recht; ich kann doch nicht viel mit ihnen anfangen, denn sie schlagen nach dem ersten Schusse zu Holze und fallen über die Grenze. So will ich hier im hohen Bent weitersuchen, bis der Tag zur Rüste geht. Gar zu lange dauert das nicht; die Sonne steht schon nicht mehr so hoch und der Wind geht frischer. Ich suche die Abstiche ab, aber keine Ente steht auf. Ich gehe das Moor auf und ab, doch kein Birkwild wird hoch. Und allmählich spüre ich meine Knochen von dem beschwerlichen Gehen in der langen Heide und dem Springen von Bülte zu Bülte. Der Hund ist auch matt; er sucht von selbst schon ganz kurz und ohne Feuer. So breche ich ab.

Eine Stunde gehe ich. Dann drehe ich mich um. Rot steht die Sonne über dem schwarzen Walde dahinten und vor ihm liegt das weite, breite Moor goldig glänzend. So gleichmäßig sieht es aus, als gäbe es gar kein Leben in ihm. Und es lebt und webt doch so viel zwischen dem gelben Bent.

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